Harvard gilt als die beste Universität der Welt – aber warum eigentlich? Liegt es an Milliardenvermögen, Nobelpreisen und Präsidenten? Oder steckt mehr dahinter? Zwischen Coffee Chats, großen Ideen und einem erstaunlich deutschen Erbe zeigt sich: Es ist vor allem eine Haltung, die diesen Ort prägt. Eine Annäherung an das Geheimnis von Harvard.
Acht US-Präsidenten, über 160 Nobelpreisträger, mehr als 40 Staats- und Regierungschefs sowie das größte Vermögen einer Universität weltweit. Diese Zahlen sprechen für sich und zeigen, dass der Mythos, dass Harvard die beste Uni der Welt ist, mehr als nur einen wahren Kern zu haben scheint. Auch wenn ich mit meinen Freunden aus Deutschland telefoniere, bekomme ich immer diese eine Frage gestellt: „Jannik, was ist das Geheimnis von Harvard?“ Was ist es, was Harvard weltweit zu dieser einmaligen Universität macht? Woran liegt es, dass der Name Harvard auf der ganzen Welt Resonanz findet?
Nach mehr als 7 Monaten in Harvard versuche ich mich – vielleicht auch nur aufgrund einer neuen Form des ikarischen Übermutes – an der Beantwortung dieser Frage und der zumindest groben Entzifferung des Mythos Harvard. Daher heute Folge sieben meines Blogs: Ask what you can do – Das Geheimnis von Harvard.
The art of being delusional
“When you enter the Harvard Law Library, becoming a Supreme Court justice suddenly feels possible.” Diese Beobachtung teilte vor einigen Tagen ein befreundeter Jesuitenpater mit mir, er selbst ein gestandener Geschichtsprofessor, der sich für einige Recherchen in die Harvard Law Library begab und mit mir beim anschließenden Kaffee diese Beobachtung teilte. Pater Charles schaffte es, mit diesem Satz etwas in Worte zu fassen, was ich lange versucht hatte zu beschreiben. Die Tatsache, dass der Ort Harvard an sich bzw. die Institution durch ihren nahezu mystischen Ruf eine ganz eigene Wirkung auf die Studenten zu haben scheint. Ich habe es bei allen meinen Kommilitonen gesehen.
Als Harvard Student entwickelt man ganz von selbst, nur durch das Leben und Studieren an diesem Ort, eine Form der Naivität – die Amerikaner würden sagen: delusion –, die einen plötzlich glauben lässt, man kann alles schaffen. Eben auch Supreme Court Justice werden. Ich habe das an mir selbst erlebt. Wenn man einige Tage an dieser jahrhundertealten Universität verbracht hat, fängt man an eine völlige neue Form des Selbstbewusstseins zu entwickeln. Der Gedanke läuft dabei bei den meisten meiner Kommilitonen gleich ab: „Ich habe es doch nach Harvard geschafft, dann kann ich auch ein Unternehmen gründen.“ „Ich habe es doch nach Harvard geschafft, dann kann ich auch Krebs heilen.“ Ich habe es nach Harvard geschafft, dann kann ich doch auch … Man setze hier ein beliebiges und in der normalen Welt als absurd abgeschriebenes Ziel ein.
Doch woran liegt es, dass meine Kommilitonen und ich diese Wahrnehmung der eigenen Selbstwirksamkeit ausgerechnet in Harvard entwickeln und nicht an einer Universität in Deutschland? An dieser Stelle rekurriert man am besten auf das neudeutsche Wort Vibe, denn genau das ist es. Für alle, die Jugendwörter des Jahres – die jedes Jahr von Susanne Daubner in unnachahmlicher Art in der Tagesschau präsentiert werden – nicht aktiv mitverfolgen: Vibe beschreibt jene schwer greifbare, aber unmittelbar spürbare Atmosphäre eines Ortes. Ein Zusammenspiel aus Menschen, wunderschönen Bibliotheken, den Möglichkeiten und Erwartungen, dass sich weniger erklären als vielmehr erleben lässt.
