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Erwartung vs. Realität: Einmal Klarstellung, bitte!

Erwartung vs. Realität: Einmal Klarstellung, bitte!

Als ich noch zu Hause in Deutschland war, hatte ich eine ganze Reihe von Fragen hinsichtlich meiner Zeit in Kolumbien. Wird der Unterricht ein anderer sein? Mit wem werde ich es dort zu tun haben? Geben mir die Monate in Südamerika das, was ich gesucht habe? Mit zunehmender Zeit wurden aus den vielen Fragen immer konkretere Vorstellungen und Ideen darüber, wie es vor Ort wohl sein wird. So hatte ich schon vor meiner Abreise ein ganz konkretes Bild vor Augen, wenn ich mir vorgestellt habe, wie „es“ wohl alles sein wird.

Ich hatte den Kopf voller Erwartungen, resultierend aus dem Zusammenspiel von Erzählungen, Videos und dem ein oder anderen Foto. Und das, ohne überhaupt einen Fuß ins Flugzeug gesetzt zu haben. Doch wie sieht die Realität nach nun zwei Monaten vor Ort aus? Und vor allem: Inwiefern unterscheidet sie sich von meinen vorherigen Erwartungen?

Um das herauszufinden, habe ich eine Woche vor meiner Abreise (zunächst in Richtung Spanien) fünf Vermutungen über meine bevorstehende Zeit in Kolumbien aufgeschrieben. Allesamt mit der Absicht, dass ich vom heutigen Standpunkt aus Stellung zu den Aussagen meines Vergangenheits-Ichs nehmen kann. Und um zu beurteilen, wie groß der Unterschied zwischen Erwartung und Realität nun wirklich ist. Übrigens: Vielleicht lässt sich so auch erklären, was an Auslandsaufenthalten und generell auch Reisen so spannend ist: Der Abgleich mit den eigenen vorherigen Annahmen. Wirklich erst losgehen zu müssen, um seine Vorstellungen und Bilder durch reale Eindrücke abzulösen. Los geht’s mit der ersten Erwartung meines drei Monate jüngeren Ichs:

1. „Unterricht in Kolumbien ist anders als in Deutschland.“

Ja, das stimmt. Besonders auffällig ist zunächst, dass die kolumbianischen Schüler:innen lebhafter, dadurch gleichzeitig, aber auch lauter sind, als das vielleicht in Deutschland der Fall ist. Damit möchte ich nicht sagen, dass es in deutschen Klassenzimmern ruhig zugeht. Ich habe aber das Gefühl, dass Kolumbianer:innen einfach grundsätzlich lauter sprechen und lautere Stimmen haben. Und das macht sich im Klassenzimmer dementsprechend bemerkbar. Im Deutschunterricht an sich liegt jedoch der größte Unterschied. Das Unterrichtsfach Deutsch an einer deutschen Regelschule hat vergleichsweise wenig mit dem zu tun, was hier als Deutschunterricht verstanden wird: dem Fach „Deutsch als Fremdsprache“ (DaF). Während im „deutschen“ Deutschunterricht der Fokus vor allem auf Literatur und der Produktion komplexer Texte liegt, konzentriert sich der DaF-Unterricht vorrangig auf das Erlernen der deutschen Sprache. Das liegt daran, dass weniger als fünf Prozent der Schüler:innen an der Deutschen Schule Barranquilla Deutsch als Muttersprache haben. Was heißt das konkret? Hier steht im Lehrplan der zehnten Klassen zum Beispiel das Erlernen und Anwenden von „Je…, desto-Sätzen‘. An einem deutschen Gymnasium hingegen kann vorausgesetzt werden, dass Schüler:innen in diesem Alter diese Satzstruktur dem natürlichen Lernprozess entsprechend fehlerfrei anwenden können. Ein weiterer Unterschied lässt sich damit erklären, dass meine Schule in Kolumbien eine Privatschule ist. Dadurch entspricht die Ausstattung der Klassen- und vor allem auch Fachräumen einem sehr hohen Standard und ist deutlich besser als an vielen Schulen in Deutschland. Eine große Gemeinsamkeit in beiden Unterrichten gibt es aber auch: Es macht Spaß, dabei zu sein! Sowohl an einem Gymnasium in Deutschland als auch an einer Deutschen Schule in Kolumbien.

10 verkleidete Kinder sitzen sich im Klassenzimmer jeweils zu zweit gegenüber.
Der Unterricht in Kolumbien ist laut(er) und bunt(er). Nicht nur dann, wenn nach dem Motto „Fantastische Literatur“ alle Kinder verkleidet zur Schule kommen.

