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Der Sitsit-Guide: 7 Tipps für finnische „Sitzpartys“

Der Sitsit-Guide: 7 Tipps für finnische „Sitzpartys“

Ein Sitsit ist eine Art studentische Dinnerparty. Wobei sowohl der Begriff „Dinner“ als auch der Begriff „Party“ eigentlich nicht zutreffen. In erster Linie sitzt man mit anderen Studenten an langen Tischen und trinkt und singt. Wann, wer, wie, wo und was trinkt und singt wird von den Toastmastern bestimmt. Klingt verwirrend, ist es auch, vor allem, wenn einem zwei wichtige Grundfähigkeiten fehlen: 1. Sehr gute Kenntnisse der finnischen Sprache und 2. Die folgenden Tipps.

1. Zu Abend essen

Ein gelungenes Sitsit beginnt mit einem anständigen Abendessen zuhause. In der Einladung wird zwar die Rede von einer Vorspeise, einem Hauptgericht und einer Nachspeise sein, das ist jedoch eher als Scherz gemeint. Wer mich kennt, weiß, dass der Spaß für mich bei fehlendem Essen zu Ende ist. Leider hat mich niemand vorgewarnt und so musste ich vier Stunden mit leerem Magen und einer zu weit entfernten Schüssel Kartoffelchips, einem Stück Tiefkühlpizza und einem Eis am Stiel a.k.a. Drei-Gänge-Menü durchhalten. Schlechte Grundvoraussetzungen, nehmt euch meinen Rat zu Herzen.

2. Besser zu früh als zu spät

Typisch deutsch liebe ich es pünktlich zu Terminen zu kommen. Gelegentlich erscheine ich auch zu früh. Für Partys gilt allerdings meine Regel, eine halbe Stunde zu spät zu kommen – mindestens. Dann ist die Stimmung schon etwas im Gange und man steht nicht allein mit einem Getränk in der Hand in einem leeren WG-Flur. Nun, zu einem Sitsit sollte man pünktlich kommen, denn wer zu spät kommt wird im wahrsten Sinne des Wortes bestraft. Zu den Strafen später mehr. Im Falle meines ersten Sitsits wäre ich pünktlich gekommen, wäre auf meinem Weg nicht plötzlich eine unpassierbare Baustelle gewesen und hätte ich die richtige Tür auf Anhieb gefunden. Man weiß nie, was passiert. Deshalb mein Tipp: Viel zu früh losgehen. Dann habt ihr auch noch Zeit euren Sitznachbarn zu erklären, warum ihr eventuell nicht so ganz versteht, was hier von statten geht und sie um gelegentliche Übersetzungen bitten. Eine gute Connection zum Sitzumfeld bietet sich auch für Tipp 3 an.

3. Sicherstellen, dass ihr Einblick in ein Liederbuch habt

Nun, der Hauptteil eines Sitsits besteht aus Singen. Dabei spielt es keine Rolle, ob ihr singen könnt, denn fast niemand erscheint nüchtern und so findet eher geordnetes Grölen, als Singen statt. Die Lieder sind oft bekannte finnische Lieder, auch Volkslieder oder Weihnachtslieder, deren Texte aber zu Gunsten des Themas „Alkoholkonsum“ umgedichtet wurden. Vor Allem als Ausländer empfiehlt es sich also, von Anfang an einen seiner Nachbarn zu bedrängen, um in sein Liederbuch schauen zu können. Falls ihr euch fragt, warum ihr keines habt, aber euer Nachbar schon, dann liegt das daran, dass ihr Erstsemester seid und euch niemand gesagt hat, dass ihr dieses Heftchen bei der Studentenunion kaufen könnt. Tja.

4. Die Regeln kennen

Den allgemeinen Aufbau eines Sitsit habe ich oben schon erklärt. Nun möchte ich euch mit den Regeln vertraut machen. Sodass ihr es vielleicht sogar schafft einem in Finnisch gehaltenen Sitsit problemlos zu folgen (Haha).

