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Woanders aufwachen

Ins Ausland zu gehen bedeutet zunächst, sich fremd zu fühlen, allein zu sein. Wer diese Ängste überwindet, wird Erfahrungen fürs Leben machen, jeden Tag Neues entdecken und vor allem viel über sich selbst lernen.

Straße in Hongkong
In den Straßen der großen Metropolen wie Hongkong oder New York mag einem vieles anfangs fremd erscheinen.

Valar Morghulis!“ – Mit diesem hochvalyrischen Leitspruch (zu Deutsch: „Alle Menschen müssen sterben!“) wird der Schauspieler Tom Wlaschiha von Wildfremden auf der Straße begrüßt. Wlaschiha spielt in der Erfolgsserie „Game of Thrones“ seit der zweiten Staffel den Auftragskiller Jaqen H’ghar und pendelt seitdem zwischen London und Berlin, dreht in Prag, Marseille oder Belfast. Auch wenn er dadurch selten zu Hause ist: Tom Wlaschiha ist gern unterwegs. Das Fernweh hat ihn bereits früh im Leben gepackt.

tom Wlaschiha
Game-of-Thrones-Star Tom Wlaschiha, © M. Schmidheiny

„Ich habe schon als Jugendlicher in der DDR davon geträumt, zu reisen und die Welt zu sehen.“ Aufgewachsen ist Wlaschiha in der Nähe von Dresden, direkt nach der Wende ging er als einer der ersten Ostdeutschen als Austauschschüler für ein Highschool-Jahr in die USA. Die Liebe zum Reisen hat ihn seitdem nicht mehr verlassen. „Wenn ich zu lange an derselben Stelle bin, werde ich unruhig und rastlos. Flughäfen haben eine magische Anziehungskraft auf mich, weil da die ganze Welt zusammen – kommt. Den Gedanken, in einen Flieger zu steigen und wenige Stunden später an einem komplett fremden und unbekannten Ort zu sein, finde ich nach wie vor toll“, erzählt er.

Stand mit vielen Masken
Straßenszene Mexiko-Stadt

Aller Anfang ist anders

Und dieser unbekannte Ort ist garantiert anders, als man ihn sich vorgestellt hat. Nach der Ankunft werden die Straßen, die Häuser und die Menschen, die man vorher nur in Spielfilmen, Auslandsreportagen oder im Internet gesehen hat, plötzlich Wirklichkeit und man selbst ist mittendrin. Während der ersten Tage in der neuen Stadt, in einem anderen Land oder auf einem unbekannten Kontinent ist man einer Reizüberflutung ausgesetzt. Man befindet sich in einem Zustand erhöhter Aufmerksamkeit. Beim Schlendern durch unbekannte Straßen registriert man unvertraute Geräusche und Gerüche, Sprachfetzen ziehen an einem vorüber, man blickt in die Gesichter vorbeieilender Passanten, während die Stadtarchitektur zur verschwommenen Kulisse wird. Alles ist neu, alles fremd, oft fühlt man sich orientierungslos und hat keine Ahnung, wie man Freunde finden soll oder den Ort zu etwas Eigenem machen kann. Aber damit ist man keinesfalls allein. Mit diesen ersten Eindrücken und Gefühlen in der Fremde haben sich bereits viele Künstler und Literaten beschäftigt. Im frühen 20. Jahrhundert war der Sehnsuchtsort die Metropole Paris. Man feierte die Erkundung der Stadt als Experiment, das Flanieren durch die fremde Umgebung wird zum Selbsterfahrungstrip, die Stadt zum Rauschmittel. Man taucht in das Treiben der Menschenmassen ein, schwimmt im Verkehrsstrom mit und lässt sich mitziehen.

