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Warum gehen Studierende mit Beeinträchtigungen seltener ins Ausland ?

Warum gehen Studierende mit Beeinträchtigungen seltener ins Ausland ?

Rollstuhl-Icon und Text "7% der Studierenden haben eine Beeinträchtigung, die sich studienerschwerend auswirkt"

Hier ein paar Beobachtungen, die wir aus den bisherigen Kommentaren hier und auf sozialen Netzwerken geschlussfolgert haben. Die Bedenken und Hindernisse, wegen derer Studierende mit Beeinträchtigungen weniger häufig ins Ausland gehen, scheinen oft ähnlich zu sein – egal, um welche Art Beeinträchtigung oder chronische Erkrankung es sich im jeweiligen Fall handelt:

  • Statistisch haben 7% aller Studierenden in Deutschland eine Beeinträchtigung, die sich erschwerend auf das Studium auswirkt. Zu diesen Erschwernisse gehören nicht nur Krankenhausaufenthalte und Arztbesuche, sondern auch allgemein körperliches und psychisches Unwohlsein, das sich nicht unbedingt nach Stunden- und Semesterplänen richtet und oft auch schubweise auftritt. Dazu kommen Schwierigkeiten bei der Beschaffung von barrierefreiem Studienmaterial oder die nur stundenweise Verfügbarkeit (bzw. Finanzierung) von Assistenz, um nur einige Beispiele zu nennen. Angesichts dieser Herausforderungen eines Studiums in Deutschland ist es nicht verwunderlich, dass viele Studierende mit Behinderungen sich nicht an den nächsten Schritt wagen.
  • Aufgrund dieser Erschwernisse studieren Studierende mit Beeinträchtigungen oft länger. Daher denken viele, dass sie weitere Semester, die durch einen Auslandsaufenthalt entstehen könnten, lieber nicht in Kauf nehmen.
  • Aus den Kommentaren ist zu lesen, dass Menschen mit Behinderungen das Gefühl haben, in ihrem Alltag oft um barrierefreie Unterkunft, Geld für behinderungsbedingte Mehrkosten und Assistenzstunden kämpfen zu müssen. Leben mit einer Behinderung in Deutschland bringt jede Menge Papierkrieg und Organisation mit sich. Daher fragen sich viele was soll das erst im Ausland werden? Aufgrund von negativen Erfahrungen mit unflexiblen Behörden und anderen bürokratischen Institutionen halten sie ein Auslandsstudium erst gar nicht für organisierbar.
  • Da Einkommen und Ersparnisse bei der Bewilligung von behinderungsbedingten Hilfeleistungen meist angerechnet werden, ist es nahezu unmöglich, ausreichend Geld für einen Auslandsaufenthalt anzusparen. Nicht jede_r kann und will sich Geld von Familie und Freunden leihen oder sogar einen Kredit aufnehmen.
  • Ein weiteres Problem ist Informations- und Beratungsmangel. Da es so wenig Studierende mit Beeinträchtigung gibt, die ins Ausland gehen, ist es schwierig, Kommilitonen zu finden, die einem Tipps geben. Die Mitarbeitenden der Auslandsämter müssen sich oft auch erst selbst über Angebote für Studierende mit Beeinträchtigungen erkundigen.

Trotz all dieser Schwierigkeiten möchten der DAAD und wir euch ermutigen, trotzdem einen Auslandsaufenthalt zu absolvieren. Es lohnt sich sowohl persönlich als auch akademisch! Die DAAD Stipendien zur Deckung behinderungsbedingter Mehrkosten sind eine Einmalzahlung und sollten nicht als Einkommen angerechnet werden. Aus den bisher eingegangenen Geschichten lesen wir, dass – sobald die Autoreinnen und Autoren im Ausland waren – viele erwartete Probleme gar nicht entstanden und sich für die meisten Schwierigkeiten vor Ort Lösungen finden ließen. Also traut euch!

Stimmt ihr diesen Gedanken zu? Fallen euch noch weitere Punkte ein?

