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Kolumbien das N steht für Nachhaltigkeit?

Bogotá hat eine der höchsten Recyclingraten aller lateinamerikanischen Großstädte, das größte Fahrradnetz auf dem gesamten Kontinent und wurde erst letztes Jahr zum Sieger der One Planet City Challenge gekürt. Alles also im Grünen? (Noch) Nicht ganz. Ein paar Fakten, Fotos und drei Tipps.

Kolumbien – eines der nur siebzehn megadiversen Länder auf der Welt, mit der größten Biodiversität nach Brasilien (aber auf viel kleinerer Fläche). Mit dem Pazifik und der Karibik. Mit dem Amazonas, Wüsten, Vulkane und schneebedeckten Gebirgsketten. Mit zehn Prozent aller auf der Welt existierenden Arten, direkt vor der eigenen Haustür. Kolumbien ist aber leider auch das Land, in dem massive Abholzung der Wälder stattfindet, Arten (zum Beispiel Faultiere) zunehmend vertrieben werden oder aussterben, hohe Werte in Luft- und Wasserverschmutzung die Gesundheit aller Bürger*innen belastet und nach wie vor fossile Rohstoffe abgebaut und exportiert werden.

Ein Beispiel: Was bringt dieser Tage Deutschland und Kolumbien zusammen? Kohle. Genauer gesagt Braunkohle, die vor allem aus Cerrejón kommt – dem größten Tagebau Lateinamerikas, in La Guajira. Von Einheimischen, Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen schlicht „das Monster“ genannt, ist diese (inzwischen zu 100 Prozent einem Schweizer Unternehmen gehörende) Miene im Nordosten Kolumbiens ein frappierendes Exempel dafür, wie der eingeschlagene Weg verschiedener Länder zu mehr Nachhaltigkeit innerhalb des kapitalistischen Systems zeitweise vielschichtig und gelinde gesagt widersprüchlich sein kann. Die Wahrheit hat letztlich immer mehr Tiefgang als anfänglich gedacht – in diesem Fall wortwörtlich.

Die versteckten Kosten von Recycling

Mein Aufenthalt hier in Bogotá ist mein erster (und ganz gewiss nicht letzter) in Lateinamerika. Ich weiß, dass dieser Aspekt nicht exklusiv für Kolumbien gilt, sondern in ähnlicher Form auch in vielen anderen Ländern anzutreffen ist. Nichtsdestotrotz, die direkt nebeneinander existierenden Konstraste der Lebensrealitäten und ökonomischen Möglichkeiten der Bogotanxs lassen mich nach wie vor nicht kalt. Während in Stadtbezirken wie Chico, Usaquén oder Zona Rosa munter der Rubel rollt, suchen gleichzeitig auf genau denselben Straßen die Recicladores nach verwertbaren Materialien im Müll.

auf der belebten Septima läuft ein Reciclador mit seinem Karren auf der Fahrradspur
die Recicladores laufen auch oft auf den Hauptstraßen – und atmen somit direkt sämtliche Abgase ein. Leider haben sie auch so gut wie nie Handschuhe oder andere Schutzkleidung zur Verfügung. Müllsammeln ist ein gefährliches Geschäft, in mehreren Hinsichten.

Ich kann diesen, für mich so markanten Aspekt des alltäglichen Lebens in Bogotá (und anderen Großstädten) nicht nicht beschreiben. Sie prägen das Stadtbild und sind eines dieser kleinen, oft übersehenen Rädchen, die aber das große Ganze, in dem Fall die Multimillionenstadt Bogotá, am Laufen halten. Diese Personen, teilweise ganze Familien, bestreiten ihren Lebensunterhalt damit, öffentliche Mülleimer nach Plastik, Metallen oder anderen wertigen Materialien zu durchsuchen, auf ihren großen Karren durch die ganze Stadt zu transportieren und letztlich bei minimaler Vergütung in Annahmestellen abzugeben. Noch bis vor wenigen Jahren wurden Esel für den Transport zur Hilfe gezogen. Dann wurden diese allerdings aus – zweifelsohne gerechtfertigten – Gründen des Tierschutzes verboten. Die andere Seite der Medaille? Dass die circa 25.000 bis 45.000 Recicladores seitdem die Straßen Bogotás zu Fuß navigieren müssen und ihre sicherheitsschädigende Betätigung um die enorme körperliche Anstrengung erweitert wurde.

