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Liebesbriefe aus Lissabon – Ein Jahr Fernbeziehung

Liebesbriefe aus Lissabon – Ein Jahr Fernbeziehung

Mein erstes Semester in Lissabon ist fast vorbei und somit haben mein Freund und ich bereits die Halbzeit in unserer Fernbeziehung erreicht. Wir haben zusammen Bilanz gezogen und in diesem Beitrag erzähle ich von unserer Fernbeziehung – aus meiner Sicht.

Als ich mich dazu entschieden habe, mein Studium im Ausland fortzusetzen und hier in Lissabon auch zu beenden, wurde mir gefühlt am häufigsten die Frage gestellt, was denn jetzt aus mir und meinem Freund wird. Dann wurden mir manchmal Tipps gegeben für meine zukünftige Fernbeziehung und manchmal wurde ich auch ziemlich für meine Entscheidung kritisiert und dass das ja ziemlich „gemein“ von mir sei. Ich verstehe, wenn viele sich gegen eine Fernbeziehung entscheiden. Die große räumliche Distanz erschwert eine Beziehung natürlich in vielerlei Hinsicht. Aber sie ist nicht unmöglich und eine Fernbeziehung kann auch sehr schön sein. Jeder muss für sich selbst entscheiden, ob eine Fernbeziehung infrage kommt. Ich würde ein Auslandsstudium oder -praktikum niemals von vornherein ausschließen, nur weil ich eine Beziehung führe. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung.

Mein Freund Gianni und ich führen nun seit Mitte September 2020 eine Fernbeziehung und das wird auch bis Juli 2021 so bleiben, denn ich bleibe für zwei Semester, also zehn Monate hier in Lissabon.

Gianni und ich haben uns gegenseitig Fragen zu unserer Fernbeziehung gestellt beziehungsweise gemeinsam gesprochen. Das Interview mit Gianni hilft vielleicht denjenigen, bei denen der Partner oder die Partnerin bald ins Ausland gehen wird. Das Interview aus meiner Sicht ist eher eine Unterhaltung geworden, aber gibt vielleicht auch ein guter Einblick in eine beziehungsweise unsere Fernbeziehung, denn jede Beziehung ist ja anders:

Gianni: Was machst du, wenn du mich vermisst oder Liebeskummer hast? 

Also bei mir ist Vermissen gar nicht so etwas schmerzhaftes, meistens jedenfalls nicht. Ich vermiss dich eher so, dass ich halt die ganze Zeit an dich denke oder dass ich immer im Kopf habe „oh das muss ich Gianni erzählen“ oder „oh da würde Gianni jetzt drüber lachen“ oder „das würde Gianni in dem Moment sagen“. Oh je, das hört sich an, als wäre ich schizophren oder würde den ganzen Tag Selbstgespräche führen. Also es ist eher so, dass du die ganze Zeit präsent bist und das ist meine Form von Vermissen. Ja, und wenn ich dich vermisse, dann rufe ich dich an. Ich würd es fast gar nicht vermissen nennen, sondern eher, dass ich einfach die ganze Zeit an dich denke. Also manchmal tut es schon echt weh und dann bin ich auch echt traurig und so, aber da kann man halt nicht wirklich was dagegen machen, da trink ich dann halt einen Tee. 

Gianni: Wenn du zurückschaust auf die letzten Monate, also deine Zeit im Ausland, würdest du etwas anders machen? 

Ne, mir fällt jetzt nichts ein. Ich find auch im Nachhinein, klar wir haben uns einmal so richtig heftig gestritten, aber wir sind dann doch ganz gut damit umgegangen, obwohl wir uns nicht in den Arm nehmen konnten. Oder? 

Gianni: Ja, wir haben jetzt auch keine Konsequenzen oder so aus dem Streit gezogen

Naja schon ein bisschen. Ich hab da schon was mitgenommen. 

Gianni: Ach ja? Was hast du mitgenommen? Negatives oder was? 