Gleichzeitig hat dieser Effekt auch eine Wirkung in die andere Richtung. Gerade weil Harvard die Universität mit dem besten Ruf weltweit ist, hat sie eine unfassbare Anziehungswirkung auf Persönlichkeiten und Institutionen jeglicher Couleur. Kurz gesagt: Jeder möchte nach Harvard. Professoren und Speaker reißen sich darum, in Harvard einen Vortrag halten zu dürfen. Unternehmen sponsern mit riesigen Geldbeträgen bombastische Veranstaltungen, um die Ausnahmetalente von morgen anzuziehen. Und als Harvard Student ist es das Einfachste der Welt, ein Toppraktikum in New York zu ergattern.
Der Name Harvard öffnet einem unfassbar viele Türen. Ich habe das bei mir selbst gemerkt. Egal ob in Boston oder in Deutschland, wenn neue Leute mich kennenlernen und erfahren, dass ich in Harvard studiere, ändert sich ihr Verhalten und steigert sich ihr Interesse mir gegenüber. In der Soziologie gibt es sogar einen Begriff für dieses Phänomen. Man spricht vom Matthäuseffekt. Dieser beschreibt das Phänomen, dass diejenigen, die bereits über Vorteile, Ressourcen oder Erfolg verfügen, im Laufe der Zeit noch mehr davon erhalten, während diejenigen mit weniger entsprechend zurückfallen. Der Name rekurriert dabei auf die Bibelstelle im Matthäusevangelium, in der es heißt: „Denn wer hat, dem wird gegeben werden, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.“ Das soll nicht heißen, dass meine Kommilitonen nicht smart oder fleißig wären, aber es zeigt, dass man es hier sicherlich zum Teil mit einem sich selbst verstärkenden System zu tun hat.
Ask what you can do
Vor einigen Tagen bin ich in der Harvard Kennedy School – der Politikfakultät – vor einem Plakat stehen geblieben, auf dem groß der Satz prangerte: „Ask what you can do.“ Der Spruch ist eine Anspielung auf das legendäre Zitat des 35. US-Präsidenten John F. Kennedy, den dieser in seine Antrittsrede 1961 vortrug: „Ask not what your country can do for you – ask what you can do for your country.” Das Poster und der dortige Spruch zeigen für mich wie unter einem Brennglas das Geheimnis von Harvard: die Haltung, etwas verändern zu können. Es gibt viele Wege nach Harvard und viele Gründe, warum man hier einen Studienplatz bekommt, aber eines der Merkmale, die ich wirklich bei jedem meiner Kommilitonen beobachten kann, ist die Lust, einen Unterschied zu machen und etwas zu bewegen. Wirklich jeder hier hat Projekte am Laufen oder verfolgt eine Mission: Einer meiner besten Freunde hat gerade sein erstes Buch geschrieben und plant die Veröffentlichung eines zweiten, eine andere Freundin von mir bereitet sich gerade auf ein Praktikum in einer Großkanzlei vor. Auch hier eignet sich ein neudeutsches Wort hervorragend, um dieses Phänomen adäquat zu beschreiben: Drive. Drive beschreibt dabei jenen inneren Antrieb, der die Menschen nicht nur dazu bringt, ambitionierte Ziele zu formulieren, sondern sie mit einer Selbstverständlichkeit auch tatsächlich zu verfolgen.
Den Glauben an die eigene Selbstwirksamkeit habe ich an keinem Ort so stark erlebt wie in Harvard. Das erzeugt zunächst einmal ein Umfeld, in dem sich jeder unterstützt und alles möglich zu sein scheint. In Harvard kann man wirklich für jede Idee Mitstreiter gewinnen, die Lust haben, dasselbe Problem anzupacken und Dinge zu verändern. Jeder hier an der Universität hat nicht nur Lust neue Dinge zu lernen, sondern ist auch offen für neue Ideen. Während in Deutschland leider oft die Skepsis überwiegt, herrscht in Harvard erst mal das Mindset: „We can make it work.“ Das provoziert nicht nur Erfindergeist, sondern motiviert auch, früh Verantwortung zu übernehmen.
