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Meine ersten Wochen im Studium – Daumen hoch oder runter?

Meine ersten Wochen im Studium – Daumen hoch oder runter?

„Diese Bücher sehen echt schwer aus. Schau mal Mama, wenn dir die auf den dicken Zeh fallen, tut das bestimmt ganz schön weh.“ – „Linda, du gehst jetzt zur Uni. Was hast du denn erwartet?“

Was ich erwartet habe? Ich weiß es nicht so ganz. Das vergangene Jahr habe ich zwar meinen gesamten Haushalt auf dem Rücken durch die australische Wallapampa geschleppt, aber an die bevorstehende Uni-Zeit eher wenig Gedanken verschwendet (und auch nicht daran, dass meine Bücher später etwa genauso viel wiegen sollten wie mein riesiger Rucksack in meinem Gap Year). Meine Erwartungen waren (und sind es auch irgendwie immer noch) geprägt von meinen FreundInnen und ihren Erzählungen über deren Studium. Ich wusste, es würde nicht mehr solch eine Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung herrschen wie damals in der Schule.

Bedenken vor dem Unistart

Der Ernst des Lebens ruft jetzt: die Uni. Ich freute mich auf mein Studium. Trotzdem breitete sich manchmal dieses unsichere Gefühl in mir aus: Wie schnell würde ich mich wieder an konstantes Lernen gewöhnen können? Hatte ich doch im letzten Jahr viel für das Leben gelernt, aber eher weniger über politische Theorien, Statistik und internationales Recht. Wie sehr würde mich der Fakt, dass die Uni ziemlich einsam an meinem Schreibtisch stattfinden würde, ablenken? Und wie sehr der Fakt, dass meine neuen Freunde im Studentenwohnheim zehn Meter und eine Nachricht entfernt säßen? Na ja, die ersten Prüfungen sind geschrieben, Block 1 ist vorbei und ich als kleiner, naiver Ersti wage ein erstes Zwischenfazit.

Muss ich das wirklich alles lesen?

Woche eins: Meine Motivation ist bei etwa 100 Prozent. Die ersten Vorlesungen werden hochgeladen. Für meinen Kurs in International and European Law muss ich 60 Seiten lesen. „Das ist aber viel“, denke ich. (Und für jeden Studierenden, der über Woche eins seines Studiums hinaus ist und sich über meine Aussage gerade ins Fäustchen lacht: Das ist nicht viel, weiß ich jetzt auch!). Ich gehe ungefähr vor wie jeder Grundschüler, der einen Text mit dem Leseschlüssel liest. Erst unterstreiche ich und mache Randnotizen, dann lese ich noch mal und schreibe mir Notizen heraus. Was dann unvermeidlich dazu führt, dass ich etwa drei Seiten in der Stunde schaffe. Ich bin etwa so effizient wie jemand, der versucht, Schnee mit bloßen Händen zu schippen. Dazu kommt, dass die Texte in akademischem Englisch verfasst sind und ich anfangs noch viele Wörter übersetzen muss.

Meine Anfangsüberforderung und ich

Ich bekomme ein wenig die Krise („Oh je, wie soll ich denn mein Studium schaffen, wenn ich nicht mal die paar Seiten pünktlich gelesen bekomme?“) und sitze am Ende des Tages zweifelnd und gestresst mit Tee in der Küche und klage mein Leid. Meine Freundin zu Hause versichert mir: „Das ist ganz normal in der Anfangszeit. Du lernst jetzt erst mal, wie man eigentlich richtig lernt!“

Es geht dann doch irgendwie

Woche für Woche vergeht. Manchmal schaffe ich nicht alles, was ich mir vornehme und bin ein bisschen frustriert. Manchmal erwische ich mich beim Prokrastinieren. Ich setze auf Instagram einen Timer, aber man kann auch hervorragend einfach nur aus dem Fenster starren und nichts tun. Ich schreibe meine erstes Assignments. Den ersten Aufsatz seit eineinhalb Jahren. Ich bestehe und freue mich ein wenig. Der Arbeitsaufwand, merke ich jetzt, ist wirklich nicht zu vergleichen mit dem in der Schule. Studieren auf Englisch ist auch etwas anderes als das Alltagsenglisch, was ich bisher immer nur gebraucht habe. Aber da auch mein Alltag mittlerweile komplett auf Englisch verläuft und die meisten meiner Freunde hier kein Deutsch sprechen, läuft das mit der Zeit auch immer besser.