Ne, nur so, weiß ich jetzt nicht. Da kam bei uns einfach viel zusammen. Also ich war da schon wirklich sehr unglücklich und traurig, als wir da gestritten haben. Wir sind aber auch zwei Menschen, wir streiten uns nicht so viel. Wir haben ein bis zwei größere oder wirkliche Streits im Jahr. Eigentlich kannst du das bei uns echt abzählen, ungefähr alle sechs Monate krachts halt mal. (lacht)

Gianni: Ja das liegt aber auch daran, dass ich sehr umgänglich und tolerant bin. (lacht)

Ja das liegt natürlich nur an dir, mein Schatz. 

Gianni: Das kannst du bei meinen Stärken einfügen, bei meiner Charakterbeschreibung. Ich bin sehr tolerant. (lacht) 

Nein, also zurück zum Thema. Das war unser einziger Streit bis jetzt in der Fernbeziehung, also auch Gott sei Dank, und da hatte ich echt Schiss, dass es vielleicht nicht klappt oder das es einfach alles Kacke ist und wir uns nicht mehr vertragen, weil wir uns nicht in den Arm nehmen können. Und wir brauchen ja auch immer eine gewisse Zeit, bis wir zwei Sturköpfe uns auch wieder zusammenraufen. Ich war dann doch überrascht, dass wir das dann doch so leicht aus der Welt schaffen konnten und wir es geschafft haben, so gut zu kommunizieren, trotz Distanz. Aber das war auch das Schwerste für mich, dass ich dich da nicht sehen und nicht umarmen konnte. 

Gianni: Ja, das stimmt. Wie gehst du mit Eifersucht um? 

Na ja ich bin ja nicht so ein eifersüchtiger Mensch. 

Gianni: Weil ich so hässlich bin oder was? 

(lacht) Ja, weil ich weiß, dass du eh niemand anderen abbekommst. 

Gianni: … Ja, vielleicht macht es uns Corona in der Hinsicht auch leichter. Weil es einfach nicht möglich ist, sich großartig zu treffen oder feiern zu gehen. 

Na ja also ich war ja hier [in Lissabon] am Anfang des Semesters schon noch weg. Na ja obwohl ein Mal eigentlich nur. 

Gianni: Ah ,stimmt diese Bootsparty.

Ja, genau, das war kacke (lacht) und klar Passau – München ist jetzt nicht so die krasseste Fernbeziehung, aber da bin ich ja auch feiern gegangen. Und du  in München auch. 

Gianni: Ja stimmt, ist eigentlich kein Unterschied.

Aber das Ding mit Corona ist wirklich, das, was es extrem hart macht. … Ja, egal, frag mal weiter, vielleicht stellst du mir die Frage ja eh. 

Gianni: Was für eine Frage? 

Was das Beschissenste an einer Fernbeziehung ist? 

Gianni: Ja das haben wir doch schon angesprochen, der Streit.

Ja der Streit, aber das war ja nur ein Moment. Für mich ist aber das Bescheuertste das mit Corona. Also wenn ich jetzt so drüber nachdenke, dann war vielleicht sogar gar nicht der Streit das Schlimmste, sondern diese Enttäuschung darüber, dass du nicht kommst wegen Corona. Es war alles ausgemacht und dann keine zwei Wochen davor, war klar, du kannst doch nicht kommen. Und dann dasselbe noch einmal einen Monat später. Du kommst, du kommst doch nicht. 

Gianni: Ja, also das war jetzt zwei Mal so.

Klar, war nur zwei Mal, aber das war für mich schon echt megafrustrierend. Einfach, weil ich mir das so sehr gewünscht habe, dass du zu mir kommst und das hier alles siehst. Meine neue Wohnung, meine Leute kennenlernst und einfach so mein Leben hier. Und das dann immer wieder so kurz vor knapp ein Strich durch die Rechnung gemacht wurde, das war schon echt, … also das hat mich schon echt sehr gefrustet. Weil ich einfach so voller Vorfreude war und dann beim zweiten Mal als du kommen wolltest, hab ich mir ja schon extra vorgenommen, mich nicht zu früh zu freuen. Aber ich hab mich natürlich trotzdem gefreut und dann war wieder dasselbe. 

Ja stimmt, das war schon scheiße. … Aber was ich echt noch gut finde an der Fernbeziehung, ist, dass wir uns beide extrem gut auf unser Zeug konzentrieren können. Das ist schon echt ein Vorteil, weil ich weiß, wie ich bin, wenn du da bist. Weil da bin ich einfach bisschen abgelenkt. 

