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Erasmus in Frankreich oder in England – ein Vergleich

Erasmus in Frankreich oder in England – ein Vergleich


Jetzt liegt jeweils ein Erasmusaufenthalt in England (University of Warwick) und in Frankreich (Université de Lille II) hinter mir und beides waren Erfahrungen, die ich nicht missen möchte! In meinem neuen Beitrag möchte ich euch die Hauptunterschiede eines Erasmusaufenthaltes in den beiden Ländern vorstellen, die mir besonders aufgefallen sind. Alles sind aber natürlich nur meine persönlichen Erfahrungen und können für jeden anders aussehen.

1. Die Sprache

In beide Länder sollte man, von einem Sprachkurs abgesehen, nur studieren, wenn man die Sprache auf einem fortgeschrittenen Niveau beherrscht. In England ist das natürlich selbstverständlich, aber auch in Frankreich finden fast alle Kurse auf französisch statt. Kurse auf englisch gibt es dort selten und Franzosen legen viel Wert auf ihre Sprache. Das sollte natürlich jetzt niemanden abschrecken. Die meisten Franzosen freuen sich sehr, wenn man sie auf französisch und nicht auf englisch anspricht und sind geduldig und hilfsbereit, wenn einem die Worte fehlen.

Der Vorlesung konnte ich in England problemlos folgen, in Frankreich war es etwas schwieriger, obwohl ich vorher bereits ein halbes Jahr lang einen Freiwilligendienst in Frankreich absolviert hatte. Das lag aber vor allem am Stil der Vorlesung (s. Punkt 2).

Mein Fazit: In puncto Sprache sind beide Länder gleichauf. Einen Favoriten habe ich hier nicht.

2. Der Stil der Vorlesung

Hier unterscheiden sich beide Hochschulsysteme deutlich voneinander.

In Frankreich sitzen die Studenten meist in großen Sälen und tippen in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit Wort um Wort den Vortrag des Lehrers mit. Power-Point o.ä. sucht man leider häufig vergebens und vielen Dozenten gilt ihr Wort als das heiligste. Ich beherrsche das Zehn-Finger-System nur ziemlich mäßig und schaffe es nicht, so schnell mitzuschreiben, zumal ich es von Deutschland aus gewöhnt bin, von Hand Stichpunkte zu machen. Entsprechend schwer viel es mir, in der Vorlesung mitzukommen. Hier half letztlich nur, französische Studenten um Mitschriften zu bitten und mit diesen dann für die Prüfungen zu lernen.

In England klappte das dann alles viel besser. Zwar tippen hier auch ziemlich viele wie besessen mit, aber es gibt zumeist eine Präsentation und Vorlesungsmaterialien, die den Studenten zur Verfügung gestellt werden. So kann man, auch wenn man nicht alles auf Anhieb verstanden hat, Lücken sehr gut aufarbeiten. Durch die obligatorischen Seminare und Hausaufgaben ist man zudem „gezwungen“, alles nochmal aufzuarbeiten.

Mein Fazit: Hier geht der Punkt klar an England!

3. Klausuren und Hausarbeiten

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Auch diese gehören (leider) zu einem jeden Erasmusaufenthalt dazu.

In England werden ausländische Studierende meist genauso behandelt, wie einheimische. Anonymisierte Klausuren, die gleiche Anzahl an Prüfungen, Vorlesungen und ECTS-Punkten, machten es zeitweise schwierig, den Erasmusaufenthalt zu genießen. Es war v.a. in den letzten Wochen sehr fordernd und ich würde fast sagen, dass ich mehr zu tun hatte, als in Deutschland. Da kann das Reisen und Erleben im schlimmsten Fall natürlich zu kurz kommen. An sich hat man aber dennoch genug Zeit, alles zu schaffen ;).

Bei mir in Frankreich sah es da anders aus, was aber von Fach zu Fach und von Uni zu Uni stark variiert. Auch hier waren die Prüfungen anspruchsvoll, aber Erasmusstudenten hatten bei uns keine schriftlichen Prüfungen zu schreiben. Stattdessen fand das ganze mündlich statt, teilweise mit zwei Prüfungen am gleichen Tag. Der Stoff war viel und vieles hing davon ab, ob man eine leichte oder schwierige Frage aus dem Beutel mit den Fragen zog. Hier waren die Professoren aber sehr nett und verständnisvoll, da sie natürlich direkt merkten, wer ein Erasmusstudent und wer ein Franzose war. Andere oder leichtere Fragen als die Franzosen bekamen wir aber natürlich trotzdem nicht.

Mein Fazit: Schön war die Klausurenphase sicher in beiden Ländern nicht. Der Punkt geht hier aber an Frankreich, da ich es als erasmusfreundlicher empfunden habe. Dennoch sollte man den Aufwand auf keinen Fall unterschätzen!

