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Farmleben in Portugal

Farmleben in Portugal

„Eine Farm ist wie ein Schiff – man muss immer Arbeit reinstecken, sonst geht es unter.“ In meinen Semesterferien habe ich auf drei verschiedenen Farmen in Portugal für Kost und Logis gearbeitet und gelebt. Es waren für mich sehr wertvolle Erfahrungen, die ich dort gemacht habe und die mir unter anderem gezeigt haben, wie ein nachhaltiges Leben fernab des Schreibtisches im Einklang mit der Natur aussehen kann.

Frau mit Gitarre.
In den zwei Wochen auf der Farm lerne ich unter anderem, einen Song auf der Gitarre zu spielen.

Quinta Kania

In der Jurte, meinem neuen Zuhause für zwei Wochen, steht eine Tank Drum, eine kleine Trommel aus Stahl. So eine wollte ich schon immer haben und ich weiß in dem Moment, dass ich mich hier wohlfühlen werde. Die Quinta Kania ist wunderschön, etwas wild, sehr weitläufig, voller Sonnenblumen und gemütlichen, verwilderten Ecken – ja fast so, wie meine Farm aussehen würde, wenn ich sie mir ausmalen könnte. Die Farm hat einen riesigen Permakultur-Garten und zwei kleine Gewächshäuser und hier wächst so ziemlich alles, was der Sommer in Portugal an Gemüse hergibt: Tomaten, Gurken, Zucchini, Paprika, Zwiebeln, Salat, Rote Beete, ganz viele Kürbisse, Mais, Süßkartoffeln …

Außerdem stehen im Garten verteilt einige Pfirsichbäume, die reif sind, als ich gerade da bin, und es gibt wirklich nichts Besseres, als einen frisch gepflückten Pfirsich aus dem Garten. Frische Maracuja gibt es auch, die ist vielleicht sogar noch etwas besser als der Pfirsich. Den riesigen Garten zu gießen gehörte zu meinen Lieblingsaufgaben, aber hauptsächlich baue ich in der Zeit, in der ich auf der Farm lebe, an einem kleinen Haus. Ich lerne, die lehmartige Masse herzustellen, aus der die Wände des Hauses geformt werden. Es ist ein bisschen, wie einen riesigen Teig anzurühren: ganz viel Erde, ein bisschen grobkörnigen Sand, beides mit Wasser zu einer matschigen Masse vermischt. Und dann wird entweder Stroh oder Wolle untergeknetet, um das Ganze zu stabilisieren. Wir mixen das Ganze mit unseren Füßen und ich fühle mich wie auf einem riesigen Schlammspielplatz – auf jeden Fall macht es echt Spaß! Der fertige Mix wird dann entweder zwischen Steine gedrückt, um diese aufeinander zu fixieren, oder an Hühnerstall-Draht angedrückt, um die Wände zu formen. Es ist schön zu sehen, wie in den zwei Wochen das Haus wirklich langsam Gestalt annimmt.

Herdade da Agolada de Cima

„Eine Farm ist wie ein Schiff – man muss immer Arbeit reinstecken, sonst geht es unter“, sind die ersten Worte von José, dem Sohn des Farmbesitzers in Coruche, als er mich und die anderen Volunteers auf der Farm begrüßt. Die Farm Herdade da Agolada de Cima ist riesig – 50 Hektar groß. Es ist ein historisches Landgut, das in der Vergangenheit als Landwirtschafts- und Jagdrevier für den portugiesischen Adel genutzt wurde. Es besteht aus einem Haupthaus, Schlafsälen, kleinen Häusern, einem Pool, Teich und riesigem Waldgebiet. Hauptsächlich wird hier Forstwirtschaft betrieben, die Farm befindet sich in einem der größten Korkbaumgebiete der Welt. Es gibt auch viele Kiefern, sowohl für Schnittholz als auch für die essbaren Kiefernüsse. Laut Antonio, dem Farmbesitzer, sind Kork und Kiefern eine sehr nachhaltige Ressource, da ihre Lebensdauer über 200 Jahre beträgt und sie in dieser Zeit Kork und Kiefernüsse produzieren. Es ist die portugiesischste und traditionellste Farm, auf der ich war. Ich fühle mich hier oft in eine andere Zeit versetzt, wenn ich nach dem Arbeiten vor der alten efeuumrankten Villa  im Gras liege, und ein bisschen scheint hier die Zeit auch stehen geblieben zu sein. Auf jeden Fall läuft die Zeit hier langsamer.

