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Gourmet-Himmel, Glaube und Gefahrenzone? 3 Tripoli-Klischees und meine Erfahrungen

Tripoli, Brutstätte extremistisch religiöser Ideen und Beirut, die unauthentische Großstadt. 80 Kilometer trennen die zwei größten Städte des Libanon, doch scheinen sie Welten voneinander entfernt. Oder sind sie sich vielleicht ähnlicher als sie denken? Drei Klischees über Tripoli und meine Erfahrungen im Vergleich.

Typisches libanesisches Essen
Libanesisches Essen im Restaurant Akra

‚Wie ist das Ausgehen in Tripoli so? Hast bestimmt schon hart Party gemacht‘, anschließend ein ironisches Lachen. So beginnt ein typisches Gespräch, wenn man in Beirut erzählt, dass man in Tripoli wohnt und nicht in der Partymetropole (die es in irgendeinem weltweiten Vergleich in der Kategorie Nachtleben immerhin mal auf Platz 10 geschafft hat, so wird man auch nicht müde zu betonen).

Stimmt… Beirut hat im Gegensatz zu Tripoli mindestens dreimal so viele EinwohnerInnen. Das bedeutet, die Stadt hat kulturell und gastronomisch auch drei Mal mehr zu bieten. Wie in anderen Metropolen der Welt gibt es Poetry-Slam-Veranstaltungen, Hip-Hop-Open-Mics, Konzerte und ein unabhängiges Theater. Und auch das ausgeprägte Nachtleben macht das Leben in Beirut unbestreitbar besonders, für Zugezogene, Touristen und Einheimische. In Tripoli dagegen beschränkt sich die Auswahl der Bars auf eine Straße. Läden, die den Titel ‚Club‘ verdient haben, gibt es ehrlicherweise gar nicht und abgesehen von der ein oder anderen Veranstaltung im Warshe13 ist die das Highlight der Woche.

Allerdings: Das gastronomische Angebot zeichnet beide Städte aus – auf unterschiedliche Weise. In Beirut ist das Angebot vielfältig, große und kleine Restaurants bieten internationale Küche an. Doch was libanesisches Essen angeht, ist Tripoli nicht nur wesentlich günstiger, sondern auch besser, wie ich finde. Während in Beirut das ‚Ta Marbuta‘ als Hort arabischer Köstlichkeiten genannt wird, hat mich das Essen dort nie vom Hocker gehauen. Ganz anders: Die Mezze-Restaurants in Tripoli. So zum Beispiel die kleinen Lokale in Mina oder das berühmte Frühstückslokal Akra. Und wenn man schon dabei ist Köstlichkeiten in Tripoli zu erwähnen, darf eines sicher nicht fehlen: Die Süßigkeiten. Besonders berühmt ist hierfür der Laden der Hallab Brothers, wo Eis, Baklava und auch sonst alles verkauft wird, was das süße Herz begehrt. Viel zu bieten haben aber auch einige der kleineren Süßigkeitengeschäfte, so zum Beispiel in der Straße, die vom Tal Square Richtung Levantine Institute führt. Gleichzeitig hat Tripoli ein großes Angebot günstiger Dinge, die es in seinen Souqs zu ergattern gilt: von Sneakers und Klamotten, über Seife und Schmuck – das Einkaufen in Tripoli ist günstig und macht in den alten Märkten gleich doppelt so viel Spaß.

 

Teller mit libanesischen Süßigkeiten
Tom’s Sweets und andere Läden bieten traditionelle libanesische Süßigkeiten an

Alltagsleben, oder: Wie Kleid und Leggings zum Sommeroutfit wurden

Ob Christinnen oder Muslime, viele meiner Freunde in Beirut wurden nicht müde zu betonen, wie konservativ die Gesellschaft in Tripoli ist. So saß ich in Deutschland vor meinem Rucksack und griff zielsicher zu langen Hosen und lockeren Oberteilen. Zu recht?

Stimmt… Tripoli ist in vielen Bereichen traditioneller und konservativer als Beirut. Das bedeutet im Alltag zum Beispiel: Lediglich ein Laden, der Alkohol verkauft in der näheren Umgebung unserer Wohnung und täglich Klamotten tragen, die Schultern und Knie bedecken. Nicht, dass irgendetwas passieren würde, wenn man in Rock und Top durch Tripolis Straßen läuft, aber da es absolut keine andere Frau macht (und übrigens auch die Männer meist lange Hosen und T-Shirts tragen), fand ich es respektvoll, das zu vermeiden. Um sowohl für die Gesellschaft in Tripoli gewappnet zu sein, als auch an anderen Orten der Hitze mit etwas leichteren Klamotten zu begegnen, sind  Leggings und Kleid für mich das Outfit geworden. So zum Beispiel, wenn ich abends nach Mina fuhr…