Es gibt zwar auch ein formelles Abfallsystem in der Stadt, nicht alles lastet also auf den Schultern der Müllsammelnden. Die Aufträge gehen aber seit Jahrzehnten quasi ausschließlich an ein einziges Unternehmen und die mangelnde Qualität hat bereits wiederholt zu Protesten seitens der Bevölkerung geführt. Kolumbiens aktueller und erster linker Präsident Gustavo Petro hatte in seiner Kampagne unter anderem mit der Verbesserung der Zustände für die Recicladores geworben. Seit Jahren gibt es bereits Initiativen wie die Asociación de Recicladores de Bogotá (ARB), die mitunter mit der offiziellen Registrierung aller Recicladores und einhergehender Strukturalisierung angemessenere sowie gesicherte Gehälter und mehr (soziale) Anerkennung für ihre Arbeit etablieren wollen. Die Covid-Pandemie und die vielen Schutzsuchenden, aus vor allem Venezuela, die häufig keiner offiziellen Tätigkeit nachgehen können und deshalb auf alternative Erwerbsmöglichkeiten angewiesen sind, haben die Situation noch komplexer werden lassen. Es ist leider nach wie vor nur ein Bruchteil aller Müllsammelnden Teil dieser Projekte und die Missstände sind spätestens nach einem zweiminütigen Spaziergang in der Innenstadt offenkundig. Aber Dinge bewegen sich definitiv in die richtige Richtung und Kolumbien ist mit seinem Konzept der Formaliserung und konstitutionellen Anerkennung dieser Dienstleistung ein Vorreiter für viele benachbarte Länder.

Nicht selten haben die Reclidadores auch Haustiere dabei, oder ihre Familienmitglieder.

Bessere Luft für mehr Lebensqualität

Bogotá wird auch nachgesagt, den schlimmsten Verkehr/ Stau ganz Lateinamerikas zu haben. Ich kann mir zwar gut vorstellen, dass das auch über einige andere Großstädte in diesen Breitenkreisen gesagt wird. Der Verkehr (und insbesondere die entsprechende Luft) ist aber in jedem Fall vor allem zu Stoßzeiten wirklich unschön. Hauptfortbewegungsmittel sind nach wie vor Autos, Busse und Motorräder. Nicht zu vergessen die Lieferdienste mit ihren selbst gebauten ciclomotores. Im Nahverkehr benutzen viele Bewohner*innen nicht zu Unrecht nach wie vor einen Mundschutz, um sich vor der Luftverschmutzung zu schützen.

aus dem Rückfenster eines Busses fotografiert, ist dieses Foto ein Schnappschuss der Feierabend-Rushhour, mit Mopeds, Taxis, Autos und Bussen auf der Straße
Der Straßenverkehr in Bogot´á besteht im Wesentlichen aus den kleinen, gelben Taxis, den großen roten Transmilenio-Bussen und der Schwarm an Motorradfahrern.


Aber auch hier seien die zahlreichen, bereits angelaufenen Initiativen erwähnt: Das Fahrradnetz wird kontinuierlich erweitert und die Zahl verkehrsberuhigter Zonen erhöht, die Busflotte wird nach und nach mit elektrisch betriebenen Modellen erneuert, das innovative Seilbahn-System Transmicable ist solarbetrieben und dient als effizientes Transportmittel im Süden der Stadt, und das Mammutprojekt, den Aufbau eines Metro-Systems, nimmt ebenfalls zunehmend Gestalt an.
Die seit den 70ern fortbestehende Tradition der Ciclovía ist für mich eine der inspirierendsten kommunalpolitischen Erfolgsgeschichten, die ich kenne. Jeden Sonntag fühle ich mich dank ihr auch wie ein echter rolo (Bewohner Bogotás), wenn ich mit meinem Fahrrad auf den gesperrten Hauptstraßen daher düse.

ein Bikesharing Standort, mit den für Bogotá typischen orange farbenen Leihfahrrädern
Das mutmaßlich beste ausgebaute Bike-Sharing-Netz Lateinamerikas! Funktioniert tatsächlich auch einwandfrei.

Konsum hat hier kurze Wege

Ein weiterer Aspekt, der mir sehr positiv in Kolumbien aufgefallen ist: Vieles wird regional produziert! Die kolumbianische Küche ist in der Regel nicht die gesündeste, da sehr fleischlastig, wenig Gemüse enthaltend und häufig frittiert. Die Zutaten sind aber frisch und regional, das Essen wird in großen Restaurants wie auch im kleinen Straßen-Imbiss frisch zubereitet. Kolumbien importiert verhältnismäßig wenig und kann mit den heimisch produzierten Waren relativ viel des Eigenbedarfs abdecken. Medellín gilt zudem als wahres Mekka der Kleidungsindustrie.

eine Wand aus Gemüse, mit gestapelten Zwiebeln, Tomaten, Kochbananen, Kürbis, Aubergine und Paprika
In der Markthalle Paloquemao gibt es neben Fisch, Fleisch und allerlei Abgepacktem auch unzählige Obst- und Gemüsestände wie diesen hier.

Wie du siehst, Kolumbien stellt sich der Herkules-Aufgabe Nachhaltigkeit und zeigt neben viel gutem Willen auch kreative Lösungsansätze. Jahrzehntelang durch den bewaffneten Konflikt zurückgehalten, versucht das Land aus den Fehlern der Nachbarländer zu lernen und im Gleichschritt mit dem ökonomischen Aufschwung auch die Natur zu bewahren. So können viele der Nationalparks ausschließlich mit Guides besucht werden und einige, wie Tayrona, haben eine Obergrenze an Besuchern und feste Schließzeiten im Jahr zur Restauration und Regenerierung der Natur und Gemeinden. Wie mit allem verlangt aber all das auch viel Zeit, gute Kommunikationsstrategien und Flexibilität, um letztlich die Menschen aller Gesellschaftsschichten mit ins Boot zu holen und für einen nachhaltigeren Lebensstil gewinnen zu können.

