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Ein Auslandsjahr in Iran – lohnt sich das?

Vor ein paar Wochen bin ich nach Deutschland und ins kleine Marburg zurückgekehrt und wage es nun erstmals, ein allgemeines Fazit zu ziehen. In Teheran den Sprachkurs zu besuchen und zu studieren – lohnt sich das überhaupt? Ein kleiner Rückblick auf mein Auslandsjahr in Iran.

Wenn man sich für einen Auslandsaufenthalt jeder Art entscheidet, dann hat man verschiedene Motivationen, Erwartungen und Hoffnungen. Natürlich hätte ich mich wohl kaum ohne die Erwartung eines tollen Jahres für die zwei Semester in Teheran entschlossen. Und ich war fest davon überzeugt, dass ich während dieser neuen und aufregenden Reise viel für mein Studium und mich selbst lernen würde.
Aber habe ich das auch?

Sprachkenntnisse nach einem Jahr in Iran

Allgemein gesagt: Je mehr ich im Studium und im Sprachkurs lerne, desto mehr wird mir bewusst, was ich noch nicht weiß. Was auch normal ist, denke ich.

Und wer ist am Ende schon wirklich zufrieden mit seinen Sprachkenntnissen nach zwei Semestern? Man weiß, dass man immer mehr hätte lernen, sprechen, und probieren können. Sprich, ich könnte natürlich noch viel besser Persisch sprechen, hätte ich mehr gelernt… was eine Überraschung.

Lasse ich aber diesen Perfektionismus beiseite und konzentriere mich auf meine Erfolge, dann kann ich schon sehr stolz auf mich sein. Verglichen zu meinen Persischkenntnissen in Wort und Schrift vor 10 Monaten, habe ich riesige Fortschritte gemacht. Der Sprachkurs hat manche wichtigen Grammatikregeln aufgefrischt und das Vokabular teilweise ergänzt. Meine Schrift und meine Kenntnisse von schweren Texten sind auch viel besser geworden und auch meine eigenen Texte auf Persisch sind vielfältiger.
Wichtiger ist aber natürlich, dass man in der fremdsprachlichen Umgebung lernt, ohne richtig zu lernen. Man schnappt Wörter und Ausdrücke auf, erlangt ein ganz anderes Sprachgefühl und eine neue Routine im Sprachgebrauch.

Für mein Persisch war es also ein sehr lohnenswertes und produktives Jahr, in dem ich mich sehr verbessert habe.

Fachkenntnisse fürs Studium

Wie sieht es also mit den Fachkenntnissen für mein Studium an der Philipps-Universität Marburg aus? In meinem Bachelor Orientwissenschaften (auch Nah- und Mitteloststudien genannt) habe ich in den vier Semestern vor meinem Auslandsjahr natürlich viel gelernt. Von geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen, bis zu anderen aktuellen Themen bezüglich der MENA-Region, haben unsere Module viel abgedeckt. Aufgrund meines Schwerpunktes Iranistik lag mein Fokus immer schon auf allen Geschehnissen rund um das alte Persische Reich, dem heutigen Iran, und allem dazwischen.

In Iran zu leben und nicht nur über die Ereignisse und Entwicklungen zu lesen, hat mir aber natürlich einen ganz neuen Blickwinkel auf das Land, die Menschen, die Religion und die Geschichte eröffnet.

Ich habe nun selbst mit den verschiedensten Leuten sprechen dürfen und die einzigartige Möglichkeit gehabt, mir viele Meinungen selbst zu bilden, statt mehr oder weniger nur Ansichten aus Sekundärquellen zu übernehmen.

Ich habe nicht nur Iran während der Wahlen erlebt, das Chaos nach den Angriffen des sogenannten Islamischen Staates auf das Parlament und das Mausoleum Imam Khomeinis oder die Situation nach dem Tod Rafsanjanis. Ich habe die alle Facetten der iranischen Gesellschaft kennengelernt und den heutigen Iran als ausländische Studentin erlebt. Eine einzigartige Erfahrung.

Erwartungen vs. Realität? Wie ich Iran kennengelernt habe

Ich werde oft gefragt, ob meine Erfahrungen meinen Erwartungen entsprochen haben und ob ich Vorurteile gegenüber „einem Land wie Iran“ hatte, die sich bestätigt haben.
Das Problem mit Erwartungen vor einer solch neuen Herausforderung ist doch immer, dass die Realität selten genauso wird wie die Vorstellungen im Kopf. Und selbstverständlich sind viele Dinge nicht so gelaufen, wie ich das gerne gehabt hätte oder mir vorgestellt habe.
Aber durch jede Herausforderung habe ich so viel mehr gelernt, so viel mehr erreicht und konnte meine Blickwinkel vielen neuen Perspektiven öffnen.

