23. November 2025
Die Antwort ist nicht so selbstverständlich
Sobald ich in Taiwan angekommen bin, war ich schon dabei, meine nächste Reise zu planen. Mein Koffer lag nicht mal halb ausgepackt auf dem Boden, während ich mit mehreren Tauchschulen schrieb, um Preisvorschläge für Tauchgänge zu bekommen. In dem Moment dachte ich mir kurz, Geht’s noch? Du bist doch gerade erst gelandet, chill mal ein bisschen und komm erstmal an. Noch aber hatten wir keine Prüfungen, keine Seminararbeiten, und als Student weiß man genau, dass man Situationen wie diese ausnutzen muss.
Mir ist schon klar, dass nicht jeder so unruhig ist wie ich. Hoffentlich kann ich aber mit diesem Blogbeitrag dem Leser ein wenig Perspektive geben, was die Vereinbarung zwischen Uni und Freizeit im Auslandssemester angeht. Jeder weiß, dass man im Auslandssemester reisen soll, dass man neue Freundschaften schließen soll und über allem, dass man die Landessprache lernen soll. Man könnte aber Vollzeit mit diesen Sachen beschäftigt sein und immerhin das Gefühl haben, dass man vieles noch nicht gemacht hat. Dabei fehlt aber noch für einige das Wichtigste, die Uni. Man ist ja in einem ganz normalen Unissemester und sollte auch entsprechende Fächer belegen, um mit dem Studium voranzukommen. Es kann schnell überfordernd werden, wenn man nicht im Voraus klare Vorschriften setzt, wie man seine Zeit einteilt. Deshalb erzähle ich dir ein paar Geschichten dazu, die dir vielleicht helfen konnten, wenn du dich hoffentlich bald selber im Auslandssemester befindest.
„Die 30-ECTS bekomme ich easy hin“ – Pre-Austausch Matthias
Mein ‚Delulu‘ hatte vor dem Auslandssemester keine Grenzen. Ich hatte mir in Deutschland vorgenommen, das Auslandssemester so zu behandeln wie ein ganz normales Semester. Meine Idee war, mein Studium in Regelstudienzeit zu absolvieren; dafür hätte ich an meiner Auslandsuni 30 ECTS in Fächern belegen müssen. Tatsächlich habe ich Anfang des Semesters sogar 40 belegt, nur wurde mir schnell klar, dass dieses Vornehmen, für mich nicht ganz nachhaltig war.
In der Bubble der Austauschstudenten herrscht ein ganz anderer Vibe als bei den Einheimischen. Ob feiern, Reisen, Daytrips, Sport, Kultur, jeder belegt ein anderes ’nicht anrechenbares‘ Fach. Die Hauptsache ist aber, dass man ständig von den eigentlichen Pflichten abgelenkt wird. Wo zu Hause es sogar schwierig ist, die Freundesgruppe zusammenzubekommen, um was zu unternehmen, muss man sich im Auslandssemester ständig zusammenreißen, um überhaupt etwas für die Uni auf die Reihe zu kriegen. Ich war vor meinem Auslandssemester noch kein einziges Mal Golfen, jetzt aber ist der Sport zur wöchentlichen Routine geworden. Zieh dir mal meinen Swing rein!
Man neigt während des Austauschs eher dazu, neue Dinge auszuprobieren, und sagt öfter ‚ja‘, zu dingen, für die man zu Hause doch keine Zeit gehabt hätte, was auch was Gutes ist. Jedoch kann man die Uni nicht aus dem Auge verlieren…
Bachelorarbeit fertigschreiben, 40 ECTS, oder Reisen?
Leider habe ich meine Bachelorarbeit vor dem Austausch nicht fertiggeschrieben. Das heisst, ich habe sie am Anfang des Austauschs schreiben müssen und habe deshalb auch einiges an Plänen verpasst. Immerhin konnte ich in der Zeit nach Liuqiu Island und in die Philippinen zum Tauchen gehen. Ein Freund ist mich sogar aus Europa besuchen gekommen, zur gleichen Zeit musste ich aber von 40 ECTS auf 30 runterkommen, da das Ganze mir schnell zu viel geworden ist. Als ich die Bachelorarbeit verteidigte, wurde es aber nicht besser. Plötzlich hatte ich nach der Uni wieder Zeit für Freunde und Sport und konnte Wochenends, Ausflüge in das taiwanische Oberland unternehmen. Ich bin wirklich sehr dankbar für die ganzen Sachen, die ich bisher machen konnte, und freue mich auch noch auf einige Reisen, die wir noch vorhaben. Ich bin fast auch schon am Überlegen, ob ich doch nicht sogar auf 24 ECTS abspringe, um den Workload ein bisschen überschaubarer zu machen.
Genau hierin liegt die Frage: Warum bist du überhaupt im Ausland?
