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Freunde finden im Corona-Auslandssemester

Freunde finden im Corona-Auslandssemester

In Zeiten, in denen Social-Distancing angesagt ist, alle Erasmus-Veranstaltungen abgesagt sind und am Wochenende ab mittags Ausgangssperre herrscht,  ist es gar nicht so leicht, neue Leute kennenzulernen.

Eine gelbe Straßenbahn fährt durch eine schmale Gasse in Lissabon.
Ein typisches Motiv aus Lissabon. Eine gelbe Straßenbahn bahnt sich ihren Weg durch die schmale Gasse. Das ungewöhnliche dabei, sind jedoch die leeren Kopfsteinpflaster, über die normalerweise die Menschenmassen wuseln.

Ende September hab ich meine erste und auch letzte Erasmus-Veranstaltung besucht. Der Bootsausflug mit der Organisation Erasmus Life Lisboa war leider nicht das freudige Erlebnis, das es hätte sein sollen.  Unabhängig von meiner persönlichen Erfahrung, sind die Erasmus-Veranstaltungen eigentlich das, was viele Studenten in ihrem Auslandssemester so genießen. Sie sind perfekt, um Menschen kennenzulernen, da an diesen Events explizit Erasmus-Studenten teilnehmen und alle dabei sind, um sich zu vernetzen. Aufgrund der zunehmend schwierigeren Situation auch in Portugal, wurden bereits vor einigen Wochen fast alle Veranstaltung für Auslandsstudenten abgesagt und auch sonst finden keine Partys statt. Da ich aber eh nicht darauf aus war, in der sogenannten Erasmus-Bubble zu landen, empfinde ich das nicht als großen Verlust. Aber was gibt es neben solchen Veranstaltungen noch für Möglichkeiten, neue Leute kennenzulernen und wie trifft man sich in Zeiten von Social-Distancing?

Auslandssemester und Corona, passt das überhaupt?

Eins vorneweg, ja ich habe mir mein Auslandssemester anders vorgestellt und ja, manchmal frage ich mich natürlich schon, wie es wohl ohne die ganzen Einschränkungen wäre. Für mich gab es die Option nicht, mein Auslandssemester beziehungsweise Auslandsjahr zu verschieben, da ich bereits am Ende meines Studiums angelangt bin. Wenn jemand die Möglichkeit hat, seinen Auslandsaufenthalt zu verschieben, ist das vielleicht für den- oder diejenige eine gute Idee. Aber unabhängig von der Tatsache, dass wir leider nicht wissen werden, ob im nächsten Semester das Leben wieder normaler sein wird, ist ein Auslandssemester in Zeiten von Corona nicht unbedingt gleich schlecht oder verschwendet. Ich empfinde es auf jeden Fall nicht so.

Jeder sollte sich selbst erstmal fragen, wieso er oder sie eine gewisse Zeit im Ausland studieren möchte. Ich wollte immer nach Lissabon, weil es eine meiner Lieblingsstädte ist. Ich wollte die Sprache lernen und auch die Kultur intensiver erleben, als ich es im Urlaub könnte. All diese Dinge sind trotz der aktuellen Umstände immer noch gegeben. Lissabon ist immer noch eine wunderschöne Stadt, die ich fast mehr genießen kann, da sich weniger Touristen durch die Straßen drängeln. Ich lerne Portugiesisch direkt vor Ort und ich erlebe die portugiesische Kultur jeden Tag, selbst wenn ich das Haus nicht verlasse, da zwei meiner MitbewohnerInnen PortugiesInnen sind. Es war also für mich persönlich definitiv die richtige Entscheidung und ich habe es noch keine Sekunde bereut hier zu sein.

Etwas was ich jedoch am Anfang unterschätzt habe, ist die intensive Auseinandersetzung mit mir selbst, die ich hier im Ausland erlebe. Am Anfang fehlte mir die gewohnte Routine, die Lebensmittel im Supermarkt sind teilweise anders und die ProfessorInnen an der Uni stellen andere Ansprüche. Zudem war ich erstmal fremd, es dauert eine Zeit lang, bis ich wusste, wo ich mich beispielsweise mit meinen FreundInnen am besten auf einen Kaffee treffe. Dinge die Zuhause alltäglich sind, sind im Ausland plötzlich keine Kleinigkeiten mehr, sondern schon fast Ereignisse.

Social-Distancing und dennoch nicht unsocial sein

Seit einer Woche herrscht in Lissabon ein zeitlich begrenzter Lockdown. Am Wochenende gilt eine Ausgangssperre von ein Uhr mittags bis fünf Uhr morgens am nächsten Tag. Nur bei Notfällen oder zum Gassi gehen mit dem Hund ist es erlaubt, sich nach 13 Uhr noch auf der Straße aufzuhalten. An diesem Wochenende habe ich festgestellt, wie dankbar ich für meine WG bin und dass ich mich mit meinen drei MitbewohnerInnen so gut verstehe. Unabhängig von dem Wochenend-Lockdown machen wir mindestens einmal die Woche etwas gemeinsam, egal ob zusammen am Abend kochen, Brettspiele spielen oder einen Film schauen.

