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Wie tickt Amerika?!

Wie tickt Amerika?!

Fast Food, Oberflächlichkeit und dicke Autos – rund um das Leben in den USA existieren mindestens so viele Klischees wie es Bundesstaaten gibt. Mittlerweile studiere ich nun selbst seit genau zwei Monaten an einer der größten Universitäten der USA – ein guter Zeitpunkt, um zehn der häufigsten Klischees unter die Lupe zu nehmen und herauszufinden: Handelt es sich hierbei um reine Vorurteile oder die pure Realität?

Bei den folgenden Eigenheiten und Eigenschaften der Amerikaner handelt es sich um vermeintliche Klischees, die ich teilweise selbst im Gepäck hatte, als ich in mein Abenteuer Auslandssemester aufgebrochen bin. Wie immer gilt: Meine Einschätzung dieser Klischees ist keinesfalls allgemein auf jeden US-Staat und jeden Amerikaner übertragbar, sondern beruht auf den individuellen Erfahrungen und den jeweiligen Menschen, die ich hier an der Michigan State University machen und kennenlernen durfte.

Die Amerikaner …

… ernähren sich hauptsächlich von Fastfood!

Stimmt teilweise! Klar, die USA sind bekannt für Burger, Pommes und Softdrinks. Nicht ohne Grund wird oft behauptet, dass Austauschstudenten in den USA besonders gefährdet sind, mit ein paar Extrapfunden nach Hause zurückzukehren. Auch in den Dining Halls auf dem Campus meiner Uni gibt es zu jeder Tageszeit reichlich Fast Food zur Auswahl: Cola zum Frühstück und jeden Abend fettige Pizza sind für einige Studenten hier selbstverständlich. Das liegt meiner Meinung nach auch daran, dass in Schulen etc. in den USA lange kaum über eine ausgewogene Ernährung aufgeklärt wurde und das Bewusstsein dafür dementsprechend relativ gering ist. Allerdings ist besonders in den letzten Jahren auch in den USA ein Gegentrend zu beobachten und zumindest meine Uni tut viel dafür, gesunde Mahlzeiten anzubieten. Es gibt immer auch eine riesige Salatbar, einen vegetarischen Stand, zwei Theken mit frischem Obst und Smoothies. Hier könnt ihr euch selbst einen kleinen Überblick verschaffen. Außerdem stehen den ganzen Tag über Wasser, Früchte und Mandeln gratis zur Verfügung. Das heißt: Ja, Fast Food ist beliebt und viele Amerikaner wählen Burger vor Brokkoli. Es gibt aber auch genügend Amerikaner, denen eine gesunde Ernährung wichtig ist. Beide Seiten kommen zumindest in den Cafeterias meiner Uni voll auf ihre Kosten!

hier esse ich Burger

Amerika – das Land des Fastfoods?!

… fahren lieber SUV, als sich für die Umwelt zu interessieren!

Stimmt teilweise! Ein Nachmittag vor ein paar Tagen, meine (amerikanische) Freundin Annie und ich stehen in ihrer Küche, vor uns ein Rezept für Apple-Pie. Da fällt uns auf, dass eine der wichtigsten Zutaten – Mehl – noch fehlt. Zum Glück ist der Supermarkt direkt um die Ecke, 400 Meter entfernt. Während ich gerade dabei bin, meine Jacke überzuziehen – schließlich laufen wir doch sicherlich die paar Meter?! – winkt Annie schon mit dem Autoschlüssel. Annie ist keine Ausnahme! Seid meiner Ankunft in Michigan ist mir schon oft aufgefallen, dass der öffentliche Nahverkehr weniger stark ausgebaut ist, als in Deutschland und viele Amerikaner lieber den eigenen Wagen als den Bus oder das Rad nehmen. Ein beliebtes Hobby ist es auch, an einem freien Tag im Auto ein bisschen durch die Gegend zu fahren, dabei Musik zu hören und ein paar Snacks zu essen. Macht Spaß, schadet aber der Umwelt. Nicht ohne Grund haben die USA eine der höchsten C02-Emmissionsraten pro Kopf. Allerdings gilt auch hier, ähnlich wie bei dem Thema Fast Food, das sich auch viele Amerikaner für die Umwelt einsetzen. Allein an meiner Uni gibt es über 20 Clubs, die sich für Tier- oder Naturschutz stark machen und die MSU wurde bereits mehrfach für ihre umweltfreundliche Hochschulpolitik ausgezeichnet: Mülltrennung, Solarenergie und Plastikreduzierung wird hier großgeschrieben!

meine Freunde im Wagen
Beliebtes Hobby in Michigan: Mit dem Auto durch die Gegen fahren.