4. Die Betreuung der Erasmusstudenten

Während ich in Frankreich mehr oder weniger ins kalte Wasser geworfen wurde, war es in England deutlich angenehmer. In einer Orientation Week, bei der wir zunächst nur unter uns internationalen Studenten waren, hatten wir genügend Zeit, den Campus kennenzulernen und uns einzugewöhnen. Dies war allerdings mit ca. 200 Pounds auch nicht besonders günstig, weshalb man sich genau überlegen sollte, ob es sich lohnt, daran teilzunehmen.

An beiden Unis gab es ein sehr nettes Team an Ansprechpartnern, die uns allen mit Rat und Tat zur Seite standen. Zudem wurde in Lille ein kostenloser Sprachkurs für alle Erasmusstudenten angeboten, den ich aber aufgrund von zeitlicher Kollision mit meinen Vorlesungen nicht besuchen konnte.

Hervorzuheben in England ist noch, dass man einen Personal Tutor zur Seite gestellt bekommt, also einen Professor, mit dem man sich zu Beginn jedes Term (bei Bedarf auch öfter) trifft, um über das Studium, das Allgemeine Wohlbefinden und sonstige Probleme und Fragen zu sprechen.

Mein Fazit: Auch hier können sich beide Länder durchaus das Wasser reichen. Daher ein Unentschieden.

5. Wohnen

Zweistockiges Doppelhaus in England
Mein wunderschönes Haus in England

Unabhängig davon, dass ich in Frankreich in einer WG und in England bei einer Gastfamilie gewohnt habe, unterscheidet sich die Wohnsituation der Studenten im Allgemeinen in beiden Ländern recht deutlich voneinander!

In Frankreich ist es eher wie bei uns. Viele Studenten wohnen in privaten WGs, im Wohnheim oder auch alleine. Die Preise sind zwar verhältnismäßig teuer, aber jeder Student, auch ein ausländischer, hat Anspruch auf Wohngeld von der CAF (Caisse d’allocations familiales), die ca. 1/3 der Kaltmiete übernimmt, sodass man letztlich ungefähr bei deutschen Mietpreisen rauskommt. Beim Ausfüllen der vielen Dokumente zur Beantragung hilft das Auslandsbüro der Uni gerne weiter.

In England sieht das ganz anders aus. Normalerweise wohnen die Studenten des ersten Jahres im Wohnheim auf dem Campus. Im 2. Jahr ziehen sie dann meist mit den gleichen Mitbewohnern wie im ersten Jahr in die Stadt. Und selten bleibt man mehr als ein Jahr im gleichen Haus wohnen. Viele Studenten suchen deshalb bereits im Dezember des Vorjahres nach einem neuen Haus ab September. Als Erasmusstudent hat man da natürlich Nachteile. An meiner Uni durften wir leider auch nicht auf dem Campus wohnen, sodass viele schließlich in WGs mit anderen Erasmusstudenten landeten, was sicher toll war, aber hinderlich, um Einheimische kennenzulernen. Die Mietpreise in England sind leider auch nicht zu unterschätzen. So zahlte ich monatlich 360 Pounds (ca. 500€) für etwa 12m2 und kam damit noch günstig davon! Generell sollte man sich im Klaren sein, dass das Leben in England weitaus teurer ist, als zuhause.

Mein Fazit: Hier geht der Punkt ganz klar an Frankreich (wenn man nicht gerade in Paris wohnt 😉 )

6. Freizeit

Auch was die Freizeit angeht, ist es in Frankreich eher so wie bei uns. Die Uni bietet den Hochschulsport an, vielleicht noch einen Chor und ein Orchester und das war’s. Für die meisten Hobbys muss man sich daher privat etwas suchen. An manchen Abenden gab es Erasmus-Events von ESN, wo wir international gekocht haben, an einem Speak-Dating teilgenommen haben oder die Restaurants und das Nachtleben der Stadt erkundet haben.

Im Gegensatz dazu, ist in England das ganze Leben klar auf die Uni fokusiert. Die Societies bieten zu jedem erdenlichen Hobby und zu jeder Leidenschaft Kurse an, sodass man nicht nur alte Hobbys fortführen oder auffrischen kann, sondern auch neues entdecken kann. Ich war beeindruckt und begeistert und würde mir sowas sehr für Deutschland wünschen.

Mein Fazit: Klarer Sieg für England!

Ergebnis

Mit 4:4 gibt es ein Unentschieden zwischen den beiden Ländern. Ein Erasmusaufenthalt lohnt sich also in jedem Fall ;). Mir persönlich hat es aber dennoch in Frankreich besser gefallen, was nicht zuletzt an der Stadt Lille lag, an die ich bereits in meinem FSJ 2012 mein Herz verloren haben und natürlich an der tollen WG in der ich leben durfte!

Foto, auf dem die WG an einem Tisch sitzt/steht
Einer der vielen tollen Abende mit meiner WG in Lille

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