Ich habe mir lange über dieses Thema Gedanken gemacht, sowohl vor wie auch während meines Austauschs, und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich es mir eher freizeitorientierter gestalten will. Ich weiß nicht, wie oft ich mich noch in Südostasien befinden werde, und will die Möglichkeit, billig in der Region zu reisen, nicht verpassen. Ich habe das Land Taiwan endgültig auch deshalb gewählt. Man redet es sich oft ein, dass man es parallel schafft, sowohl akademisch zu leisten als auch viele neue Erfahrungen zu machen, jedoch muss man endgültig immer einen Kompromiss zwischen beiden ziehen. Vor Ort vergleicht man sich schnell mit anderen und fragt sich, ob wie es die anderen machen, doch der bessere Weg ist. Das Ding ist aber: Es gibt keine richtige Antwort. Ich habe Austauschstudenten kennengelernt, die total auf Praktika- oder Jobsuche fokussiert sind; andererseits habe ich Freunde, die gefühlt nur am Reisen sind und die minimale erforderliche Anzahl an Credits belegen, die sie brauchen, um das Auslandssemester zu bestehen. Beide Wege haben Vor- und Nachteile; der Unterschied liegt eher darin, dass jeder andere Prioritäten hat.
Sei dir sicher über deine Gründe!
Wie gesagt, ist es mir mit der ganzen Arbeit irgendwann zu viel geworden. Ich bin mit einer Idee gekommen, wie ich mein Auslandssemester gestaltet hatte, nur ist es ganz anders geworden, als ich damals gedacht hatte. Das ist aber nicht schlimm; man muss auch flexibel sein können und sich an die gegebenen Bedingungen anpassen können. Zwar komme ich leider nicht mit so vielen Credits nach Hause, schaffe aber Erinnerungen und schließe Freundschaften, die ich fürs Leben behalten werde. Manchmal ergeben sich Gegebenheiten, die man sich nicht hätte denken können. Ich hatte zwar vor, auf Rückkehr meines Auslandssemesters meinen Master fortzuführen, momentan überlege ich aber velleicht doch einen Berufseinstieg. Nichts liegt fest; alles ist anpassbar; nur du selbst kannst deinen Weg festlegen. Es ist immer wichtig, sich von anderen Bereichern zu lassen, besonders von denen mit mehr Erfahrung. Letztendlich aber liegt es nur an dir, wenn du dich damit auseinandergesetzt hast und einen Weg als richtig empfindest, soll niemand anders dich von deinen Zielen abhalten, als du.
Gruppenzwang im Auslandssemester…
Das ist mein erster Blog, verzeih mir also bitte, wenn das Ganze ein wenig zusammengeschmissen scheint. Mir ist aber ein wichtiges Thema eingefallen, das ich unbedingt noch ansprechen möchte. Ich habe hier in Tainan einen Freund, nennen wir ihn mal Alex, der sich schon, seitdem wir hier sind, auf die Bewerbung für sein nächstes Auslandssemester in den USA vorbereitet. Deswegen hat er auch einiges an Reisen, Gruppentreffen, Partys usw. verpasst. Ich verstehe mich ganz gut mit ihm, und während wir mal abends ein Bierchen tranken, meinte er, dass er es schade fand, nicht mehr Teil der Core-Gruppe zu sein. Selbstverständlich war er immerhin überall eingeladen, aber ich glaube, die meisten verstehen, was ich meine: inside jokes, Throwbacks auf Reisen, kleinere Subgruppen, die sich mehrmals in der Woche in der Mensa treffen. Zusätzlich wurde ihm immer wieder leicht vorgeworfen, dass er zu viel Zeit mit unwichtigen Dingen verbringe und nicht den Moment geniesse. Irgendwie hat man schon eine Vorstellung, wie ein Auslandssemester aussehen sollte; Partys, Reisen, Freunde. Wenige denken an Nächte in der Bib, lernen, organisieren, Zukunft planen. Meine Antwort zu Alex: Es gibt keine richtige Antwort, die richtige Antwort ist der Weg, den man sich selber vornimmt. Nur weil jemand nicht denselben Weg wie einer selbst ausgewählt hat, muss man es dieser Person nicht vorwerfen. Manche erleben mit 20 vielleicht weniger, stehen dafür mit 30 beruflich bereits sehr solide da; andere sehen mit 20 die ganze Welt und sammeln unzählige Eindrücke, müssen sich jedoch mit 30 von unten wieder hocharbeiten. Andere gehen in eine ganz andere Richtung und gründen ihr erstes Unternehmen mit 40. Unsere Generation macht sich viel Druck, nicht nur gegenseitig, sondern auch selber. Man muss aber immer Kompromisse eingehen und sich in die eine oder andere Richtung entscheiden. Man muss aber immer das tun, was man für richtig hält, damit nur man selber für die Dinge, die in Zukunft passieren, zur Verantwortung gezogen werden kann. Schlimm wär’s, wenn äussere Kräfte Entscheidungen bestimmen können, die deine Zukunft gestalten werden.
Lange Rede kurzer Sinn
Schlussendlich ist es wichtig, sich über das Thema im Voraus Gedanken zu machen und einige Non-negotiables oder klare Werte zu setzen, die einen selber definieren. Es ist aber auch gut offen dafür zu sein, dass sich auf dem Weg Türen öffnen können, und dass man auch flexibel sein kann, um Chancen zu ergreifen, wenn sie sich bieten. Es ist wundervoll, sich von anderen bereichern zu lassen, nur sollte man sich sehr bewusst sein, ob und inwiefern man äußere Einflüsse erlauben will. Ein Auslandssemester wird dir unheimlich viel bringen, ob CV-technisch, sportlich, akademisch oder als durchgekreuzte Punkte auf der Bucket List, kannst nur du entscheiden!