Kommentare
  1. Kathrin

    22. Mai 2017

    Ich stimme all den oben genannten Punkten zu. Außenstehende bagatellisieren die Problematiken gern, aber wenn man schon mit den o.g. gesundheitlichen und psychischen Problemen schwer und dauerhaft belastet ist, dazu noch der ganze Papierkrieg kommt (Papierkrieg ist wirklich enorm zeit-, kraft- und nervraubend und braucht eigentlich in der Situation grundsätzlich jemand anderen, der sich darum kümmert als man selbst) und dann noch der Fakt, nicht ins „Normraster“ zu gehören (Normraster= Student, männlich, kinderlos, top fit und gesund, unter 27 Jahren alt, BaföG-förderungsberechtigt und optimalerweise noch von Mami/Papi finanziell unterstützt), sondern das absolute Gegenteil (Studentin im Zweitstudium nach abgeschlossener Berufsausbildung und mehrjähriger-praxis, weiblich, (weit) über 30 J., schwer chronisch krank, weder BaföG-, noch Stipendiumförderungsberechtigt, noch kreditwürdig, Eltern selbst arm, schwer krank), und man sich dann weit über seine Grenzen hinaus den Ar… abarbeiten muss, was regelmäßig bedeutet, sich mit 40° Fieber/Migräneschüben/Durchfällen/Erbrechen und anderen schwerwiegenden Symptomen in den Spät- oder Nachtdienst zu schleppen (die einzige mögliche Arbeit, die neben dem Studium noch funktioniert, um sich selbiges, die Miete und andere Fixkosten, sowie Gesundheitsgedöns und den Lebensunterhalt zu finanzieren, abends/nachts arbeiten, tagsüber Studieren, essen, schlafen, Klo irgendwie irgendwann so dazwischen mal sporadisch), dann ist man froh, wenn man so verzombt überhaupt sein Studium noch irgendwie im elfundneunzigtausendsten Semester mal abgeschlossen kriegt und dann nicht noch von irgendwelchen potentiellen Arbeitgebern dafür misstrauisch und diskriminierend abgestraft zu werden, dass man ja nicht belastbar und somit hinreichend der Stelle wert sei. Da noch ein Auslandssemester zwischen geschoben zu kriegen, überhaupt die Kraft dafür zu haben und ohne die Wohnung zu verlieren (diese muss in der Zeit ja auch irgendwie finanziert werden, wenn man niemandem sie zur Zwischenmiete anvertrauen und schon gar nicht auflösen kann/mag), die krankheitsnotwendige ärztliche Versorgung vor Ort und Weiterbehandlung gewährleistet zu bekommen, die Kosten dort komplett fianziell gewuppt zu bekommen und Leistungen wie verlangt auch zu all den Problemen innerhalb der Fristen erbracht zu kriegen – das ist – so schön ein Auslandssemester oder zwei auch sein mögen – für mich ein unüberwindbares Hindernis – erst recht, wenn die ebenfalls schwer erkrankte Familie (unberechenbarer Faktor X), einen dann auch noch spontan vor Ort brauchen sollte – das alles waren bislang massive Hinderungsgründe für mich, diesen Wunsch, den ich einst auch mal hatte, zu realisieren! Ich bin schon froh, wenn ich inmitten all der motivierenden „Brechen Sie doch Ihr Studium ab-Äußerungen“ von diversen Personen und Stellen durch die Bank, überhaupt selbiges erfolgreich zuende bringen kann. Das ist auch so leicht gesagt, wenn es einerseits immer „lebenslanges Lernen“ heißt, andererseits „Ihr Studium fördern – nö! – aber Sie können umschulen, das unterstützen wir finanziell“ und WEGEN sowie mit der dauerhaften chronischen Erkrankung schon zu zahlreichen traurigen und schlimmen Konflikten gekommen ist und man mit einem faden Nachgeschmack dieses nur noch erfolgreich abschließen und dann seiner Wege gehen will… Da braucht man gewiss keine weiteren neuen Erfahrungen, die womöglich noch neue Baustellen öffnen können – sorry!

    1. Andreas Hanka

      23. Mai 2017

      Liebe Kathrin,
      vielen Dank für Deinen Beitrag! Ich verstehe Deine Darstellung sehr gut, aber dennoch möchte ich Deinem negativen Fazit folgendendes entgegensetzen: Uns geht es hier darum, die Hindernisse zu identifizieren und damit…
      … Studierenden mit Beeinträchtigung zu helfen, Hindernisse im Vorfeld zu identifizieren und sie möglichst zu „umschiffen“.
      … Anregungen zu finden, was sich ändern muss, so dass es für die Zielgruppe der Studierenden mit Behinderung/chronischer Erkrankung die selben Möglichkeiten gibt, Auslandserfahrungen zu sammeln, wie für ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen. Und diese Anregungen werden dann auch in den politischen Prozess eingebracht werden!
      Daher ist jeder Beitrag – ob positiv oder negativ – eine große Hilfe!

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