… sind freundlich, aber oberflächlich!

Stimmt nicht! Die überwältigende Freundlichkeit der Amerikaner war für mich anfangs verwirrend, mittlerweile liebe ich sie. Ab meinem ersten Tag hat sie dazu beigetragen, dass ich mich hier nicht nur wohl, sondern fast wie zu Hause gefühlt habe. Ganz anders als in Deutschland lächeln mir hier wildfremde Menschen zu, fragt mich die Dame am Check-in-Schalter der Dining Hall nach meinem Tag (und hört der Antwort sogar zu), und kennt der Hausmeister meinen Namen und meinen Studiengang. Ausnahmslos jeder Amerikaner, den ich bisher kennengelernt habe, war ganz begeistert zu erfahren, dass ich aus Deutschland komme, hat mich direkt auf die nächste Party eingeladen und ernsthaftes (!) Interesse an mir und meiner Heimat gezeigt. Vielleicht erscheint das vielen Deutschen zunächst zwar freundlich, aber auch ein wenig oberflächlich. Zumindest meiner Erfahrung nach aber sind Amerikaner meistens nicht oberflächlicher als Deutsche und genau so sehr an tiefgründingen Gesprächen und echten Freundschaften interessiert. Vielleicht habe ich auch einfach großes Glück, aber neben zahlreichen lockeren Bekanntschaften habe ich auch einige gute amerikanische Freunde und Freundinnen gefunden – eine von ihnen hat mich kürzlich sogar zu sich nach Hause zum Thanksgiving eingeladen.

Annie und ich
Meine Freundin Annie aus Michigan und ich: Dass die Amerikaner total oberflächlich sind stimmt meiner Meinung nach nicht.

… sind stolz auf ihr Land!

Stimmt! Viele kennen dieses Bild aus Film und Fernsehen: In einem vollgepackten Stadion stehen die amerikanischen Sportfans Schulter an Schulter, die Augen geschlossen, die rechte Hand auf der Brust. Riesengroße US-Flaggen wehen im Wind, das Szenario wird untermalt von den Klängen der amerikanischen Nationalhymne. In etwa so: https://www.youtube.com/watch?v=69ShK4TYHJkEs ist ein Bild des Patriotismus und des Nationalstolzes, der hier in den USA tatsächlich stark ausgeprägt ist. Vor vielen Privathäusern und in fast jedem Unigebäude hängen amerikanische Fahnen, viele Studenten verzieren ihre Laptops mit USA-Stickern. Auch wenn viele unzufrieden mit der aktuellen amerikanischen Politik sind, bestimmte Militäreinsätze kritisch hinterfragen und ihr Sozialsystem verfluchen: die allermeisten Menschen hier sind dennoch stolz auf ihr Land. Sie sind stolz auf ihre kulturelle Vielfalt, die landschaftliche Diversität, ökonomische Stärke und ihre Geschichte. Sie sind stolz auf ihre freundliche Mentalität, ihre Sportler und Soldaten, ihre Städte und ihre demokratischen Werte. Sie sind stolz, Amerikaner zu sein – und sind nicht scheu, das auch zu zeigen.

ein Häuschen in Michigan
Flaggen im Vorgarten sieht man in den USA häufig.

… nehmen das Party- und Alkoholverbot für Unter-21-Jährige sehr ernst!