Zu dieser Haltung gehört aber vor allem auch das Bemühen, sich immer für das Gute bzw. die Gemeinschaft einzusetzen. Ich nehme bei all meinen Kommilitonen in Harvard – bis auf einige wenige Finance Bros – das tiefe Bedürfnis wahr, nicht nur eine Aufgabe auszufüllen, die ihre eigenen Bedürfnisse stillt, sondern sich ganz massiv für die Schwächeren als auch das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Menschen in Harvard sind mehr als alles andere davon motiviert, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Gleichzeitig und das gehört auch zur Wahrheit dazu, bedeutet das auch, dass in Harvard ein unfassbarer Druck herrscht, produktiv zu sein und ständig zu arbeiten. Gerade weil hier jeder ständig am Machen und Tun ist, löst dies bei mir oft ganz unterbewusst die Reaktion aus, dass ich auch ständig produktiv sein muss. Ich habe an mir selbst leider immer wieder gemerkt, dass es mir, seit ich in Harvard bin, unfassbar schwerfällt, Pausen zu machen, da man ja immer noch ein Projekt mehr starten könnte oder es immer noch eine andere Person geben könnte, mit der man das nächste große Ding erfinden kann.
It’s the resources, stupid
Harvard ist reich. Genau genommen sehr reich. Das Vermögen der Universität wird auf mehr als 50 Milliarden Dollar beziffert. Damit ist Harvard nicht nur die reichste Universität der Welt, sondern auch eine der reichsten nichtstaatlichen Institutionen überhaupt. Zwar erinnert uns Jesus im Matthäusevangelium daran, dass Geld nicht alles ist. Aber das Geld, über das eine Universität verfügt, macht einen riesigen Unterschied im Hinblick auf Forschung, Lehre und das allgemeine Studentenleben. Hier gibt es ein magisches Wort: „Funding.“ Im allgemeinen Sinne bedeutet Funding einfach die Finanzierung eines Vorhabens. In Harvard beschreibt „Funding“ aber vor allem die Möglichkeit, von uns Studenten uns für alles Mögliche finanzielle Unterstützung zu besorgen. Egal, ob es darum geht, ein Abendessen mit einem Politiker zu organisieren, eine neue Batterietechnologie zu erfinden oder ein Theaterstück auf die Bühne zu stellen. In Harvard kann man sich für jedes Vorhaben einen „Grant“ besorgen und so ohne Geldsorge einfach an die Umsetzung gehen. Während man in Deutschland Hunderte von Seiten Anträge ausfüllen muss, um auch nur die Chance zu haben, an ein paar Euro zu kommen, liegt das Geld in Harvard fast schon auf der Straße. Das hat natürlich ganz stark mit der anderen Finanzierungsstruktur von Universitäten in den USA zu tun, aber es verschafft uns Studenten hier einmalige Möglichkeiten. Es gehört zwar zur Wahrheit dazu, dass aufgrund von diversen politischen Entwicklungen Harvard seine Gelder nun auch etwas mehr sparen muss. Die Möglichkeiten sind aber nach wie vor im Vergleich zu Deutschland unglaublich. Vor allem weil es finanzielle Unterstützung eben nicht nur für Spitzenforschung gibt, sondern für ganz kleine Uniprojekte, die das Leben der Studenten besser machen.