Dieses Wochenende habe wir den Vormittag vor der Ausgangsperre genutzt und sind gemeinsam zum Bouldern (Klettern in einer Halle ohne Seil) gegangen. In der Kletterhalle galt Maskenpflicht, nur zum Bouldern selbst durften wir die Maske kurz abziehen. Zudem mussten wir uns vorher anmelden, da nur eine begrenzte Anzahl an Leuten in die Halle durfte. Am Abend haben wir noch gemeinsam gekocht und unendliche viele Runden „7 Wonders“ (mein neues Liebelingsbrettspiel) gespielt. Der Vorteil an MitbewohnerInnen ist nämlich, dass hier keine Social-Distancing-Regelungen gebrochen werden.

Meine drei Mitbewohner und ich sind in einer Kletterhalle.
Mit Maske an der Kletterwand. Nur beim klettern darf die Maske kurz von der Nase gezogen werden. Meine Mitbewohnerin Mar hat selbst beim klettern ihre Maske aufbehalten.

Neben meinen MitbewohnerInnen treffe ich mich privat noch mit meiner Tandem-Partnerin. Bis jetzt treffen wir uns immer in Cafés nach der Uni, da die in Lissabon noch normal geöffnet haben. Sollte das irgendwann nicht mehr der Fall sein, werden wir unsere Tandem-Treffen auf Zoom verlegen müssen. Auch wenn es beim Tandem ums Sprachenlernen geht, sind Maria und ich bereits in kurzer Zeit Freundinnen geworden und es ist schön, jemanden fest einmal die Woche auf einen Kaffee zu treffen und einfach mal rauszukommen.

Wie bereits weiter oben erwähnt, haben die ProfessorInnen hier einen anderen Anspruch, als an meiner Heimatuniversität in Deutschland. Die Klassen sind deutlich kleiner und es ist auch schulischer als zu Hause. Auch wenn mich die Anwesenheitspflicht manchmal ein wenig quält, hat dies zum Vorteil, dass man tatsächlich regelmäßig die selben Leute trifft und dadurch dass weniger StudentInnen in den Kursen sitzen, kennt man ziemlich schnell alle Gesichter und es ist weniger anonym. Zudem finden hier viel mehr Gruppenarbeiten statt. Dadurch habe ich bereits in der ersten Woche ein paar Leute kennengelernt, mit denen ich mich studiumsbedingt öfters treffe. Mittlerweile verstehen wir uns auch außerhalb der Unterrichtszeiten gut und ich bin im Nachhinein sehr froh, über die etwas schulischere Universität in Lissabon.

Online Freunde finden

Eine weitere Möglichkeit, neue Leute kennenzulernen, ist übers Internet. Ich persönlich habe das zwar nicht ausprobiert, aber ich habe nur Gutes darüber gehört. Meine französische Mitbewohnerin Nolwenn hat über verschiedene Facebook-Gruppen zu Beginn des Semester ein paar Leute getroffen. Da sie nur alle zwei Wochen Präsenzveranstaltungen an ihrer Uni hat aufgrund der Corona-Maßnahmen und sie dadurch ihre KommilitonInnen unregelmäßiger sieht, haben ihr die Facebook-Gruppen sehr geholfen.

Eine Alternative zu Facebook ist es, seine Freunde zu tindern. Ich kannte das davor auch nicht, aber vor allem internationale StudentInnen nutzen das oft und auch gerne. Eine Freundin von mir hat über die App Bumble ein paar nette Leute getroffen. Die App funktioniert ähnlich wie die bekannte Tinder-App, mit dem Unterschied, dass man zu Beginn einstellen kann,  an welcher Form von Kontakt man interessiert ist, dating, rein freundschaftlich oder rein geschäftlich.

Natürlich sollte man bei jedem Treffen vorsichtig sein und sich an die Vorsichtsmaßnahmen halten, unabhängig davon, wie man sich kennengelernt hat und wo man sich trifft. Aber es gibt genügend Möglichkeiten im Ausland, auch mit Social-Distancing, Leute kennen zu lernen und Freunde zu finden. Vielleicht ist es nicht ganz so einfach, wie auf einer Erasmus-Party, aber es ist auch nicht unmöglich. Aus meiner Erfahrung heraus kann ich sagen, dass ich wunderbare Menschen hier getroffen habe, die ich bereits jetzt schon sehr ins Herz geschlossen habe und mit denen ich auch über mein Auslandsaufenthalt hinaus hoffentlich Kontakt halten werden.

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