Hier sind drei Dinge, wie ich in meinem Auslandssemester hier in Kolumbien versuche, nachhalitg(er) zu leben:

1) Go Green, in Bogotá und außerhalb

Das kolumbianische Nationalgericht, Bandeja Paisa, besteht unter anderem aus Schweinefleisch, Hackfleisch, Spiegelei, gebratener Schweinebauch und Chorizo (gewürzte Rohwurst, typischerweise Schwein) – sollten also alle plantpowered people Kolumbien besser direkt umschiffen? Natürlich nicht! Es gibt in Bogotá (und auch den anderen Großstädten) so viele, so gute vegane Restaurants, dass du dir wirklich absolut keine Sorgen machen musst. Ich hatte zwar bereits einige „Überraschungen“, wie zum Beispiel eine, laut Menü vegane Pizza, auf der dann ein Berg Käse thronte. Aber wir Veganer*innen sind bekanntlich Kummer gewöhnt und während der Bestellung in nicht-explizit-veganen Läden schiebe ich mittlerweile möglichst beiläufig eine kurze Erklärung hinterher, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Vegan ist trendy – und der Trend hat auch längst die kolumbianischen Großstädte erreicht. Mindestens Mandelmilch ist in allen Supermärkten sowie den meisten Cafés verfügbar. Ara, eine der drei geläufigsten Supermarktketten, hat Tofu im Standardsortiment. Und es gibt so viele kleine, super leckere, ausschließlich vegane Lokale hier in Bogotá, dass du wirklich die Qual der Wahl hast. Hätte ich ein Portal, würde ich zum Beispiel Maha Vegan Food direkt mit nach Berlin transportieren. Ebenfalls gefährlich gut ist das Dreieck der guten Laune: Veggie Beans and Shakes, DeRaiz und LaCocinita Verde. Schick mir eine private Nachricht für die weiteren Asse in meinem Ärmel. Und sorge nicht: Auch in den ländlichen Regionen wirst du alles andere als verhungern! Reis und Bohnen, Patacones und Avocado gibt’s hier schließlich überall wie Sand am Meer.

ich trinke gerade meinen Fruchtsaft, schaue lächelnd in die Kamera und habe meine vegane Pizza vor mir
Verhungern wird schwer in Kolumbien, auch für Veganer*innen

Schau auch mal bei Teja in Amman vorbei und lass dich von der jordanischen Küche verzaubern. Oder erfahre von Helen, wie sie in São Paulo das Dilemma der eigenen Grundsätze zum einen und der Abenteuerlust und Neugier auf Kultur und Küche zum anderen gelöst hat. Und inwiefern sich zwischen Lángos und Gulyás auch vegane Optionen in Budapest finden lassen, verrät dir Helena.

2) Aus zweiter Hand, zum guten Gewissen

Second Hand shoppen ist das, was die coolen (und um Nachhaltigkeit bemühten) Kids von heute machen. Und es gibt dafür auch in Bogotá Läden, wie beispielsweise Planeta Vintage. Die Vintage-Szene ist aber bei weitem nicht so groß wie für uns gewohnt und beschränkt sich eher auf kleine Oasen oder privat veranstaltete Flohmärkte in der Nachbarschaft. Meiner Empfindung nach denken die wenigsten hier auch beim Möbel-/ Fahrradkauf an Gebrauchtwaren. Allerdings gibt es einige Flohmärkte (zum Beispiel in Candelaria und Usaquén), die mindestens einen Sonntagsspaziergang wert sind.

3) Deine Chance, Teil der Veränderung zu sein

Ich habe wirklich kein Interesse daran, groß Ratschläge zu verteilen. Wir alle haben schließlich verschiedene Lebensstile und persönliche Beweggründe für unsere alltäglichen Entscheidungen. Klar ist auch: Auslandsaufenthalte bringen immer moralische Knifflichkeiten mit sich. Ich für meinen Teil versuche es manchmal einfach als Chance zu sehen, in einigen Situationen meine Mitmenschen im bestmöglichen Sinne zu irritieren. Wenn ich im Supermarkt die „bolsita“ (Plastikbeutel) ablehne und stattdessen meine wiederverwendbaren Beutel benutze. Oder Freund*innen erzähle, dass ich den Nachtbus statt das Flugzeug nehme. Oder lieber im kleinen Bioladen bei mir um die Ecke einkaufe statt in der großen Kette.
Du weißt am besten, was sich für dich gut und richtig anfühlt.

ich sitze in einem veganen Restaurant, vor der Neon-Aufschrift an der Wand "Iss mehr Pflanzen" auf Spanisch
„Iss mehr Pflanzen“

Hier geht’s direkt weiter mit drei Berichten von meinen Ko-Korrespondentinnen, die dein grünes Herz garantiert höher schlagen lassen:
Vladana verrät dir die Tipps und Tricks für Lissabon,
Tamara hat sichs in Ljubljana gutgehen lassen
und Paula berichtet über Tofu und Torten, live aus Tartu.

ErlebeEs – am besten selbst! 🙂

– Julius

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