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Praktikum am anderen Ende der Welt – Was ist meine Mission?

Praktikum am anderen Ende der Welt – Was ist meine Mission?


Die sechste Woche an meiner Praktikumsschule in Chile ist rum. Ich habe viel dazugelernt. Viel gesehen. Viel nachgedacht. Warum bin ich eigentlich hier und nicht in Deutschland? Besser gesagt: Warum am anderen Ende der Welt? Das sollt ihr in diesem Beitrag erfahren…

Was studierst du eigentlich?

An der Universität zu Köln studiere ich aktuell im vierten Semester Sonderpädagogische Förderung. Damit ich Lehrerin werden kann, muss ich zunächst meinen Bachelor absolvieren und anschließend den Master. Erst nach Abschluss des Masters kann ich in den Vorbereitungsdienst entlassen werden. Dort bin ich dann ebenfalls anderthalb Jahre im Referendariat.
Ursprünglich hatte ich mich für die Uni Köln entschieden, da ich mir damals das Modulhandbuch angeschaut hatte. Sprich also ein Handbuch, in dem alle Veranstaltungen, Kurse und der Studienverlauf dargestellt ist. Vor Beginn des Studiums war ich sehr überzeugt vom Aufbau des Studiums. Das bin ich nach wie vor, allerdings bedauere ich sehr, dass man sowohl während des Bachelors als auch während des Masters verhältnismäßig sehr wenig Praxiserfahrungen sammelt. Im Bachelor sind nämlich insgesamt zwei Pflichtpraktika vorgesehen. Das eine muss mindestens fünf Wochen dauern, das andere vier Wochen. Im Master gibt es dann ebenfalls eine Praxisphase, ein sogenanntes Praxissemester. Wie der Name bereits vermuten lässt, müssen Studierende hierbei für ein ganzes Semester an einer schulischen Einrichtung unterrichten. Wenn man also mehr Praxiserfahrung sammeln möchte, lohnt es sich, außerhalb des Studiums bereits als Integrationshelfer:in oder ähnliches an einer Schule zu arbeiten. Nur durch Eigeninitiative kann man somit mehr Praxiserfahrung sammeln. Meiner Meinung nach ist der theoretische Anteil in keinem angemessenen Verhältnis zum praktischen Teil. Denn fünf Jahre Theorie versus anderthalb Jahre Vorbereitungsdienst klingen irgendwie… Unverhältnismäßig? Komisch? Ich würde sagen: Klingt, als müsste ich ein halbes Jahr mal raus und am eigenen Leibe die Praxis erfahren.

Und warum jetzt Escape Room?

Auch ich hatte mich als Integrationshelfer:in an einer inklusiven Schule beworben. Was mir nicht gefiel: Ich würde zwei Mal die Woche für ein paar Stunden ein Kind betreuen und die restliche Zeit betreut dieses Kind eine andere Person. Ich würde also nicht die Möglichkeit haben, tatsächlich in das Schulleben einzutauchen und mich intensiv mit dem Kind bzw. den Kindern auseinanderzusetzen. Ich hatte immer das Gefühl, ich wäre wie ein Tropfen auf dem heißen Stein. Ich kratze mal am Schulleben, klopfe an die Tür, schaue aber nicht so richtig hinter die Fassade. Um dem zu entkommen, habe ich mich deshalb entschieden, ein Praktikum mit einer Dauer von mindestens einem Semester zu absolvieren. Denn ich habe das Gefühl, nur so kann ich wirklich in das Schulleben eintauchen und für mich nachhaltig wertvolle Erfahrungen sammeln. In sechs Monaten kann ich deutlich besser in das Schulsystem eingebunden werden als in fünf Wochen bzw. als bei einem zweitägigen Besuch in einer Woche.

Okay, verstanden. Aber warum Chile? Warum nicht Deutschland?

