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Jetzt mal ehrlich und unter uns: Aller Anfang ist schwer

Jetzt mal ehrlich und unter uns: Aller Anfang ist schwer


In meinem letzten Blogbeitrag ging es um ein nicht ganz so schönes Thema – meine Anreise. Dieses Mal soll es um eine andere Angelegenheit gehen: Meine Ankunft und die ersten Tage hier. Warum ich euch davon erzähle? Weil ich es einfach wichtig finde, fernab von der schönen verfärbten Social-Media-Brille auch mal einen ehrlichen Einblick zu geben. Egal, wie schön die Bilder, Erzählungen und Darstellungen auch wirken mögen – manchmal läuft es einfach nicht gut. Und so war das bei mir.

Als ich in Osorno in Chile ankam, empfing mich meine Gastmutter Daniella am Flughafen. Erst mal bin ich superselbstbewusst an ihr vorbeigelaufen und habe mich etwa zwei Meter neben sie gestellt, um dann ganz konzentriert nach ihr Ausschau zu halten. Irgendwann hat sie mich dann (zum Glück) erkannt und angesprochen. Sonst hätte ich da bestimmt noch eine ganze Weile lang meine Detektivaugen zusammengekniffen und den Parkplatz optisch nach einer Frau, die eventuell meine Gastmama, eventuell aber einfach nur irgendjemand sein könnte, abgescannt. Auf dem Weg zum Auto haben wir uns ein bisschen unterhalten. Mir ist direkt aufgefallen, wie wenig Spanisch aus meiner Schulzeit hängen geblieben ist und wie gering mein aktives Vokabular ist. Daniella wusste genau so wenig mit deutsch oder englisch anzufangen wie ich mit meinen Spanischkenntnissen. Also verständigten wir uns irgendwie mit Händen und Füßen, bis wir zu Hause waren. Als ich aus dem Auto stieg, sprangen mich erst mal zwei Hunde an, drei Menschen sprachen auf Spanisch auf mich ein und noch mal zwei Menschen schrien die Hunde an. Ob ich von Reizen überflutet war? I doubt it!

Im Anschluss zeigte meine Gastfamilie mir mein Zimmer und sagte mir, dass ich mich erst mal ausruhen könnte, wenn mir danach wäre. Und danach war mir wirklich. Also räumte ich meine Sachen ein, duschte mich und lag gerade im Erholungs-Halbschlaf auf meinem Bett, als es an meiner Tür klopfte. Mein Gastbruder Seba, stand an der Tür und fragte mich mit wackligem Deutsch, was ich möchte: „Möchtest du schlafen? Oder comer? Oder was möchtest du?“. Ich antwortete, dass ich Hunger hätte und gerne etwas essen würde, also gingen wir gemeinsam zum Esstisch. Daniella und meine Gastschwester Jose, saßen bereits am Tisch und schauten mich neugierig an. Ich setze mich, aß und wir unterhielten uns dabei mithilfe von einem Mix aus Deutsch, Spanisch und Englisch.

Wenn es da nicht noch dieses etwas namens Corona gäbe…

Irgendwann kam mein Gastbruder Mito, ebenfalls an den Tisch. Er trug eine Maske, da er Corona hatte. Auch meine Gastmutter und Seba hatten Corona, hatten jedoch beim  Essen ihre Maske natürlich abgesetzt. Meine Familie sah das ganze Coronathema an sich relativ locker. Auch wenn die Kinder nicht in die Schule gingen, herrschte innerhalb der Familie ein für Coronaverhältnisse ziemlich enger Kontakt zu den anderen Familienmitgliedern. Auch in meiner Praktikumsschule habe ich später erfahren, dass Corona mittlerweile nicht mehr als so gefährlich gesehen wird. Zwar ist das Virus in Chile immer noch sehr präsent, jedoch haben vielen Menschen keine so große Angst mehr wie früher. Meine Praktikumskoordinatorin hat die Krankheit mit einer Grippe verglichen: „Früher hatte ich total Angst, wenn jemand Corona hatte. Da sollte die Person unbedingt in Quarantäne. Mittlerweile ist mir das so egal. Corona? Pfff, das ist wie eine Grippe hier“. Dabei hat sie mir ihrem Arm abgewunken und gestikulierte in einer Art und Weise, die auf mich gewirkt hat, als sei Corona ihr wirklich egal.

