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Das Universitätssystem in den Niederlanden

Das Universitätssystem in den Niederlanden

Denkt ihr über einen universitären Auslandsaufenthalt in den Niederlande nach oder steht ihr kurz vor eurem niederländischen Auslandsabenteuer? Dann kann ich mir nur zu gut vorstellen, dass sich einige von euch die Frage stellen, wie der Unialltag an einer niederländischen Universität aussieht. Ich studiere meinen Master in Law and Sustainability in Europe an der Universität in Utrecht und kann euch daher einen Einblick in das niederländische Universitätssystem verschaffen.

Seit dem ersten Tag meines Masterprogrammes ist mir eines klar: Das Unisystem in den Niederlanden unterscheidet sich sehr von dem in Deutschland. Insbesondere zu dem in meinen Augen extrem veralteten Universitätssystem der Rechtswissenschaften. Doch wie läuft ein Semester in den Niederlanden so ab? Und was stellt in meinen Augen die größte Besonderheit dar? Ich berichte von meinem Standpunkt aus als Master of Laws-Studentin an der Universität in Utrecht. Jedoch sind die Studienprogramme an allen niederländischen Universitäten mehr oder weniger gleich aufgebaut.

Biliothek, Bücher in Regalen, mehrere Etagen
Eine der Bibliotheken der Utrecht Universiteit.

Los geht’s

Die meisten Studiengänge werden nur einmal im akademischen Jahr angeboten. Vor der Anreise bietet die Universität euch Unterstützung bei der Organisation eures (Auslands-)Studiums. Von der Wohnungssuche, bishin zu der Beantragung von Visa für EU-AusländerInnen, ihr werdet nicht im Stich gelassen. Und Anfang September geht es dann auch schon los. Ihr könnt euch für eine Willkommenswoche einschreiben, um euren neuen Wohnort schon einmal kennenzulernen und andere Studierende der Universität zu treffen. Da es sich um eine allgemeine Willkommenswoche handelt, müsst ihr jedoch Glück haben, andere Studierende eures Studienganges kennenzulernen. Nach der allgemeinen Willkommenswoche folgt dann meist eine studiengangspezifische Einführungswoche. Unser Programm begann mit einer Vorstellung der Mehrzahl unserer Professoren. Anschließend besprachen wir potentielle Konflikte, die in einem internationalen Klassenzimmer aufkommen können und wie wir diese erfolgreich lösen. Am Ende des Tages wurde uns schließlich von unserem Programmkoordinator höchstpersönlich eine Stadtführung geboten. Die ‚Woche‘ endete am dritten Tag mit einem Ausblick in unsere berufliche Zukunft. Nachhaltigkeitsexperten aus alles Bereichen wurden eingeladen, um uns einen Eindruck ihres Arbeitsalltags zu vermitteln und unsere Fragen zu beantworten.

Unterteilung

Das akademische Jahr ist in vier Blöcke unterteilt. Ein Semester besteht somit aus zwei Blöcken. Wovon sieben Wochen mit Vorlesungen und Seminaren gefüllt sind und weitere zwei bis drei Wochen, die Examensperiode am Ende eines Blocks darstellen. Wenn eure Klausuren gleich zu Beginn der Klausurenphase stattfinden und ihr keine Klausuren wiederholen müsst, habt ihr ungefähr eine Woche lang frei. Die Pause nach dem zweiten Block ist dafür aber etwas länger. Insgesamt ist dies jedoch nicht gerade viel im Vergleich zu der Länge der Semesterferien an meiner deutschen Universität. Die Wochen in meinem ersten Block setzten sich zusammen aus zwei Kursen, welche jeweils in Form von einer Vorlesung und einem interaktiven Seminar zusammengesetzt sind. Jede Lerneinheit dauert 1:45 Stunde mit einer meist zehn minütigen Pause.

