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„Man ist nicht alleine, nur weil man im Ausland ist“

Annabelle vor einer Klasse in Vietnam
Annabelle: Lehramt Englisch und Sport für Gymnasien, Uni Bielefeld; Praktikum: PASCH-Schulen in Ho Chi Minh City, Vietnam.

Land, Sprache, Schulform – für Annabelle war vieles fremd, als sie in Vietnam in ihr Praktikum startete. Mit dem Stipendienprogramm SCHULWÄRTS! des Goethe-Instituts ging es für die Lehramtsstudentin für drei Monate an drei PASCH-Schulen in Ho Chi Minh City, um dort die Lehrerinnen im Deutschunterricht zu unterstützen.

Schon einmal ist Annabelle in ein Auslandsabenteuer gestartet: Ein Semester studierte sie während des Bachelors in Sydney, Australien. Eine Erfahrung, die sie geprägt und ebenso bestärkt hat, wieder ins Ausland zu gehen, dieses Mal für ein Praktikum während ihres Masterstudiums. „In meiner Bewerbung hatte ich geschrieben, dass ich nach Island oder Schweden möchte. Aber da die skandinavischen Länder sehr teuer sind und man Orte aus verschiedenen Länderkategorien auswählen sollte, habe ich auch Vietnam mit angegeben. Durch das Stipendienprogramm habe ich 500 Euro pro Monat bekommen und dazu 1.000 Euro Reisekostenpauschale. Das ist schon viel Geld, aber es reicht nicht unbedingt für Skandinavien. In Vietnam kann man damit gut leben“, erzählt Annabelle.

Anfangszeit in Vietnam

Ohne Erwartungen startete sie in ihre Zeit in Vietnam. „Ich wollte mich überraschen lassen und unbedingt ganz frei eine neue Kultur kennenlernen. Klar habe ich mir vorher Gedanken darüber gemacht, wie es sein könnte, aber das kann man einfach nicht planen“, sagt sie. Über das Land informierte sie sich bei Freunden, die schon einmal nach Vietnam gereist waren und bei ihrer vietnamesischen Freundin Minh, die zum Studium in Deutschland war und die sie an der Uni in Bielefeld kennengelernt hatte. „Wir haben uns direkt super verstanden und sind auch in gutem Kontakt geblieben, nachdem sie nach Ho Chi Minh zurückgekehrt ist. Sie hat mich dann eingeladen, die erste Zeit bei sich und ihrer Mutter zu wohnen. Das war eine super Erfahrung“, erzählt die 26-Jährige. Nach einer Woche zog Annabelle dann in eine Airbnb-Wohnung. Zwei Wochen später übernahm sie die Wohnung eines anderen Praktikanten aus dem Goethe-Institut. „Ich habe bisher immer in WGs gewohnt. In Vietnam habe ich zum ersten Mal alleine gewohnt. Ich fand es sehr gut. Dort konnte ich zur Ruhe kommen, wenn ich den ganzen Tag über Trubel hatte“, sagt sie.

Deutschlehrerinnen im Unterricht unterstützen

Trubel: Verkehrschaos, Abendveranstaltungen und Unterrichtseinheiten an drei PASCH-Schulen – Annabelle, die in Bielefeld Englisch und Sport auf Lehramt studiert, erlebte Tage gefüllt mit buntem Leben. „Das Stipendienprogramm sieht vor, dass man Deutsch an PASCH-Schulen unterrichtet. An diesen Schulen hat Deutsch als Fremdsprache einen besonders hohen Stellenwert. Fünf Tage die Woche, jeweils in Einheiten von drei Stunden, habe ich die Deutschlehrerinnen in ihrem Unterricht unterstützt. Dabei habe ich den Schülerinnen und Schülern vor allem bei der Aussprache geholfen und eher spontan unterrichtet. Ich fand es gut, wenn ich unterrichtet habe, es hat mir großen Spaß gemacht“, erklärt Annabelle.