Stimmt teilweise! In den USA darf man erst mit 21 Jahren Alkohol trinken (ja, das gilt auch für Bier!), rauchen und auf Partys gehen. Wie stark Polizisten, Türsteher und Alkoholverkäufer darauf achten, dass diese Regel tatsächlich eingehalten wird, habe ich in meinen ersten zwei Wochen in den USA gelernt. In diesem Zeitraum war ich nämlich selbst noch 20 Jahre alt und damit zu jung für Cocktails und Clubs.  Es kommt öfters vor, dass die Polizei eine Hausparty stürmt und von jedem Gast den Ausweis einfordert –  sie nimmt das Party- und Alkoholverbot also sehr ernst und beendet jede zweite Party bereits vor elf Uhr. Für Studenten unter 21 heißt es dann: flüchten. Und zwar schnell. Denn sie, die Studenten, halten sich keinesfalls an dieses Verbot. Ganz im Gegenteil: Ich habe sogar das Gefühl, dass das Verbot viele unnötig triggert und zu extremen Trinken verleitet. Während die meisten Deutschen ihre Grenzen mit 15 oder 16 Jahren ausreizen und kennenlernen, tun die Amerikaner dies erst in ihren ersten Collegejahren.

an meinem Geburtstag

Meinen 21. Geburtstag habe ich groß gefeiert – und darf nun auch in den USA legal abends weggehen und Alkohol trinken.

… verschulden sich für ihr Studium!

Stimmt! Ashley, Annie und Izzy sind drei meiner amerikanischen Freundinnen, die aus drei unterschiedlichen Bundesstaaten kommen, drei verschiedene Dinge studieren und doch eine Gemeinsamkeit haben: Wenn sie ihr Studium beenden, werden sie Schulden haben. Hohe Schulden. Und das gilt für die Mehrheit der Amerikaner, weil die Studiengebühren hier extrem hoch sind. Ein akademisches Jahr an der Michigan State University kostet zum Beispiel knapp 40.000 Dollar, hinzukommen Gebühren für Zimmer und Verpflegung: weitere 10.500 Dollar. Ein Jahr an der MSU kostet also rund 50.000 Dollar, was – hochgerechnet auf ein gesamtes Bachelorstudium – 200.000 Dollar ergibt. Dabei sind hier nicht einmal Schreibutensilien, Bücher und Zimmerausstattung inbegriffen. Zwar erhalten viele Studenten Stipendien oder finanzielle Unterstützung, die allermeisten nehmen dennoch mit ihrem Abschlusszeugnis auch einen gehörigen Batzen Schulden entgegen. Mehr Infos dazu gibt’s hier

Ganz schön teuer
Um in diesem Haus ein Jahr leben zu können, fallen über 10.000 Dollar an! Dazu kommen noch 40.000 Dollar Studiengebühren!

… teilen sich während ihres Studiums nicht nur eine Wohnung, sondern sogar ein Zimmer!

Stimmt! Man kennt sie aus Collegefilmen und Serien – die typischen Collegezimmer, in denen sich mindestens zwei Studenten trotz ihrer 18, 19 oder sogar 21 Jahren als Roommates ein Zimmer teilen. Was für deutsche Studenten schier unvorstellbar ist, ist in Amerika Normalität. Auch ich teile mir ein kleines Zimmer mit einer weiteren Studentin, was anfangs eine Umstellung, mittlerweile aber echter Alltag geworden ist. Es hat ein bisschen was von „Internat für Erwachsene“, erfordert ein deutliches Zurückschrauben der Privatsphäre (Lernen, Schlafen, Freunde treffen, unter Umständen sogar Dates – die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch die Roommate im Zimmer befindet, ist groß!), und kann aber auch wie in meinem Fall zu einer echten Freundschaft führen.

Leila und ich
Meine Roommate und ich sind mittlerweile echte Freundinnen geworden.

… studieren auf einem geringeren Niveau!