Per du

Eine Sache gibt es, an die ich mich selbst bis jetzt nicht gewöhnen konnte. In den Niederlanden seid ihr im Unterschied zu Deutschland ‚per du‘ mit euren Professoren. Der Kontakt ist insgesamt viel persönlicher und Professoren sind hier auch immer für Fragen per E-mail oder sogar via Online-Meetings erreichbar. Das akademische Level der Lehrenden empfinde ich zudem als sehr hoch.

Arbeitsweise

Gleich von Tag eins an erhaltet ihr ein sogenanntes ‚Course-Manual‘. Dieses gibt euch einen Überblick über den gesamten Kursinhalt, über Prüfungsmomente und die für jede Woche spezifisch ausgewählte Liste an Literatur. Jede Woche müsst ihr daher vor der Vorlesung Arbeit und Zeit aufwenden eure ‚Readings‘ abzuhaken, um euch bereits in der Unterrichtsvorbereitung das notwendige Wissen für die jeweilige Vorlesung anzueignen.

Die Prüfungsmomente im niederländischen Unisystem sind sehr vielfältig gestaltet. Das Wissen wird zum Beispiel in Form von Klausuren, Gruppenarbeiten, Präsentationen, individuellen Aufsätzen, aber auch Moot Courts (simulierte Gerichtsverhandlungen) getestet. Auch weniger typische Aufgaben, wie das Anfertigen juristischer Blogbeiträge, kommen zur Aneignung und Prüfung des Wissens zum Einsatz. Prüfungen jeglicher Art können bereits nach wenigen Wochen stattfinden. Aber auch wöchentlich werden Anreize gesetzt, um sicherzustellen, dass ihr euch von Woche eins an, intensiv mit den Lehrinhalten auseinander setzt. So erforderten meine Seminare das Vorbereiten von Vorträgen, Falleinarbeitung, das Vorbereiten von Diskussionen und simulierten Pressekonferenzen und einer Menge Gruppenpräsentationen.

Da wir jetzt bereits darauf zu sprechen kamen, eine Sache an die ich mich auch immer noch gewöhnen muss, ist die Vielzahl an Gruppenarbeiten. Daran bin ich nicht gewöhnt und empfinde es auch jetzt noch als große Herausforderung, in kürzester Zeit mit einer Gruppe von drei bis sechs Studierenden eine Aufgabe umzusetzen. Das erfordert viel Zeit und manchmal auch Geduld, Einfühlsamkeit und organisatorische Fähigkeiten, wie das eben auch im echten Arbeitsleben der Fall ist. So zeichnet sich mein Master insbesondere durch die Entwicklung von Fähigkeiten in einem interdisziplinären Arbeitsumfeld aus. Bekommt ihr eine Gruppennote, stellt diese dann automatisch eure individuelle Note dar.

Meistens gilt hier in den Niederlanden ferner eine Anwesenheitspflicht. Fehlt ihr bei mehr als 80% der Veranstaltungen, dürft ihr in der Regel nicht an der Prüfung am Ende des Blockes teilnehmen. Insgesamt müsst ihr am Ende 5.5/10 Punkte vorweisen können, um die Credits für euren Kurs zu erhalten. Die Note eurer Abschlussprüfung am Ende eines Blockes trägt mit gerade einmal 50-60% zu eurer Abschlussnote bei. Das bedeutet, dass ihr euch von Beginn des Semesters auch bezüglich kleineren Projekten anstrengen müsst, wenn ihr am Ende eine gute Abschlussnote in der Tasche haben wollt.

Zudem ist im Rahmen meines Studienprogramms bereits nach Absolvierung der ersten Hälfte des ersten Blocks ein Kurs zur Vorbereitung auf die Masterthesis verpflichtend. Hilfestellung wird mir nicht nur bezüglich der akademischen Arbeitsweise im Schreibprozess geboten sondern auch in der Anfangsphase. Die Hilfestellung umfasst unter anderem, wie ich überhaupt selbst ein Thema für meine Masterarbeit finden kann. Auch für diesen Kurs müsst ihr euch gut vorbereiten und habt regelmäßig Aufgaben zu erledigen.