„Deutsch wurde an meinen Schulen ab der 10. Klasse unterrichtet. Die 15- bis 16-Jährigen haben damit eine neue und zusätzliche Fremdsprache zu Englisch gelernt. Die Unterrichtssprache ist meist Deutsch, auch wenn einiges auf Vietnamesisch erklärt wird“, sagt sie. Auch in Deutschland hat Annabelle bereits Unterrichtserfahrung gesammelt. Und die Unterschiede sind groß. „Die Hierarchie zwischen Lehrerinnen und Lehrern und Schülerinnen und Schülern ist dort eine ganz andere als bei uns. Die Lehrer haben dort einen großen Stellenwert. Es gibt ihnen zu Ehren sogar einen eigenen Feiertag. Vor der Tafel stehen sie auf einem Podest, damit sie von jedem gesehen werden. Außerdem gibt es keine mündlichen Noten. Die Schülerinnen und Schüler sind supernett und passen sehr gut auf. Ich habe das Gefühl, dass Bildung dort mehr geschätzt wird. Es gibt zudem einen sehr strikten Zeitplan und es geht sehr stark um Leistung.“

Die Einblicke in ein neues Schulsystem haben Annabelle zum Umdenken animiert, innovative Ideen, neue Sichtweisen und Lösungsansätze in ihre künftige Unterrichtsplanung und das Schulkonzept fließen zu lassen. „Ich habe praktische Lehrerfahrung im internationalen Kontext gesammelt. Mit Blick auf die immer heterogener werdenden Klassenzimmer hat mich das für den Umgang mit kultureller und sprachlicher Vielfalt noch mehr sensibilisiert.“
Eine Frage der Wertschätzung Aufmerksam war Annabelle von der ersten Sekunde an auch gegenüber den Schüle-rinnen und Schülern in Ho Chi Minh:
„Sie waren so aufgeschlossen, an mir interessiert und respektvoll. Sie haben es sehr wertgeschätzt, dass ich da war, quasi extra aus Deutschland gekommen bin.“ Immer wieder wurde sie gefragt, warum sie ausgerechnet nach Vietnam gekommen sei. „Das Ziel der Schülerinnen und Schüler dort ist es, an eine Universität in Deutschland, Großbritannien oder den USA zu kommen“, erklärt Annabelle und erinnert sich an einen der schönsten Momente: „In meiner letzten Unterrichtsstunde hatten die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Lehrerin etwas vorbereitet: Karaoke. Sie haben alle zusammen ‚See You Again‘ von Wiz Khalifa gesungen. Und ich habe ein Buch bekommen. Auf dem Holzcover war ein Bild von mir eingraviert und der Name der Schule.“

Abschiedsfoto von Annabelle in Vietnam
Abschiedsmoment: Annabelle inmittenvon Schülerinnenund Schülern, die siedrei Monate lang imDeutschunterrichtunterstützt hat.

Vietnam: Eine neue Heimat

Doch nicht nur die Schülerinnen und Schüler und Kolleginnen waren es, die Annabelle schnell ankommen ließen. „Ich finde es sehr wichtig, wenn ich reise oder im Ausland lebe, Kontakt zu Einheimischen zu haben. Das gibt einem einfach eine andere Perspektive auf das Land und das Leben dort. Es ist leicht, Vietnamesen kennenzulernen. Im Café oder beim Essen am Stand an der Straße ist es üblich, sich einfach dazuzusetzen. Man kommt ins Gespräch, ob die Suppe schmeckt oder der Kaffee“, sagt sie. Und so war Vietnam für die Studentin schnell mehr als ein Gastland: „Es ist zu meiner Heimat geworden, besonders durch die Menschen. Man ist nicht alleine, nur weil man im Ausland ist. Ich habe Freundschaften fürs Leben geschlossen und ich möchte definitiv zurück, um meine Freunde wiederzusehen.“

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