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Ich sage ganz klar „Ja“ zur Türkei. Warum?

Ich sage ganz klar „Ja“ zur Türkei. Warum?


„Du gehst in die Türkei?“ Nicht wenige meiner Bekannten reagierten fassungslos, als ich ihnen von meinen Plänen erzählte, ein Semester in Istanbul zu studieren. „Als Frau würde ich dort nicht hingehen“, war einer der Sätze, die mich irritierten. Denn für mich ist die Türkei einfach ein Land, in dem ich als Kind viel Zeit verbracht habe und das ich nun noch einmal auf eine andere Weise kennenlernen darf: als Studentin.

Tatsächlich passiert es mir regelmäßig, dass ich in meinem Leben Entscheidungen treffe und hinterher gar nicht mehr weiß, wie es überhaupt zur Ausgangsfrage kam. So war es auch mit meinem Entschluss, für einige Monate in der Türkei zu studieren. Im sechsten Blogeintrag habe ich erwähnt, dass ich eines Tages eine Email gelesen habe, in der von einer Liste mit Restplätzen im Ausland die Rede war. Zur Auswahl standen neben Istanbul noch Bursa (nur 90 km südlich von Istanbul), Innsbruck, Wien/Krems, Stockholm und Fribourg in der Schweiz. Da sich das Projekt IMPACCT, über das ich ein Stipendium bekommen habe, an Lehramtsstudierende mit dem Unterrichtsfach Islamische Religion wendet, handelt es sich bei den Partneruniversitäten teilweise um spezifisch religiöse Hochschulen, wie die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems. Auch wenn ich nicht Islamische Religion, sondern Ethik studiere, kann ich ein Interesse an Religion und Religiosität grundsätzlich nicht leugnen. Ich bin ausgebildete Kundalini Yogalehrerin. Kundalini Yoga ist eine sehr spirituelle Yogarichtung, wenn ich das mal kurz so sagen darf. Als ich klein war, bin ich gerne in den Kindergottesdienst meines Heimatortes gegangen und noch heute ist es so, dass ich bei jeder Städtebesichtigung mindestens in einer Kirche Halt mache, weil ich die Energie dort grundsätzlich sehr gerne mag. Ich hätte mich also auch auf einen Platz in Bursa bewerben können, das verglichen mit Istanbul als sehr traditionell gilt und wo der Islam vermutlich noch deutlicher zu spüren ist als in der Metropole am Bosporus. Gegen Wien habe ich mich tatsächlich einfach aus pragmatischen Gründen entschieden, weil ich im „richtigen“ Wien (also nicht in Krems) bereits zwei Jahre studiert und einen Diplomabschluss in Theaterwissenschaften gemacht habe. Und wieso sollte ich freiwillig den Winter in Schweden verbringen? Skifahren finde ich ganz okay, aber ich liebe die Sonne einfach zu sehr, als dass ich monatelang quasi in Dunkelheit leben könnte. 

Es kann also diverse Gründe geben, warum du dich für oder gegen einen bestimmten Ort entscheidest. Da es mein zweites Studium ist und ich mittlerweile sogar Mutter zweier Kinder bin, habe ich anfangs gar nicht bewusst darüber nachgedacht, ob ein Auslandssemester für mich in Frage kommt. Außerdem hatte ich während meines ersten Studiums bereits das Glück, über Erasmus zwei Semester in Mailand studieren zu dürfen. Wie gesagt, manchmal weiß ich in der Retrospektive nicht mehr, wie es genau zu meinen Entscheidungen kam. Das war mit meinen Kindern ähnlich und heute bin ich unendlich dankbar dafür, dass diese beiden wunderbaren Jungen mein Leben bereichern. Und ebenso dankbar bin ich für die glückliche Fügung, dass mich eine Email über Restplätze für ein Auslandssemester informiert hat und von da an alles einfach seinen Lauf nahm. Du siehst, auf dem Weg zu meiner Entscheidung für dieses Auslandssemester kamen so einige unsichere Variablen zusammen. Von Corona an dieser Stelle einmal ganz abgesehen. 

Warum ich trotz äußerer Widerstände gegangen bin: neue Tapeten!

