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Als rasende Reporterin in Washington D.C.

Als rasende Reporterin in Washington D.C.

Zwei Monate lang habe ich als Journalismus-Praktikantin in der amerikanischen Hauptstadt gelebt und gearbeitet. Dabei bin ich in einen Berufsalltag eingetaucht, der voller Abwechslung, aber auch voller Herausforderungen war.

Ein Donnerstagnachmittag in Washington D.C, im Januar: das Weiße Haus strahlt in der Mittagssonne. In dem Gebäude hat Präsident Donald Trump noch bis vor wenigen Minuten eine Pressekonferenz gehalten, davor tummeln sich nun Journalisten, Kameramänner, Tontechniker. Sie kritzeln auf ihre Notizblöcke, telefonieren aufgeregt oder sprechen in Fernsehkameras – und das in vielen unterschiedlichen Sprachen. Und mittendrin stehe ich und fühle mich zum ersten Mal auch mittendrin in der Welt der Medienmachenden in der US-Hauptstadt.

Schreiben, Schneiden, Sprechen

Zu diesem Zeitpunkt war ich seit zwei Wochen Praktikantin im ZDF-Auslandsstudio. Angereist war ich mit einer eher diffusen Vorstellung davon, wie es sein würde, als Journalistin für ein deutsches Medium im politischen Herzen der USA zu arbeiten. Eines vorweg: Ich hätte nicht gedacht, dass der Alltag als Auslandskorrespondentin tatsächlich so abwechslungsreich sein würde. Die Tätigkeiten reichen von Recherchieren und Hintergrundgesprächen bis hin zu Live-Interviews, Straßenumfragen und dem Besuch von Pressekonferenzen. Man plant Fernsehbeiträge, leitet den Dreh, geht anschließend mit in den Schnitt. Das Schreiben der Skripts für die Beiträge oder von Hintergrundartikeln gehört genauso zur Arbeit wie das finale Einsprechen der TV-Sendungen. Anders als ihre Kollegen in Deutschland arbeiten die Journalisten in den Auslandsstudios in keinem festen Ressort, sondern die Berichterstattung deckt unterschiedliche Themengebiete ab.

Während ich an einem Tag bei einem TV-Beitrag über die ökonomischen Konsequenzen des Haiti-Erdbebens mitgearbeitet habe, wurde ich schon am nächsten Tag damit beauftragt, zu der aktuellen US-Agrarpolitik zu recherchieren und betroffene Farmer in Iowa ausfindig zu machen. Ein anderes Mal mussten Beiträge über das Amtsenthebungsverfahren gegen US-Präsident Donald Trump produziert werden, dann wieder ging es um die Arbeit der Gerichtssaalzeichner des Obersten Amerikanischen Gerichtshofes oder die fragwürdige Haltung eines Krokodils als Haustier. Langweilig wurde mir während meines Praktikums also nicht!

Ganz nah dran

Als „Auslandskorrespondentin auf Zeit“ war ich außerdem immer ganz nah dran und wusste oft als eine der ersten von neuesten Entscheidungen und Ereignissen. Besonders spannend waren für mich die Pressekonferenzen im amerikanischen Senat während Trumps Amtsenthebungsverfahren. Da saß ich plötzlich zwischen den gestandenen Journalisten von Sendern wie CNN oder BBC, vorne am Rednerpult standen bekannte amerikanische Politiker oder Juristen. Echte Breaking News eben – nur, dass ich sie nicht über den Fernsehbildschirm mitbekam, sondern ganz direkt. Manchmal passierten Ereignisse aber auch unerwartet – dann hieß es: schnell sein! Eine Crew zusammentrommeln, Equipment in den Wagen packen und sich während der Fahrt einen Überblick über die Situation verschaffen. Am Ort des Geschehens Interviews einholen, Bewegtbilder einfangen, eventuell live einen einordnenden Kommentar vor laufender Kamera geben. Und dann mit Vollgas zurück ins Studio, wo das gesammelte Material unter Zeitdruck gesichtet, geschnitten und vertont werden musste. Dabei habe ich mich wirklich ein bisschen wie Karla Kolumna, die rasende Reporterin gefühlt.

Fake News?!

Dadurch dass in D.C. sehr viele Journalisten über dieselben Dinge berichten, trafen wir häufig auf Reporter anderer Fernsehsender. Darunter waren oft auch die Journalisten des amerikanische Senders Fox News, der bekannt ist für seine subjektive und Trump-freundliche Berichterstattung. Teilweise war es fast schon erschreckend, wenn ich zufällig mitbekam, wie ein Fox-Journalist wenige Meter neben mir live einen Fernsehkommentar abgab oder wenn ich mir später einen TV-Beitrag auf dem Kanal ansah. Denn dabei beobachtete ich immer wieder eine verzerrte, mitunter sogar falsche Darstellung von denselben Fakten oder Ereignissen, bei denen ich auch vor Ort gewesen war und worüber die ZDF-Korrespondenten ebenfalls berichtet hatten. Ich wusste also, was wirklich gesagt oder getan wurde – und das entsprach häufig nicht dem auf Fox News Gezeigtem. Fake News also. Bei einer solchen Berichterstattung kann ich sogar fast nachvollziehen, dass viele Amerikaner den Medien sehr misstrauisch gegenüberstehen.

Das war in Washington D.C. stark spürbar. Tauchten wir irgendwo mit einer Fernsehkamera auf, beäugten uns viele Menschen kritisch, verweigerten Interviews. Dabei bleibt es jedoch häufig nicht. Ich habe zwar selbst keine krassen Ausschreitungen gegen Journalisten mitbekommen, aber ein erfahrener ZDF-Kameramann hat mir von Vorfällen erzählt, bei denen zufällig vorbeikommende Menschen die Fernsehcrews massiv beschimpft und teilweise sogar körperlich angegriffen haben. Was früher noch eine ziemliche Ausnahme gewesen sei, habe besonders in den letzten Jahren extrem zugenommen.

Keine schöne, aber eine ernstzunehmende Entwicklung. Dafür zu sorgen, dass die Menschen wieder mehr Vertrauen in die Medien gewinnen, ist meiner Meinung nach sehr wichtig und nur durch seriösen, guten Journalismus möglich. Wie der gemacht wird, das habe ich während meines Praktikums in Washington D.C. auf jeden Fall gelernt.

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