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Einsamkeit und Heimweh: Im Zwiespalt zwischen Abbrechen und Bleiben

Einsamkeit und Heimweh: Im Zwiespalt zwischen Abbrechen und Bleiben


Für viele ist das hier vielleicht ein Schock, aber: Mein Auslandssemester war eine hauptsächlich negative Erfahrung. Woran es lag, wieso ich nicht abgebrochen habe und warum ich trotzdem in Zukunft noch gerne ins Ausland gehen würde, erzähle ich in diesem Blogbeitrag.

Vorab: Ich will mit diesem Beitrag niemandem Angst vor einem Auslandsaufenthalt machen. Bei mir sind mehrere Faktoren zusammengekommen, die meine Erfahrung zu einer negativen gemacht haben, und niemand von den anderen Erasmus-Studierenden hier vor Ort hatte so viele Probleme wie ich. Es ist einfach vieles schief gelaufen, aber bitte lasst euch deshalb nicht von einem Auslandsaufenthalt abhalten.
Mit diesem Beitrag möchte ich euch auf eventuelle Probleme im Auslandssemester aufmerksam machen, und Mut spenden an diejenigen, die in ähnlichen Positionen sind wie ich.

Meine Situation

Mein Auslandssemester war stark vom Alleine sein geprägt, und irgendwann wurde aus dem „alleine“ ein „einsam“. In meinem Blogbeitrag zur Wohnsituation habe ich bereits erzählt, dass meine Mitbewohnerin und ich uns nicht besonders gut verstanden haben. Auch bei meinen Kursen lief nicht alles so, wie gedacht, da diese regelmäßig ausgefallen sind.
Zwar habe ich in Lüttich viele tolle Leute kennengelernt, aber deren Stundenplan war deutlich voller als mein eigener, sodass ich den Großteil der Zeit alleine war.
Als Stadt an sich hat Lüttich leider auch nicht unendlich viel zu bieten. Nach den ersten zwei Monaten hatte ich nicht nur vor Ort alle Museen und Co. gesehen, sondern die ersten Städte in der Umgebung schon zum zweiten oder dritten Mal. Außerdem gab es keine regelmäßigen Aktivitäten, wie zum Beispiel Sport-, Koch- oder Malkurse. Da belgische Studierende die meisten Wochenenden in ihrer Heimat verbringen, ist die Infrastruktur für Hobbies sehr durchwachsen.

Zwischen Tatendrang und Enttäuschung

Da saß ich also. In einem fremden Land, in einer Wohnung, in der ich mich nicht wohl fühlte und mit unendlich viel Freizeit. Damit meine ich, dass ich maximal 12 Stunden die Woche Uni hatte; aber in der Realität waren es dann doch eher nur sechs bis acht, und es gab so gut wie nie Aufgaben zur Vor- und Nachbereitung. Wenn ihr an einem Tag also acht Stunden schläft und vielleicht drei Stunden für die Uni beschäftigt seid, bleiben immer noch 13 Stunden Freizeit pro Tag. Und das über fünf Monate.

Diese Situation war für mich sehr belastend. Nach den letzten zwei Jahren Online-Studium dank Corona war ich voller Tatendrang, endlich wieder in Präsenz studieren zu können. Vielleicht war meine Enttäuschung über die ständigen Ausfälle auch deshalb umso größer, weil es sich für mich wieder nicht wie ein echtes Studium angefühlt hat.

Wie ich damit umgegangen bin

Anfangs war ich total verzweifelt. Ich habe die ersten zwei Monate bis zu den Osterferien mehrmals täglich geweint, ich konnte kaum essen und war gefangen in Gedankenspiralen. „Wie komme ich hier durch? Wie schaffe ich das?“ waren wohl die wichtigsten Fragen in meinem Kopf. Aber auch: „Will ich das schaffen? Will ich nicht einfach abbrechen?“
Ich bin die verschiedensten Szenarien durchgegangen, von umziehen, neue Kurse suchen bis Freiwilligenarbeit – doch all das war aus den verschiedensten Gründen leider nicht zu realisieren.

Abbrechen kam nicht in Frage

Auch ein Abbruch kam mir in den Sinn. Allerdings entschied ich mich dagegen, da ich durch einen Abbruch viel Zeit verloren hätte. Für mein Auslandssemester hatte ich mein Studium bereits um ein Semester verlängert, und aus organisatorischen Gründen hätte ich die mir fehlenden Fächer nicht mehr im laufenden Sommersemester belegen können. Ich hätte bis Oktober warten müssen, für meinen Bachelor noch ein zusätzliches Semester mehr gebraucht und zusätzlich meinen Traumpraktikumsplatz verloren, da mein Praktikum während der Zeit des deutschen Wintersemesters gelegen hätte. Für mich persönlich hätte ein Abbruch einfach zu viele Verluste von Zeit und Möglichkeiten bedeutet.
Falls ihr übrigens mehr zum Thema Abbruch eines Auslandssemesters lesen wollt, schaut doch auch bei Jumana vorbei.

