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Moi Moi Finnland, es war mir eine Ehre! Mein Auslandssemester in Helsinki

Und schwups sind sechs Monate – 180 Tage und 259.200 Minuten – vorbei. Ich denke, ich spreche hier für jeden Austauschstudenten, Weltenbummler, Work-and-Traveller oder auch Pauschalurlauber: Kaum ist man zurück in der Heimat, fällt einem nach dem liebevoll gemeinten „Welcome-Back“-Gedöns die Decke auf den Kopf und es fühlt sich an, als sei man nie weg gewesen – quasi nur aus einem netten Traum aufgewacht. Trotzdem sollte das einen natürlich nicht davon abhalten, das Abenteuer zu wagen! Besser sollte man versuchen zu lernen, für die besondere Zeit dankbar zu sein und sie tief ins Gedächtnis einzubrennen. Hier also mein Selbstversuch.

Blick aufs Meer von einem Steg aus Holz
Liebe auf den ersten Blick: Ich hab mich direkt in die Unendlichkeit finnischer Natur verguckt

Ein kleiner Lichtblick zwischen Dunkelheit, Kälte und Schnee: heiße Saunagänge.

Gerade die letzten Wochen, als ich bibbernd mit einem Eis bei finnischem Sommerwetter am Hafen von meiner Wahlheimat Helsinki saß, fragte ich mich des öfteren: Wenn mir jetzt schon kalt ist, wie habe ich dann eigentlich den Winter hier überlebt?

Die Finnen haben es tatsächlich nicht leicht mit ihren gefühlt 80 Prozent Wintertagen im Jahr. Sogar jetzt im Juni muss man für jede Witterung vorbereitet sein. Ein plötzlicher Kältesturm oder heftiger Regenschauer oder  Hitze wie von der Wüstensonne. Inzwischen habe ich gelernt, nicht mehr ohne Regenjacke und Schal das Haus zu verlassen. Eine finnische Freundin hat es letztens auf den Punkt gebracht: „It is a little bit a disaster over here“. Trotzdem vergeht den Finnen nicht das Lachen. Wenn es am längsten Tag des Jahres nur knappe 12 Grad sind und es wie aus Kübeln schüttet, schließt man sich eben in die Sauna ein und genießt dort sein Feierabendbierchen.

Holzhütte im finnischen Wald auf einer Insel
Hüttenzauber am Schärenmeer

Die finnische Saunakultur hat es uns Austauschstudenten direkt angetan: Sobald man das erste Mal die knackige Hitze des holzbetriebenen Saunaofens, eng an eng wie die Sardinen in der kleinen dunklen Hütte sitzend, spürt, und danach den Sprung ins Eiswasser wagt, ist es um einen geschehen. Fast täglich sind wir in die Wohnheimseigene Sauna gegangen, um den Körper und die Stimmung in Schwung zu bringen. Von Sauna-Aufgüssen mit Bier, über den Blick auf die endlosen Inseln umgeben von tiefblauen Seen, bis hin zum Kampf ums kühlende Eisloch: hier hat man seinen ganz eigenen Weg gefunden, die rauen Seiten seines Heimatlandes zu genießen.

Hölzerner Hot Tub an einem finnischen See
Wer braucht schon einen Jacuzzi, wenn man stattdessen einen urigen Hot Tub hat?

Nationalparks und einsame Inseln so weit das Auge reicht!

Ohne, dass ich mir vorher über dieses Verlangen bewusst war, mag ich mir nun jährliche Urlaube ohne ein hölzernes, rotes „Mökki“ direkt am hauseigenen See gar nicht mehr vorstellen. Ein kleines Bötchen zur Umgebungserkundung und eine Angel zum finnischen Fische fischen runden das Ganze natürlich ab. Mit seinen 187.888 Seen und ganzen 20,1 Mio Hektar Wald eröffnete mir dieses Land ganz neue Welten.

rotes Holzhaus umgeben von grünen Bäumen
Hallo du schönes Mökkilein!

Studenlange Wanderungen im schneebedeckten Nationalpark konnte ich mir vor ein paar Monaten gar nicht vorstellen – ich mochte sie mir ehrlich gesagt gar nicht vorstellen. Ich bin nämlich (und hier würden mir alle meine Freunde ohne zu zögern zustimmen) die größte Frostbeule auf diesem Planeten. Trotzdem möchte ich jeden eingefrorenen Zeh und jede Schniefnase nun auf keinen Fall mehr missen. Wenn man nämlich mit mehr als vier Nationalitäten in den finnischen Wald stiefelt, ausgerüstet mit einer Maxi-Packung Marshmallows, heißer Schokolade, Taschenmesser, knackigen Würtschen und dem guten alten Ketchup und auf der Suche nach dem passenden Grillplatz ausgelassen Tiergeräusche aus der Seele schreit, dann ist das ein Erlebnis, von dem ich meinen Enkelkindern noch erzählen möchte.

langer Feldweg mit Haus am Ende
So sehen Spaziergänge in finnischen Dörfern aus

Ich war weder Freund von Schnee und Eis, noch von endlosen Spaziergängen. Und nun muss ich schmunzelnd daran denken, wie glücklich ich das erste Mal, über mein selbstentzündetes Lagerfeuer, einen Stock mit Würstchen an einem und dicker Handschuh-Hand am anderen Ende, halten durfte. Auch die Erinnerung an meinen ersten, wackeligen Gang auf dem eisbedeckten See und schneeengel-machenden Italienern und Franzosen um mich herum, werden mir sicher für immer ein Lächeln bescheren. Kleiner Tipp am Rande: Beim Umherwandern in den endlosen finnischen Nadelwäldern kann man schonmal die Zeit vergessen. Lieber sollte man daher die Verbindungen des Nahverkehrs vor dem endgültigen Kältedurchbruch und dem Dunkelheitseinbruch nachschauen.