An alle da draußen, die nicht verstehen wollten, warum ich mich für ein Semester in der Türkei entschieden habe: Es ist eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen. Ja, ich vermisse meine Kinder und ich weiß zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, was es bis Februar mit ihnen machen wird, mich zwischendurch nur für voraussichtlich zwei Besuche zu sehen. Ja, das was ich hier mache, ist sehr egoistisch. Ich muss nämlich für vier Monate vor Ort nicht unmittelbar auf die Bedürfnisse der beiden mir wichtigsten Menschen Rücksicht nehmen. Ich kann abends ins Kino gehen oder lange in der Bibliothek sitzen. Ich kann nachmittags spontan an einer Chorprobe teilnehmen und muss niemandem sagen, wann ich nach Hause komme. Ich kann Konzerte besuchen und spontane Ausflüge mit Freundinnen machen. Das ist für kinderlose Studierende Alltag. Für mich ist es ein Privileg, das ich sehr schätze. Besonders nachdem ich mich eben zwölf Jahre lang sehr gerne um die Interessen, Nöte und Termine eines und später zweier Kinder gekümmert habe. Und natürlich bleibe ich für meine Söhne weiterhin ansprechbar. Ich habe sogar den Eindruck, dass wir aktuell viel intensivere Gespräche führen als normalerweise. Jetzt nehmen wir uns bewusst Zeit füreinander, ich bekomme die neuesten Werke aus dem Töpferkurs in die Kamera gehalten, Gitarre und Keyboard vorgespielt und manchmal für eine ganze Stunde die uneingeschränkte Aufmerksamkeit meiner Kinder geschenkt. Das kenne ich aus unserem gemeinsamen Alltag in Gießen ehrlich gesagt nicht. Da ziehen sich meine Jungs oftmals gemeinsam in ihr Zimmer zurück und drehen lustige Videos oder kuscheln zusammen auf der Couch und wollen einen Film schauen. Ich blicke derweil in zwei Schulranzen, notiere Termine, merke, dass ich noch einkaufen gehen muss, damit ich am nächsten Morgen Schulbrote schmieren kann oder sauge die Wohnung. Diese Pflichten dürfen aktuell die Herren der Schöpfung einmal ohne mich ausführen. Und wenn die meist nicht existente Gleichberechtigung unter Eltern doch so oft kritisiert wird: vielleicht ist mein „egozentrisches Auslandssemester“ der Beginn einer neuen Ära. Ich lebe nämlich nach dem Motto „Glückliche Eltern, glückliche Kinder“ und möchte meinen Teil dazu beitragen. In Gießen ging mir nach sechs arbeitsintensiven Semestern doch so einiges an die Substanz und ich hatte einen großen Drang nach einem schönen Tapetenwechsel. Diesen habe ich in Istanbul auf jeden Fall gefunden.

Erinnerungen auffrischen und Verbindungen intensivieren 

Für all diejenigen, die meine Blogs komplett gelesen haben, ist dies ein alter Hut. Ich bin mit Aufenthalten in der Türkei förmlich aufgewachsen. Besonders meiner Mutter gefiel es in Kuşadası vom ersten Urlaub an so gut, dass wir schon bald jede Oster- und Herbstferien an der westlichen Ägäisküste der Türkei verbrachten. Im Oktober war ich nach vielen Jahren endlich einmal wieder an unserem früheren Ferienort und erstaunt darüber, wie viele Erinnerungen mich dort einholten. In einem Urlaub bin ich beispielsweise immer wieder auf dasselbe Knie gefallen, bis sich eine Narbe bildete. Ich konnte noch genau sagen, an welcher Stelle der Straße es dazu gekommen war. Ich mochte, dass uns in jedem Geschäft elma çayı (Apfeltee) angeboten wurde. Ich mochte nicht, dass meinem Bruder und mir immer wieder fest in die Wangen gekniffen wurde, weil wir weißblondes Haar und blaue Augen hatten und damit ein Alleinstellungsmerkmal aufwiesen. Doch die positiven Erinnerungen an meine Zeit in der Türkei überwiegen deutlich. Ich fühle mich diesem Land tief verbunden und kann mir mittlerweile auch vorstellen, für mehrere Jahre (allerdings nur mit einem deutschen Arbeitsvertrag) hier zu leben. Dieses Auslandssemester ist für mich also unter anderem eine intensive Reise in meine Vergangenheit. Das merke ich an Worten, die unverhofft aus meinem Unterbewusstsein aufpoppen. Das kann ich an meinen emotionalen Ausbrüchen beobachten, sobald ich eine Fähre betrete und Meeresluft einatme. In diesen Momenten wird eine ganz besondere Liebe und Sehnsucht in mir wach, die ich mit keinem anderen Land teile. 