Mehr als bloß Heimweh

Nachdem mir klar war, dass ich irgendwie das Semester durchziehen musste, kamen erst einmal die Osterferien. In dieser Zeit besuchte ich auch meinen Hausarzt. Denn in den vorherigen Wochen ging es mir unglaublich schlecht, und ich ahnte: Das ist kein normales Heimweh. Das ist mehr. Mein Arzt bestätigte mir schließlich, dass der Verlauf meines Auslandssemesters auf meine psychische und physische Gesundheit schlug.
Da Lüttich nur 200 Kilometer von meiner Heimat entfernt liegt, entschied ich mich für den letzten Monat der Vorlesungszeit dazu, zu pendeln. Die zweieinhalb Tage, die ich noch Kurse hatte, verbrachte ich vor Ort, den Rest der Woche verbrachte ich in Deutschland. In Absprache mit dem International Office werde ich außerdem meine Klausur im Juni online schreiben können, sodass ich Belgien noch im Mai verlassen kann.

Ein paar Tipps für euch

Zuallererst ein Reminder: Ein Auslandssemester ist wie ein normales Semester – in dem Sinne, dass alle Probleme, die ihr eventuell an eurer Heimatuni habt, hier auch auftauchen können. Eine WG, die nicht harmoniert, rücksichtslose Dozierende und Probleme mit den Kursen. Das alles kann genauso auch im Ausland passieren.

1. Versucht zu ermitteln, was genau euch an eurem Auslandssemester nicht gefällt. Einzelne Dinge, wie die Wohnsituation oder die Kurse, lassen sich oft ändern. Das International Office und eure Austauschuni sollten euch dabei auch unterstützen können.

2. Redet mit anderen Personen darüber. Egal ob Freunde oder Familie von zuhause, als auch andere Erasmus-Studierende vor Ort, oder Mitarbeiter*innen des International Office. Ich habe außerdem die Möglichkeit meiner Heimatuni genutzt, mit der psychologischen Studienberatung zu sprechen. Auch die Uni Lüttich hat so eine Beratung, aber ich fand es einfacher, in meiner Muttersprache über meine Gefühle zu sprechen. Vor dem Gespräch habe ich gezweifelt, ob es mir überhaupt schlecht genug für dieses Angebot geht. Der Gedanke war natürlich quatsch, denn bei psychologischer Hilfe gibt es kein Mindestlevel an Leid oder Schmerzen, das ihr vorweisen müsst. Also nehmt solche Angebote wirklich einfach an.
Außerdem habe ich einen spannenden Artikel im Internet gefunden, in dem zwei Mädchen darüber berichten, warum ihr Erasmus-Semester nicht die beste Zeit ihres Lebens war. Solche zwiegespaltenen Erfahrungsberichte haben mir Mut gegeben, dass ich nicht alleine bin mit meinen Erfahrungen.

3. Plant Aktivitäten und verabredet euch. Ladet euch Besuch ein, oder reist vielleicht selber zurück nach Hause (je nachdem, wie weit ihr weg seid). Geht ins Kino oder Theater, einen Kaffee in einem neuen Café trinken, oder besucht Orte in der Nähe. Nutzt die Zeit, die ihr vor Ort habt und versackt nicht in eurem Zimmer.

4. Lasst eure Emotionen zu. Es ist okay, traurig und enttäuscht zu sein, und ihr müsst keinem etwas vormachen, und dauernd glücklich sein. Etwas Traurigkeit ist okay – aber lasst euch davon nicht übernehmen.

5. Ein kleiner, aber feiner Trick: Zählt die Tage bis zu eurer Abreise. Ich habe in meinem Kalender jeden verstrichenen Tag durchgestrichen und auch eine Countdown-App auf dem Handy benutzt. Das hat mir sehr geholfen, durch die letzten Wochen zu kommen.

6. Macht das, was für euch gut ist und hört nicht auf Kommentare von anderen, sondern euer Bauchgefühl. Als ich nach vier Wochen das erste Mal ein Wochenende in meine deutsche Heimat gefahren bin, gab es von ein paar (wenigen) Erasmus-Studierenden Kritik à la „jetzt nach Hause zu fahren ist wie aufgeben“. Für mich war das aber die beste Entscheidung, da ich dort wieder Kraft und Energie für die nächsten vier Wochen bis zu den Osterferien sammeln konnte.

Warum ich euch trotzdem ein Auslandssemester ans Herz legen möchte

Eine Zeit im Ausland zu leben kann unglaublich bereichernd sein. Ich hatte das große Glück, bereits 2018/19 für zehn Monate einen Internationalen Jugendfreiwilligendienst in Jerusalem machen zu können. Und das war die beste Zeit meines Lebens. Ich konnte in eine neue Kultur eintauchen, Sprachkenntnisse verbessern, hatte eine große Freundesgruppe und Hobbies vor Ort, und habe unglaublich tolle Reisen gemacht. Die Rahmenbedingungen dort haben für mich einfach besser gepasst. Ein tolles Wohnumfeld und eine 40-Stunden-Woche – mit diesen beiden Dingen wäre meine Zeit in Belgien auch ganz anders verlaufen. Ich hatte Spaß an der Uni und habe schöne Abende mit Freund*innen verbracht. Aber gesehen auf meine Zeit vor Ort war es einfach zu wenig. Ich weiß, dass mein Semester in Belgien deutlich besser hätte sein können.
Und aus dem Wissen über diese positiven Momente will ich euch sagen: Traut euch. Es kann eigentlich nur besser werden als meine Zeit in Belgien.

Meldet euch gerne bei mir, ob hier in den Kommentaren oder auf Instagram und Twitter.
Alles Liebe, Merle

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