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Auslandssemester im Medizinstudium? Das geht!

Auslandssemester im Medizinstudium? Das geht!

Immer öfters höre ich von Medizinstudenten, dass sie gerne ins Ausland gehen würden, aber dass es nur für ihre Famulatur oder das Praktische Jahr infrage käme. Wieso sich auch für Mediziner der Schritt ins Auslandssemester lohnen kann und was für Erfahrungen ich damit gemacht habe, erfahrt ihr hier.

Blick auf die Skyline Bostons
Ein halbes Jahr habe ich in Boston gelebt.

Famulatur/PJ, Forschung, oder doch Studium im Ausland?

Das Medizinstudium zeichnet sich in Deutschland dadurch aus, dass es etwas anders als Bachelor- oder Master-Studiengänge konzipiert ist. Während des sechsjährigen Studiums sammelt man keine ECTS, sondern Scheine, und absolviert mehrere Staatsexamina.

Für Medizinstudenten bietet es sich an, eines der vielen Pflichtpraktika (Famulatur, PJ) im Ausland zu absolvieren, da die Anerkennung normalerweise kein Problem ist. Beliebt ist auch ein Forschungsaufenthalt im Ausland, da sich hierbei idealerweise die eigene Doktorarbeit mit einem Auslandsaufenthalt kombinieren lässt. Ich selbst habe für meine Doktorarbeit ein halbes Jahr in den USA gelebt und in einem Labor der Harvard Medical School geforscht. Mehr Informationen dazu findet ihr auf der Seite von Correspondent Backtosch.

Jedoch war für mich früh klar, dass ich nicht nur im Ausland forschen und arbeiten, sondern auch richtig dort studieren will. Auch wenn eine Auslandsfamulatur eine tolle Erfahrung sein kann, ist es doch etwas anderes als ein richtiges Studentenleben zu haben. Daher habe ich mich dazu entschieden, ein Auslandssemester zu absolvieren.

Auslandssemester mit ERASMUS+

Üblicherweise hat jede medizinische Fakultät einige Erasmus-Partnerschaften, über die man ein innereuropäisches Auslandssemester absolvieren kann. Dazu schaut ihr am besten auf der Website des International Office eurer Uni bzw. der Website eurer medizinischen Fakultät nach.
Meiner Erfahrung nach ist die Auswahl hier meist etwas limitiert. Wenn ihr nicht unbedingt an eine bestimmte Uni wollt und ihr in dieser Übersicht schon eine Uni in einer Stadt oder einem Land findet, das euch zusagt, dann könnt ihr euch einfach bewerben! Durch Erasmus gestaltet sich die Bewerbung meist sehr überschaubar, wichtig sind hier vor allem ein überzeugendes Motivationsschreiben und entsprechende Sprachnachweise. In Medizin kann man sich bei Erasmus auch meist einige Sachen anrechnen lassen, muss dies jedoch oft noch einzeln abklären. Correspondent Tobias und Nicolas waren mit Erasmus im Auslandssemester und haben ebenfalls davon berichtet.

Außereuropäisches Auslandssemester mit Uni-Partnerschaft

Euch zieht es ins außereuropäische Ausland oder eure Traumuni ist leider nicht bei der Auswahl der medizinischen Fakultät dabei? Einige medizinische Fakultäten haben auch Plätze extra für ein Auslandssemester außerhalb Europas und bieten spezielle Austauschprogramme an – mit meiner Uni kann man beispielsweise nach Japan und Brasilien. Zugegeben sind die Möglichkeiten hier oft begrenzt. Während die TUM mehr als 100 außereuropäische Partnerschaften hat, steht bei den meisten Unis „für alle Fächer außer den medizinischen“, was für mich sehr frustrierend war. Davon sollte man sich aber nicht beirren lassen und nicht den Fehler machen, ein Auslandssemester an seiner Traumuni beziehungsweise in seiner Traumstadt auszuschließen.

