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Die Finnen und das Glück – Premium Lehramtsstudium?

Die Finnen und das Glück – Premium Lehramtsstudium?

Runde 3 meiner Glücksstudie – heute mal mit etwas, was mir schon lange unter den Nägeln brennt: das Lehramtsstudium. Was wird hier anders gemacht? Können wir in Deutschland vielleicht auch etwas davon mitnehmen? Wie hab ich das erlebt?

Die Auswahl

Deutschland: Der Numerus Clausus entscheidet.
Finnland: Eine Auswahlkommission entscheidet anhand der Motivation.

Ein wesentlicher Unterschied zu unserem deutschen System ist auf jeden Fall, dass sich hier Zeit genommen wird, um die Bewerber und Bewerberinnen schon vor dem Studienstart zu testen. Das Bewerbungsverfahren besteht aus zwei Phasen. Zunächst wird ein Essay eingereicht, indem man zeigt, warum man sich für das Programm bewirbt und warum sie ausgerechnet dich auswählen sollten. Die zweite Phase ist dann ein persönliches Interview. Allgemein ist der Studiengang hier sehr beliebt (insgesamt werden jedes Jahr nur 20 angenommen), was unter anderem auch daran liegt, dass Lehrer und Lehrerinnen in der Gesellschaft hohes Ansehen genießen dürfen: sie erziehen und unterrichten ja schließlich auch die nachfolgende Generation.

Das Studium

Deutschland (zumindest in NRW): Lehramtsbezogener Bachelor und Master. Für Grundschullehramt bedeutet das in NRW: Mathematische Grundbildung, Sprachliche Grundbildung, Bildungswissenschaften und ein Wahlfach.
Finnland: Bachelor und Master im Bereich Grundschullehramt. Dafür gibt es je nach Universität Programme mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

In Finnland gibt es dabei keine spezifischen Fächer wie in Deutschland, sondern das Lehramtsstudium wird ganzheitlich gesehen. Das heißt der Fokus liegt auf der Persönlichkeitsentwicklung und der Pädagogik. Es werden somit keine einzelnen Fächer studiert, sondern das was die Kinder in der Grundschule lernen wird als „Basic Education“ verstanden. Danach ist auch der finnische Lehrplan ausgerichtet. Insgesamt haben die Studis dabei ziemlich viel Wahrfreiheit: ganze 50 ECTS können im Master frei gewählt werden! Das sind fast zwei Semester, die denen frei nach persönlichem Interesse studieren werden darf. Jede Uni darf über die genauen Inhalte des Lehramtsstudiums auch selbst entscheiden. Wäre das wohl auch in Deutschland denkbar?

Praxis

Deutschland: Zwei Praktika im Bachelor. Ein Praxissemester im Master. 18 Monate Referendariat nach dem Studium.
Finnland: 20 ECTS im Master, die an einer „Teacher Training School“ absolviert werden.

Das heißt in Deutschland haben wir sogar mehr Praxis als in Finnland, aber: die Praxisphase in Finnland verläuft anders. Hier wird viel Wert auf eine engmaschige Betreuung von Lehrkraft und angehender Lehrkraft gelegt. Die Studis werden unterstützt und beraten während sie den Unterricht komplett selbst planen. Der Fokus liegt dabei vorallem darauf, dass der Studierende einen eigenen Unterrichtsstil entwickelt mit dem er oder sie sich wohlt fühlt. „Social and commuication skills are important“, so heißt es.
In Deutschland hingegen hat man (im Bachelor) als Praktikant oder Praktikantin zwar oft die Möglichkeit auch schon eigenen Unterricht zu machen, aber wenn dann nur in einzelnen Stunden. Erst im Praxissemester während des Masters gibt es dann die offizielle Vorgabe eigenverantwortlich zu unterrichten. Nebenbei führt man aber auch noch Forschungsprojekte an der Schule durch, man besucht Fachseminare und hat womöglich noch weitere Uni-Kurse nebenher laufen. Das heißt zu 100 Prozent kann man sich auch da nicht auf den Unterricht konzentieren – so zumindest meine Erfahrung. Erst im Referendariat wird man dann auf Herz und Nieren geprügt, ob man für den Job überhaupt geeignet ist.

