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Indonesien hautnah – leben wie die Einheimischen

Indonesien hautnah – leben wie die Einheimischen

Als Besucher eines fremden Landes bekommt man häufig gar nicht mit, wie es hinter den Fassaden aussieht. Wie lebt die einheimischen Bevölkerung? Wie wird gewohnt und was wird gekocht? Gibt es landestypische Gerichte und wie steht es um die Einkommensverhältnisse? Ich bin all diesen Fragen für euch auf den Grund gegangen und habe einen Tag bei einer einheimischen Familie verbracht.

Mein Auslandssemester auf Bali ist nicht das erste Mal, dass ich die Möglichkeit bekommen habe Indonesien und seine Einwohner näher kennenzulernen. Bereits vor etwas mehr als drei Jahren habe ich mit meiner Familie eine Rundreise über die Nachbarinseln Balis gemacht und dabei Gede kennenlernt. Gede ist ein einheimischer Touristenguide, der meine Familie und mich damals bei unserer Reise begleitet hat. Seit unserem Besuch vor drei Jahren stehen wir regelmäßig mit Gede und seiner Familie in Kontakt.

Das Schicksal hat entschieden

In der Mitte meines Semesters hier auf Bali gibt es eine sogenannte „Semesterbreak“. In dieser Zeit finden keine Vorlesungen und Exkursionen statt, sondern die Studierenden haben Zeit in Einzel- und Gruppenarbeiten an verschieden Projekten und Präsentationen zu arbeiten. Diese vorlesungsfreie Zeit bietet sich aber natürlich auch dafür an, abgelegenere und zeitintensivere Destinationen zu besuchen. Ursprünglich hatte ich geplant mit dem Speedboot die circa 45 Kilometer entfernten Gili-Inseln zwischen Bali und Lombok zu besuchen. Im Anschluss wollte ich dann von Bali aus mit dem Flugzeug nach Labuan Bajo fliegen, dem Ausgangspunkt für einen Besuch im Komodo National Park. Da sich mit Sicherheit einigen von euch jetzt fragen wovon zum Teufel ist spreche, habe ich euch meine Reiseroute unten skizziert. Seit einiger Zeit gibt es jedoch Proteste und Demonstrationen der Hafenmitarbeiter der umliegenden Inseln, die sich über zu wenig Arbeit beschweren. Alle Touristen, die die Gili-Inseln besuchen wollen, müssen seitdem erst weiter nach Lombok reisen, bevor sie die Rückreise nach Bali antreten können. Dieser neue Umweg kostet natürlich einiges an Zeit und hält aktuell viele Touristen davon ab, die Gili-Inseln überhaupt zu besuchen. Für mich hingegen ist das eine super Gelegenheit, Gede und seine Familie zu besuchen und für eine Nacht in das Leben der Einheimischen einzutauchen.

Ich habe euch hier einmal meine Reiseroute für die Semesterbreak skizziert.

Es läuft nicht immer alles nach Plan

Die Überfahrt mit dem Public Boat von den Gili-Inseln nach Lombok kostet zwar nur etwas mehr als einen Euro, aber dafür gibt es auch keinen wirklichen Fahrplan. Das Boot fährt, sobald alle 40 Plätze belegt sind. Eigentlich hatte ich mit Gede ausgemacht, dass ich gegen 17 Uhr im Hafen von Bangsal in Lombok ankomme. Aber wie das nunmal im Leben so ist, läuft nicht immer alles nach Plan. Als ich um kurz nach 15 Uhr am Hafen von Gili-Air eintreffe, ist das Public Boat quasi schon voll besetzt und legt nur wenige Minuten später ab. Als einziger offensichtlich nicht Einheimischer auf dem Boot musste ich nach meiner Ankunft in Bangsal dann erst einmal einem duzend Taxifahrer erklären, dass ich von einem Freund abgeholt werde und dementsprechend kein Taxi benötige. Als Gede dann endlich vor mir steht, trägt er eine Maske und erklärt mir, dass er seit einigen Tagen mit Fieber zu kämpfen hat. In diesem Zustand möchte er mich nicht, wie eigentlich geplant, hinten auf seinem Roll mitnehmen. Um mich abzuholen ist er nämlich zusammen mit seinem Bruder und dessen Sohn auf einem Roller 45 Minuten lang zum Hafen gefahren. Zurück nehmen wir uns ein Taxi und nutzen die Zeit, um ein wenig zu plaudern und in alten Erinnerungen zu schwelgen.