Das Gefühl des Fremdseins verschwindet

Dieser Schwebezustand der ersten Tage endet schon nach kurzer Zeit, es beginnt die Phase der Orientierung. Man begibt sich auf die Suche nach dem Bäcker, erkundet das Sortiment des nächstgelegenen Supermarkts und findet die Wege, die zur Universität oder zum neuen Arbeitsplatz führen. Der Blick wird detaillierter, man beobachtet die Gestik der Tischnachbarn im Café, studiert die Begrüßungsrituale, die sich auf den Straßen abspielen, und lauscht dem Tonfall des Small Talks beim Gemüsehändler.

Broadway
Der Broadway in New York

Menschen, die längere Zeit im Ausland gelebt haben, berichten oft, dass sie gerade in der Anfangszeit viel über sich selbst gelernt haben. Das könnte auch daran liegen, dass man zunächst die Erfahrung macht – vielleicht tatsächlich zum ersten Mal im Leben –, auf sich allein gestellt zu sein. An dieses Gefühl kann sich auch Tom Wlaschiha gut erinnern, wenn er auf seine Zeit in den USA zurückblickt. „Das Jahr war nicht immer einfach, weil man plötzlich sehr auf sich selbst zurückgeworfen ist, aber an Problemen wächst man und Gewissheiten beginnt man zu hinterfragen. Meine Neugier auf Neues wurde dadurch jedenfalls noch verstärkt und hat mich bisher nicht verlassen.“

Wenn aus Fremden Freunde werden

Neues erlebt man während der ersten Zeit eines Auslandsaufenthalts fast jeden Tag. Noch schöner ist es, wenn man diese neue Erlebniswelt mit anderen teilen kann. Am Anfang ist man schon froh, wenn man vom Hausmeister gegrüßt wird. Wenn die neuen Mitbewohner oder neuen Nachbarn bei der Bewältigung administrativer Herausforderungen behilflich sind, einen zum gemeinsamen Essen einladen oder fragen, ob man Lust hat, sie in eine Bar oder ins Kino zu begleiten, beginnt die Zeit, in der aus Menschen Mitmenschen werden. Die Dankbarkeit, die man bei dieser Starthilfe empfunden hat, wird man auch nach der Rückkehr aus dem Ausland nie vergessen. Wenn man woanders lebt, weitet sich der Blickwinkel. Zum Eintauchen in eine neue Kultur gehört nicht nur die Offenheit für neue Erfahrungen, es eröffnen sich auch neue Perspektiven: Man registriert die eigenen Klischees und beginnt die Einstellungen und Erwartungen, die man von zu Hause mitgebracht hat, zu hinterfragen. Dass man sich auch in der Ferne zu Hause fühlen kann, merkt man in den Momenten, in denen man zum ersten Mal das Gefühl hat, im neuen Land angekommen zu sein. Man entwickelt Alltagsroutinen, und die angespannte Aufmerksamkeit, mit der man sich anfangs durch die unbekannte Umgebung bewegt hat, verschwindet. Die eigene Gestik und der Tonfall ändern sich, das Heranwinken eines Taxis wirkt unangestrengt, der Small Talk im Treppenhaus wird zur Selbstverständlichkeit. Das Glücksgefühl, endlich dazuzugehören, stellt sich spätestens dann ein, wenn man im neuen Land Freunde gefunden hat.

Sportplatz in Manhattan
Manhattan, New York

Zum Ankommen gehört auch die neu gewonnene Sprachsicherheit. Plötzlich schafft man es, einen Witz zu landen oder in einer Diskussion seine Meinung zu äußern und dabei nicht weniger oder mehr zu sagen als beabsichtigt. Und schließlich beginnt man, in der Sprache des Landes, in dem man lebt, zu träumen. Für Tom Wlaschiha war der erste Traum in einer neuen Sprache ein Erlebnis, das sich eingeprägt hat. „Je besser man eine Sprache spricht und je mehr man auf sie angewiesen ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass man früher oder später auch in ihr träumt. Es war jedenfalls ein schöner Moment, als ich nach mehreren Monaten meines Aufenthaltes in den USA eines Morgens aufgewacht bin und ganz sicher wusste, dass ich eben auf Englisch geträumt hatte.“

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