2. „Das Klima wird hart, aber ich werde mich schnell daran gewöhnen.“

Dem ersten Satz stimme ich zu. Dem zweiten (noch) nicht so wirklich. Das Klima ist wirklich extrem. Jeden Tag Temperaturen über 30 Grad sind dabei nicht einmal das Problem. Allen voran die hohe Luftfeuchtigkeit macht mir auf jeden Fall zu schaffen. Pro Jahr liegt diese durchschnittlich bei über 80 Prozent und sorgt für ein dauerhaft schwüles Wetter. Meine Erfahrungen mit tropischen Temperaturen hatten sich zuvor immer auf wenige Wochen am Stück beschränkt. Ich finde, es ist jedoch noch mal etwas anderes, dem täglich ausgesetzt zu sein und (anders als im Urlaub) dabei beispielsweise arbeiten zu müssen. Hinzu kommt, dass es in meiner Wohnung keine Klimaanlage gibt, was es oft unmöglich macht, zu Hause produktiv zu sein (z. B. für Unterrichtsvorbereitung) und nicht einfach nur zu schlafen. Für immer wäre das Klima wahrscheinlich nichts für mich – aber es ist dennoch eine schöne Erfahrung, die ich genieße. Jeden Tag Strandwetter, keine Erkältungen und ganz viel Vitamin D. Und was zu Beginn noch schwer vorstellbar war: Ich habe mich mittlerweile an die Kleiderordnung an der Schule gewöhnt, die (trotz allem) besagt: lange Hosen für Lehrkräfte. Während ich noch zu Beginn bereits verschwitzt zum Schulbeginn um 7:00 Uhr kam, ist dem mittlerweile nicht mehr so. Und noch etwas: Ab November beginnt hier in Barranquilla der „Winter“. Was das bedeutet? Im Durchschnitt ist es ein Grad kälter als sonst. Vor allem soll es aber deutlich windiger sein und sich der Alltag dadurch erfrischender anfühlen. Ich bin gespannt!

3. „Ich werde vielen freundlichen Menschen begegnen.“

Jein! Denn nach zwei Monaten in Kolumbien würde ich „freundlich“ viel eher durch „herzlich“, „warmherzig“ oder „hilfsbereit“ ersetzen. Die Mehrheit der Menschen sind mehr als nur einfach freundlich oder höflich. Kolumbien ist das 22. Land, das ich besuchen darf. Und auch wenn ich der Meinung bin, dass ihr überall auf der Welt sympathischen Menschen begegnen könnt, wenn ihr selbst offen, interessiert und freundlich vorangeht, drückt Kolumbien dem Ganzen noch mal seinen eigenen Stempel auf und setzt neue Maßstäbe. Ich bin überwältigt von der bedingungslosen Gastfreundschaft, Nächstenliebe und Willkommenskultur. Egal wo ihr seid: Ihr werdet an die Hand genommen. Und es scheint nicht ungewöhnlich zu sein, wenn ihr bereits zehn Minuten nach dem Kennenlernen im Wohnzimmer mit einer bis dahin fremden Familie zu Mittag esst. Eine Sache, die mich hier zusätzlich auch positiv überrascht: die enorme Hilfsbereitschaft. Gerne zu geben, ohne nehmen zu wollen. Daran möchte ich mir ein Beispiel nehmen.

Drei Personen sitzen auf dem Boden und essen bzw. trinken dabei. Im Vordergrund ist eine gefüllte Teigtasche.
Eine halbe Stunde vorher kennengelernt – und schon wurde ich zu Omas noch warmen Empanadas eingeladen. Als ob es das Normalste auf der Welt ist.

4. „Das Essen wird vielfältig und lecker sein.“

Ich sag mal so: Einzig wegen des Essens würde ich nicht wieder nach Kolumbien kommen. Das hängt damit zusammen, dass in der kolumbianischen Küche (vor allem an der Küste im Norden) sehr viel frittiert wird. Auch, um die Gerichte haltbarer zu machen und Keime und Bakterien abzutöten. Keine Frage, das meiste ist sehr lecker. Egal ob Empanadas (gefüllte Teigtaschen), Arepas (runde Maisfladen) oder die vielen typischen Reisgerichte – es schmeckt. Andererseits fühle ich mich nach dem generell fettigen Essen oft sehr „schwer“ und vermisse ein wenig Frische und Abwechslung. Insgesamt ist das aber Meckern auf hohem Niveau. Denn die Variation an exotischen und (sehr) leckeren Früchten ist hingegen traumhaft. Hinzu kommt, dass das (für mich als Praktikant kostenlose) Essen in der schuleigenen Cafeteria sehr abwechslungsreich und lecker ist. Und einen Vorteil hat das Ganze auch: Nach einem Monat des „Alles-Probierens“ kenne ich nach und nach die „richtigen“ Spots zum Essengehen und koche auch endlich wieder regelmäßig selbst. Das hat mir bereits während meiner Zeit in Spanien und jetzt auch zu Beginn in Kolumbien immer mehr gefehlt.