Public Boat am Hafen von Block
Die Fahrt mit dem public boat war auf jeden Fall ein Abenteuer.

Das traditionelle Wohnhaus

Zuhause angekommen, stelle ich fest, dass Gede in einer für indonesische Verhältnisse sehr ruhigen und aufgeräumten Seitenstraße der Inselhauptstadt Mataram wohnt. Durch ein mit Pflanzen behangenes Tor gelangt man auf das Grundstück. Da die Wurzeln von Gede ursprünglich ebenfalls auf Bali liegen, ist er selbst, anders als die meisten Einwohner von Lombok kein Muslime, sondern ein Hindu. Und wie es sich für einen gläubigen Hindu in dieser Region gehört, befindet sich auch gleich neben dem Eingang der Haustempel. Jedes traditionelle Wohnhaus auf Bali besitzt mindestens einen Tempel. Dieser steht meistens am höchsten Punkt oder auf der den Bergen zugewandten Seite, denn die Götter sitzen in den Bergen. Die Hinduisten glauben, dass in den Haustempeln die Seelen ihrer Ahnen leben und sie ihnen so opfern können.

Bumbu Bali und der traditionelle Kochkurs

Der Bruder von Gede hat vor der Corona Pandemie als Koh in einem Hotel auf den Gili-Inseln gearbeitet. Während Gede seine beiden Kinder vom Nachmittagsprogramm abholt, zeigt mir sein Bruder wie Bumbu Bali hergestellt wird. Bumbu Bali ist eine traditionelle Gewürzpaste, die als Grundlage für viele indonesische Gerichte, wie zum Beispiel Nasi Goreng (gebratener Reis) und Sate Lillit (Spieße aus Hackfleisch), dient. Neben Kurkuma, Ingwer und Muskatnuss sind vor allem Chilis ein Bestandteil dieser Gewürzpaste. Die kleinen Chilischoten sind dabei meist die schärfsten und Europäer sind so scharfes Essen häufig nicht gewohnt. Leider hat Gede keine großen Chilischoten zuhause, sodass wir zusammen in der Nachbarschaft nach großen Chilischoten fragen müssen – leider ohne Erfolg. Wir schneiden abschließend noch ein bisschen Gemüse zurecht, zerkleinern ein ganzes Hähnchen und vermischen alles mit der Gewürzpaste. Das Ganze wird dann für über eine Stunde gekocht und mit Reis serviert. Auch wenn die indonesische Küche voll von Gerichten mit Hähnchen ist, habe ich erst später erfahren, dass die Einheimischen aus Kostengründen in der Regel nur zu besonderen Anlässen Fleisch essen.

Bis auf den Kopf und die Füße wurde das ganze Hähnchen klein gehackt und gekocht.

Beruf und Einkommen der Einheimischen

An der Wand des offenen Wohnbereichs hängt ein Poster von Helene Fischer. Wie ich euch oben schon erzählt habe, arbeitet Gede in der Tourismusbranche. Deutsch hat er sich mit Hilfe von deutschen Texten aus Büchern und deutscher Musik selbst beigebracht und begleitet seitdem Touristen bei Rundreisen über die Insel. Seine Frau arbeitet im Schichtbetrieb für Global FM Lombok, einen lokalen Radiosender mit Zuhörern in ganz Indonesien. Während wir essen, telefoniert Gede mit seiner Frau und lässt uns im Radio vor Millionen von indonesischen Zuhörern grüßen. Trotz dieser Berufe beläuft sich das Einkommen der Familie auf gerade einmal wenige hundert Euro im Monat, erzählt uns Gede. Auch das Durchschnittseinkommen in Indonesien lag 2021 laut dem Finanzportal CEIC gerade einmal bei 150 Euro pro Kopf. Zwar sind dafür die Lebenshaltungskosten in Indonesien auch deutlich geringer als in Deutschland, aber trotzdem reicht das wenige Geld nur gerade eben so zum Leben. Diese gewaltigen Lebensunterschiede solltet ihr immer im Kopf haben, wenn ihr auf Bali, in Indonesien und wahrscheinlich auch ganz Südostasien unterwegs seid. Der Bruder von Gede hat das ganz charmant ausgedrückt: Natürlich sehen die Einheimischen in uns Touristen oder offensichtlich nicht Einheimischen, einen Geldautomaten und verlangen daher einen ordentlichen Aufschlag auf den regulären Verkaufspreis. Verhandeln ist daher auch vollkommen legitim. Ihr sollt euch schließlich auch nicht einfach das Geld aus der Tasche ziehen lassen, aber bitte nicht zu hart – das ist auch das, was mir bei der Einführungsveranstaltung an der Universität gesagt worden ist. 10.000 indonesische Rupiah (circa 70 Cent) mehr oder weniger, können für die Einheimischen schon einen großen Unterschied machen. Seit ihr der erste Kunde des Tages könnt ihr beobachten, wie die Verkäufer im Anschluss ihre Waren mit eurem Geld berühren und somit bei den Göttern um einen erfolgreichen Tag bitten.