Als wir fertig mit dem Essen waren, ging ich wieder in mein Zimmer und legte mich ein bisschen hin. Einerseits war ich überglücklich, nach der langen Anreise endlich angekommen zu sein und andererseits maßlos überfordert von den neuen Eindrücken. Einerseits wollte ich mich einfach nur hinlegen und bis zum nächsten Morgen schlafen, andererseits direkt zum Sprachkurs und meinen Spanischkenntnissen einen Tritt in den Hintern geben. Ich tat aber keines von beidem. Stattdessen klopfte es wieder an meiner Tür.

Eine (Quad-)Tour durch’s Haus?

Als ich die Tür öffnete, stand Seba wieder da. Er fragte mich mit der Hilfe des Google-Übersetzers, ob er mir eine Tour geben dürfe. Ich willigte ein und er führte mich herum. Er zeigte mir die einzelnen Zimmer des Hauses, den Garten, das Gemüse- und Blumenbeet und das Gartenhäuschen. Als ich dachte, wir seien fertig, sah er aber immer noch sehr erwartungsvoll aus. „Möchtest du auf meinem Quad mitfahren?“, fragte er. Ich war ein bisschen perplex und neugierig zugleich, denn einerseits saß ich noch nie auf einem Quad, andererseits bin ich  noch nie bei einem Neunjährigen mitgefahren. Seba wollte mir aber unbedingt das Grundstück zeigen, also willigte ich ein.
Da meine Gastfamilie in der Landwirtschaft tätig ist, sah ich viele Maisfelder, Kühe und Pferde, Traktoren und Bagger und jede Menge Weizen. Meine Stimmung schwankte nach wie vor zwischen Reizüberflutung und filmreifen Glücksgefühlen. Während ich auf Sebas Quad saß, führte er mich immer wieder in neue Ecken des Grundstücks ein. Seine deutsch-spanischen Neologismen habe ich allmählich lieb gewonnen. Auch bei der Tour durften diese natürlich nicht fehlen – „Das ist das Haus von mein tía und da von mein abuelos.“

Campo las quemas
Darf ich vorstellen: Das sind meine Fans, die mich immer beim Joggen beobachten.

Meine Praktikumsschule – eine Coronahochburg

Am nächsten Tag war es dann so weit: Der erste Praktikumstag. Da ich aufgrund meiner schwierigen Anreise die ersten beiden Tage nach den Sommerferien verpasst hatte, konnte ich die alljährliche große Einweihung in der Turnhalle leider nicht miterleben. Stattdessen wusste ich am ersten Tag nicht so richtig wohin mit mir. Auch die anderen Lehrkräfte waren ein wenig überfordert. Denn viele Lehrer:innen der Grundschule hatten Corona, sodass es einen Personalmangel gab. Ich wurde von Lehrkraft zu Lehrkraft weitergereicht und verbrachte die ersten beiden Stunden damit, in verschiedene Klassen reinzuschnuppern. Nach der ersten großen Pause fand ich dann endlich meine Ansprechpartnerin: Sie teilte mich in ihren Unterricht ein und ich musste ihr ab jetzt eigentlich nur noch folgen. Alles soweit so gut, glaubte ich zumindest.

Eingang der DSO
Täglich werden die Kinder hier am Haupteingang der DSO von zwei Lehrpersonen begrüßt.

Am nächsten Tag ging ich wieder um 7:45 Uhr gemeinsam mit meinen Gastgeschwistern in die Schule. Meine Ansprechpartnerin Camila, machte schon zu Beginn einen kränkelnden Eindruck. Sie hatte Halskratzen und ihr war kalt. Auch eine vierte Klasse der Grundschule musste an diesem Tag zu Hause bleiben, da sich so viele mit Corona infiziert hatten, inklusive der Lehrperson. Ich selbst jedoch konnte an diesem Tag ziemlich viel sehen. Ich lernte viele Kinder kennen und konnte bei vielem helfen. Später erfuhr ich, dass Camila tatsächlich Corona hatte – nachdem wir bereits gemeinsam fünf Stunden im Unterricht waren.
Als der Schultag zu Ende war, erhielt ich außerdem die Nachricht, dass der Unterricht in der folgenden Woche für ein paar Tage online stattfinden würde. Der Grund? Zu viele Lehrkräfte und Schüler:innen hatten sich mit Corona infiziert. Dass ich das nicht unbedingt begrüßte, kann man sich denken. Ich zumindest war voller Tatendrang und wollte direkt in das Leben der Schule eintauchen. Aber erst mal musste Corona mir natürlich einen Strich durch die Rechnung machen.