Diese Fundingstruktur ist vor allem bei Praktika hilfreich, denn als Harvard Student kann man sich für die Sommerpraktika für finanzielle Unterstützung bewerben, die es einem ermöglichen, ein Praktikum zu machen, auch wenn dies gar nicht oder nur sehr gering vergütet ist. Gerade im öffentlichen Sektor (Politik, Ministerien) ist dies oft der Fall. Diese Fundingstruktur ermöglicht es wirklich jedem ein Praktikum überall zu machen. Während meine Kommilitonen in Deutschland immer darauf achten müssen, dass sie ein Praktikum wählen, wo sie genug verdienen (also nicht in der Politik) oder sie sonst abhängig von ihren Eltern sind, hat in Harvard wirklich jeder die Chance, seine Praktika nach seinen Interessen zu wählen. Das ist nicht nur sozial gerecht, sondern folgt auch wieder dem Motto: „Ask what you can do.“
Und noch etwas gehört zur Kategorie Ressourcen: die Menschen. Das Geheimnis von Harvard sind vor allem die Menschen, die hier zusammen studieren, arbeiten und leben. Die legendär niedrige Annahmequote von circa 3 % ermöglicht es Harvard jedes Jahr, aus einem unfassbaren Pool von Menschen die Talente auszuwählen, die das Admissions Office zusammenbringen will. So entsteht eine Kohorte, in der Menschen aus verschiedenen Hintergründen und Expertisen zusammenkommen. Harvard ermöglicht es uns Studenten in ein Umfeld zu kommen, in dem wir gemeinsam voneinander lernen und miteinander wachsen können. Diese Selektionsmöglichkeit scheint für mich das eigentliche Geheimnis von Harvard zu sein, denn aus keinem Umstand habe ich in Harvard mehr profitiert als aus der Möglichkeit, mit all diesen einmaligen Menschen zu interagieren und mit ihnen in Gesprächen und Coffee Chats Gedanken, Ideen und Konzepte auszutauschen.
Wenn ich an mein Studium in Deutschland zurückdenke, dann hatte ich in meinen diversen Seminaren immer wieder vereinzelt Menschen sitzen, die ebenfalls spannende Personen mit Tiefgang waren. In Deutschland waren es aber immer Einzelfälle. Der Vorteil von Harvard liegt einfach darin, dass sich hier Menschen aus der ganzen Welt bewerben und sie die Menschen auswählen können, die diesen Tiefgang mit sich bringen. So sind Menschen mit Tiefgang hier nicht die Ausnahme, sondern der absolute Normalfall. Das ist ein unfassbar stimulierendes Umfeld, das sicherlich auch ein wenig süchtig macht. Ich merke an mir selbst, dass es für mich mittlerweile völlig normal ist mit Menschen zusammenzuarbeiten, die alle smart, fleißig und produktiv sind. Wenn man dann doch mal die Harvard-Blase verlässt oder noch schlimmer mit deutschen Prüfungsämtern konfrontiert ist, weil man doch noch ein Dokument braucht, merkt man erst, wie besonders das Umfeld in Harvard ist.
Ask what Germany can do
All das Gesagte reflektierend, scheint es mir doch wichtig festzustellen, dass wir in Deutschland uns sicher nicht aufgrund unserer akademischen Landschaft verstecken müssen. Wir haben Land auf Land ab unfassbar gute Universitäten, die nicht nur weltweit Spitzenforschung leisten, sondern es auch so leicht wie in vielleicht keinem anderen Land machen, einen Studienabschluss zu erwerben. Gerade weltweit hat die deutsche Universitätslandschaft immer noch einen exzellenten Ruf. Das gilt übrigens auch für Harvard, denn was die wenigsten wissen: Das heutige System in Harvard wurde Anfang des 20. Jh. maßgeblich durch Deutschland inspiriert. Als Präsident Eliot das Studiensystem Ende des 19. Jh. in Harvard grundsätzlich reformierte, orientierte er sich maßgeblich an den deutschen Universitäten und dem dort existierenden Humboldt’schen Bildungsideal. Vielleicht kann es im 21. Jh. andersherum sein? Nämlich dass wir uns in Deutschland die ein oder andere Sache aus Harvard abschauen. Etwa wie wir es unserem System treu bleibend schaffen, ein ähnliches Kreieren von Kohorten vorzunehmen, wie es Harvard nun schon seit 1636 tut. Es gibt viel zu lernen und viel zu entdecken, denn auch an Universitäten in Deutschland sollte gelten: „Ask what you can do.“
Bis zum nächsten Mal.
See Ya