Die Iraner haben mich mit ihrer Gastfreundschaft, ihrer Neugierde und ihrer kulturellen Vielfalt sehr beeindruckt. Ich habe es immer genossen einen Einblick ins Leben und Denken der Iraner zu bekommen und kann nur jedem empfehlen, nach Iran zu reisen und das zu erleben.

Vorurteile bzw. eine Vorstellung davon, wie Iraner wohl so leben und sind, hatte ich vor meiner Reise natürlich bewusst und unterbewusst.
Ich habe viel über die kulturellen Besonderheiten der Iraner gelernt, die Vielfalt in all ihren Facetten betrachtet und mit einigen Vorurteilen aufgeräumt.
Überraschenderweise sind es aber nicht die iranischen Klischees, mit denen ich am ehesten konfrontiert wurde, sondern die deutschen!

Was man in einer fremden Kultur über seine eigene lernt

„Die Deutschen sind immer pünktlich!“, „In Deutschland hat alles seine Ordnung!“ oder „Die Deutschen sind zuverlässig!“ waren Klischees, die jeder im Ausland schon einmal gehört hat. Und da ich fast immer mindestens fünf Minuten zu spät komme und mein WG-Zimmer oft komplett im Chaos versinkt, habe ich diese Vorurteile nie für voll genommen oder auf mich bezogen.
Doch während meiner zwei Auslandssemester in einer ganz neuen Kultur im Mittleren Osten ist mir so einiges klargeworden:

Wie viel einen das Leben in einer anderen Kultur auch über seine eigene lehrt, das war eine sehr wichtige und aufschlussreiche Erfahrung für mich.

Studieren und leben an einem außergewöhnlichen Ort

Sich für Iran als Wahlheimat für zwei Semester zu entscheiden, das liegt vielen Deutschen sehr fern. Unsere mediale Darstellung des Landes beschränkt sich oft auf politische Entwicklungen wie das Atomabkommen oder Nachrichtenbeiträge mit der Aussage „Guckt mal, die zwingen da drüben alle Frauen ein Kopftuch zu tragen!“
Abgesehen davon wissen die meisten Deutschen traurigerweise nicht einmal wo Iran liegt, oder dass es einen Unterschied zwischen Iran und Irak gibt (leider kein Scherz).
Trotzdem oder gerade deshalb war das Interesse von allen Seiten groß und
mein Auslandsjahr und meine Beiträge für „Studieren weltweit!“ haben deshalb recht viel Aufmerksamkeit in Deutschland bekommen (z.B. hier , hier und hier). Ich bin sehr froh ein paar neue Bilder und Eindrücke von Iran nach Deutschland gesendet zu haben und vielleicht den ein oder anderen deutschen Studenten neugierig auf dieses vielfältige und wunderbare Land gemacht zu haben.

Die Infrastruktur und Organisation für ausländische Studenten ist mit Erasmus+ oder Schulwärts sicherlich besser ausgebaut und vielleicht auch unkomplizierter. Aber jeder Verwaltungsaufwand, jede ungeplante Wendung und jeder holprige Weg zum Visum hat sich mehr als gelohnt!

Meine Empfehlung ist also: Wenn ihr neugierig und offen seid, sucht euch vielleicht auch ein ungewöhnlicheres Studienziel aus und erlebt ganz neue Horizonte!

Neue Freunde, viele Erinnerungen und ein unvergessliches Jahr

Denke ich über alle Reisen in Iran nach, meine Veranstaltungen in der Uni, alle internationalen und iranischen neuen Freunde und Bekannten… ich kann garnicht fassen, dass ich „nur“ zwei Semester im Ausland war.

Ich bringe nicht nur neue Kenntnisse über eine fremde Sprache und Kultur mit mir zurück nach Deutschland. Auch persönlich bin ich während dieses unvergesslichen Auslandsjahres gewachsen. Die letzten 12 Monate haben haben mich nachhaltig beeinflusst.

Also, hat sich das gelohnt?