Dass ich das Essen und die hilfsbereiten Menschen hier sehr schätze, habe ich bereits im Oktober berichtet. Ein weiterer Grund für einen Aufenthalt in der Türkei ist für mich, die Sprache endlich besser zu lernen. Es ist eine Schande, wie wenig neben Zahlen und Begrüßungsformeln aus meiner Kindheit hängen geblieben ist. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich meinen Eltern heute noch übel nehme: das Versäumnis, Chancen besser zu nutzen. Au pair Mädchen sind bei uns ein- und ausgegangen. Aber habe ich vielleicht Französisch, Englisch oder Kroatisch von ihnen gelernt? Fehlanzeige. Wir hatten jahrelang ein niederländisches Kindermädchen. Spreche ich diese Sprache? Gouda. Entsprechend dankbar bin ich für einen Sohn, der bilingual aufwächst und als Dreijähriger bereits alle Schleichtiere direkt auf Englisch benennen konnte, weil sein Vater aus Neuseeland stammt. 

Die Sprache endlich richtig lernen

Jetzt bin ich also hier in Istanbul und versuche, mit rudimentären Sprachkenntnissen klarzukommen. Die Füllwörter wie ama (aber), söyle (sag!), o zaman (in diesem Fall) oder şimdi (jetzt) höre ich aus jedem Vortrag heraus. Ich kann auch das bestellen, was ich essen möchte, bzw. habe ich die Frauen in der Cafeteria jetzt so weit trainiert, dass sie wissen was ich will. 🙂 Manchmal mache ich mir auch die Mühe, auszuprobieren, welche Sätze ich mit dem erlernten Vokabular bislang bilden kann. Doch so richtig zufrieden stimmt mich mein aktuelles Leistungsniveau noch nicht. „Yavaş yavaş türkçe öğreniyorum.“ Langsam, langsam lerne ich Türkisch. Und zwar zum einen, weil es mein Gehirn fit hält und es eine neue Herausforderung darstellt (mit Langeweile kann ich nicht so gut umgehen), zum anderen aber eben wie zuvor schon erwähnt, weil ich Lehrerin werde. Ich gehe aktuell stark davon aus, dass ich in meinem späteren Berufsalltag so einige Kinder glücklich machen werde, weil ich mich im Vorhinein mit ihrer Kultur auseinandergesetzt habe. Oder mit der Primärkultur ihrer Eltern. (Oder wie das aktuell politisch korrekt ausgedrückt wird.) Weil ich Mehrsprachigkeit leben werde und weil ich selbst die Erfahrung gemacht habe, dass es verdammt einsam sein kann, wenn dich niemand versteht. Das erlebe ich hier nämlich aktuell fast täglich am eigenen Leib und versuche, mich damit zu arrangieren. Es gibt Professoren, die sich die Mühe machen, ihren Unterricht zumindest teilweise auf Englisch zu übersetzen. Es gibt diejenigen, die auf meine Herkunft keinerlei Rücksicht nehmen und jene, deren Englischkenntnisse einfach nicht ausreichen, um mir alles so zu erklären, wie sie es für die offiziellen Studierenden tun. Die Erwartungshaltung darf meiner Meinung nach also nicht sein, dass dich das neue Land mit offenen Armen begrüßt. Vielmehr muss der Wille bestehen, dich an eine neue Umgebung anzupassen und dazu gehört eben auch, die Landessprache zu lernen. Ganz davon abgesehen stört es mich persönlich sowieso, wie stark verbreitet Englisch ist. Ich finde es viel spannender, neue Gehirnzellen zu aktivieren und die türkische Kultur so richtig kennenzulernen – dazu gehört in erster Linie diese wunderbar poetische Sprache. evimde: in meinem Haus. Hier werden an das Nomen (ev) noch bis zu drei Partikel angehängt, um zu beschreiben, ob es „im Haus“ oder „zu Hause“ heißen soll und wem das Haus gehört, oder ob es sich um „die Häuser“ handelt. Wenn du den Dreh erst einmal raus hast, ist es gar nicht mehr so schwer. So heißt es. 

Neue Tapeten, neue Sprache, schöne Erinnerungen. Was noch?

