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Ein Koffer voller Vorurteile

Ein Koffer voller Vorurteile

Eine andere Kultur und Lebensweise zu erleben, ist oft einer der Gründe, weshalb sich viele für ein Auslandssemester entscheiden. Wie kann ich mit eventuellen „Kulturschocks“ reflektiert umgehen? Ist das alles wirklich „fremd“ oder bin vielleicht eigentlich ich die „Fremde“?

Was haben der Straßenverkehr, das Essen und die Fenster in Costa Rica gemeinsam? Sie alle funktionieren anders als in Deutschland. „Costa Rica, wie exotisch!“ oder auch „Ist das nicht gefährlich da?“ Solche und andere Fragen wurden mir häufig gestellt, wenn ich Menschen von meinen Auslandsplänen erzählte. Unterschiede zwischen Ländern und Kulturen existieren also sowohl in der Realität als auch in der Wahrnehmung, doch stimmen diese immer überein?

Schubladendenken fürs Überleben

Sich anfänglich fremd zu fühlen in einem neuen Land ist etwas ganz Normales. Auch eventuell mit Klischees oder Vorurteilen, ob bewusst oder unbewusst, im Gepäck anzukommen, ist erstmal nichts Schlimmes, denn so funktioniert nunmal die menschliche Wahrnehmung. Die Welt in Kategorien zu unterteilen und anhand derer schnelle Entscheidungen zu treffen, ist nämlich für unser Überleben unglaublich wichtig. Gefährlich oder harmlos? Gesund oder giftig? Das waren Fragen, über die man früher nicht lange nachdenken durfte. Insbesondere die Kategorie Ich vs. Andere ist dabei ganz entscheidend für die eigene Persönlichkeitsentwicklung und gehört zu denen, die am stärksten ausgeprägt sind.

Ein kleiner diskurstheoretischer Ausflug

Um herauszufinden, inwiefern ein zu starkes Verlassen auf die Kategorien Ich vs. Andere beim Erleben eines Auslandsaufenthaltes allerdings schwierig sein kann, möchte ich gerne einen kurzen theoretischen Ausflug machen, aber keine Angst, dauert nicht lange.

Das Konzept des Othering beschreibt den Prozess, Menschen oder Kulturen in Abgrenzung zum Eigenen als anders zu definieren. Es hat seinen Ursprung in philosophischen Auseinandersetzungen um die oben beschriebene Wahrnehmung des Selbst, der Begriff des Othering aber wurde im postkolonialen Diskurs geprägt. Hier findest du weitergehende Auseinandersetzungen damit.

In der Kolonialzeit gab es nämlich viele dieser (ab-)wertenden Begriffspaarungen: „Wir“, die westlichen Kolonialherren, sind gebildet, die „anderen“, die von uns unterdrückten Völker, sind ungebildet. „Wir“ sind zivilisiert, die „anderen“ barbarisch. „Wir“ haben Hoch-Kultur, die „anderen“ leben in der Natur, und so weiter und so fort. Alle diese Zuschreibungen waren natürlich haltlos und dienten nur zur kläglichen Rechtfertigung einer ungerechtfertigten Herrschaft. Sie prägen aber noch heute viele Klischees und werden als Vorurteile reproduziert: Wer hat zum Beispiel noch nie von den „exotischen“ Reisezielen in Übersee gehört? Auch die Art und Weise, wie andere Länder dargestellt werden, spielt häufig mit diesem Kontrast zwischen Uns/Hier und den Anderen/Woanders, denn das macht natürlich das Spannende aus. Ein Beispiel: Die meisten Bilder, die man mit dem Kontinent Afrika verbindet und gezeigt bekommt, zeigen vermutlich „unberührte“ Landschaften, „naturverbundene“ Völker und vielleicht auch fröhliche Kinder in ärmlichen Verhältnissen. Während diese Motive natürlich auch einen Teil der Wahrheit abbilden, zeichnen sie alleine doch nur ein unvollständiges Bild der Realität. Wer kennt schon die glitzernde Skyline von Lagos?