Gruppe junger Studenten auf einer Lichtung im schneebedckten Wald
Auf in die Wildnis!

Ein großes „Kiitos“ von meinem gestörten Biorhythmus an die finnische Sonne

Eine kleine Hassliebe herrscht zwischen meinem Schlafhormon und den nicht enden wollenden Sommertagen auf diesen Breitengeraden. Noch immer bin ich ganz verzaubert und schaue verblüfft auf die Uhr, wenn es um Mitternacht gefühlt immer noch fast taghell ist. Zwar haben die Finnen einen schier endlosen Winter, doch die Sommersonne hat es in sich (wenn sie sich denn in die finnische Kälte heraus traut und sich blicken lässt). Von der Dauermüdigkeit im Winter durch das fehlende Sonnenlicht geht es nun also in die zweite Runde: schlaflos und trotzdem fit lebt es sich von Anfang Juni bis Ende August.

Einen kleinen Haken hat das Ganze allerdings, nicht nur für meine nicht vorhandene Müdigkeit, sondern auch für den Gedanken an ein schönes Feierabendbier am Wasser: Häufig ist es nicht nur ziemlich kalt am Abend, sondern auch Alkoholkonsum im Freien und erst recht nach 22 Uhr ist strengstens untersagt. Nichtsdestotrotz ist es ein unbezahlbarer Moment, nachts am See zu sitzen, mit tausend surrenden Mücken um sich herum und zehntausend Sprühern Antibrumm pro Sekunde, mit Blick auf schweigende, angelnde Finnen, guter Musik im Hintergrund aus dem Ghettoblaster und einer Packung Korvapuusti mit einer ordentlichen Prise Kardamom.

Sonnenuntergang am Wasser mit Segelbooten
Wenn die Nacht nicht zur Nacht werden will

Derzeit mache ich jeden Abend gefühlt dieselben Bilder von der nicht untergehen wollenden Sonne, die alles in ein so bezauberndes, Wohlfühl-Licht taucht, dass ich dies ganz sicher in Deutschland extrem vermissen werde. Besonders auffällig und gleichzeitig überaus sympathisch finde ich auch, dass die Straßen in der Innenstadt ab 19 Uhr wie leer gefegt sind und die Finnen stattdessen in ihren Gärten, in den unzähligen Parks und Grünflächen oder am Meer den Tag ausklingen lassen. Und trotzdem findet man immer ein idyllisches Plätzchen, an dem man ganz alleine der Natur lauschen kann.

Auch werde ich wohl nie vergessen, wie endlos ich mich mit einem hysterischen Lachen über das erste Blättchen am Baum (es war ENDE MAI!!!) gefreut habe. Nach fünf Monaten Umzingelung kahler Laubbäume, waren wir alle übermannt von der saftigen, frischen Grüne des Frühlings. Erst jetzt kann ich ganz besonders nachvollziehen, warum die Finnen ein so glückliches Volk sind und wie sie den langen Winter so tapfer überstehen.

Blick ins Grüne auf das Meer
Ab durchs Gebüsch!

Ich denke, mit den unzähligen Fotos, kürzeren und kleineren Erinnerungsvideos, und den Stimmen meiner Erasmus-Freunde im Ohr, werde ich nun mit einem riesen Grinsen im Gesicht, einer kleinen, schüchternen Träne und zwei großen Koffern voller neuer Winterpullis die Heimreise antreten. Auf dass ich hiermit die ein oder andere Person mit meiner Begeisterung für dieses wundervoll-spezielle Land anstecken konnte und ich ein Stück finnische Gelassenheit mitnehme und in stressigen Situationen für mich nutzen kann.

Kiitti Moi Moi – Danke und bis bald, du schönes Finnland!

Mädchen auf einem Stein im Meer
Meine eigene kleine Steininsel

Kommentare

  1. Anke

    9. Juli 2017

    Ein wirklich schöner Beitrag und jetzt freue ich mich einmal mehr auf mein Auslandssemester ab August in Helsinki. Danke 🙂

  2. Malte Pahlke

    28. Juni 2017

    Die Begeisterung kommt auf jeden Fall rüber. Habe Lust auf Finnland bekommen. Vielleicht aber lieber im kurzen Sommer 🙂

    1. Mona

      29. Juni 2017

      Das freut mich riesig zu hören, Malte! Wie wäre es dann mit einer Woche Sauna, See und Inselspaß im Sommer und einer voller Nordlichter, Rentiere und nochmal Sauna im finnischen Winter? 🙂

    2. Malte Pahlke

      8. Juli 2017

      Mir gefällt deine Art zu denken, Mona 😉

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