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Lost in Translation

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ロスト・イン・トランスレーション

Kann man eine der schwierigsten Sprachen der Welt wirklich lernen? Dominik Krenn ist für anderthalb Jahre nach Tokio gegangen und hat es versucht.

Student Dominik steht auf einer Straße in Tokio, um ihn herum sind viele Menschen.

„Warum sollte der Staat 40.000 Euro in Sie investieren?“ Die erste Frage in Dominiks Bewerbungsgespräch für das Stipendienprogramm „Sprache und Praxis in Japan“ hatte es in sich.„Die hat mich erst einmal umgehauen“, erzählt der 27-Jährige mit abgeschlossenem Marketing-Studium. Und doch hatte er eine gute Antwort parat. „Japan als drittgrößte Volkswirtschaft ist in meinen Augen immer noch ein recht abgeschotteter Markt. Es gibt zu wenige Experten, die zwischen den Nationen vermitteln können und beide Kulturen und Arbeitswelten kennen.“ Und einer dieser Experten wolle er werden, so fasst er seine Antwort rückblickend zusammen. Das hat offensichtlich überzeugt. Dominik durfte sein 16-monatiges Abenteuer antreten.

Die Reise nach Tokio beginnt in Bochum

Alles begann mit einem zweiwöchigen Intensivkurs im Landesspracheninstitut der Ruhr-Uni Bochum. Statt trockene Grammatikregeln zu pauken und Deklinationen runterzurattern, wurde ihm Japanisch spielerisch beigebracht. „Der Lehrer kommt rein, hält einen Bleistift in der Hand und benennt den Gegenstand: „鉛筆, Enpitsu – man selbst plappert das nach wie ein kleines Kind“, erinnert sich Dominik. Er lernte die Grundzüge der japanischen Schriften, übte jeden Tag neue Vokabeln, konnte schließlich die üblichen Begrüßungsfloskeln und im Sommer 2017 ging es für ihn nach Tokio.

Wohnen in Tokio – Leben auf engstem Raum

Eigentlich hilft der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der das Stipendium vergibt, bei der Wohnungssuche und unterstützt seine Stipendiaten mit einem Makler vor Ort. Da Dominik aber schon einmal für ein sechsmonatiges Praktikum in Tokio gelebt hatte, kannte er sich aus und organisierte seine Unterkunft auf eigene Faust: „Ich wollte unbedingt in einem ‚Shared House‘ wohnen, um auch mit Japanern in Kontakt zu kommen.“ Eine WG-Kultur gibt es in Japan nicht. Stattdessen gibt es sogenannte Shared Houses, mehrgeschossige Häuser, die auf jedem Stock viele winzige Zimmer haben. Dominik teilte sich mit ungefähr 25 bis 30 Menschen Küche und Bad und hatte selbst ein Zimmer der Größe von etwa zweieinhalb Betten. Trotzdem kostet eine Unterkunft wie diese 600 Euro im Monat. Gerade weil die Lebenshaltungskosten in Tokio so hoch sind, erhalten die Stipendiaten von „Sprache und Praxis in Japan“ auch eine recht hohe Fördersumme. Dominik bekommt monatlich 1.925 Euro: „Damit komme ich gut über die Runden.“

Erst Sprache und Kultur, dann Arbeit

Um Menschen, Kultur und Unternehmen kennenzulernen, organisiert der DAAD zahlreiche Networking-Veranstaltungen und Exkursionen. Das erste Jahr des Programms ist aber vor allem der Sprache gewidmet. Dominik ging in dieser Zeit täglich mit drei weiteren Stipendiaten zum Unterricht. „Ein Luxus“, wie er findet, denn andere Sprachkurse werden meist für viel größere Gruppen angeboten. „Durch die kleine Gruppengröße wurden wir gezwungen, zu sprechen.“ Und der Kurs hat ein straffes Programm, täglich gibt es Vokabel- und Kanji-Prüfungen, wöchentlich Grammatikklausuren. Darüber hinaus gibt es mehrere mündliche Tests. Alles muss bestanden werden, sonst muss man die jeweilige Prüfung wiederholen.

Man muss sich fallen lassen

Dominik integrierte das ständige Lernen in seinen Alltag und übte die täglich 20 bis 25 neuen Vokabeln auf dem Weg zur Sprachschule in der U-Bahn. „Die ersten Erfolge kommen schnell, du schnappst auf einmal Wörter an der Supermarktkasse auf, kannst die Stationsschilder der Metro lesen oder dem Handwerker am Telefon erklären, dass er die Wasserleitung freischalten soll“, erzählt Dominik. Seiner Erfahrung nach können viele Japaner kein Englisch, sodass er gar nicht anders konnte, als die Sprache auch anzuwenden. „Das geht eben nur im Land selbst. Wenn man sich fallen lässt und sich entspannt, dann traut man sich auch tatsächlich zu sprechen.“

Geschichten helfen beim Lernen

Nicht nur die Aussprache ist ganz anders als im Deutschen. Allein die Fülle der Schriftzeichen ist so komplex, dass nicht einmal die Japaner selbst alle beherrschen. Hinzu kommen ein gänzlich anderer Satzbau und mehrere unterschiedliche Höflichkeitsformen, die vom sozialen Status des Gegenübers abhängen. „Verkäufer sprechen dich ganz anders an als Kollegen oder Freunde, ein einzelnes Wort hat also schon mehrere unterschiedliche Versionen.“ Und trotzdem hat Dominik nie die Lust verloren, Japanisch zu lernen, und nutzte dafür gängige Lernmethoden: aufschreiben, wiederholen und vor allem Eselsbrücken bauen. „Zu vielen Wörtern habe ich mir eine kurze Geschichte aus- gedacht“, erzählt der Stipendiat. Das japanische Wort „Jiko“, das Unfall bedeutet, erinnere ihn beispielsweise an seinen Freund Chiko: „Der Kumpel fährt gerne Auto und baut einen Unfall.“ Geschichte fertig – Wort gemerkt.

Mit der Zeit wurden die Themen komplexer, dann musste sich Dominik im Unterricht über Politik oder Umweltschutz unterhalten. Häufig waren auch die Ausflugsziele, zu denen die Stipendiaten mit ihrer Lehrerin reisten, Thema des Unterrichts. „Wenn man woanders lebt, will man viel mehr erleben“, findet Dominik. In Tokio würde er sich jede einzelne Parade auf der Straße anschauen. Zu Hause läuft er an solchen Festen einfach vorbei.

Nach dem erfolgreichen Abschluss des Sprachkurses hat Dominik einen Praktikumsplatz bei L’Oréal gefunden, wo er im Rahmen des „Sprache und Praxis“- Programms noch bis Ende des Jahres bleiben wird. Von Tokio hat Dominik dann aber nicht genug: „Ich will noch eine Weile bleiben, ich mag die Mentalität und die Freundlichkeit der Menschen und fühle mich hier unglaublich wohl“, erzählt er. Eins wird er sich als groß gewachsener Mann wohl nie merken können: „Ich stoße mir hier immer noch überall den Kopf an.“

Dominik in der U-Bahn in Tokio.
Big in Japan: Dominik stößt sich immer noch überall den Kopf.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Ausgabe 2018 von „Erlebe Es – das Magazin für Auslandsaufenthalte“, das du hier herunterladen kannst.

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