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Überleben im russischen Wohnheim

Überleben im russischen Wohnheim

Für gewöhnlich leben Studenten in Russland in der sogenannten Obschewitija, kurz Obschaga, auf deutsch Studentenwohnheim. Dieses ist auf keinen Fall mit einem Wohnheim in Deutschland zu vergleichen und kann vor allem am Anfang eine Herausforderung sein. Deswegen folgen meine Eindrücke und ein paar Tipps, um euch das Leben zu erleichtern.

Das Wohnheim der MGIMO von außen
Das Wohnheim der MGIMO von außen.

Allgemein:

Obschewitijas gibt es in Russland, seitdem es Unis gibt. Meistens, aber nicht immer liegen sie direkt neben der Uni. Damit Studenten die Möglichkeit haben in einer anderen, als ihrer Heimatstadt studieren zu können, müssen die Wohnheime günstig sein. Das ermöglicht einerseits mehr Menschen die Möglichkeit ein Studium anzutreten, aber anderseits verfügen die Zimmer nur über das Nötigste an Ausstattung. Somit: Luxus und Komfort fehl am Platz. Ein Zimmer teilen sich immer mindestens zwei Personen – Toilette, Dusche und Küche befinden sich auf dem Gang. Oft sind die Wohnheime nach Geschlechtern aufgeteilt. Die MGIMO gilt als eine der elitärsten Einrichtungen des Landes und somit hatten wir den Luxus, eine Dusche im Zimmer zu haben, aber Küchen gab es nur zwischen den Stockwerken 3 bis 11. Ich war im zweiten Stock untergebracht. Männer und Frauen wohnten im gleichen Gebäude und auch der Wächter lies uns rund um die Uhr ein- und ausgehen (oft besteht eine Ein- und Ausgangssperre zwischen 24 – 5 Uhr). Ein kleines Café erfreute uns in der sechsten Etage und in der Neunten gab es ein Lernzimmer, das über neun Tische und Stühle verfügte. Gemeinschaftsraum, Tische in der Küche, Pfannen, Teller oder sonstige Küchenausstattung abgesehen von einem Herd und einem Backofen? Fehlanzeige!

Jeder bringt seinen eigenen Stuhl mit in die Küche, auch wenn es heißt es geht in den 12 Stock.
Jeder bringt seinen eigenen Stuhl mit in die Küche, auch wenn es heißt es geht in den 12 Stock

ABER: Das Leben in einem russischen Wohnheim ist dennoch lustig und schön:

1. Russisch lernen

Man sitzt eh immer aufeinander, also rausgehen und reden. Man kommt superleicht in Kontakt mit den anderen Mitbewohnern, was einem ermöglicht, seinen Horizont zu erweitern. Für alle, die russisch lernen und dieses verbessern möchten, ist das die beste Option, sei es beim Kochen in der Küche oder beim Anstehen im Bad.

2. Organisationstalent ausbauen

Die auf Gemeinschaft ausgelegten Wohnheime sind zwar eine gute Möglichkeit Freunde zu finden, aber auch ins Chaos zu verfallen. Alles, was einem wichtig ist, sollte mit ins Zimmer genommen werden, das gilt vor allem für die Küchenutensilien. Wer dort einen Topf stehen lässt, könnte den unter Umständen nicht mehr wiedersehen oder er taucht nach Monaten in einem anderen Stockwerk wieder auf.

3. Das Wachpersonal und die Kommendantka

Wie oben erwähnt, hatte ich in meinem Wohnheim Glück und die Ochranniki (Schutzpersonal) waren recht locker. Wir durften immer ein- und ausgehen und es war auch kein Problem, Studenten unserer Uni, die nicht im Wohnheim wohnten, mit aufs Zimmer zu nehmen. Ich muss aber zugeben, dass ich nicht probiert habe eine externe Person mit ins Wohnheim zu nehmen. In anderen Unis ist es jedoch gut, sich mit dem Wächter gut zu stellen, damit er mal ein Auge zudrückt. In dem Zusammenhang habe ich schon von Geschenken in Form von Blumen, bestimmten Lebensmitteln oder Geld gehört. Die Kommendantka ist die Wohnheimverwalterin, sie ist Ansprechpartnerin für alles Mögliche. Sie teilt neue Bettwäsche aus oder wacht über die Waschzeiten im Waschkeller. Wenn man sich mit dieser gut stellt, darf man auch mal 3 Waschmaschinen anstatt 2 benutzen oder sie hält einem die heiß begehrten Trockner oder Wäscheständer frei.