Stimmt teilweise! Wie hoch das Niveau an den amerikanischen Unis tatsächlich ist, hängt ganz von der Wahl der Hochschule ab. Klar, dass man das Niveau eines Community Colleges in Idaho schwer mit dem Niveau an der Harvard University vergleichen kann. Mit Ausnahme dieser beiden Extrembeispiele würde ich sagen, dass das Niveau an den meisten US-Unis ein klein wenig geringer ist als in Deutschland. Besonders die Kurse, die man im ersten Uni-Jahr belegen kann, ähneln in Inhalt und Anspruch eher der gymnasialen Oberstufe in Deutschland. Spätestens ab dem dritten Jahr an der Uni liegt das Niveau, wenn überhaupt, nur noch ein wenig unter dem Anforderungsgrad deutscher Hochschulen. Viel höher ist dafür der Arbeitsaufwand! Während es in Deutschland eine große Prüfungsphase gegen Semesterende gibt, in der sich sowohl Stoff als auch Stress ballen, heißt es in den USA: kontinuierlich abliefern. Es gibt zwei Klausurenphasen (Midterms und Finals), dazu fließen mündliche Mitarbeit, Quizzes, Hausaufgaben und Präsentationen in die Gesamtnote ein. Außerdem herrscht Anwesenheitspflicht und es ist keine Seltenheit, dass man für einen einzelnen Kurs bis zu 150 Seiten pro Woche lesen muss! Ob man in den USA also tatsächlich auf einem geringeren Niveau studiert, lässt sich pauschal nicht beantworten. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die Benotung ein wenig freundlicher und wohlwollender ausfällt, als an meiner Heimatuni.

ein Hauptgebäude der MSU

Das Studium an amerikanischen Unis ist etwas einfacher als in Deutschland – aber viel zeitaufwendiger!

… haben eine persönliche Beziehung zu ihren Professoren!

Stimmt! Generell ist es wirklich so, dass an amerikanischen Unis das Verhältnis zwischen Studenten und Lehrenden viel persönlicher ist, als in Deutschland. Anders als dort kennen hier die Professoren jeden Studenten mit Namen (auch in großen Vorlesungen) und werden häufig selbst mit dem Vornamen angesprochen. Nicht selten plaudern sie zwischen Formeln und Definitionen auch mal über ihren letzten Familienurlaub, das aktuelle Scheidungsdrama der erwachsenen Tochter oder ihr Lieblingsessen. Das ist nicht nur amüsant, sondern trägt auch zu der engen Bindung zwischen Professor und Student bei. Ich habe das Gefühl, dass die Dozenten hier wirklich daran interessiert sind, dass jeder den Stoff versteht und sich selbst verbessert. Ein Lob für die gute Mitarbeit nach der Stunde oder eine motivierende Mail sind daher absolut keine Seltenheit!

… lieben ihre Universität und deren Sportteams!

Stimmt!!! Mit drei Ausrufezeichen!!! Die Amerikaner lieben ihre Universität und sind stolz, an dieser studieren zu dürfen. Pullis, Socken, Badekleidung in den Universitätsfarben gehören zur Standardausrüstung jedes Studenten. Sogar Eltern, Großeltern und Haustiere besitzen oft mindestens ein Accessoire der Uni! Selbst als ich vor einigen Tagen in Kalifornien Urlaub gemacht habe und dort mit einem Top der Michigan State University herumgelaufen bin, riefen mir wildfremde Menschen den Schlachtruf der Uni zu und stellten sich nicht selten als MSU-Alumni vor. Ja, ohne Zweifel, die Amerikaner sind stolz auf ihre Uni und ganz besonders auf deren Sportteams, die Aushängeschilder sozusagen. Besonders an den „Big Schools“ wie der MSU genießen das Football-, Basketball-, und Eishockeyteam denselben Status wie in Deutschland die Fußballbundesliga-Clubs. Sie werden von ihren Fans bis aufs Blut gegen den Gegner verteidigt, bei Spielen angefeuert, bei Niederlagen kollektiv getröstet und bei Siegen berauschend gefeiert. Dieses Klischee enthält vielleicht von allen die meiste Wahrheit und sollte genau daher alle überzeugen, die noch unsicher sind, ob sie ein Auslandssemester in den USA verbringen sollten! Wagt den Flug über den großen Teich und schreibt euch an einer US-Uni ein! Werft dabei eure ganz eigenen Klischees über Bord oder stellt fest, dass einige von ihnen der Realität doch sehr nah kommen! Macht euch selbst ein Bild vom (Studenten-) Leben in Amerika!

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