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Besuch aus Deutschland Teil 1: Wieso überhaupt ein Auslandsaufenthalt?

Besuch aus Deutschland Teil 1: Wieso überhaupt ein Auslandsaufenthalt?

Ich habe Besuch aus Mannheim. Jan, der zusammen mit mir Politikwissenschaft studiert, kommt für einige Tage nach Rom. Gestern war ich mit ihm zu Abend essen und wir haben etwas über Auslandserfahrungen und deren Bedeutungen gesprochen.

Talha: Ich bin ja jetzt seit fast zwei Monate hier in Rom und finde es einfach nur supergeil. Es ist ein ganz anderes Gefühl als in Deutschland: Die Menschen sind anders, die Uni ist anders. Ich hab mich ehrlich gesagt in Rom verliebt und werde nächstes Jahr auf jeden Fall im Sommer wieder nach Italien kommen, um meine Mitbewohner und Freund:innen zu besuchen! Aber wie sind deine Eindrücke, erzähl mal.

Jan: Ich bin im Regen in Rom angekommen, jedoch haben deine Mitbewohner mir versichert, dass die Stadt normalerweise warm und voller Sonne ist. Ich finde Rom sehr belebt. 

Talha: Die Stadt ist auf jeden Fall riesig. Du kannst eine Stunde laufen und siehst trotzdem immer was Bedeutendes oder Beeindruckendes, gerade wenn du Historisches magst. Rom ist einfach ein offenes Freiluftmuseum. Auch normale Straßen kannst du hier teilweise bewundern, so originell sind die Bauten. Du warst ja auch heute mit mir zusammen in der Uni, der LUISS (Libera Università Internazionale degli Studi Sociali). Wie fandest du es denn dort, auch wenn der Unterricht (Diplomacy and Negotiation) ausgefallen ist?

Jan: Schickes Gebäude auf jeden Fall (lacht). Sehr viel grün und auch ziemlich elegant. Was mich beim Vorbeilaufen beeindruckt hat, waren die Whiteboards in jedem Raum. Es wird sehr viel auf die neueste Technik gelegt. Das wird kombiniert mit historischen Elementen wie Gemälden, sodass ein ziemlich cooler Eindruck entsteht.

Campus
Der Viale Romania Campus der LUISS. Alle meine Vorlesungen finden hier statt.

(Eine LUISS-Vorstellung kommt bald!)

Talha: Du wirst ja übernächstes Semester im Ausland sein und ich bin es gerade schon. Du hoffentlich dann in Kanada, in Québec war es, oder?

Jan: Genau, ich werde an der Université Laval studieren. Dort sind die Kurse französischsprachig. Das war mir wichtig, um neben Englisch eine zweite Fremdsprache zu lernen. Ich bin ziemlich gespannt! Worauf hast du dich denn damals gefreut, als du erfahren hast, dass es ins Ausland geht?

Talha: Ich habe die Zusage im April 2021 bekommen. Mir waren zwei Aspekte wichtig: Dass die Uni gut ist und die Stadt lebenswert. Mit der LUISS und Rom habe ich das, glaube ich, sehr gut getroffen. Die Uni ist eine der besten im Land und die Stadt eine der schönsten auf der Welt. Zudem ist es cool, dass das Profil hier ein ganz anderes als an unserer Heimatuni in Mannheim ist. Im Gegensatz zum sehr theorielastigen und analytischen Studium erlebe ich hier Politikwissenschaft sehr praxisnah. Ich habe ja auch zwei Diplomaten als Dozenten, die Diplomacy and Negotiation und Geopolitical Scenarios and Political Risk unterrichten. Das ist wahnsinnig spannend, wenn sie aus ihrem Alltag berichten. Manchmal hatten wir sogar Ersatzunterricht, weil sie zu Verhandlungen nach Moskau oder New York reisen mussten. Der zweite Punkt, auf den ich mich sehr gefreut habe, war, ein halbes Jahr im Ausland zu leben. Ich kann mir gut vorstellen später vielleicht für das Auswärtige Amt zu arbeiten. Dort müsste ich alle drei bis fünf Jahre den Einsatzort wechseln. Das Auslandssemester in Rom ist für mich im Prinzip ein kleiner Test, ob ich im Ausland leben könnte.

Jan: Und könntest du im Ausland leben?