Ja voll, ich hab jetzt drei Wochen kein Sport mehr gemacht, wo ich bei dir zu Hause war. Nur gegessen.  

Ja gut, das lag jetzt aber auch an der Weihnachtszeit. 

Ja, das stimmt. Aber das ist wirklich das, was ich an der Fernbeziehung fast genieße, dass man so unabhängig ist. Dass ich nicht Abwägen muss, ob ich jetzt noch ein/e FreundIn treffe oder dich.
Oft wird ja auch gesagt, dass sobald jemand in einer Beziehung ist, er oder sie keine Zeit mehr für seine Freunde hat. Aber wenn du eine Fernbeziehung hast, trifft das ja definitiv nicht zu, weil du siehst ja deinen Partner erst mal nicht. Und ich finde es fast angenehm, dass man so bestimmte Zeiten hat, in denen man sich fest sieht. Andererseits ist es jetzt so, dass ich drei Wochen zu Hause war und wir haben uns wirklich viel gesehen, nicht genug dafür, dass wir uns jetzt wieder länger nicht sehen, aber schon fast jeden Tag, und da hab ich schon gemerkt, meine Freunde zu Hause, habe ich nicht so viel gesehen. Wegen Weihnachten kam auch noch viel Familienzeit dazu, natürlich. 

Gianni: Bist du zufrieden bis jetzt mit dem Interview?

Ja aber paar Fragen hast du ja schon noch, oder? 

Gianni: Hmh ne nicht wirklich, du hast mir viele weggenommen. 

Aber du kannst mir doch dieselben stellen 

Gianni: Ach so. Dann warte mal … Was sind denn deine Tipps für eine Fernbeziehung? 

Das man trotz der Distanz aufmerksam und achtsam ist. Also sich merkt, was der andere zum Beispiel für Termine hat, dass man einfach den Alltag des anderen so ein bisschen im Kopf hat. Wir haben da beide manchmal zwar echt viel verplant (lacht), ich mein, du wusstest bis zum Ende des Semesters nicht, an welchen Tagen ich Uni hab.  

Gianni: Ja ich hab die Tage immer ein wenig durcheinandergebracht. Aber man muss da natürlich sagen, dass bei dir der Portugiesisch-Kurs auch die ganze Zeit verschoben wurde auf Freitag, obwohl du da eigentlich frei hattest.  

Ja, das stimmt. (lacht) Aber einfach, dass man so ein bisschen Ahnung davon hat, was der andere so macht. Das man da auch mal nachfragt und auch fragt, wie denn der Tag des anderen war oder wie es dem anderen geht. Und nicht so ein oberflächliches „wie gehts dir“, bei dem man gar keine richtige Antwort wissen will, sondern so ein wirklich ernst gemeintes: „Wie geht es dir?“.
Und dann wirklich einfach so kleine Aufmerksamkeiten. Ob das jetzt Briefe sind, Blumen oder dass man dem anderen einen Adventskalender zu Weihnachten bastelt. Irgendwie so was in der Art. Nur weil man sich nicht in denselben vier Wänden aufhält, heißt das nicht, dass man nicht achtsam miteinander umgehen kann. Ich glaube, das ist in jeder Beziehung wichtig. Das man sich gegenseitig wertschätzt und auf sich gegenseitig achtet.
Und wegen „feste Zeiten zum Telefonieren“ den Tipp, den uns meine Schwester gegen hat: Also ich finde, da muss man einen guten Mix finden. Manchmal ist es gut, wenn man einen festen Termin ausmacht. Wenn man zum Beispiel so wie wir es ein paar Mal gemacht haben, zusammen einen Film abends schauen möchte. Aber manchmal kommt halt was dazwischen und den ganzen Tag um ein einziges Telefonat drumrum zubauen ist manchmal auch ein bisschen schwierig. Deswegen find ich es auch schön, wenn man sich auch ab und an spontan nur für zehn Minuten zusammen ruft. Oder abends nur um gute Nacht zu sagen, den anderen noch mal anruft.
Wichtig ist für mich bei einer Fernbeziehung auch, dass sie irgendwann zu Ende ist. Also ich könnte jetzt keine Fernbeziehung habe, wo ich weiß, ich zieh jetzt ganz weg und dann mal schauen.

