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(Über)Leben im Fahrradland

(Über)Leben im Fahrradland

„Du darfst nicht stehen bleiben“, sagt meine Freundin. „Hier hält sich keiner so wirklich an die Regeln. Dann haben sich neue Regeln entwickelt, so als Selbstläufer, weißt du.  Also einfach weiterfahren.“

Staunend und mit großen Augen beobachte ich die Niederländer*innen, während sie Einkäufe für die zehnköpfige Großfamilie, Terrassenstühle und meterlange Leisten auf ihrem Fahrrad an mir vorbei transportieren, ohne dabei eine Miene zu verziehen. Die großen Durchschnittsniederländer*innen scheinen mit einer Selbstverständlichkeit mit seinem Drahtesel verwachsen zu sein, die sich mir einfach nicht erschließt. Bei ihnen sieht das alles irgendwie lässiger aus; und ich wusste schließlich nicht einmal, dass man beim Fahrradfahren lässig aussehen kann. Zu Hause in der Eifel nehme ich es eher als eine schweißtreibende Angelegenheit wahr, während die Rentner*innen auf ihren E-Bikes fröhlich an einem vorbei strampeln.

Willkommen in den Niederlanden

„Where to get a bike“ steht auf den Willkommensflyern für Erstis, als ich im September hier ankomme. Ich hab schon eins. Es ist  nicht mehr das Jüngste und wurde schon von mehreren Vorbesitzern weitergereicht. Irgendwann ist es dann bei mir gelandet und geblieben. Mit 12 Jahren habe ich es feierlich auf den Namen Lisa getauft. Lisa ist also mit umgezogen und passt sich perfekt an das Landschaftsbild voller alter, klappriger Fahrräder an. Mein Papa kauft ein Schloss. So ein richtiges, für 30 Euro. Wahrscheinlich kostet es mehr, als das Fahrrad letztendlich wert ist. Aber kaum ist man über die Grenze scheint sich der Wert eines Fahrrads zu verdreifachen. Zu Hause lasse ich es unabgeschlossen vor der Ladentüre stehen. Scherze, dass das Fahrrad Schloss genug sei. (Auch, wenn meine Mama das vermutlich gar nicht gerne hört.) Wenn ich wieder rauskomme, wartete es dann auch treu auf mich. Das scheint hier nicht zu gehen. Im Jahr 2014 wurden hier 133.779 Fahrräder gestohlen. Eine stolze Zahl vor allem für die sonst so vertrauenswürdige Niederlande. Und weil ich nostalgische Gefühle für mein Fahrrad hege, schließe ich es ab jetzt immer brav ab.

Mädchen mit gelber Jacke auf einem Fahrrad, das durch eine Allee fährt.
Auf dem Fahrrad durch das wunderschöne Groningen.

Die Liebe zum Drahtesel

Die Niederländer*innen lieben ihre Fahrräder. Mein Dozent erzählt, dass sogar der niederländische Premierminister Mark Rutte seinen täglichen Weg zur Arbeit auf dem Rad zurücklegt. Ob das nicht zu gefährlich wäre, so ohne Tonnen an Autoblech mit Glasscheiben um sich herum?, fragt mein Kommilitone. Mein Dozent zuckt mit den Schultern. Den Niederländer scheint man von seinem treuen Begleiter nicht trennen zu können. Selbst wenn er Mark Rutte heißt und das Land regiert.

Fahrradpolitik

Im Netz finden sich ganze Blogbeiträge über das Fahrrad (und mit diesem hier gibt es jetzt sogar noch einen mehr.) Groningen scheint für Fahrräder gebaut. Der Verkehrszirkulationsplan (frei übersetzt), der 1977 von der Politik umgesetzt wurde, macht es für Autos unmöglich, direkt durch das Stadtzentrum zu fahren. Deshalb werden auch über 60 Prozent aller Fahrten in Groningen mit dem Fahrrad zurückgelegt. Gut für die Umwelt, gut für die Gesundheit. Vielleicht auch der Grund, warum die Niederländer*innen so viel frittierte Küche essen können. Das wiegelt sich dann mit den etwa hundert Kilometern zurückgelegten Wegstrecke jede Woche auf. Diese geben den hier aufgewachsenen Menschen aber auch definitiv einen Vorteil, wenn es um das Transportieren von Gebrauchsgegenständen jeglicher Größe geht. Ich mühe mich auch noch nach einem halben Jahr mit meiner Einkaufstüte, die ich über meine Schulter hänge, ab.

Man sieht ein Fahrrad. Es ist blau und hat einen Schaumstofflenker. Es hat eine rosa weiß gepunktete Haube gegen Regen .
Darf ich vorstellen – das ist Lisa!

Mein Fahrrad, die Ampel und ich

Ich trete in die Pedale und fahre über Groningens Kopfsteinpflaster. Der dritte Mann, der die siebzig schon weit übertroffen haben scheint, fährt lässig (wie sollte es auch anders sein) und  an mir vorbei. Gänge hat sein Fahrrad keine, versteht sich. Ich zweifle: So unfit bin ich doch gar nicht und schiebe es schließlich auf die Pandemie.