Talha: Stand jetzt, ja. Ich habe mich sehr gut eingelebt hier und bin mir auch sicher, dass das für andere Orte der Fall sein wird. Nach dem Studium möchte ich definitiv noch ein Auslandspraktikum machen, wenn es klappt, im Auswärtigen Amt. Da kann ich dann nochmal überlegen, ob das was für mich wäre.

Jan: Ich werde ja in knapp einem Jahr auf der anderen Seite des Atlantiks sein. Hast du irgendwelche Tipps für mich?

Talha: Mein Tipp wäre eindeutig: Wohne mit Einheimischen zusammen. Denn bei mir macht das 70 bis 75 Prozent meiner Erkenntnisse im Auslandssemester aus. So lerne ich die italienische Lebensweise authentisch (wenn bei drei Mitbewohnern natürlich keinesfalls repräsentativ) kennen. Einer meiner Mitbewohner, Luigi, hat vergangenen Montag mit Bestnote graduiert und danach haben wir in großem Rahmen am Piazza di Spagna gefeiert. Abends von einer Rooftop-Bar auf die Spanische Treppe zu schauen und die Ansicht zu genießen ist beeindruckend. Dort habe ich dann auch Familie sowie Freund:innen aus seiner Heimatstadt Neapel kennengelernt und wurde von seiner Mutter dorthin zum Essen eingeladen. Das authentische Leben lernst du so am besten kennen, auch wenn du, so wie ich, nicht die Landessprache spricht. Es gibt immer andere Möglichkeiten zu kommunizieren, so sagt es jedenfalls Paul Watzlawick (Kommunikationswissenschaftler, den ich gefühlt jedes Jahr im Deutschunterricht durchgekaut habe) (lacht).

Jan: Das war auch einer der Gründe, warum ich nach Québec direkt gehen möchte. Denn dadurch, dass die Uni nur Kursangebote auf Französisch hat, käme ich mehr in Kontakt zu Einheimischen und anderen internationalen Studierenden. Dadurch besitze ich dann auch die Gelegenheit die Kultur viel näher kennen. Du hast dann viel mehr Berührungspunkte.

Talha: Das stimmt, aus der eigenen Bubble herauszukommen ist sehr wichtig. Nur so kann ich mich weiterentwickeln. Und ganz ehrlich: Dadurch lernst du so viele interessante Persönlichkeiten kennen und knüpfst echt coole Freundschaften. Was sind denn deine Erwartungen an das Auslandssemester?

Jan: Ich möchte vor allem eine fremde Kultur kennenlernen und fließend Französisch lernen. Momentan belege ich dazu einen Kurs in Mannheim, um meine Vorkenntnisse zu erweitern. Darüber hinaus finde ich es cool, Freund:innen zu finden, zu denen ich auch länger den Kontakt halte und die vielleicht über den ganzen Globus verteilt sind, also nicht nur Kanadier:innen. Ich freu mich auch auf die exzellenten Sportmöglichkeiten der Uni.

Talha: Das war überhaupt kein Kriterium bei mir (lacht)!

Jan: Mit so viel guter Pasta und Pizza musst du dir das nochmal überlegen. Aber wie du auch erwähntest, die Städte und auch Landschaften unterscheiden sich sehr zu Deutschland. Wandern, Ski fahren oder auch mal Campen, das wird bestimmt toll.

Talha: Auf jeden Fall! Gibt es denn etwas Besonderes an der Québec?

Jan: Ich bin im Herbst-Wintersemester dort, dementsprechend wird es sehr kalt. Daher hat die Uni beheizte Tunnelwege, um von Punkt A zu Punkt B zu kommen. Mal schauen, ob ich mich in denen dauerhaft wohl fühle. Was war deine beste Erfahrung bis jetzt?