Und jetzt mein Senf:

Ich habe in Oulu nur ein Semester studiert, also kann ich garnicht ganz beurteilen was im Studium gelernt wird und was nicht. Mein Eindruck ist aber, dass zumindest die fachliche Ausbildung eher oberflächlich bzw. nicht vorhanden ist. Was ich zunächst sehr kritisch gesehen hab, hat sich aber ganz schnell umgedreht. Für mich ist die entscheidende Frage nämlich: Braucht man das überhaupt? Die wenigsten meiner Kommilitonen (in Deutschland) freuen sich über höhere Mathematik im Studium: „Das brauch ich doch eh nicht, ich arbeite doch später in der Grundschule“. Das führt dann unweigerlich dazu, dass die Motivation für diese Fächer (zumindest bei einigen) nicht besonders hoch ist. Fair enough, aber Fachdidaktiken? Die halte ich für sehr wichtig und frage mich wo die in der finnischen Lehramtsausbildung bleiben. Dabei ist das Ganze ja auch irgendwie eine Spirale: Zuerst die fachlichen Grundlagen, dann die Fachdidaktiken und dann kann ich das Ganze im Studium geballt Gelernte den Schülern und Schülerinnen erfolgreich beibringen, oder?
In Finnland sagen sie dazu einfach: Nö. Wir schaffen die Schulfächer ab (wird ab 2020 langsam eingeführt, erstmal nur ab Klasse 11) und setzen auf ganzheitliches Lernen. Dafür braucht man dann kein tiefes Fachwissen, sondern vorallem Persönlichkeiten, die Freude an der Arbeit mit Kindern mitbringen und gleichzeitig flexibel sind. Ich halte das für einen sehr guten Ansatz! Der Persönlichkeitsentwicklung sollte auch in Deutschland ein viel größerer Teil des Studiums zugestanden werden. Dabei ist das Wichtigste immer wieder zu reflektieren: Warum will ich in der Schule arbeiten? Wie verstehe ich meine Profession? Genau darum geht es in der Praxisphase an finnischen Schulen und da sind die Finnen uns definitiv einen Schritt voraus. Lernen kann doch erst entstehen, wenn die Lehrkräfte einen Zugang zu den Kindern haben. Und was ist dafür wichtig? Für mich ist das eindeutig Empathie. Und um Kindern empathisch begegnen zu können braucht man viel Einfühlungsvermögen und vorallem eine gute Sozialkompetenz. Warum wird das nicht auch in Deutschland in Form eines Interviews vorab getestet und entsprechend aussortiert? Ich meine, es geht ja schließlich darum wer am Ende jahrzehntelang die kommende Generation unterrichtet. Man kann dann natürlich argumentieren: „Wir (in Deutschland) wollen lieber von vornerein allen die Chance geben ein Lehramtsstudium aufzunehmen und geben den Studis dann während des Studiums Raum, um sich zu entwickeln.“ Na gut, aber es gibt ja trotzdem einen NC (bei meinem Studiengang lag der bei meinem Studienstart übrigens bei 1,9). Und naja, auch wenn man so argumentiert kann es ja nicht schaden eine gute Sozialkompetenz und/oder empathisches Verständnis während des Studiums auszubilden. Ich hätte mir das jedenfalls sehr gewünscht. Wie ich mir das vorstelle? Mir ist natürlich bewusst, dass eine komplette Umstrukturierung des deutschen Studienmodells utopisch wäre und auch überhaupt nicht zielführend. Das deutsche und das finnische Modell sind einfach zwei völlig unterschiedliche Ansätze. Dabei ist keiner besser oder schlechter. Es sind einfach verschiedene Herangehensweisen. Und ich bin auch wirklich glücklich darüber, dass ich in Deutschland an der Universität Bielefeld ein lehramtsbezogenes Studiummachen durfte. Ich würde mich sogar so weit aus dem Fenster legen, um zu behaupten behaupten, dass ich sowohl fachlich als auch pädagogisch ziemlich gut ausgebildet bin (das denke ich nicht nur, weil ich zwei Master gemacht habe). Aber: Ein paar ECTS-Punkte, die man frei wählen darf, wären nicht nur für mich als Studierende schön gewesen, sondern hätten sicherlich auch viele meiner Kommilitonen dazu inspiriert im Ausland zu studieren. Das erweitert bekanntlich nicht nur den eigenen Horizont, sondern sorgt für offenere, empathischere, begeisterungsfähigere Persönlichkeiten, die genau das dann auch auf die Kinder übertragen werden. Also auf die kommende(n) Generation(en). Das ist unglaublich wichtig und da bleibt mir an dieser Stelle nichts anderes zu wünschen als dass das auch in Deutschland erkannt wird und Persönlichkeitsentwicklung – zum Beispiel im Rahmen eines Auslandsaufenthalts nicht (nur) durch ECTS-Punkte entlohnt wird, sondern man dadurch auch Vorteile beim Berufseinstieg hat.

Falls du noch mehr über das finnische Schulsystem erfahren willst, schau doch mal hier vorbei.

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