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What’s in the name? Der Mythos Harvard zwischen Marke und Wirklichkeit

Harvard gilt als die bekannteste Universität der Welt – aber was steckt eigentlich hinter dieser Marke? Über Hollywood-Klischees, die „H-Bomb“ und die ehrliche Frage, ob der Mythos Harvard einer kritischen Prüfung standhält.

„I study at a small school outside of Boston.“ Dieser Satz ist legendär unter Harvard-Studenten, benutzen meine Kommilitonen und ich ihn doch immer dann, wenn wir nicht möchten, dass Menschen, die wir neu kennenlernen, wissen, dass wir in Harvard studieren. Harvard ist wahrscheinlich die Uni mit dem bekanntesten Namen weltweit. In diversen Universitätsrankings liegt Harvard seit Dekaden auf Platz 1, wenn es um die Brandpower, d. h. die Reputation bzw. den Ruf der Universität, geht. Die Kredibilität, die man vermeintlich durch den Namen Harvard bekommt, ist potenziell riesig. Doch wie ist es, wenn man vor diesem Hintergrund neue Menschen kennenlernt? Wie wird man von neuen Bekanntschaften und alten Freunden wahrgenommen? Und vor allem: Wie verändert sich die Eigenwahrnehmung? Schon der Apostel Paulus mahnte im 1. Thessalonicherbrief: „Prüfet alles, und das Gute behaltet.“ Ein Satz, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat und der gerade beim Blick auf einen Ort wie Harvard hilft, zwischen Mythos und Wirklichkeit zu unterscheiden. Daher heute Folge 8 meines Blogs: What’s in a name? – Der Mythos Harvard zwischen Marke und Wirklichkeit.

1) Jeder hat eine Meinung zu Harvard

Eines der ersten Dinge, die ich in Harvard gelernt habe, ist die Tatsache, dass jeder Mensch eine Meinung von dieser Universität und damit auch von ihren Studenten hat. Diese Meinung entspricht in den seltensten Fällen der Realität, denn oftmals ist das Bild von Harvard durch eine Mischung aus popkulturellen Referenzen, dem Mythos Ivy League und Hollywood (hallo Legally Blonde und Suits) geprägt.

Das sorgt dafür, dass Menschen, die ich neu kennenlerne, immer schon ein Bild – das kann positiv oder negativ sein – von mir haben: „Du bist bestimmt extrem schlau; du hast bestimmt super reiche Eltern; du wirst irgendwann einmal die Welt verändern usw.“ All diese Vorurteile haben sicherlich irgendwo einen wahren Kern, aber sie lassen oftmals außer Acht, dass die meisten Menschen in Harvard zwar sehr schlaue und passionierte, aber immer noch normale Studenten sind, die auch ihre Alltagssorgen mit sich herumtragen.

Ich möchte mich hier explizit miteinnehmen, denn auch mein Bild dieser Universität war maßgeblich von all diesen Vorurteilen und Drittmeinungen geprägt. Das ist verständlich, denn wie soll man in Deutschland sonst einen objektiven Eindruck von dieser Institution gewinnen, wenn man nicht hier studiert? Aber diese Dynamik erklärt, glaube ich, warum viele Harvard-Studenten gerade bei neuen Bekanntschaften auf die alte Formulierung zurückgreifen: „I study at a small school outside of Boston.“ Um dem Gegenüber einfach gar nicht erst die Gelegenheit zu geben, sich von solchen Vorurteilen unterbewusst beeinflussen zu lassen. Gerade weil Gespräche oftmals eine andere Dynamik bekommen, wenn neue Bekanntschaften erfahren, dass ich oder meine Freunde in Harvard studieren, und dabei oft die natürliche Lockerheit verloren geht, ist es häufig der einfachere Weg, die H-Bomb – noch so ein ikonischer Harvard-Begriff – einfach gar nicht erst aufkommen zu lassen.