Talha: Puh, da muss ich kurz überlegen, denn es gab vieles. Neben den tollen Abenden mit meinen Mitbewohnern auch ganz klar der Kurs Geopolitical Scenarios and Political Risk mit dem Diplomaten als Professor. Der Kurs handelt von aktuellen Risiken auf der Welt, die aber auch in einen historischen Kontext gesetzt werden. Zum Beispiel geht der Konflikt zwischen den USA und China bis in die 1940er zurück. Das ist ganz spannend mal solche Themen zur Abwechslung zu behandeln, statt Stunden mit Datenanalysen wie in Mannheim zu verbringen. Ich habe mich dann sogar mal mit ihm in seinem Institut in Rom (er betreibt das geopolitische Eastwest Institute, das Workshops und Vorträge anbietet) getroffen und über die Außenpolitik der neuen Regierungskoalition in Deutschland, die sehr wahrscheinlich ist, gesprochen. Außerdem hat er mich in meinem Vorhaben für das Auswärtige Amt gestärkt, indem er die deutsche Diplomatie sehr gelobt hat.

Jan: Und die schlechteste Erfahrung?

Talha: Richtig schlechte Erfahrungen gab es eigentlich noch keine. Was für mich im Vergleich zum Studium in Mannheim ungewohnt war, ist der Fokus auf Gruppenarbeiten an der LUISS: In jedem Kurs steht entweder eine Präsentation, Debatte oder Simulation an. Da habe ich gemerkt, dass meine Kommiliton:innen hier Folien für eine PowerPoint viel text- und bildreicher gestalten, als ich das in Deutschland gelernt habe. Uns wurde schon in der Schule immer gesagt, dass nur relevante Stichpunkte und Bilder vorhanden sein sollten. Hier hingegen sehe ich dann schon ganze Texte und wirklich viele Grafiken, die meiner Meinung nach aber nicht hilfreich waren, auf den Folien. Das hat dann zu einer kleinen Diskussion in unserer Gruppe geführt, da ich das genauso machen sollte. Nachdem sie mir versichert haben, dass das in Italien die Norm sei, habe ich das auch so umgesetzt. Am Ende war die Note dann auch sehr gut. Also wie du siehst, es gibt nie absolute Wahrheiten oder ein Schema F. Es unterscheidet sich von Land zu Land oder Uni zu Uni. Da hilft es, auf die Leute vor Ort zu hören, vielleicht hätte ich die Präsentation mit meiner “deutschen Strategie” ja völlig vermasselt.

Jan: So ein Auslandssemester unternimmst du ja auch, um fachlich und persönlich zu wachsen. Du wirst reflektierter mit Blick auf  dein Umfeld und gehst offener mit neuen Situationen um. Anpassungsfähigkeit ist insbesondere heutzutage ganz wichtig und das trainierst du durch einen Aufenthalt im Ausland ganz gut.

Talha: Ich merke auch schon, dass ich mich vor allem persönlich weiterentwickelt habe, da natürlich auch irgendwo zwei Welten aufeinander prallen. Zum Beispiel finde ich es höchstspannend, wie Italiener auf uns Deutsche blicken. Während sie einerseits Tüchtigkeit und Organisiertheit loben, finden sie, dass wir manchmal zu steif und überkorrekt sind. Das habe ich von vielen gehört. Da mache ich dann immer Werbung für ein Auslandssemester in Deutschland, damit sie sich vergewissern können, dass dem nicht so ist. Was aber stimmt, ist die allgemeine Lockerheit von den Italiener/innen – finde ich. Zum Beispiel ist es sowohl für Dozierende als auch Studierende kein Problem, mal 15 bis 30 Minuten zu spät aufzutauchen.

Jan: Welche Ziele hast du dir für dein Semester und deine Zeit in Rom gesetzt?

Talha: Priorität haben bei mir die Noten. Alle meine Kurse werden angerechnet und zählen sogar am meisten. Ich habe von vielen Austauschstudierenden gehört, dass sie lediglich bestehen müssen. Bei mir ist das leider nicht der Fall. Ich möchte meinen Master im Ausland machen, da sind Noten sehr wichtig. Das heißt aber nicht, dass das Auslandssemester nur aus Lernen bestehen wird. Ich mag es neue Menschen kennenzulernen und mit ihnen etwas zu unternehmen. Da ist ein Auslandsaufenthalt echt super. Die geografische Herkunft meiner Bekanntschaften hier spannen von Buenos Aires in Argentinien über Zagreb in Kroatien bis nach Hongkong in China. Und da jede/r während eines Auslandsaufenthaltes am Anfang mehr oder minder alleine ist, hast du auch Gelegenheit enge Freundschaften zu knüpfen, die dann hoffentlich auch länger halten.

Ciao, a presto!

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