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Quälende Kultur Harry Potters furchbares Theaterdebüt

Wohl kaum ein Harry-Potter-Fan kommt umhin, sich einmal im Leben die Frage zu stellen, ob er es sich leisten soll, ein Ticket für das Theaterstück von J. K. Rowling zu kaufen, um hautnah in die magische Welt Hogwarts‘, der Winkelgasse und Co. einzutauchen. Heidelberg (dort lebe ich) und Hamburg (dort wird Harry Potter und das verwunschene Kind aufgeführt) liegen Stunden voneinander entfernt. Von London trennt mich zurzeit aber nur eine Stunde und so entschied ich mich, entgegen meiner Vorbehalte, von meiner Lebenssituation Gebrauch zu machen und mir das Stück anzusehen. Ein Fehler, wie sich herausstellte.

Hier strahle ich noch in freudiger Erwartung.

Als das Theaterstück in Buchform 2016 veröffentlicht wurde, las ich es, wie jeder Harry-Potter-Fan, der damals etwas auf sich hielt, auf der Stelle. Damals studierte ich bereits seit einem Jahr Germanistik und las das neue Werk mit besonders literaturkritischem Blick. Doch bald stellte sich heraus, dass es keiner literaturwissenschaftlichen Ausbildung bedurfte, um festzustellen, wie furchtbar diese neue Geschichte aus dem Harry-Potter-Universum war. Die Frau mit dem Süßigkeitenwagen ein Monster mit Klauen; Voldemort und Bellatrix mit einem gemeinsamen Kind – welch absoluter Unsinn! Ein irreparabler Schaden, den Rowling ihrem Universum angetan hat.

Der Preis

Trotz dieser Vorbehalte entschied ich mich dazu, dem Theaterstück eine Chance zu geben und kaufte mir zwei Tickets. Ja, in England ist das Stück noch in vier Teile von jeweils einer Stunde aufgeteilt, mit einer kurzen Pause nach jeder Stunde und einer langen Pause nach der ersten Hälfte. Scheinbar wollen sie den Besuchern nicht zu viel auf einmal zumuten und sie dazu zwingen, zwei Stunden am Stück das Chaos aus überbordenden Emotionen und Zeitreisen zu erdulden. Das Ganze kostet dann bis zu 100 Pfund pro Ticket, aber immerhin gibt es kostenloses Leitungswasser in den kleinen Pausen: Ein wahrer Luxus für jemanden, der aus Deutschland kommt und es gewohnt ist, fünf Euro für ein stilles Wasser zu zahlen.

Ein kleines Lob

Zunächst möchte ich jedoch ein paar positive Worte verlieren, bevor ich mich der absoluten Enttäuschung hingebe und wenigstens ein klein wenig Freude aus Erfahrung gewinne, in dem ich mich darüber beschwere – ein kulturelles Vorurteil, das ich bezogen aufs Theater nur zu gerne erfülle. Also: Das Bühnenbild hinterlässt einen gewissen Eindruck, mit seinen großen Bögen, dem warmen staubigen Licht, schwebenden Hüten und Kaminen aus denen hin und wieder eine Person herausgerutscht kommt. Und auch das Palace Theatre selbst erzeugt die richtige Atmosphäre mit seinem im Halbdunkel liegenden Saal, den mit rotem Samt (na ja oder irgendein anderer roter Stoff) überzogenen (und äußerst durchgesessenen) Stühlen. Etwas mystisch und muffig.

Das Theater im West End wurde bereits 1891 gegründet.

Der furchtbare Rest

Und nun zum Rest, das heißt zu einer kleinen Auswahl, da dieser Beitrag ansonsten deutlich zu viele Absätze umfassen würde.

Die Charaktere

Nach dem ersten Viertel hegte ich kurz den Verdacht, dass für dieses Theaterstück die schlechtesten Schauspielerinnen und Schauspieler, die sie finden konnten, ausgewählt wurden. Doch nach einem weiteren Viertel wurde mir bewusst, dass es nicht die Schauspieler waren, die nicht überzeugten, sondern die Charaktere selbst. So oberflächlich, einfältig und uninteressant wie Charaktere nur sein können (vielleicht mit der Ausnahme von Scorpius Malfoy und seiner Beziehung zu Albus Severus Potter, die eventuell über eine normale Freundschaft hinausgeht – hier bleibt Rowling wie gewöhnlich bei Andeutungen). Dafür packt die Autorin so viele altbekannte Personen in das Stück wie nur möglich, damit die Fans wenigstens auf diese Art auf ihre Kosten kommen: Dumbledore, Hagrid, McGonagall, Snape, Cedric Diggory, Harry, Hermine, Ron, Ginny, Draco. „Aber einige davon sind doch tot?“, fragt sich der eine oder die andere nun vielleicht. – Aber wofür gibt es denn Zeitumkehrer? – „Wurden die nicht alle zerstört?“ – Ja und? Dann machen wir eben neue. Noch bessere!