Eine gewisse Zeit im Ausland zu verbringen ist meiner Meinung nach immer gut. Für mich waren die zwei Semester in Teheran genau das Richtige und ich kann ganz klar sagen: Ich würde es jederzeit genauso nochmal machen!
Mein Leben und mein Alltag, der sich in weniger als einem Jahr aufbauen lies, fehlen mir jetzt schon. Aber ich nehme so viele Erinnerungen und Erfahrungen mit nach Hause und bin sehr an diesem Auslandsaufenthalt gewachsen, sodass ich jedem empfehlen kann auch mal den ungewöhnlicheren Weg zu gehen – es lohnt sich!

 

Kommentare

  1. Danyal

    12. August 2017

    Es gibt durchaus gute Gründe für ein Studienjahr im Iran: der direkte Kontakt zu Oppositionellen an den Universitäten, der Austausch von Schriften, die Fähigkeit, solche zu übersetzen, und so weiter. Es ist auch nichts falsches daran, die Schönheit an Architektur und Menschen in Erinnerungsfotografien zu konservieren. Bösartig ist es aber, im Nachhinein daherzureden, als würde man sich für den nächsten Posten im deutschen Staatskorps der Charaktermasken empfehlen, die von „Kulturdialog“ und „Vielfalt“ schwadronieren, während sie der deutschen Kranindustrie die nächsten Verkäufe in den Iran einfädeln. Bösartig ist, nicht auszusprechen, dass im Iran ein totalitäres Regime herrscht, dessen Staatsideologie aus den Elementen Antisemitismus, Frauenverachtung, Schwulenverfolgung und islamistischer Expansion besteht. Ein Regime, das die Schönheit des Irans unter den Schleier zwingt und gegen das Aufzubegehren Tausenden den Tod brachte und nach wie vor bringt.

  2. Ehemaliger

    11. August 2017

    Hat sie auch die aktuellen, sehr schön in die Stadtlandschaft integrierten Baukrähne bewundert? Ach, wie schön muss das sein, wenn Gehängte lustig im Wind baumeln.

  3. Homebase

    11. August 2017

    Die Initiative „studieren weltweit“ wirbt dafür, dass Studierende aus Deutschland für einen Studienaufenthalt ins Ausland gehen. Auslandserfahrung ist aus unserer Sicht persönlich und fachlich bereichernd. Studieren im Ausland trägt dazu bei, dass Menschen aus aller Welt einander über kulturelle Grenzen hinweg kennenlernen und verstehen. Wir sehen es nicht als unsere Aufgabe an, bezüglich der Wahl des Gastlandes Vorgaben zu machen. Politische Systeme weltweit sind unterschiedlich, und nicht überall in der Welt werden unsere Werte geteilt. Gerade der informelle Austausch durch einen Studienaufenthalt kann aber helfen, im Gespräch zu bleiben, trotz gegensätzlicher Positionen. Austausch bringt neue Ideen, Respekt füreinander und kann langfristig zu gesellschaftlichem Wandel und Annäherung beitragen. Die Welt wird nicht dadurch besser, dass wir Türen zuschlagen. Wir sind uns bewusst, dass dieser Weg des Dialogs eine Gratwanderung ist. Wir bemühen uns, verantwortungsvoll damit umzugehen. Hetzerische Polemik hilft hier nicht weiter. Wir appellieren an euch, auf diese zu verzichten.
    Wir finden es prinzipiell gut, dass ihr euch zu diesem Beitrag so rege austauscht, möchten euch aber bitten, gewisse Höflichkeitsformen zu beachten. Wir behalten uns vor, Kommentare mit kriminellen, radikalen, verfassungsfeindlichen, beleidigenden oder illegalen Inhalten zu löschen.

    1. Schmand

      11. August 2017

      Zum Glück gibt es auch politische Systeme, in denen man für Homosexualität am Kran baumelt oder als Jude gar nicht erst einreisen darf und nicht nur diesen dekadenten westlichen Krams. Das bringt ein bisschen Vielfalt in die Welt und man kann immer etwas neues kennenlernen, wenn man verreist.

  4. Abdelhadhi

    11. August 2017

    Tolle Bilder.
    Wenn ich auf dem Basar in größeren Städten aus Versehen Händchen halte, werde ich dann auf dem Land ausgepeitscht?

  5. Nette

    11. August 2017

    und wie war das dann so für dich, permanent im Kopftuch rumlaufen zu müssen? Befreiend sich keine Sorgen um die Frisur zu machen, oder?