Coronafrust

Hier und da bin ich ein bisschen sauer auf Corona. Dass mein Schreibtisch nur etwa zwei Meter von meinem Bett entfernt steht, hilft meinem Lernprozess nämlich nicht wirklich weiter. Um einen Platz in der Bibliothek zu bekommen, muss man ihn vorher online buchen, aber das Internet hier funktioniert nämlich auch nur, wenn es Lust darauf hat. Als Alternative zur Bibliothek probiere ich den „Lernraum“ aus, der in unserem Haus eingerichtet wurde. Hier kann ich mich ein bisschen besser konzentrieren. Ich wünschte trotzdem, ich könnte zum Unterricht in die Uni gehen. Ich präferiere einfach die Interaktion mit meinen Mitmenschen, um zu lernen. Aber wir sitzen die Situation zusammen aus, ändern kann man sie eh nicht.

Und wie setzt sich deine Note zusammen?

In den Niederlanden schreiben die Studierenden nach jedem Block ihre Prüfungen. Das heißt, dass, anders als in Deutschland, viermal im Jahr Klausuren geschrieben werden. Nach diesen ändern sich dann oft auch unsere Fächer. Ich habe in diesen Block meine Klausuren in History of International Relations, International and European Law und International Politics geschrieben. Ob man die Kurse besteht, hängt aber oft nicht nur mit der Note in der Klausur zusammen, sondern auch mit anderen Faktoren. Für Geschichte zum Beispiel zählt die Klausur nur 30 Prozent der Endnote. Ich musste darüber hinaus zwei Aufsätze abgeben und eine Präsentation halten. Meine Klausuren wurden alle online geschrieben. Für manche von ihnen hatten wir mehr Zeit als unter normalen Umständen, um das Risiko auszugleichen, dass zum Beispiel unsere Internetverbindung abbricht.

Meine Klausurenphase

Ich hatte alle drei Klausuren in einer Woche. Ich empfand die Prüfungszeit als stressig, hatte ich in der letzten Woche vor den Examen nämlich noch meine Geschichtspräsentation und den Abgabeschluss des International-Politics-Aufsatzes, der 70 Prozent meiner Endnote ausmachen sollte. Jetzt, wo die Prüfungen geschrieben sind, heißt es erst mal: abwarten! Das niederländische Notensystem rangiert zwischen den Noten 1 bis 10, wobei eine 10 das Beste ist, was man bekommen kann. Bestanden hat man mit der Note 5,5. Wer nicht besteht, muss die Prüfung Ende des Kalenderjahres wiederholen. Wer auch dort durchfällt, muss den Kurs im nächsten Jahr noch einmal belegen.

Also, Daumen hoch oder runter?

Ja, ein Studium ist anstrengend. Ja, ich musste mich auf diese neue Art des Lernens erst einmal wieder einstellen. Und ja, Corona ist doof und dass man seine Freunde zufällig in der Küche trifft und dann ein paar Stündchen länger in der Küche verweilt als geplant, hilft dem Lernprozess auch nicht unbedingt. Aber ich genieße das Studium bis zu diesem Punkt sehr. Was ich lerne, interessiert mich und die niederländische Uni schafft es, uns geordnet und strukturiert durch das Onlinesemester zu lenken. Ich mag das internationale Umfeld, in dem ich leben darf und die Stadt, von der ich bisher leider viel zu wenig erleben durfte. Alles in allem gebe ich meinem ersten Block als Studentin also einen Daumen hoch!

Wenn ihr wissen wollt, wie die Klausurenphase in Schottland oder Schweden aussieht, dann schaut doch mal bei Mareike und Benjamin  vorbei!

 

 

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