Wer etwas zu sagen hat, meldet sich, wird von den Toastmastern aufgerufen und bittet dann um die Erlaubnis, zu sprechen, begrüßt die Toastmaster und die anderen Gäste und nennt dann seinen Namen. Jedes Mal. Auch wenn jemand schon zehnmal am Abend etwas gesagt hat. Wer vergisst, seinen Namen zu nennen, dem entgegnet die Menge mit einem lauten „Kuka sä oot?“. Also „Wer bist du?“. Auf den Namen folgt dann (aus unerfindlichen Gründen) die Frage „Oot sä sinkku?“ („Bist du Single?“), die wahrheitsgemäß beantwortet wird.

Ehrlich gesagt kann ich nicht sagen, ob diese Frage nur für Rovaniemi, nur meine Fachschaft oder nur diese Veranstaltung typisch ist. Aber falls sie kommt, wisst ihr jetzt Bescheid. Während jemand mit Reden dran ist, also während jemandes „puhuvuoro“ („Redeschicht“), darf niemand sonst sprechen. Wer spricht, wird bestraft. Zum Beispiel indem er oder sie das nächste Lied anstimmen muss. Wer einen Schwätzer verpetzt, bekommt einen Schnaps. Prost! Von Zeit zu Zeit bekommen kleine Gruppen, zum Beispiel alle, die aus der gleichen Stadt kommen oder alle, die unerlaubterweise geredet haben, eine Aufgabe und müssen zum Beispiel ein Ereignis pantomimisch darstellen oder zu einem Lied performen. Da ich weder aus irgendeiner bekannten finnischen Stadt komme noch Grund hatte zu reden, blieb ich verschont. Puh!

langer Tisch mit Flaschen
Auch Handys sind bei einem Sitsit strengstens verboten. Deshalb müsst ihr euch leider mit diesem Schnapsschuss aus der Pause begnügen. Im Vordergrund ist das Liederheft zu sehen und im Hintergrund ein Fachschaftsmitglied im orangen Overall. Ende des Jahres sollte auch ich meinen Overall bekommen. Dann erfahrt ihr dazu mehr. 😉

5. Trommeln

Wenn jemandem ein Kommentar oder irgendetwas anderes besonders gut gefällt, tommelt er mit beiden Händen auf den Tisch und ruft den schwedischen Satz: „Det var det bästä, det bästa vi har hört, hej!“ („Das war das Beste, das Beste, was wir gehört haben, hei!“). Auch während der Lieder wird immer wieder mal auf Tische getrommelt und mit Fortschreiten der Zeit und Anstieg des Alkoholpegels nimmt auch das Getrommle exponentiell zu.

6. Regeln durchschauen

Neben den Grundregeln gibt es bestimmte Lieder, die Sonderregeln erfordern. Zum Beispiel Lieder, wo an bestimmten Stellen eine Silbe ausgelassen und stattdessen ein Schluck getrunken wird. Wenn trotzdem jemand weitersingt (oder allgemein jemand oder viele falsch singen) ruft jemand „Omstart“ (schwed.: Neustart) und alle singen nochmal ordentlich den aktuellen Absatz. Zwischen Strophen gibt es oft Trinkpausen, die durch ein lautes „mellan sup“ (schwed.: „Zwischen-Schluck“) angekündigt werden.

7. Prosten und Trinken

Trinken ist essenzieller Bestandteil eines Sitsits, allerdings ist es Finnen meiner Erfahrung nach absolut egal, ob du trinkst oder nicht, Hauptsache ihr Glas ist voll. Folglich kann, wer will, auch mit Softdrinks und Wasser ohne Probleme an einem Sitsit teilnehmen. Doch Vorsicht – prosten will gelernt sein. Bei der Aufforderung „Skål“, prostet man zuerst zu seinem rechten, dann zum linken Sitznachbarn und dann zum Gegenüber, bzw. andersrum…sodass eben jeder gleichzeitig prosten kann.

Alles Schwedisch oder was?

Vielleicht ist euch schon aufgefallen, dass sehr viele Ankündigungen Schwedisch sind. Sitsits sind auch in Schweden weit verbreitet und es ist durchaus denkbar, dass diese Tradition ursprünglich aus Schweden kommt. Verlässliche Quellen dafür habe ich leider nicht gefunden, aber ich finde die Indizien sprechen dafür. Ich habe zumindest in den vier Stunden kein einziges Finnisches „Kippis!“ gehört.

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