9. Januar 2026
Gründe gibt es viele, um ein Auslandssemester zu machen, nur steht die Gastronomie oft nicht hoch genug auf der Liste. In diesem Blogbeitrag erzähle ich dir, wie ich langsam mehr Wert auf das Essen gelegt habe und wie dieser scheinbar kleiner Teil meines Lebens zu einer der Hauptfreuden meines Alltags geworden ist.
Wenn man mich vor ein paar Jahren gefragt hätte, welche Rolle Essen in meinem Leben spielt, hätte ich vermutlich irgendetwas Funktionales geantwortet. Essen war ein Muss. Etwas, das man halt macht, um Energie zu haben. Klar, ich bin gerne essen gegangen, wenn jemand anders gekocht hat oder man sich mal ein Restaurant gegönnt hat, aber das war eher die Ausnahme. Vielleicht einmal im Monat. Kochen war nie wirklich mein Ding, und Essen hatte für mich selten mehr Bedeutung als „es schmeckt“ oder „es macht satt“.
Das hat sich hier ziemlich schnell geändert …
Essen ist hier kein Luxus
In Taiwan, und generell in vielen asiatischen Ländern, ist Essen so zugänglich, dass es fast schon absurd wirkt, wenn man es mit Europa vergleicht. Für drei Euro bekommt man eine komplette, warme Mahlzeit. Oft frisch gekocht, oft besser als das, was man sich zu Hause selbst machen würde. Essen gehen ist billiger als selbst kochen, und das gilt nicht nur für Studenten, sondern auch für Locals. Genau deshalb gibt es diese unglaubliche Auswahl. Night Markets, kleine Garküchen, unscheinbare Läden in Seitengassen, die nur ein Gericht machen – dafür aber perfekt.
Das verändert den Alltag komplett. Man spart Zeit, denkt weniger darüber nach, was man essen „muss“, und plötzlich hat man mehr Raum im Kopf für andere Dinge. Der Tag fühlt sich länger an. Und ganz nebenbei isst man jeden Tag etwas anderes.

Mein erster Ramen
Recht bald nach meiner Ankunft aus Europa lernte ich bei meinem ersten Ramen, dass Essen hier eine andere Rolle spielt. Ich kannte die Preise noch nicht wirklich und dachte mir bei knapp zwei Euro: Na ja, wird schon okay sein. Ich hatte ehrlich gesagt nichts Besonderes erwartet.
Der erste Löffel hat mich komplett eines Besseren belehrt.
Dieser Laden wurde schnell zu einem Comfort-place für meine Freundin und mich. Immer wenn wir etwas Warmes, Gutes und Billiges gebraucht haben, sind wir dort gelandet. Wir haben uns durchs ganze Menü probiert: Tonkotsu, Bonito-Brühe, dicke Udon, dünne, fast glasige Nudeln. Und jedes Gericht war besser als das davor. Nicht, weil es „fancy“ war, sondern weil man gemerkt hat, dass da jemand genau weiß, was er tut.
Langsam hat sich meine Denkweise verschoben. Essen war nicht mehr nur Fuel, sondern auch etwas, worauf ich mich gefreut habe.

Essen verbindet
Ein weiteres Highlight war das Korean Barbecue. In München wäre man dafür locker über 30 Euro losgeworden. Hier hat es uns neun gekostet. Mit richtig gutem Fleisch, unzähligen Beilagen, Saucen und allem. Ich habe das zum ersten Mal mit anderen Austauschstudenten gegessen, und genau diese Abende bleiben hängen. Gutes Essen mit Freunden zu teilen ist eine Bonding Experience, die man wirklich nicht unterschätzen sollte. Man sitzt länger, redet mehr, probiert zusammen, lacht über Geschmäcker und Eigenheiten.
Ähnlich war es mit Sushi. Ein Freund hat mich zu einem kleinen Tisch am Straßenrand gebracht. Kein Schild, kein Schnickschnack. Der Chef hat direkt vor unseren Augen Sushi zubereitet und dabei Geschichten aus seinem Leben erzählt. Solche Orte findet man nicht auf Google Maps. Man findet sie, weil man jemanden kennt, der jemanden kennt.
Oder eine Taiwanesin, komplett japan-obsessed, mit ihrem Laden voller Anime-Figuren. Sie hat das beste japanische Essen gekocht, das ich hier gegessen habe, und uns dabei ihre Lebensgeschichte erzählt. Genau in diesen Momenten habe ich gemerkt, dass Gastronomiegeschichten erzählt werden, man muss nur bereit sein, zuzuhören.

Essen als Kultur
Besonders stark habe ich das in den Bergen gemerkt. In Alishan zum Beispiel isst man gekochte Bambusschoten. Das findet man sonst fast nirgendwo in dieser Form. Und plötzlich erzählt ein Gericht etwas über Verfügbarkeit, Geschichte, Erreichbarkeit. Vielleicht auch darüber, dass man früher nicht viel anderes hatte.
Ein anderes Mal waren wir mitten in den Bergen und haben von Ureinwohnern etwas zu essen bekommen. Wir wussten nicht, was rauskommen würde, und haben uns komplett darauf verlassen. Am Ende war es ein unglaubliches Barbecue. Aber fast noch wichtiger als das Essen war die Story, mit der wir diesen Ort wieder verlassen haben.

Vorher und nachher
Ich hätte nie gedacht, dass Essen zu den Dingen gehören würde, die ich in meinem Alltag am meisten schätze. Ich merke heute Dinge, die mir früher nie aufgefallen wären: Aromen, Zubereitungen, Kombinationen. Ich lerne Länder nicht nur durch Landschaften oder Städte kennen, sondern auch durch Teller.
Ganz objektiv betrachtet ist es einfach sinnvoll, viel zu probieren. Nur durchs Durchprobieren findet man heraus, was einem wirklich schmeckt. Aber der eigentliche Punkt ist ein anderer: Open-mindedness. Sich darauf einzulassen, nicht zu wissen, was kommt.

Ein Aufruf
Jeder gastronomische Weg ist anders. Genau das ist das Gute daran. Man isst nie zweimal gleich. Man lässt sich von Freunden, Bekannten, manchmal sogar von völlig Fremden Orte empfehlen. Dadurch lernt man ein Land ganz anders kennen als jemand anderes. Essen wird zum Icebreaker. Plötzlich redet man mit Locals darüber, warum in Tainan alles so süß ist. Und dann kommt eine Geschichte. Und noch eine.
Am Ende geht es genau darum: Horizonte zu erweitern. Offen sein. Sich treiben lassen. Die Welt und ihre Gastronomie kennenzulernen lohnt sich. Nicht, weil man satt wird, sondern weil man versteht.