In Deutschland habe ich bereits drei Praktika an Schulen absolviert. Ich spreche die deutsche Sprache sehr gut, da ich dort geboren und aufgewachsen bin. Für mich ist das deutsche Schulsystem nichts neues. Die Perspektive, aus der ich es betrachte, ist vielleicht anders als früher, aber an sich kenne ich das System. Chile ist jedoch kulturell als auch geographisch ganz anders als Deutschland.

Peulla Berge
Chile hat geografisch einiges zu bieten. Die Berge auf diesem Bild sind nur die Spitze dessen, was dieses Land noch zu bieten hat. Bleibt gespannt 🙂

Zudem spreche ich sehr schlecht spanisch, weshalb ich die Sprache hier besser lernen möchte. Das Land, die Sprache und die Schule sind für mich neu. Eine neue Bubble, die mich aus meiner Komfortzone zwingt. Das habe ich gleich zu Beginn schon gemerkt. Doch so schön kuschelig und warm die Komfortzone auch ist – dort wird niemals etwas wachsen, wie ich finde. Und genau so habe ich mich während meines Studiums häufig gefühlt. Die Module abgeschlossen. Veranstaltungen besucht. In die Mensa gegangen. Alles routiniert. Schön und gut. Doch so richtig in das Schulleben bin ich nie eingetaucht. Auch neue Erfahrungen, in der Art und Weise, wie ich sie bereits in Chile gesammelt habe, sind mir derart in Deutschland nie begegnet.

Und wie läuft es bisher so? Im Escape Room?

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich davon berichtet, wie holprig meine Ankunft und der Anfang hier waren. In der Tat war ich von Reizen überflutet. Doch hatte ich erst einmal diesen Berg überwunden, haben sich mir ganz neue Möglichkeiten eröffnet. In meiner Praktikumsschule ist es so, dass die Schüler:innen ab der zehnten Klasse in Grund- und Leistungskurse aufgeteilt werden. So auch im Fach Deutsch. Leider hat sich innerhalb eines Grundkurses das Niveau der Schüler:innen derart unterschiedlich entwickelt, dass die Lehrperson nicht mehr mit den unterschiedlich Lernansprüchen klargekommen ist. Der Grundkurs wurde wiederum in zwei Klassen aufgeteilt. Neue Klassen, schön und gut. Doch wer übernimmt diese elf Schüler:innen jetzt? Ja richtig. Ich, mit Kusshand. Und nicht etwa im Schlepptau einer anderen Lehrerin. Nein, sondern nur ich gemeinsam mit der anderen Praktikantin. Wenn ich also davon spreche, dass ich in diesem Praktikum Chancen ergriffen habe, die sich mir auf diese Art und Weise noch nicht in Deutschland eröffnet hatten, dann wisst ihr jetzt, was ich meine. Nie wurde mir in Deutschland eine ganze Klasse anvertraut. Allein.

Diese Erfahrungen sind so kostbar, wie ich sie mir zuvor nicht erträumt hätte. Einfach, weil ich niemals damit gerechnet hätte, dass man mir als Praktikantin so viel anvertrauen würde. Doch ich glaube, genau dieses Vertrauen ist notwendig, um gute Lehrkräfte auszubilden. Denn die eigene Lehrerpersönlichkeit, die Art zu unterrichten oder auch verschiedene Lehrmethoden müssen erprobt werden. Und das nicht erst mit Beginn des Referendariats.

Und jetzt?

Ich habe noch ein paar Monate hier an der Schule, die ich bestmöglich nutzen möchte. Dazu zählt auch ein zweitägiger Ausflug mit einer Schulklasse, auf den ich mich schon sehr freue. Meine Erfahrungen hier bereichern mich sehr. Und auch, wenn ich finde, dass das Lehramtsstudium in Deutschland nicht praxisorientiert genug ist, habe ich dennoch innerhalb dieses Systems die einmalige und unvergessliche Chance bekommen, ans andere Ende der Welt zu reisen. Wofür? Um Praxiserfahrungen zu sammeln. Und genau das werde ich weiterhin tun. Seid also gespannt, was ich euch noch erzählen werde, denn das ist gerade erst der Anfang. Und auf die kommende Zeit freue ich mich schon sehr.

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