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Norwegische Campuskultur: Per Du mit Prof. Knut

Studieren an einer norwegischen Uni fühlt sich einfach anders an. Aber es gibt keine größeren strukturellen Unterschiede zu Deutschland. Es sind vielmehr die Details, die die Campuskultur hier auszeichnen. Zum Beispiel das Duzen mit den Professoren, die externe Benotung oder die Stimmung in der Prüfungsphase.

Eine ganz andere Lehrplanung

Zunächst zum größten Unterschied in Sachen Lehrplanung und Seminarzeiten. An deutschen Unis gibt es kaum Alternativen zum klassischen Modell, bei dem sich Dozent und Studenten jede der 14 oder 15 Semesterwochen je 1,5 Stunden pro Woche treffen. Hier an der Uni Oslo geht das viel flexibler und abwechslungsreicher zu. Manche Seminare starten mit vierstündigen Sitzungen im Januar und enden im März, während andere erst dann oder sogar noch später beginnen. Gerade die langen Sitzungen finde ich inhaltlich ergiebiger und wegen der gemeinsamen Mittagspause geselliger. Ein anderes meiner Seminare fand zweimal wöchentlich mit zwei Stunden statt, sodass der Dozent zum Beispiel spontaner auf aktuelle Themeninteressen reagieren konnte.

Whiteboard mit aufgemalten Herzchen und der Aufschrift "Let's talk about tinder"
Da man nicht alle Kurse zur gleichen Zeit im Semester hat, bleibt den Studenten an meinem Institut genug Zeit, um sich auch mit nicht „klausurrelevanten“ Themen zu beschäftigen

Ein ganz anderes Dozentenverhältnis

Auch das soziale Verhältnis zwischen Student und Dozent ist in Deutschland (noch?) viel klassischer und daher steifer. In Norwegen, wo Gleichberechtigung und damit flache Hierarchien gesellschaftlich extrem wichtig sind, begegnen sich beide Gruppen viel mehr auf Augenhöhe. Ein Teil der Erklärung ist aber auch, dass es sowohl auf Englisch als auch auf Norwegisch nur das „Du“ gibt. Mit einer Ausnahme: Für die Anrede des Königs gibt es eine spezielle „Sie“-Form.

Mein Lieblingsbeispiel stellt ein fast emeritierter Professor namens Knut dar, der wirklich jede einzelne Sitzung sein Namensschild aufgestellt hat. Und zwar aus Gründen der Gleichstellung und als Vorbild, damit wir es auch tun und er unsere Namen lernen kann. Ein anderer Dozent hat sich nach jeder einzelnen Seminarsitzung in einer E-Mail für die Diskussionsbeiträge bedankt und uns weitere Lesetipps oder Links geschickt.

Namenschild mit der Aufschrift "Knut", daneben Lehrbücher
In Deutschland unvorstellbar, aber in Norwegen eine Selbstverständlichkeit: Mein Professor Knut hat in jeder einzelnen Seminarsitzung sein Namensschild aufgestellt

Eine ganz andere Motivation für den Semester-Endspurt

Natürlich endet auch das norwegische Semester mit einer Prüfungsphase. Aber hier herrscht neben Anspannung und Gestresstheit auch eine positive Stimmung: In der Bibliothek hängen plötzlich überall Motivationszettel wie „Du bist nicht alleine“ und in der Campus-Bücherei gibt es kostenlosen Kaffee mit dem Aufruf, sich eine Pause zu gönnen.

Zwei rote Sofas mit Tisch in der Mitte, darauf Gratis-Kaffee
„Nimm dir eine Pause, wir haben ein gutes Sofa!“: Das Gratis-Angebot steht, jetzt fehlen nur noch Studenten im Prüfungsstress

Besonders charmant finde ich, wenn meine Uni auf Instagram dazu aufruft, sich in der Prüfungszeit um die Kommilitonen zu kümmern, zum Beispiel mit einer Nacken-Massage in der Bibliothek. Auch der Rektor höchstpersönlich hat mit einem Selfie-Video  viel Glück für die Prüfungen gewünscht (guter Eindruck von der norwegischen Sprachmelodie!). Über die Atmosphäre in den Bibliotheken, in denen anstelle von Verboten auf Rücksicht und Selbstverantwortung gesetzt wird, habe ich hier bereits berichtet.

Eine Frau massiert den Nacker einer anderen Frau, die vor ihr an einem Computer arbeitet
Geteiltes Leid ist halbes Leid: Die Uni Oslo ruft ihre Studenten dazu auf, sich in der Prüfungsphase besonders umeinander zu kümmern

Und das freitägliche „Lunsj med kultur“, bei dem es eine halbe Stunde Livemusik in der Hauptbibliothek auf dem Campus gibt, hatte noch nie so viele studentische Zuschauer wie in der Prüfungszeit (auch wenn es auf dem Video anders aussieht). Und noch nie vorher applaudierte das Publikum so lange, dass es eine Zugabe gab. Mit dieser Pausenentspannung kann bei den anstehenden Prüfungen ja nichts mehr schiefgehen!

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