Mein langer Weg zum Austauschplatz

Ich dachte ursprünglich auch, dass ich meinen Traum, ein Auslandssemester in Korea zu machen, aufgeben müsste. Während eines Motivationsschubes nach meinem Physikum habe ich kurzentschlossen dem International Office der Seoul National University (SNU) geschrieben. Mir wurde sehr freundlich geantwortet und mitgeteilt, dass das College of Medicine zwar keine Austauschstudenten akzeptiere, aber ich könne mich einfach bei einem anderen Department bewerben, da man als Austauschstudent eh fast unabhängig von der Fakultät alle Kurse belegen könne. Sehr positiv gestimmt von dieser Antwort wendete ich mich als Nächstes an das International Office meiner Heimatuni, da diese eine Partnerschaft mit der SNU hat und jedes Semester mehrere Studierende nach Korea schickt. Dort erhielt ich die Info, dass ich mich gerne bewerben könne, ich müsse mich allerdings auf den Platz von einer anderen Fakultät bewerben, da es eben keine Plätze für Studierende der medizinischen Fakultät geben würde.

Blick auf den Campus der SNU
Die SNU gilt als eine der angesehensten Universitäten Koreas und Asien.s

Kurz und Gut: Ich habe mich bei dem TUMExchange Programm für einen Austauschplatz über die Fakultät für Biowissenschaften beworben. Und das hat geklappt.

Daher mein Tipp an alle Medizinstudenten: Ihr könnt euch (in der Regel) auch auf Austauschplätze anderer Fakultäten bewerben! Fragt hierzu in eurem International Office nach, aber ich habe auch schon von anderen gehört, die so erfolgreich ins Ausland gekommen sind. Einziger Nachteil: ihr müsst damit rechnen, dass ihr nicht unbedingt anrechenbare Medizinkurse belegen könnt. Wenn ihr euch nicht sicher seid: Schreibt einfach eine Mail an die zuständigen Personen und fragt nach! Es kostet euch ein paar Minuten und man kann die Ausrede „Ich bin mir nicht sicher, ob…“ abhaken.

Anerkennung und Regelstudienzeit

Bedenken, die Studierende haben, wenn es um das Auslandssemester geht, betreffen oft diese beiden: Mit 6 Jahren ist die Dauer unseres Studiums schon relativ lang, und viele fürchten, dass man durch ein Auslandssemester noch länger brauchen wird.

Dass man sich als Mediziner im Ausland teilweisen nicht viel anrechnen lassen kann, trifft leider oft zu. Aber auch hierfür gibt es Alternativen: Da ausländische Unis andere Semesterzeiten haben, besteht die Möglichkeit, für die deutsche Klausurenphase wieder daheim zu sein und einige Klausuren zu schreiben. Manche Unis sind flexibel und erlauben es einem, Fächer über das Semester hinweg zu „schieben“, das heißt vorzuziehen oder später zu machen. Ob man bereit ist, eine potentielle Verlängerung seines Studiums in Kauf zu nehmen, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Daher: Überlegt euch euer Ziel und setzt Prioritäten! Jeder hat andere Ansprüche und Wünsche für sein Studium, für manche wird es ein Auslandssemester sein und für andere ein möglichst schneller Start ins Arbeitsleben. In diesem Beitrag von Tobias findet ihr noch mehr Informationen zur Entscheidung und Organisation für einen Auslandsaufenthalt.

Mal was ganz anderes ausprobieren!

Der nächtliche Anblick der Stadt vom Han River aus
Ein halbes Jahr in der Weltmetropole Seoul leben – für mich wird ein Traum wahr.

Ich bin sehr glücklich und dankbar für die Möglichkeit, mein Auslandssemester  machen zu dürfen. Mir persönlich hat im Medizinstudium schon lange die „etwas andere Perspektive“ gefehlt, da man sich ab dem 1. Semester oft auf rein medizinische Themen konzentriert. In vielen anderen Ländern hat man im Medizinstudium mehr Optionen, fächerübergreifende und fachfremde Kurse zu belegen. Ursprünglich habe ich geplant, hier Public Health Kurse zu belegen, diesen Plan musste ich aufgrund des Kursangebotes vor Ort etwas ändern. In einem anderen Beitrag werde ich noch genauer über meine Kurse und meinen Alltag hier berichten.

Also, warum eigentlich nicht? Ihr könnt euer Semester dazu nutzen, medizinnahe Themen zu vertiefen, aber auch, um mal etwas ganz anderes auszuprobieren. Und nebenbei ein ganz anderes Land kennenzulernen. So eine einzigartige Chance wird sich vermutlich nicht mehr so einfach ergeben. Traut euch!

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