… Allerdings: In Mina, dem Stadtteil Tripolis, der an der Küste liegt, sind Kleider und Tops kein Problem. Und nebenbei, Gründe und Orte, um dem stressigen Alltagsleben in beiden Städten zu entfliehen, gibt es zum Glück genug. So hat sich mir von Tripoli aus nochmal einen ganz anderer Teil des Landes erschlossen. Mit den kleinen Küstenstädten Enfeh und Chekka in direkter Nachbarschaft, sind die Abende und Wochenenden am Strand gesichert. Hat man Lust auf Berge bietet sich ein Besuch im Quadisha Valley an, einer meiner Lieblingsorte im Libanon. Die Fahrt nach Ehden ist mit dem Service machbar und dauert gerade mal eine Stunde. Vor Mina, der Hafenstadt im Anschluss an Tripoli, liegen verschiedene Inseln, die teilweise sogar einen Sandstrand haben, im Libanon ein seltenes Gut. Die nördlich von Tripoli liegende Region Akkar, ist durch ihre Nähe zu Syrien im Moment dagegen kein Reiseziel und wird fast ausschließlich von MitarbeiterInnen verschiedener NGO besucht.

Sonntagsausflug zu Tripolis Inseln.

Die politische Situation, oder: Hey Friends!

Straßenszene mit Männer vor Gebäude, die Kaffee trinken
Eine typische Straßenszene in Tripoli

Ein Abend in dem Kulturcafé Warshe13 in Mina, ein junger Mann aus Tripoli sitzt mit uns am Tisch. Er spricht fließend Englisch und hat sich für einen Master an einer deutschen Universität beworben. Als er hört, dass ich Theologie studiere, kommen wir ins Gespräch. Er erzählt von seiner Vergangenheit, dass er ’so richtig tief drin‘ gesteckt habe in religiösen Fragen und in der Suche nach Antworten. Es gab einen Punkt, da wollte er kämpfen, nach Syrien ausreisen, erzählt er weiter. Auf welcher Seite?

Stimmt… Religiöser Extremismus und konservative Lebenseinstellungen unterschiedliche Formen des Extremismus sind vielen Menschen hier in ihrem Umfeld nicht fremd. So werden beispielsweise in der Stadt und in den darum liegenden Gebieten, wie der nördlichen Region Akkar immer wieder Schläferzellen des IS hochgenommen. Zurück zu unserem Abend im Warshe13. Auf welcher Seite? Der junge Mann zuckt die Achseln. Einfach was tun, gegen die Ungerechtigkeit. Eine Stadt, die seit Jahren im Schatten der Hauptstadt steht und zurückstecken muss. Dazu die geographische Nähe zu Syrien und die dauerhafte Präsenz des Konfliktes sind häufig zwei Gründe für dieses Gefühl der Ungerechtigkeit, auch im eigenen Land. Hinzu kommt dann der Kontakt mit religiösen Figuren, die den Menschen Orientierung geben und dabei Religion und Politik stetig miteinander vermengen – ein mögliches Muster schleichender individueller Radikalisierung. Trotzdem würde ich sagen, dass das alltägliche Leben hier sicher ist und zwar aus zwei Gründen, wie ich im folgenden Absatz erläutern werde.

Allerdings: Ein Wochenende im Frühjahr. Für einige Tage besucht mich eine Freundin aus Deutschland in Beirut und ich finde die Souqs, die Zitadelle und andere touristische Sehenswürdigkeiten in Tripoli sind einen Tagesausflug wert. Wir laufen entspannt durch die Stadt bis wir uns plötzlich an einem Platz wiederfinden, der voll ist mit Armeewagen und bewaffneten Soldaten. Dieser Aufmarsch ist selbst für Tripoli ungewöhnlich, denke ich noch und werde prompt bestätigt. Ein Mann läuft uns hinterher und sagt in seiner freundlichsten hoffentlich-gefällt-euch-der-Libanon-Stimme: ‚Hey Friends, ihr wollt euch vielleicht gerade nicht hier aufhalten, es gibt ein bisschen Ärger. Wisst ihr wo die Zitadelle ist?‘ Als wir dies bejahen sagt er noch, wir sollen uns einfach eine Weile dorthin begeben und läuft zügig in seine ursprüngliche Richtung davon. Dieses Ereignis hätte mich vielleicht davon abhalten können längere Zeit in Tripoli zu verbringen, bewirkte bei mir aber fast das Gegenteil. Denn erstens, ist die Wahrscheinlichkeit in eine solche Konfliktsituation als Unbeteiligte/r hineinzugeraten realistisch gesehen gering. Und vielleicht kaum höher als in Beirut, das allein aufgrund seiner Größe und seiner Bedeutung als Hauptstadt Ziel terroristischer Attacken wurde und werden könnte. Außerdem stellte ich durch die ‚Hey Friends‘ Intervention des Unbekannten mal wieder fest: eine No-Go-Area zu sein, ist das allerletzte Bild von Tripoli, das die Menschen hier vermittelt haben möchten. Das heißt für alle nicht Einheimischen: es gibt mehr Menschen in Tripoli, die dir Gutes statt Böses wollen, dass ich mich auf die Unterstützung von Einheimischen immer verlassen konnte.

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