Vegan Hills

Vegan Hills ist verbrannt. Soweit das Auge reicht, nur Hügel voller verkohlter Bäume. Surreal sieht die Gegend aus, ich fühle mich manchmal wie in einem Science-Fiction-Film. Vegan Hills – so heißt hier die Community, der das Land gehört, wie ein Verein funktioniert das und man kann sich mit der Mitgliedschaft sozusagen einen Bereich Land erkaufen (nur vegan muss man leben). Ende Juni fegte hier ein riesiger Feuersturm über das Land und hat alles verkohlt zurückgelassen, samt Baumhaus und Kletterwand. Jetzt müssen neue Bäume gepflanzt,  das Land gereinigt und präpariert werden. Und dafür haben sich hier einige Volunteers versammelt.

Gelebt wird hier komplett Off-The-Grid, also ohne Strom- und Wasseranschluss. Der Strom kommt aus Solarzellen und das Wasser wird aus dem Grundwasser gepumpt. Wassersparen ist angesagt, die letzten Monate waren heiß und trocken und Wasser ist hier immer knapp. Meistens reicht deswegen nach der Arbeit der Sprung in den See und es ist erstaunlich, wie schnell man sich an alles gewöhnen kann und wie wenig Luxus doch nötig ist, um glücklich zu sein. Ein kleines Gemüsegewächshaus gibt es auch – alles andere ist verbrannt. Meine Jurte steht zwischen verbrannten Bäumen und nachts ist es manchmal sehr gespenstisch, wenn der Mond darauf scheint. Oft denke ich mir, dass es solche verbrannten Flächen in Zukunft wahrscheinlich öfter geben wird. Und es ist sehr spannend zu lernen, was man damit dann anfängt. Außerdem ist die Natur hier zwar verbrannt, aber nicht tot. Überall sprießen schon wieder grüne Blätter aus verkohlten Zweigen und kleine Sträucher aus dem Boden. Unsere Arbeit besteht hauptsächlich darin, das Land wieder aufzubereiten, aufzuräumen, Boden zu begradigen, verbrannte Sträucher zu entwurzeln und Löcher für neue Bäume zu graben.

Nach zwei Wochen in den Vegan Hills habe ich mich trotz der Verwüstungen, die das Feuer zurückgelassen hat, in den Ort verliebt – in die Einfachheit des Lebens, die unglaubliche Ruhe, die wunderschönen Sternenhimmel, Mondaufgänge, Sonnenaufgänge und die einsamen Seen.

Meine Mission: Nachhaltig leben

Ich bin mit der Mission nach Portugal gegangen, dort möglichst nachhaltig zu leben und habe gemerkt, dass das in der Stadt zwar möglich, aber eben auch nur begrenzt möglich ist. Was ich vor allem gemerkt habe, ist, wie gut mir ein einfacher, simpler Tagesrhythmus tut. Aufstehen, arbeiten, Mittagessen, dann freie Zeit und wenige Wahlmöglichkeiten, den Tag zu gestalten: Lesen, Slacklinen, in der Hängematte liegen, an den See laufen. Es tat verdammt gut, mal nicht zwischen tausenden von Möglichkeiten entscheiden zu müssen, wie ich meine Zeit bestmöglich nutzen kann. Und die Ruhe, die Ruhe vermisse ich jetzt schon sehr. Wieder in Lissabon fällt mir auf, wie überladen alles ist an Reizen und wie sehr mich das manchmal überfordert. Nachhaltiges Leben habe ich auf diesen Farmen mehr als nur auf einer Weise kennengelernt, im Lebensstil, aber auch in der Art, Erfahrungen zu machen, zu essen, mit unseren Ressourcen umzugehen, und in der Weise, wie ich meine Zeit nutze.

Das nachhaltige Leben ist nicht der einfachste Weg, das habe ich schon zu Beginn meines Auslandaufenthaltes festgestellt, und das glaube ich jetzt immer noch. Aber es ist ein für mich sehr reizvoller, weil er auch dazu führt, unsere oft überladene Realität auf ihren Kern zu reduzieren. In der Stadt leben wir in einer abstrakten Welt, wir arbeiten an unseren Computern, um uns im Supermarkt Gemüse zu kaufen. Auf den Farmen habe ich ein Leben kennengelernt, das sozusagen zurück zum Ursprung dieses Kreislaufs geht, wo im Garten gearbeitet wird, um Gemüse zu ernten. Für mich war es ein sehr erfüllendes Leben. Ein Leben, das mir erst gezeigt hat, was Nachhaltigkeit eigentlich bedeutet und warum ich in Lissabon immer das Gefühl hatte, ein wirklich nachhaltiges Leben gar nicht erreichen zu können. Trotzdem konnte ich viel aus meinen Erfahrungen, die ich auf den Farmen gemacht habe, in meinen Alltag in Lissabon mitnehmen. Vor allem, dass ein nachhaltiges Leben für mich nicht nur bedeutet, möglichst nachhaltig zu konsumieren, sondern, dass es auch wichtig ist, meine Zeit möglichst nachhaltig zu nutzen, mir Zeit für wenige mir wichtige Dinge zu nehmen und Erfahrungen voll und ganz ohne Ablenkung zu leben.

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