Was mir persönlich am meisten zu denken gibt, ist die Tatsache, dass die Reaktion in den allermeisten Fällen – wenn ich Leuten dann doch von meinem Studienort erzähle – lautet: „Wow, du bist ja gar nicht arrogant.“ Das hat sicher nicht damit zu tun, dass ich besonders sympathisch bin, sondern vielmehr damit, dass eines der großen Klischees von Harvard-Studenten sicherlich darin liegt, dass wir als arrogant und abgehoben gelten.

Ich finde das super schade, denn wenn es einen Eindruck gibt, den ich von meinen Freunden, aber auch insgesamt von meinen Mitstudenten habe, dann ist es die Tatsache, dass die allermeisten – ja, schwarze Schafe gibt es immer – total offen, sympathisch und vor allem ernsthaft interessiert und in keiner Weise arrogant sind.

2) What’s behind the name?

Doch wie ist es nun? Ist der Name Harvard nur schöne Fassade und Mythos, oder steckt hinter dem Namen auch Substanz?

Der Mehrwert von Harvard liegt sicherlich nicht in den Vorlesungen oder den Kursinhalten. Wenn ich auf mein Studium der Theologie in Deutschland zurückblicke, kann ich ehrlich sagen, dass Forschung und Lehre in Deutschland auf jeden Fall mit Harvard mithalten können. Teilweise würde ich sogar sagen, dass bestimmte Themengebiete – zum Beispiel die biblische Forschung am Alten und Neuen Testament – in Deutschland besser sind. Denselben Eindruck bestätigen mir meine Freunde aus anderen Geisteswissenschaften ebenfalls. Bei den Naturwissenschaften ist es wegen der größeren finanziellen Möglichkeiten von Harvard schon etwas anders, aber auch hier gilt: Die Reputation von Harvard erklärt sich definitiv nicht durch die Lehre und die Professoren. Ja, einige der hier lehrenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind absolute Koryphäen ihres Gebietes, die teilweise ganze Disziplinen geprägt haben, man denke an John Rawls, aber wir bekommen als Studenten in Harvard keine Geheimnisse oder exklusives Wissen beigebracht, das man nirgendwo sonst auf der Welt lernen könnte.

Ist der Name Harvard also nur Mythos ohne jegliche Substanz? Ist es ein fast göttlicher Zufall, dass ausgerechnet Harvard heute als dieser fast schon magische Ort gilt? Nicht ganz, denn der Mehrwert von Harvard liegt nicht im Was, sondern im Wer. Was Harvard wie keine andere Institution perfektioniert hat, ist die Kohortenbildung: Jedes Jahr bewerben sich tausende junger und jung gebliebener Menschen in Harvard und ermöglichen es der Universität so, aus einem unglaublichen Pool an globalen Bewerbern wirklich eine Kohorte und Lerngemeinschaft zu kuratieren. Bei einer Annahmequote von circa 2 % in Harvard zeigt sich, wie ernst die Uni diese Selektion nimmt.

Wie jetzt bei der deutschen Fußballnationalmannschaft zur WM wählt die Universität in jedem Studiengang Menschen aus, die zusammen eine tolle Gruppe ergeben, sich ergänzen und dafür sorgen, dass die jeweilige Gruppe miteinander wächst und voneinander profitiert. Deswegen ist die vielleicht wichtigste Institution in Harvard das Admissions-Büro (vom lateinischen admissio = hineinlassen), weil dieses jedes Jahr die wichtige Aufgabe dieser Kohortenkreierung übernimmt. Ich muss ehrlich sagen, ich finde dieses System deutlich besser als in Deutschland, wo Studiengänge nur nach dem reinen NC selektiert werden, denn in Harvard und in fast allen Universitäten der USA sind gute Noten nur ein (kleiner) Einflussfaktor bei der Bewerbung. Hinzu kommen Motivationsschreiben, Ehrenamt, Freizeitaktivitäten und auch einfach die persönliche Leidenschaft, die man für ein Fach mitbringt. All das ermöglicht es der Universität, eine Kohorte zu kreieren. Ohne die Brandpower der Marke Harvard wäre das sicher nicht möglich.