Zusammenleben mit einer Community

Nach dem Abendessen trifft sich die ganze Nachbarschaft, von Gede gerne als Community bezeichnet, um den Abend gemeinsam zu verbringen und sich ein wenig zu unterhalten. Am nächsten Morgen wollte mich aber die ganze Familie um 5 Uhr zum Flughafen begleiten, sodass wir nur noch ein wenig in der Küche sitzen geblieben sind und gemeinsam ein Bier getrunken haben.

Zeit zum Schlafen gehen

Zum Schlafen hat Gede mir eine Matratze im Wohnzimmer vorbereitet. Ich würde es zumindest als Wohnzimmer bezeichnen, es ist das Zimmer was alle Räume verbindet und als Durchgangszimmer dient. Auch wenn es selbstverständlich keine Klimaanlage gibt, ist das Bett sehr komfortabel. Die Nacht war nur leider relativ kurz, weil um gefühlt drei Uhr morgens die örtliche Moschee zum Gebet aufgerufen hat und gegen vier Uhr morgens die ersten Familienmitglieder angefangen haben sich im Badezimmer fertig zu machen. Gede hat keine europäische Toilette zuhause, es ist viel mehr ein Loch im Boden mit einem Bereich zum Abstellen der Füße. Ich muss allerdings sagen, dass ich diese Art von Toilette bereits vom Camping in Italien und Frankreich kenne. Diese hockende Position ist im ersten Moment natürlich ungewohnt, aber auch viel hygienischer, weil ihr euch nicht auf die Klobrille setzen müsst. Daneben befindet sich dann eine kleine Wassertonne mit einer Kelle zum spülen der Toilette. Gleichzeitig habe ich mich mit dieser Kelle auch abgeduscht. Einen Schlauch mit Brause oder ähnlichem gibt es nicht und auch warmes Wasser werdet ihr in den meisten Fällen nicht finden. Auch wenn das Badezimmer damit relativ einfach und vergleichsweise primitiv gehalten ist, erfüllt es dennoch seinen Zweck. Viele Familien haben teilweise noch viel weniger und müssen sich im Kanal neben der Straße oder im nahegelegenen Fluss waschen, weil sie sich ein Badezimmer schlichtweg nicht leisten können.

Das erste Mal am Flughafen

Ich habe selbst schon immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die indonesische Bevölkerung unglaublich nett und hilfsbereit ist. Die Menschen haben teilweise so wenig und sind trotzdem noch bereit zu teilen und sich gegenseitig zu Unterstützen. Die Familie von Gede besitzt selbst kein Auto und deshalb hat Gede einen Freund gebeten, mich zum Flughafen zu fahren. Da mit Ausnahme von Gede noch kein Familienmitglied einen Flughafen gesehen hat, wurde aus dem Flughafentransfer für mich kurzer Hand ein kleiner Familienausflug. Die ganze Familie ist mitgefahren, um mich am Flughafen zu verabschieden.

Gede und seine Familie verabschieden uns am Flughafen
Ich wurde von Gede und der ganzen Familie zum Flughafen gebracht.

Eine Erfahrung fürs Leben

Das war sie also – meine Nacht auf Lombok. Während für mich die Reise bereits zur nächsten Insel und neuen Erfahrungen weiter geht, bleiben Gede und seine Familie auf Lombok. Sie können es sich nicht leisten die anderen Inseln zu besuchen. Aber trotz dieser gewaltigen Einkommens- und Lebensunterschiede, lebt die Familie in meinen Augen ein glückliches Leben. Geld ist eben nicht alles. Der Zusammenhalt, die Hilfsbereitschaft und gegenseitige Unterstützung in der Community (Nachbarschaft), aber auch die religiösen und spirituellen Zeremonien sind das, was die einheimische Bevölkerung auszeichnet und einzigartig macht. Ich bin unglaublich dankbar für die Einladung von Gede und für die Erfahrung und Eindrücke, die ich dadurch in dieser Zeit sammeln durfte.

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