Der Plot

Entschuldigung, aber das ist absoluter Unsinn! Die Süßigkeitenfrau erwähnte ich bereits, aber es kommt noch mehr. Es wird ein Zeitumkehrer gefunden, ein Prototyp. Obwohl Hermine (eine der schlausten Hexen ihrer Zeit) um die Gefahr dieser Technologie weiß, entscheidet sie sich, niemandem im Ministerium für Hexerei und Zauberei davon zu erzählen, ihn nicht zu zerstören und ihn stattdessen in ihrem Bücherregal aufzubewahren. Natürlich beschützt durch Zaubersprüche… Zaubersprüche, die von Teenagern gebrochen werden können – Kommt einem irgendwie bekannt vor, nicht wahr?

Kommen wir aber direkt zum Auslöser dieser Geschichte: Das Kind von Voldemort und Bellatrix. Wann wurde es gezeugt? Wann hat Bellatrix es zur Welt gebracht? Neun Monate nach ihrem Ausbruch aus Askaban? Vor dem Kampf um Hogwarts? Während? Man weiß es nicht. Ach so, habe ich erwähnt, dass Harry plötzlich wieder Parselmund (die Sprache der Schlangen) beherrscht? Man erinnert sich: Er spricht dies eigentlich nur, weil ein Stück von Voldemort in ihm weiterlebt. Nachdem Voldemort seinen eigenen Horkrux in Harry zerstört, verliert dieser die Fähigkeit. Aber wieso sollte Rowling es so ernst nehmen? Klar, wenn nötig, kann Harry auch wieder mit Schlangen reden. Magic!

Apropos „Magie“: Welcher ausgebildete Zauberer kann allen Ernstes glauben, die Tochter Voldemorts mit dem Feuerzauber Incendio zu besiegen?

Das Gehen

Ja, das Gehen. Es kann so einfach und unspektakulär sein. Ein Fuß vor den anderen, die Arme leicht mitschwingen lassen. Fertig. Nicht so bei Harry Potter und das verwunschene Kind. „Wofür hat man schon diese schönen Umhänge, wenn man sie nicht nutzt?“, haben sich vermutlich die Regisseure gedacht. Und so wird jedes Mal, wenn ein Schauspieler sich anschickt die Bühne zu verlassen, der Umhang in einem dramatischen Rad in die Luft geworfen (!swirl!), dass ein Pfau nur staunen kann. Ein neuer Stuhl wird auf die Bühne gebracht !swirl! – Ein Koffer wird von der Bühne geräumt !swirl! – Zauberer läuft aus dem Raum !swirl!

Das Ende

War ich der Einzige, der das Stück so schrecklich fand? Gemessen an der Tatsache, dass nur ich mich im Trotz der Standing Ovation nicht anschloss, muss ich wohl davon ausgehen. Doch selten war ich mir meiner Position so sicher und nichts und wieder nichts hätte mich von diesem Stuhl bringen können. Erst als sie das Theater schließen wollten, gab ich nach und stand auf – Unter Protest!
Kann ich das Stück weiterempfehlen? – Auf keinen Fall! Ärgere ich mich, diese teuren Tickets gekauft zu haben? – Tatsächlich nicht wirklich. Ich hatte meinen Spaß, auch wenn er einer etwas anderen Art war. Hat es das Lob der Zeitungen verdient? – Ein klares Nein! Jeder, der schon einmal im Theater war oder ein Theaterstück gelesen hat, kann kaum zu einem anderen Schluss kommen. Glaube ich, dass ich falsch liegen könnte? (Denn immerhin schauen sich das Stück täglich hunderte Menschen an!) – Was soll ich sagen. Ich glaube nicht, dass ich falsch liege. Aber Kultur ist natürlich auch Geschmackssache. Du bist ein Harry-Potter-Fan und bist bereit 100 bis 200 Euro für die Tickets auszugeben? Dann mach es! Bilde dir deine eigene Meinung und lass uns darüber streiten.

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