4. Handwerkliche Fähigkeiten sind hilfreich

Die Zimmer sind alt. Viele wurde seit den 50er-Jahre nicht verändert, was bedeutet, dass auch mal etwas repariert werden muss. Bei uns gab es ein Buch, in dem Beschwerden eingetragen werden konnten und eine Uhrzeit, in der es passen würde, wenn jemand vorbeikommt. Wir trugen ein, dass unser Toilettensitz abgefallen war und ein Handwerker gerne zwischen 16 und 18 Uhr vorbeikommen könnte. Bei uns klopfte es um Mitternacht an der Tür. Der Handwerker war da, um die Toilette zu reparieren. Da hatten wir unseren Toilettensitz schon selber angebracht.

5. Probier’s mal mit Gemütlichkeit!

Ruhe und Gelassenheit sind nicht zu verachten. Es hilf enorm, Situationen einfach anzunehmen und zu akzeptieren, dass manche Sachen anders laufen als in Deutschland. Bei jedem Öffnen des Gefrierfaches hatte man die Tür in der Hand, was auch dazu führte, dass diese nicht richtig schloss und das Eisfach schneller vereiste. In der Küche im dritten Stockwerk haben nur sechs der acht Herdplatten funktioniert. Auf der vierten Etage wurde alle Platten schwächer, wenn alle an waren, und kochen dauerte eine halbe Ewigkeit. Da in der Küche, eh immer jemand war, konnte man das Kochen gut zum socializing nutzen.

6. Tierische Mitbewohner

Das Vorkommen von Kakerlaken schwankte enorm – während ich keine Einzige hatte, hatte meine Mitbewohnerin in ihrem vorherigen Zimmer eine Großfamilie. Die Wenigen, die Probleme damit hatten, eigneten sich Fähigkeiten an, wie man die Schaben jagen kann. Nachdem das Wohnheim jedoch voll und belebt war, verschwanden die Tierchen immer mehr.

7. Kreativität und Improvisationstalent

Wie bereits erwähnt, ist das Kochen in den meisten Küchen eher ein Abenteuer und teilweise wie ein Sechser im Lotto. Neben den nicht immer funktionierenden Herdplatten und den verstopften Waschbecken, mussten wir uns auch an einen Mangel an Sitz- und Essgelegenheiten gewöhnen. Eine Lösung dieses Problems war, jeder bringt seinen eigenen Stuhl in die Küche und wir quetschen uns zu acht in einen Raum, der eigentlich nur für vier ausgelegt war. Das wiederum, sorgt für ein bisher unbekanntes Nähegefühl und man lernt ganz schnell die Mitglieder der Gruppe kennen. Die zweite Lösung dieser Situation war, das Essen einfach in eines der Zimmer (normalerweise das Auffangzimmer) zu verlagern. Dieses war nicht weniger eng, aber man musste die Stühle nicht hin und her tragen. Das Abspülen fand dann meistens auch im Zimmer, also im Waschbecken oder der Badewanne statt. Des Weiteren, wird in Russland nach wie vor zentral geheizt, das heißt, irgendwer in Moskau entscheidet, wann die Heizungen an- und ausgehen. In der Heizsaison ist es sehr warm und stickig in den Zimmern. Man kann in T-Shirt und Shorts rumlaufen. Da man die Fenster nicht kippen kann, lohnt es sich, etwas vorzubauen, z. B. mit einem vollen Fünf-Liter-Wasserkanister. Wenn die Heizung aber zu spät angemacht wird, heißt es erst mal frieren.

8. Party im Wohnheim

Ja, auch Hauspartys sind nicht mit Feiern im Wohnheim zu vergleichen. Erster Unterschied: Alkohol ist im Wohnheim verboten. Natürlich kann man diesen reinschmuggeln und das wird auch gemacht. Wenn man zu laut wird, kommt der Ochrannik oder die Kommendantka vorbei und beendet die Party. Oft wird zusammen auch nur Karten gespielt oder ein Film geschaut. Aber umso älter man wird, umso ruhiger werden ja eh die Partys.

Leben im Wohnheim? Bringt dich weiter!

Das Leben in einem russischen Studentenwohnheim kann lustig und zugleich herausfordernd sein. Es lehrt einen aber auch, besser zu kommunizieren und mit vielen unterschiedlichen Menschen klar zu kommen. Des Weitern hilft es, locker zu werden und zu improvisieren. Also, nachdem man in einem russischen Wohnheim gelebt hat, haben sich die sozialen, sprachlichen und handwerklichen Fähigkeiten verbessert.

 

 

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