Die Ampel an der Kreuzung ist rot und die Menschen warten ungeduldig auf Grün. Ich fühle mich, als würde ich auf einem Rennpferd sitzen und auf das Startsignal warten. Als die Ampel schließlich umspringt, fahren wir los. Und zwar alle. Gleichzeitig. Von links und rechts und von vorne. Ich will links abbiegen, muss also einmal über die Kreuzung drüber. Meine Sozialisierung sagt, erst auf die andere Seite zu fahren, um dann die Straße noch einmal nach links zu überqueren. Mein Instinkt will sich am liebsten wie ein Kaninchen bei Gefahr auf den Boden schmeißen und sich tot stellen. Mein Überlebensdrang fährt den anderen hinterher. Einfach quer drüber. Ich verstehe nicht, wie das funktioniert, aber niemand baut einen Unfall. Ich erkläre es zu einem niederländischen Paradoxon. Anscheinend ist es auch nur in Groningen so, dass alle vier Fahrradampeln gleichzeitig grün werden. Komische Regelung.

Die Rangfolge in den Niederlanden scheint klar. Das Fahrrad ist der König der Straße, das Auto liegt weit abgeschlagen dahinter. Ganz am unteren Ende der Nahrungskette scheint der Fußgänger zu sein. Und dann komme ich, weil ich nicht den Biss besitzen zu scheine, mich so selbstbewusst durch den Verkehr zu schlagen, wie die Niederländer*innen es tun.

Ungewöhnliche Parkmöglichkeiten

Ich komme am Forum an, einem bemerkenswert modernen Turm inmitten der Groninger Altstadt. Ich bin zum Lernen hier, es ist ein Kulturzentrum (Momentan hat es geschlossen, aber letztes Jahr habe ich viel Zeit dort verbracht). Ich rolle mein Fahrrad auf das Laufband, das uns in die Tiefgarage für Fahrräder bringt. Dort sitzen Mitarbeiter*innen hinter einer Glasscheibe. Sie bewachen die Garage. Ich starre die Konstruktion der Fahrradständer an. Sie sehen aus wie Etagenbetten, nur nicht für Kinder, sondern für Fahrräder. Ich habe Respekt vor ihnen, bis jetzt habe ich mich noch nicht getraut, mein Fahrrad zu stapeln. Ich schiebe es in den unteren Ständer und begebe mich ins Gebäude.

Man erkennt die Fahrradtiefgarage. Ulkig daran ist, dass man hier die Fahrräder tatsächlich zweigeschossig stapeln kann. Man kann ein Fahrradreck aus dem oberen "Regal" hinausziehen und dann kann das Fahrrad auch oben aufbewahrt werden. Das ist sehr flächeneffizient.
Die Fahrradtiefgarage! Hier werden die Fahrräder sogar gestapelt.

Regeln?!

Abends will ich nach Hause fahre. Ich warte brav an der Kreuzung, es ist nur eine Kleine, sie macht mit keine Angst. Aber eine Ampel gibt es auch nicht. Ich schaue, rechts-links-rechts, wer von rechts kommt, hat Vorfahrt. Irgendwie fahren aber trotzdem einfach alle, ungeachtet von Verkehrsregeln. Meine Freundin fährt los. Als sie auf der anderen Straßenseite angekommen ist, blickt sie sich um. Ich stehe immer noch da. Du musst einfach fahren, ruft sie zu mir herüber. Die Leute überholen mich schon von hinten. Ich bin verwirrt. Ich bin ein Mensch, der selbst dann nicht über die rote Ampel geht, wenn kilometerweit kein Auto zu sehen ist. Einfach zu fahren erscheint mir … falsch. Als ich dann endlich zu meiner Freundin aufschließe, frage ich, ob es denn keine Regeln gäbe. Sie lacht. Die gibt es, erklärt sie mir. Aber so richtig dran halten tut sich halt keiner. Die Dynamik, die sich dann entwickelt hat, heißt halt, einfach drauf loszufahren. Ich bin ein bisschen mürrisch. Ich mag Regeln. Und noch lieber wenn man sich auf daran hält.

Zahlen und Fakten

In Groningen besitzt eine Person im Schnitt 1,4 Fahrräder. Dementsprechend sieht man sie überall stehen. Das Bild der Stadt ist aber auch von den zahlreichen Grachten geprägt. Schwimmen gehen sollte man in ihnen aber nicht unbedingt. Nicht nur, weil das eher unappetitliche Wasser wenig dazu einlädt, sondern auch, weil die Stadt jährlich viele Hundert Fahrräder aus den Grachten fischt.

„Vietsen“, wie die Niederländer*innen Fahrradfahren liebevoll nennen, kann unter Umständen aber auch ganz schön teuer werden.  Habt ihr keine Lichter am Rad, kann euch das schnell schlappe 55 Euro kosten. Lampen am Rad sind anscheinend dafür bekannt, bei Gelegenheit geklaut zu werden. Sollte es irgendwann noch mal dazu kommen, dass wir am Wochenende ausgehen können, sollte man nach dem ein oder anderem Bier lieber nach Hause gehen. Werdet ihr unter starkem Einfluss von Alkohol auf dem Rad erwischt, dürft ihr 100 Euro abdrücken.

Man sieht eine Gracht. Es ist Sommer und die Gracht ist durch Entengrütze grünlich gefärbt. Links und rechts sieht man Schiffe.

In diese Grachten werden massenweise Fahrräder geschmissen. Nicht unbedingt gut für die Umwelt….

Ich  komme heil an meinem Wohnheim an und bringe das Fahrrad in den dazugehörigen Schuppen. Groningen ist gar nicht mal so groß, denke ich mir. Ich beschließe, mich niemals in einer wirklich großen niederländischen Stadt auf den Sattel zu schwingen.

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