Viel Obst. Mangos, Bananen, Ananas, Maracuja, Trauben schmücken den Obststand.
Immer ein Highlight: das vielfältige Angebot an verschiedensten Früchten. Die mit der Passionsfrucht verwandte Granadilla ist neben den süßen Mini-Mangos mein bisheriges Highlight.

5. „Sowohl in Barranquilla als auch in der Schule werde ich mich wohlfühlen.“

Hätte ich diese Erwartung an meine Zeit in Kolumbien im Vorhinein nicht gehabt, wäre ich wohl gar nicht erst losgeflogen. Auch wenn ich es noch nicht wissen konnte – ich hatte zumindest vermutet und gehofft, dass es mir gefallen würde. Was ich nun auf jeden Fall sagen kann: Zwei mal Ja! Auch wenn das Thema Sicherheit eine größere Rolle spielt als erwartet, überwiegen doch die positiven Aspekte deutlich. Allen voran das Umfeld (Kolleg:innen / Mitpraktikant:innen etc. ) sowie meine Aufgaben an der Deutschen Schule Barranquilla sorgen dafür, dass ich direkt das Gefühl vermittelt bekommen habe, ein geschätzter Teil des Ganzen zu sein. Das liegt mitunter auch daran, dass an der Schule Lehrkräfte mit Deutsch als Muttersprache (im Vergleich mit kolumbianischen Lehrer:innen) deutlich in der Unterzahl sind. Auch deshalb sind muttersprachliche Praktikant:innen hier sehr willkommen und fester Bestandteil des Schulkonzepts. Und zu Barranquilla: Die Stadt inklusive dem angrenzenden Umland, wo sich unter anderem auch mein Dorf Puerto Colombia befindet, schätze ich sehr. Man kann hier so richtig in die kolumbianische Kultur und den klassischen Alltag eintauchen. Warum? Allen voran, weil die Geburtsstadt Shakiras trotz seiner Größe kaum touristisch ist. Das erklärt sich dadurch, dass „Quilla“ (wie es die Einheimischen nennen) im Vergleich zu den im Bus circa zwei Stunden entfernten Touristen-Hotspots Santa Marta und Cartagena eher nicht mit Schönheit punkten kann. Und dennoch: Gerade darin sehe ich momentan den Reiz, mich auf die Suche nach besonderen Orten in der Stadt zu begeben. Meine bisherigen Highlights: der knapp sechs Kilometer lange und sehr belebte „Malecón“ (Uferpromenade) sowie „Bocas de Seniza“. An diesem Punkt, zu dem ihr auf einem dünnen Landstreifen, umgeben von Wasser, circa. 12 Kilometer „auf dem“ Meer laufen könnt, fließt der wichtigste Fluss Kolumbiens (Río Magdalena) ins Karibische Meer. Dabei entstehen durch das Aufeinandertreffen der beiden Gewässer eindrückliche Farben und Kontraste.

Die Realität sieht ganz anders aus – zum Glück

Ähnlich wie der studieren-weltweit-Correspondent Victor, der in Medellin dual studiert hat und Madleen, die für ihr Auslandsemester (wie ich) in Barranquilla war, fühle ich mich also in Kolumbien bislang auch sehr wohl. Nach dem, was ich vom Land gesehen habe, glaube ich, dass ihr hier in jeder Stadt eine tolle Zeit haben könnt. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist, dass euch die Schule oder gegebenenfalls auch Uni gefällt. Was bleibt abschließend noch zu sagen? Ich finde, ich lag mit meinen Erwartungen meist gar nicht so daneben. Und trotzdem sieht die Realität ganz anders aus, als ich es mir zuvor monatelang ausgemalt hatte. Zum Glück, wie ich finde. Denn nicht wirklich wissen zu können, was einen am Ende erwartet, macht doch alles gerade erst so richtig interessant.

Hast du noch eine Frage in Bezug auf (d)ein Schulpraktikum im Ausland, meine Zeit in Barranquilla oder zu Kolumbien generell? Dann schreib mir gerne in den Kommentaren oder auf Instagram, wo ich versuchen werde, für eine weitere „Klarstellung“ zu sorgen.

Tim

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