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Meine Mission und Corona

Meine Mission und Corona

Als ich vor genau vier Monaten in mein Zimmerchen in Groningen eingezogen bin, hatte ich eine Mission: Ich wollte ins niederländische Leben eintauchen und gleichzeitig ein Stückchen „internationaler“ werden. Aber am allerwichtigsten für mich: Ich wollte Groningen zu meinem Zuhause machen. Hier werde ich schließlich die nächsten drei Jahre leben.

Wie habe ich mich bis jetzt so damit geschlagen, meine Mission zu erfüllen? In den letzten Wochen habe ich mir dazu ein paar Gedanken gemacht, denn so manches Mal kam schon ein wenig der Frust hoch. Frust über Corona und die damit zusammenhängenden Restriktionen und wie das meine ganzen guten Vorsätze beeinträchtigt. Hier habe ich versucht aufzuschreiben, wie es meiner Mission und mir die letzten Monate so erging.

Auf Rumänisch bis drei zählen? – Kann ich!

Ich lebe in einem internationalen Studentenwohnheim  und mein Studiengang heißt Internationale Beziehungen und Internationale Organisationen. Ganz schön viel „international“, oder? Das war ja auch meine Mission: „Auf dem Fahrrad in die Welt“. Und das hat bis jetzt auch gut geklappt. Durch mein Wohnheim habe ich viel Input aus anderen Ländern bekommen, vor allem am Anfang, als die Coronaregeln in meinem Wohnheim noch lockerer waren.

Mittlerweile kenne ich viele Traditionen aus anderen Ländern, bin unzählige Male mit Streetview durch die Heimatstädte meiner Freunde gelaufen und habe rumänische Marmelade und bulgarischen Käse probiert. Beides übrigens sehr lecker!

Bis drei auf rumänisch zählt man übrigens so: Unu, doi, trei!

Wie niederländisch bin ich?

Also internationaler bin ich auf jeden Fall geworden, – aber bin ich auch in die niederländische Kultur eingetaucht? Die Studentenkultur hier ist normalerweise geprägt von verschiedenen Studierendenvereinigungen: Und die können aufgrund der momentanen Coronalage natürlich nicht im selben Ausmaß Events anbieten, wie sie das normalerweise tun würden.

Kontakt zu Niederländern hatte ich am Anfang meines Studiums hauptsächlich durch meinen Leichtathletikverein. Kaum internationale Studierende und ich hörte viel Niederländisch um mich herum. Perfekt, habe ich mir damals gedacht. So bin ich dazu gezwungen, mich mit der Sprache intensiver auseinander zusetzen. Als dann im Oktober aber die Fallzahlen in die Höhe schossen, habe ich mich bewusst dazu entschieden, Leichtathletik erst einmal Leichtathletik sein zu lassen. Was weh tat, zugegeben, denn ich betreibe die Sportart schon seit ich klein bin und der Sport ist schon immer ein Stressventil für mich gewesen. Gleichzeitig fiel ein großer sozialer Aspekt aus meinem Leben weg. Folglich bekam ich natürlich auch viel weniger von der niederländischen Kultur mit.

Ik spreek geen Nederlands!

Ich habe die Anzahl der Menschen, die ich gesehen habe, also drastisch reduziert. Das macht mir nichts, bin ich mir doch bewusst, dass es das Richtige ist. Anders würde ich mich auch nicht wohlfühlen. Trotzdem nervt es manchmal, dass ich kaum Leute sehen kann. Von meinem Niederländisch-Kurs, den ich vor Beginn des Studiums absolviert habe, habe ich das Allermeiste vergessen. Die Kassiererin im Supermarkt und ich kommen gerade so miteinander aus, solange sie mir keine Gegenfrage stellt. Dann ist mein Standardrepertoire an Wörtern nämlich aufgebraucht und ich lächle und nicke nur wild hoffend, dass sie mir gerade keine Frage gestellt hat.