Mit diesen Beispielen möchte ich nur aufzeigen, wie sehr das Verlassen auf altbewährte Kategorien und das (unbewusste) Re-Produzieren von Klischees die Wahrnehmung eines Landes, eines Menschen oder einer Kultur einschränken kann, indem bereichernde Dinge und Gemeinsamkeiten, die aus diesen Rastern herausfallen, gar nicht oder nur am Rande wahrgenommen werden.

Vorurteile und Self-Fulfilling Prophecies

Grade beim Reisen werden diese Bilder leider viel zu leicht zu einer self-fulfilling prophecy. Man schaut sich das an, wovon man schon gehört hat, oder das, was eben krass anders ist als zu Hause. Die eventuell vorhandenen Ähnlichkeiten oder Gemeinsamkeiten fallen da leicht mal aus dem Blickfeld, und die Wahrnehmung des (Urlaubs-)Ortes als beispielsweise unberührt, naturverbunden oder ähnliches wird weiter übernommen – auch trotz des sehr gut funktionierenden WLANs, der Stromversorgung oder der überquellenden Mülleimer vor oder hinter der Unterkunft.

Ich ertappe mich nur zu häufig dabei, wie ich meine von zu Hause mitgebrachten Denkschablonen auf Verhältnisse hier anwende, und wie leicht es vorkommt, dass ich Urteile aufgrund meiner angelernten Kategorisierungen fälle. Es gibt keine verschiedenfarbigen Mülltonnen auf der Straße? „Ja, mit Mülltrennung haben sie es hier nicht so, das war ja klar“, denke ich dann. Dass in Wahrheit das Recyclingsystem hier einfach anders funktioniert und nicht alles vor der Haustür abgeholt wird (wie in Deutschland übrigens zum Teil auch, beispielsweise Altglas!), kam mir erstmal nicht in den Sinn …

Die „Gemeinsamkeiten-Brille“

Häufig werden mit dieser Art des Denkens Unterschiede viel mehr als Gemeinsamkeiten in den Fokus gestellt, dabei ist doch das Zusammenspiel zwischen den beiden eigentlich viel spannender. Wie komme ich also weg davon, mein „Eigenes“ nicht mehr ausschließlich als die Norm zu begreifen?

Einfach, aber wirkungsvoll ist das Gedankenexperiment, bei dem man versucht, die Situation umzukehren. Was würde zum Beispiel ein Costa-Ricaner bei den deutschen Gesetzen zur Nachtruhe denken? Fände er das deutsche Nahverkehrssystem nicht genauso kompliziert wie ich hier die Busrouten?

Besonders viel Spaß macht mir außerdem immer der Versuch, in den Szenen, die ich hier sehe, ähnliche, mir bekannte Situationen aus Deutschland wiederzuerkennen. Und davon gibt es einige: Die leicht genervte Supermarktkassiererin kurz vor Ladenschluss. Die kaffeetrinkenden Polizeibeamten in der Mittagspause. Der ältere Herr auf einem Schaukelstuhl vor seinem Haus, wie er mit einem Bier in der Hand die Abendsonne genießt. Wann immer ich versuche, mit dieser „Gemeinsamkeiten-Brille“ auf die Dinge zu schauen, rücken die Unterschiede erstmal in den Hintergrund.

Ein netter Nebeneffekt: Man fühlt sich viel schneller zu Hause, als wenn man selbst bei jeder Gelegenheit den Fokus darauf richtet, was alles nicht so ist wie in Deutschland.

Auf der anderen Seite können die Unterschiede eben auch bereichernd sein, wenn man darauf achtet, sie nicht zu stark von der eigenen Perspektive aus zu bewerten, sondern erstmal wertfrei zu betrachten. Und mal etwas „anderes“ zu erleben, ist ja auch der Sinn einer Auslandserfahrung: Man kann dabei ja sehr viel lernen!

Probier doch auch mal aus, was passiert, wenn du diese Gemeinsamkeiten-Brille aufsetzt, und dich vom Fokus auf das „Andere“ verabschiedest! Vielleicht findest du so ganz neue Perspektiven auf dein Land.

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