Vielleicht kennst du das auch. Du hast entweder in der Stadt studiert, in der du auch aufgewachsen bist oder du bist nach dem Abitur weggezogen und schlussendlich in deiner Unistadt hängen geblieben. Oder gerade erst mitten in diesem Prozess. Ich kenne so viele Leute, die zu Kategorie A oder B gehören. Ich kann es nachvollziehen, frage mich aber dennoch immer wieder, was gewesen wäre, wenn ich trotz Babybauch nicht zurück in meine Heimat gezogen wäre. Hätte ich meinen Sohn damals nicht auch in Wien aufziehen können? Dann hätte ich das zweite Kind vermutlich nicht so bekommen wie es schlussendlich kam. Ich beneide keine meiner Freundinnen, die in ihrer Studienstadt Kinder bekommen haben und nun nicht regelmäßig auf die Unterstützung der Großeltern zurückgreifen können. Ich bin sehr froh, dass ich in den letzten Jahren so einige Solo-Kurztrips machen konnte, während für meine Kinder der Alltag mithilfe von Oma und Opa weitergehen konnte, ohne dass ich sie dafür in eine andere Stadt bringen musste. Meine Söhne sind es also schon etwas mehr als andere Kinder gewöhnt, kurzfristig von Verwandten betreut zu werden. 

Mittlerweile fühlt es sich so an, als käme ich aus Gießen nicht mehr weg und ich blicke sentimental an meine Studienzeit zurück: Ich habe in Kiel, Mailand und Wien gelebt. Ich habe Neuseeland, Thailand, China, Vietnam, Kalifornien, Kanada, Schottland und viele andere Flecken der Erde bereist. Ich bin weder ein Fan von Langeweile, noch von Stillstand. Wie realistisch ist es, mit meinen Kindern in ein fremdes Land zu ziehen und quasi von vorne zu beginnen? Ich weiß, dass diese beiden Jungen ihre Routinen lieben. Gleichzeitig habe ich sie aber auch zu weltoffenen und neugierigen Menschen erzogen. 

In Istanbul merke ich endlich einmal wieder, dass ich längst nicht so viel Besitz brauche wie den, der in Gießen auf mich wartet. Mir wird bewusst, dass ich mich schnell an neue Orte und Situationen gewöhnen kann, dass ich schnell Kontakt zu anderen Menschen finde und Routinen entwickele, die mir Stabilität schaffen. Ich fühle mich selten einsam und wenn, dann finde ich das auch nicht einmal sonderlich schlimm. Denn es ist doch wichtig, sich mit den eigenen Ängsten und Zweifeln, mit Gefühlen von Leere und Trennung auseinanderzusetzen.

Ich lerne Dankbarkeit, weil mir die aktuelle Inflation vor Ort bewusst macht, wie sehr ich privilegiert bin. Ich lerne Flexibilität, weil hier beispielsweise an der Uni vieles längst nicht so strukturiert abläuft wie in Deutschland. Ich lerne es aber auch zu schätzen, dass ich nicht mehr zu den jüngsten Erasmus-Studierenden gehöre. Es bietet mir doch eine nicht zu unterschätzende innere Freiheit, zu wissen, dass ich keine ESN-Partys brauche, um Freund*innen zu finden. Ich muss nicht mehr zu einer bestimmten Gruppe „dazugehören“. Ich kann hier einfach mein eigenes Ding machen und habe eine gute Zeit. 

Fazit

Ein paar Monate in der Türkei sind für mich folglich aus verschiedenen Gründen lohnenswert: Ich baue meine Sprachkenntnisse aus, lerne mich selbst besser kennen, erfahre eine Kultur, die mich schon lange fasziniert, endlich einmal intensiver. Dieser kleine „Neustart“ gibt mir außerdem den Mut,  bei der nächsten Gelegenheit gemeinsam mit meinen Söhnen ins Ausland zu gehen. Wenn ich Lehrerin an einer Deutschen Schule bin und wir alle drei von einer besonderen Lebensphase profitieren können. 

Was ich mit diesem und anderen Texten erreichen möchte, ist ein Bewusstsein dafür, dass die, die niemals reisen, andere nicht vom Reisen abhalten dürfen. Wenn unsere Welt eine Sorte Menschen braucht, dann ist es wohl diejenige, die neugierig bleibt und von anderen Kulturen lernen möchte.

 

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