Internationales Klassenzimmer

Da eine Großzahl der Masterprogramme, aber auch Bachelorprogramme nur in englisch angeboten werden, ist der Anteil an Studierenden aus dem Ausland sehr hoch. Das bedeutet, dass nicht nur eure Mitstudierenden aus aller Welt kommen (und ich meine aus aller Welt: Japan, Australien, Peru). Sondern auch eure Professoren kommen von überall auf der Welt her. Die Vielfältigkeit an Nationalitäten bereitet einen gut auf die spätere Arbeitswelt in einem internationalen Umfeld vor und trägt zu einer vielfältigen akademischen Herangehensweise bei.

vier Mädchen, mit kalten Getränk auf einer Terasse, Sonnenschein
Ein Tisch, vier Kommilitoninnen und vier Nationalitäten.

Papier war gestern

Ja, ich kann mit Sicherheit sagen, dass die Niederlanden im digitalen Zeitalter angekommen sind. Alles ist digitalisiert. Sogar Klausuren werden in der Regel auf Laptops von der Universität angeboten. Und das bedeutet teilweise auch, dass ihr nicht einmal eure Gesetze, in Deutschland euer einziger Freund in einer juristischen Klausur, mit in das Examen nehmen dürft. Für Rechtswissenschaftler wird oftmals jedoch auch ein Open-Book-Exam angeboten, bei welchem ihr alle Kursmaterialien und Gesetze während der Klausur verwenden dürft. In meinem Studiengang wurde uns dies leider nicht gestattet. Das bedeutete für mich, dass ich nicht einmal meine Gesetze, mit in das digitale Examen nehmen durfte. Die zur Lösung der Aufgabe notwendigen Gesetzesabschnitte werden euch gegebenenfalls eingeblendet. Solche Close-Books-Exams sind bekanntlich schwieriger, insbesondere in Verbindung mit offenen Fragen im Aufsatzstil. Dies ist für mich bis jetzt eine gewöhnungsbedürftige Herangehensweise, da ich in meiner deutschen akademischen Laufbahn ausschließlich Fälle im Rahmen von Klausuren lösen musste. Hat euer Studiengang eine große Anzahl an Studierenden, werden euch Fragen auch gerne im Multiple-Choice-Stil gestellt.

Laptops, Tischreihen, Laptop und Lernmaterialien im Vordergrund
So oder so ähnlich sieht das dann aus, wenn ihr eine digitale Klausur schreiben müsst.

Diese Punkte stellen in meinen Augen die essentiellen Unterschiede und Elemente des niederländische Unisystems dar. Und zum Schluss verrate ich euch wie versprochen auch noch die größte Besonderheit in meinen Augen. Ingesamt habe ich den Eindruck, dass die Professoren mir hier sehr viel Freiheit geben, um mich in dem Themengebiet meines Interesses zu spezialisieren. So kann ich im Rahmen des sehr weiten Begriffs der Nachhaltigkeit meinen Fokus, so weit es die vorgesehenen Kursinhalte erlauben, auf Umwelt und Biodiversität (insbesondere auf die Nachhaltigkeitsbemühungen im Bereich Meeresschutz) konzentrieren. Und teils sogar über die Materie eures Masterstudiengangs hinaus könnt ihr euch weiterbilden. Denn in Absprache mit eurem Kurskoordinator und Studienberatern könnt ihr unter bestimmten Voraussetzungen auch andere Kurse (anderer Studiengänge) belegen. So versuche ich gerade einige Kurse des Marine Biologie Masters im nächsten Block besuchen zu können.

Ich freue mich, dass ihr euch die Zeit genommen habt, euch auf euren Auslandsaufenthalt vorzubereiten und stehe euch gern zur Beantwortung weiterer Fragen zur Verfügung. Lasst mir einfach unten ein Kommentar dar und ich helfe euch gerne weiter!

Bis zum nächsten Mal.

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