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Kreolisch, Geckos und Baguette: wie viel Frankreich steckt in La Réunion?

Kreolisch, Geckos und Baguette: wie viel Frankreich steckt in La Réunion?

Über 9000 km voneinander getrennt und doch gehören sie zusammen: wie viel Einfluss hat das Frankreich, das wir als unser Nachbarland kennen, auf die kleine Insel im Süden von Afrika? Keine Frage hat mich vor meiner Abreise so interessiert, wie diese, und nach mittlerweile sieben Wochen hier kann ich mir endlich selbst eine Antwort geben – eine, die mir die Insel noch mehr ans Herz wachsen lässt.

Der südlichste Teil Frankreichs…

An der Straße Rue de Paris steht das prächtig gelbe Rathaus von Saint-Denis und vor dem Haupteingang wehen stolz das Logo der Stadt, die blau-weiß-rote Trikolore und die Flagge der Europäischen Union. Ein paar Meter weiter steht an der Avenue de la Victoire eine Siegessäule, die den Toten des ersten Weltkriegs gewidmet ist.

Klingt das nach Afrika? Dieses Szenario könnte man genau so überall sonst in Frankreich vorfinden, und das ist auf La Réunion keine Ausnahme: überall im Alltag findet man Spuren der französischen Republik. Die Straßen haben fast alle typisch französische Namen (Avenue du Général Léclerc, Rue de Paris, etc.) und auf diesen Straßen fahren die Fahrzeuge französischer Automarken (allen vorweg Renault, Citroën und Peugeot). Auch ihre Liebe zu Kreisverkehren haben sich die Franzosen hier nicht nehmen lassen. Kreuzung? Was ist eine Kreuzung?

Wenn man die Rue de Paris weiter runter läuft, kommt man zum Meer, vor dem in einer großen Parkanlage ältere Männer Boule spielen, auf den Parkbänken neben sich haben sie ihre frisch gekauften Baguettes liegen, deren Spitzen aus den Papiertüten der Boulangerie rausguckt.

Es ist genau diese Lebensart, die ich an Frankreich so liebe: es wird sich die Zeit genommen, im Park Schach, Karten oder Boule zu spielen, oder vor einem der zahllosen Cafés die Sonne zu genießen und einen viel zu kleinen Espresso zu trinken.

… mit einer Prise Exotik.

Die Männer im Park sprechen untereinander aber nicht französisch, sondern kreolisch, und viele der anderen Häuser und Gebäude der Rue de Paris sind im typischen Kolonialstil gebaut. In den Gärten der Häuser wachsen Bananen und Mangos und kleine Chamäleons und Geckos laufen die Hauswände hoch. Dann wäre da außerdem natürlich noch das Wetter – nicht mal an der Côte d’Azur habe ich so eine drückende Hitze erlebt, außerdem ist Oktober und der Sommer beginnt gerade erst.

Die Vielfalt der Natur auf dem französischen Festland ist schon unglaublich (Zugang zum Ärmelkanal, zum Atlantik, zum Mittelmeer, zu den Pyrenäen und zu den Alpen mit dem höchsten Berg Europas – wie kann man dieses Land nicht lieben?), aber La Réunion bietet nochmal ein ganz anderes Level: zwei Vulkane, davon einer der aktivsten der Welt, die Strände grenzen an Korallenriffe und die leckerste Ananas der Welt nennt die Insel ihr Zuhause. Das wiederum klingt nicht nach einem Teil eines europäischen Landes, oder?

Kolonialbau "Villa Mas"

Die „Villa Mas“, in der heute die Kulturabteilung des Départements sitzt, wurde 1804 fertiggestellt und ist ein typischer Kolonialbau.

Fühlt man sich bei so viel Exotik denn französisch?

Auf der Insel treffen viele Ethnien aufeinander, die meisten Bewohner der Insel kommen selbst oder haben Vorfahren aus Teilen Indiens, aus China, aus anderen afrikanischen Ländern (Senegal, Somalia und Mosambik), von den Komoreninseln (etwa Mayotte, seit ein paar Jahren ebenfalls Überseedépartement) oder der Nachbarinsel Madgaskar. Einen nicht geringen Anteil machen auch zugezogene Festlandfranzosen aus.

Damit hätte man aber bloß einen weiteren Schnittpunkt mit dem Landesteil neben Deutschland: alleine in Paris wohnen über 40 Nationalitäten.

Und welcher Nationalität ordnen sich die Bewohner der Insel selbst zu? Französisch? Oder Réunionnais? Ich habe nachgefragt und von vielen gehört: natürlich behält man seine Wurzeln, insgesamt ist man aber sehr zufrieden damit, Franzose zu sein, denn zwischen der Insel und dem Festland herrscht ein Geben und Nehmen.

Und wer profitiert am meisten davon?

La Réunion produziert und exportiert fleißig Rum, Zuckerrohr und Vanille, aber alleine würde das nicht reichen, um den relativ hohen Lebensstandard aufrecht zu halten. Dieser wiederum kurbelt den Tourismus und damit die Wirtschaft der Insel an, außerdem ist es durch Subventionen aus Paris unter anderem möglich, Transportwege besser auszubauen. Zudem gibt es zwischen dem französischen Festland und den Überseegebieten vergünstigte Flüge, weshalb es nicht ungewöhnlich ist, wenn jemand für die Arbeit mehrere Monate nach Métro verschwindet oder andersherum die Métros für ihren Urlaub herkommen.

Werbeplakat Zuckerrohr
Ein französisches Werbeplakat, das den sehr lukrativen Anbau von Zuckerrohr auf La Réunion hervorhebt.

Obwohl wir mehrere tausend Kilometer von Paris entfernt sind, sind wir genauso in Frankreich, wie alle Franzosen – und dieses Gefühl haben auch die Inselbewohner. Wer also am meisten davon profitiert, dass La Réunion zu Frankreich gehört? Meiner Meinung nach ganz klar wir Erasmus-Studenten, weil wir einen Teil unseres Studiums an einem der wohl schönsten Orte der Welt verbringen dürfen. 🙂

Kommentare
  1. Be.

    7. Oktober 2019

    Liebe Caro,
    wieder ein ganz wunderschöner Artikel! Absolut lesenswert, ich bekomme einen tollen Einblick in dein Studentinnenleben und das Leben auf der Insel. Freue mich auf die Fortsetzung! 🙋‍♀️

    1. Carolin Pohlmann

      8. Oktober 2019

      Das freut mich sehr, danke! 🙂

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