 

Onlineunterricht = gar kein Unterricht

In den folgenden Tagen stand also Onlineunterricht an. Seba hatte ebenfalls Onlineunterricht. Durch ihn bekam ich in etwa mit, wie der Unterricht ablief. Etwa drei Stunden am Tag hatte er über Microsoft Teams deutsch oder spanisch. Mir hatte jedoch niemand Bescheid gesagt. Erst auf Nachfrage wurde mir geraten, die ersten Tage einfach zu Hause zu bleiben und auf besseres Wetter zu hoffen. Einerseits total verständlich, da die Organisation und Gestaltung von Onlineunterricht sehr anstrengend ist und eine Praktikantin im Schlepptau alles umso schwieriger macht. Andererseits wollte ich unbedingt loslegen und was Neues erleben.
Stattdessen aber verbrachte ich drei Tage zu Hause, ging ab und an joggen und spielte viel mit Seba. Natürlich stimmt ihr mir zu, wenn ich sage, dass das alles halb so wild ist. Wenn man jedoch hohe Erwartungen hat, so wie ich sie hatte und nach einer langen Anreise dann auch noch schwierige erste Tage kommen, sinken die Motivation und der Tatendrang. Und bei mir sank der Antrieb gewaltig.

So jetzt musst du aber mal raus!

Als die drei Tage dann vorbei waren, durfte ich wieder in die Schule. Das Wetter war sehr gut, doch ich ging jeden Tag nach der Schule mit meinen Gastgeschwistern nach Hause. Da meine Gastfamilie etwas außerhalb wohnt und die Busanbindung sehr wünschenswert ist, muss ich also entweder von meiner Gastmutter abgeholt werden oder mit einem Uber (so ähnlich wie ein Taxi) nach Hause fahren. Da mein Antrieb gegen null ging, bevorzugte ich Ersteres. Nach der Schule fuhr ich also nach Hause, aß zu Mittag, lernte Vokabeln, las ein bisschen und ließ die Zeit vergehen. Spannend, nicht wahr?
Das ging so lange gut, bis ich mich nach einer Woche etwa extrem langweilte. Ich schrieb der anderen Praktikantin der DSO und fragte sie nach einem Tagesausflug nach der Schule. Sie stimmte mir direkt zu und wir machten am darauffolgenden Tag sofort einen Trip nach Puerto Varas, eine Stadt am Llanquihue See im Süden Chiles. In allen Reiseführern wird von diesem Ort geschwärmt – „das muss man gesehen haben“, lässt sich dort lesen. Die Erwartungen waren also wieder solide hoch. Leider regnete es viel und der Vulkan, der auf den Bildern diverser Reiseberichte zu sehen war, versteckte sich hinter staubfarbenen Regenwolken. Auf jeden Fall anders als erwartet. Aber auch wenn das Wetter beim Ausflug sehr schlecht war und es viel regnete, war ich überglücklich, mal aus Osorno rausgekommen zu sein.

Puerto Varas Hafen
Von diesen Stegen gibt es in Puerto Varas einige. Mit ein bisschen Fantasie und viel Konzentration lässt sich der prächtige Vulkan hinter der Wolkendecke erahnen.

Ich fühlte mich einfach wieder wie die alte Mila, die auch bei schlechtem Wetter gute Laune hat. Und genau so war es. „Einfach mal machen, was Neues sehen und die Lust behalten“ – ein Tipp, den ich euch genau so wie mir gebe und den ich erst noch mal lernen musste.

Bloß nicht die Nerven verlieren

Für mich war die erste Zeit in Chile nicht wie erwartet. Ich war viel zu Hause und habe wenig Eigeninitiative ergriffen. Doch nach einer gewissen Zeit wurde es besser. Und wenn es bei euch auch mal so ist, lasst den Kopf nicht hängen. Das wird wieder! Manchmal muss die Regenzeit vorbeigehen, damit wieder Sonne scheinen kann. Klingt superkitschig, ich weiß. Aber so ist es.

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