Der Unterricht hat von Anfang an online stattgefunden, dementsprechend kenne ich viele meiner Kommilitonen nicht persönlich. Aber einer meiner Kommilitonen, mit dem ich mich gut verstehe, ist Niederländer und hat, bevor die Fallzahlen immer höher wurden und man sich noch sehen konnte, auch sehr konsequent Niederländisch mit mir gesprochen. Geleitet von der Annahme, dass ich ihn verstehe, was natürlich nicht wirklich der Fall war. Viele Deutsche sagen mir, dass sie der Sprache folgen können, da sie eine hohe Ähnlichkeit mit dem Deutschen aufweist. Ich kann das nicht bestätigen, aber eventuell besitze ich auch einfach kein Talent für Sprachen.

Man sieht ein Textbuch über die niederländische Sprache, ein aufgeschlagenes Vokabelheft und Textmarker.
Die Ambitionen sind immer noch hoch!

Leider habe ich also wenig Kontakt mit niederländischen Studierenden und bin ein wenig frustriert darüber, dass ich bisher weniger von der Kultur und Sprache mitnehmen konnte, als ich das gerne möchte. Ich weiß aber auch, dass es Corona geschuldet ist und dass ich eigentlich keinen Grund zum Meckern habe. Schließlich habe ich mindestens drei Jahre hier, um mehr über die Niederländer und ihr wunderschönes Land herauszufinden.

Fühle ich mich daheim?

Ich fühle mich wohl in meinem Wohnheim. Vielleicht wäre ich ohne meine Freunde hier schon längst in ein tiefes, dunkles Corona-Loch gefallen. Vielleicht würde ich auch schon längst von zu Hause weiter online studieren. Ändern würde das an sich ja eh nichts. Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, dass mein Gang, meine Küche, mein Wohnheim so eine kleine Art Parallelwelt bilden. Wie die berühmt berüchtigte Erasmus-Bubble, nur extremer, weil man dieses Mal tatsächlich nicht raus kann. Manchmal scherzen wir, dass wir nicht in Groningen, sondern in Winsho, wie wir unser Wohnheim liebevoll nennen, leben. Mein Handy zeigt mir an manchen Tagen volle und ganze 80 Meter Bewegung am Tag an. Dreimal Küche, Bad und zurück also. Und wenn ich darüber nachdenke, dann kenne ich wirklich weniger von Groningen, als ich es gerne zugeben möchte.

Was tue ich dagegen?

Ich versuche, wieder regelmäßiger zu laufen. Raus an die Luft, Kopfhörer rein und dann einfach drauf los, ohne Plan. Klappt ganz gut bis jetzt. Die Nachbarschaften Groningens sind wunderschön und urig. Das Schöne an Groningen ist, dass die Stadt übersichtlich groß ist und man nur ein paar Minuten mit dem Fahrrad oder dem Bus fahren braucht, um von endlos scheinenden Feldern, Windmühlen und blökenden Schafen umgeben zu sein. Das ist ein bisschen wie in Narnia: Ist man einmal durch den Kleiderschrank gegangen, ist man ohne Vorwarnung in einer anderen Welt. Gerade noch in der Stadt bist du auf einmal mitten auf dem Land. Dem Dorfkind in mir geht das Herz auf.

Auf dem Wege versuche ich, immer wieder neue Ecken von Groningen zu entdecken. So lerne ich die Stadt kennen und fühle mich Mal für Mal ein wenig heimischer.

Also?

Mir war klar, dass Studieren in Coronazeiten nicht so sein würde, wie man sich das traditionell so vorstellt. Trotzdem geht es mir gut hier. Ich bin mir sehr sicher, dass ich meine Mission noch erfüllen werde. Und bis dahin werde ich einfach tun, was alle anderen auch machen: Abstand halten, Maske tragen, die Ohren steifhalten und das Lachen nicht vergessen, auch wenn man das unter der Maske nicht sehen kann!

Eure Linda

 

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