Gianni: Also, das eine Deadline gesetzt ist. Du musst dich anders ausdrücken. Also dass es nicht die ganze Zeit eine Fernbeziehung bleibt und nicht, dass die Beziehung dann irgendwann zu Ende ist (lacht).

Ja, also nicht die Beziehung an sich, sondern nur die Ferne. Aber komm, du weißt doch, wie ich es gemeint habe. 

Gianni: Ne hab schon kurz Panik bekommen (lacht).

Also wir wissen beide nicht, was nach 2021 kommen wird. Also was wir nach dem Bachelor machen, aber ich find es wichtig, dass man sich zusammen auf etwas Neues und auch Gemeinsames freuen kann. Und ich find es auch wichtig, dass man sich zwischendurch auch mal sieht. Also jetzt sechs Monate gar nicht sehen, puuh das wär schon hart.

Gianni: Also wir haben jetzt zwei Monate ganz entspannt gerockt. 

Ja also die längste Zeit, die wir uns jetzt nicht gesehen haben, waren neun Wochen. Und ich muss sagen, die neun Wochen waren leichter als die vier Wochen am Anfang, in denen wir uns nicht gesehen haben. Na ja, obwohl in den neun Wochen hatten wir unseren Streit. Aber diese vier Wochen nach dem Streit, die waren irgendwie total entspannt. 

Gianni: Gut. Nächste Frage, von einer Skala 1 bis 10 wie geil findest du die Fernbeziehung? 

Hmh ich bin ja mit dir in einer Beziehung, deshalb kann sie ja nur geil sein. Und ich muss sagen, ich find die Fernbeziehung weniger schlimm, als ich dachte beziehungsweise als ich befürchtet habe. Ich find sie tatsächlich echt schön. Also weil wir sind zusammen, wir lieben uns, wir können reden, wir hatten jetzt auch drei wahnsinnige schöne Woche zu Hause. Ich hab nichts daran auszusetzen. Das Einzige ist, dass es natürlich schön wäre, sich öfters zu sehen, aber da das jetzt einfach nicht geht, ist das auch in Ordnung. Weil das ist jetzt einfach so und ich finde auch, wie du es bereits gesagt hast, wir sind uns beide unglaublich nah. 

Gianni: Ja, irgendwie schon. Aber auch nicht immer, also nicht an allen Tagen. Manchmal klappt es auch nicht so. 

Ja klar, aber auch in der Zeit, in der ich jetzt zu Hause war, hatte ich das Gefühl, dass unsere Beziehung einen krassen Schritt gemacht hat. 

Gianni: Ja wir sind noch näher zusammen gewachsen.

Ja. … Willst‘ noch was wissen? 

Gianni: Hmh ich überlege gerade noch. Schlimmsten Augenblick hatten wir schon, Tipps hatten wir schon, … Okay, hab noch eine: Wenn du die Möglichkeit hättest, deinen Partner, also in deinem Fall mich mitzunehmen und dass man zusammen eben ins Ausland geht, würdest du das machen?

Hmh schwierige Frage. Weil jetzt im zweiten Semester: ja defintiv. Lissabon ist so toll und das Einzige, was nicht so toll ist, bist du. Also dass du nicht da bist. 

Gianni: Was ist mit Corona? 

Ja klar Corona ist auch doof. Aber hier in Lissabon ist das mit Corona auch nicht entspannter, aber die gehen hier einfach anders damit um als in Deutschland und deshalb finde ich es hier in Portugal leichter, mit Corona umzugehen. Aber um deine Frage wieder aufzugreifen. Also im zweiten Semester, ja, da könnte ich mir vorstellen, das zusammen mit dir zu machen. Im ersten Semester oder in der Anfangszeit eher nicht. Weil ich da einfach für mich selbst die Erfahrung machen möchte und wenn du alleine bist, dann bist du auch gezwungen, Leute kennenzulernen und wirst aus deiner Komfortzone so bisschen getrieben. Und es ist schon wichtig, denke ich, dass man auch wenn man in einer Beziehung ist, Erfahrung nur für sich selbst macht und machen kann. 

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