3) Was macht die Marke Harvard mit mir?

Jetzt die Frage aller Fragen: Was hat die Marke Harvard mit mir gemacht? Fühle ich mich anders? Wie behandle ich meine Mitmenschen?

Ganz ehrlich, die größte Veränderung hat es wahrscheinlich in meinem Kleiderschrank gegeben, denn ich bin stolzer Besitzer des einen oder anderen Harvard-Pullovers. Unter meinen Freunden hier habe ich schon den Spitznamen Mr. Coop – eine Anspielung auf den Harvard Coop, den Merchandise Store für uns Studenten. Und ja, ich bin stolz, in Harvard zu studieren, denn es war nicht nur seit ich 15 bin mein Traum, an diese Uni zu kommen, sondern es fühlt sich auch wie ein kleiner Ritterschlag an, dass sich meine ganze Arbeit in den vergangenen Jahren ausgezahlt hat, um es an diese Universität zu schaffen.

Wenn ich darüber nachdenke, wie mich die Marke Harvard am meisten beeinflusst hat, dann ist es vor allem meine Neugier auf Menschen und Bekanntschaften. Ja, ich war schon immer eine sehr soziale Person und habe den Austausch mit bekannten und unbekannten Menschen geliebt, aber in Harvard hat diese Leidenschaft nochmals neue Dimensionen erreicht. Die Marke Harvard hat mir vor allem nochmal vor Augen geführt, wie bereichernd und erfüllend es ist, neugierig zu sein und Menschen mit einer offenen Haltung zu begegnen. Was ich sicherlich mehr als alles andere mitnehme, ist eine noch viel tiefere Wertschätzung dafür, wie toll es ist, Menschen mit verschiedenen Hintergründen zusammenzubringen. Gleichzeitig würde ich sagen, dass die Marke Harvard mich auch mit der Idee von Verantwortung konfrontiert hat.

Gerade weil ich in Harvard die Erfahrung machen durfte, dass Studenten der Ivy League nicht arrogant sind, sondern vor allem neugierig und offen, ist es mir immer ein besonderes Anliegen, mich in all meinen Begegnungen mit neuen Bekanntschaften in einer Weise zu verhalten, die genau diesen negativen Stereotyp bricht. Das mag sicherlich nicht das weltweite Bild über Harvard oder die Ivy League ändern, aber ich versuche zumindest, meinen kleinen Beitrag zu leisten.

Und natürlich – und das gehört auch zur Wahrheit dazu – öffnet mir die Marke Harvard unzählige Türen. Die Tatsache, dass Harvard nun mal diesen einmaligen Namen mit dieser Reputation hat, erlaubt es mir und meinen Kommilitonen Zugänge zu erhalten, die sonst wahrscheinlich unmöglich geblieben wären. Auch das gehört zur Wahrheit dazu.

Schluss:

Was steckt also hinter dem Namen Harvard? What’s in the name? Weder pure Fassade noch reiner Mythos. Der Name ist vor allem ein Versprechen: ein fast 400 Jahre altes Versprechen, Menschen zusammenzubringen, die gemeinsam mehr sind als die Summe ihrer Teile. Menschen, die angetrieben sind von Neugier, einem Brennen für ihre jeweiligen Leidenschaften und einem nahezu unendlichen Hunger, mit ihren Beiträgen einen Unterschied in der Welt zu machen. Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Geheimnis: nicht in den Gebäuden, nicht in den Professorinnen und Professoren, sondern in der Tatsache, dass der Name Harvard weltweit Menschen anzieht, die dieses Versprechen einlösen wollen.

Ob ich das nächste Mal also sage: „I study at a small school outside of Boston“ oder doch die H-Bomb fallen lasse? Das kommt ganz auf mein Gegenüber an. Aber eines weiß ich: Ich bin stolz auf diesen Namen, nicht wegen des Mythos, sondern wegen der Wirklichkeit dahinter.

Bis zum nächsten Mal. See ya!

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