    Mal ganz im Ernst, deine Erfahrungen in allen Ehren, aber so ein Bericht sollte die aktuelle politische und gesellschaftliche Lage doch zumindest am Rande thematisieren.
    Ich bin in Iran geboren und früh ausgewandert. Mein letzter Besuch dort (2010) war irgendwie ganz anders, als du es beschreibst. Ich habe keine Hinrichtungen und Auspeitschu gen gesehen, aber die ständige Anwesehnheit von Sittenpolizei und der ständige Gedanke, sitzt mein verdammtes Kopftuch noch richtig, ist mein Mantel lang, weit etc. pp genug, hat mich um ach so schöne Erfahrungen gebracht. Das dann auch noch eine nahe stehende Verwandte wegen Zuviel Make-Up für einen halben Tag weggesperrt wurde und nur durch eine hohe Geldsumme frei kam, hat mir den Rest gegeben. Und ich war nur 4 Wochen da..
    Ein ausgewogenerer Bericht wäre doch schön gewesen…

  6. In Kognito

    11. August 2017

    Ich würde auch voll gerne Mal in den Iran. Ich habe aber das Pech jüdische Vorfahren zu haben (man kann sich ja nicht alles aussuchen). Wie sollte ich damit am besten umgehen, wenn ich ein Auslandssemester im Iran machen möchte?

    1. Merkava

      11. August 2017

      Ich würde ganz einfach der „Naturei Karta“ beitreten. Mitglieder dieser ultraorthodoxen Sekte sind im Iran gern gesehene Gäste.
      Das Tolle: sie lehnen die Demokratie ebenso ab wie die iranische Regierung (Demokratie ist nicht gottgewollt) und nähern sich einander sogar in der „Holocaustfrage“ an.

  7. Anne

    10. August 2017

    Ich würde auch gerne dahin fahren, stimmen die Gerüchte, dass dort ein Kopftuchzwang für Frauen herrscht? Und dass man bestraft wird, wenn man keine Lust hat, seins anzuziehen?

    1. Blp

      11. August 2017

      Ach mach dir darum keinen Kopf, da gibt es maximal ein paar peitschenhiebe für! Für die tollen Fotos also ein kleines übel. Man kann ja auch nicht alles haben

    2. Merkava

      11. August 2017

      Hey Anne,
      ich empfehle Dir die Doku „The Iran Job“. Darin geht es um einen Basketballer aus den USA, der es nicht in die NBA geschafft hat und nun für Shiraz spielt. Wichtige Mitwirkende sind ausserdem die iranische Betreuerin des Spielers und ihre beiden Freundinnen. Zusammen verbringen sie eine entspannte Zeit. Feiern Weihnachten, diskutieren, die Frauen äussern sich zwischendurch regimekritisch und das Kopftuch wird auch mal gelockert oder ganz abgelegt.
      Nach Ausstrahlung des Films ist es zwei der Mädchen gelungen polit. Asyl im Ausland zu beantragen. Die Dritte hat es nicht mehr geschafft zu flüchten. Sie und ihre Familie wurden anschließend von der iranischen Geheimpolizei beobachtet und mit einem Ausreiseverbot belegt.
      Also alles tutti.

  8. Claudio

    10. August 2017

    Ich bin leider schwul, fällt der Iran als Ziel eines Auslandstuidums für mich weg oder ist es trotzdem lohnenswert?
    Und hast du auch dir auch eine öffentlichen Auspeitschung, oder Hinrichtung angesehen? Waren die auch außergewöhnlich & vielfältig?

    1. Mina

      10. August 2017

      Hey! Ich verstehe, was du sagen willst aber öffentliche Hinrichtungen oder Auspeitschungen sind in den großen Städten kein Thema. Wenn du nicht öffentlich mit einem Mann Händchen hälst o.Ä. musst du dir auch keine Sorgen machen. Aber da deine Frage vermutlich nichtmal ernst gemeint ist möchte ich nur sagen: Eine Regierung ist kein ganzes Land und du solltest keine Vorurteile haben, wenn du nicht selbst dort gewesen bist.

    2. matthias

      10. August 2017

      Cool, dann ist ja easy, war mir unsicher, will davon bei meinen Basarspatziergängen nämlich auf keinen Fall was mitbekommen, aber wenn man denen entspannt aus dem Weg gehen kann, ist ja alles prima. Und solange keiner merkt, dass man schwul ist, wird man auch nicht hingerichtet, cool.

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