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Mein erstes Semester im Schlafanzug

Mein erstes Semester im Schlafanzug

Die zweite Klausurenphase ist um. Das erste Semester damit beendet. Ich bin jetzt offiziell kein totaler Anfänger mehr. Wie hat Corona mich als Lernende beeinflusst? Wie habe ich das Lernen in einer Pandemie empfunden? Ein Rückblick.

Ich gebe die letzte Klausur ab. Wobei „abgeben“ vielleicht das falsche Wort ist. Ich konvertiere meine Word-Datei ins PDF-Format und klicke auf senden. Ich sitze für eine Klausur angemessen im Schlafanzug auf der Couch und nippe an meinem heißen Kakao. Die Klausur wird jetzt von meinem Professor korrigiert. Würde ich ihn auf der Straße sehen, würde ich diesen nicht erkennen. Wenn ich seine Vorlesungen anschaue, sehe ich nämlich nur seine Präsentation, ihn aber nicht. Er bleibt ein Name für mich. Das ist ein bisschen paradox, wenn man bedenkt, dass er mich die letzten sieben Wochen unterrichtet hat.  Vor einem Jahr hätte ich es merkwürdig gefunden, meinen Lehrer nicht zu kennen. Aber wir leben in einer Pandemie, da ist Anonymität wohl Alltag.

Das letzte Seminar

Am Anfang des Jahres wurden wir in Gruppen eingeteilt. In dieser Konstellation sollten wir jedes Seminar bis zum Ende des Semesters belegen. Das letzte Seminar mit dieser Gruppe hatte ich vor drei Wochen. Von meinen zwanzig Kommilitonen kenne ich leider nur drei. Allerdings kennen wir zwanzig Studierenden vermutlich mehr voneinander, als das normalerweise der Fall wäre. Manche von ihnen kenne ich mit nassen Haaren, im Pyjama und gerade aufgestanden. Jeder kennt die Zimmer der anderen und bei manch einem laufen auch mal die Eltern oder Mitbewohner*innen durch das Bild. Die Hemmschwelle ist also schon lange gefallen.

Von anderen habe ich dann wieder gar kein Bild im Kopf, da sie die Kamera nie anhaben. Wenn ich in Arbeitsgruppen aufgeteilt, nur auf einen schwarzen Bildschirm starre, lasse ich meine fast demonstrativ an. Mit vielen führe ich aber lustige Konversationen. Eben über den Bildschirm. Das ist jetzt das neue Normal. Ich bin ein bisschen traurig, als wir unser letztes Seminar gemeinsam beenden. Gerne hätte ich alle ein bisschen besser kennengelernt. Aber wir lernen ja hoffentlich noch die nächsten zweieinhalb Jahre miteinander, wenn auch nicht mehr in derselben Klasse. Zeitdruck haben wir also nicht.

Man erkennt mich (Mädchen) aus der Vogelperspektive. In der rechten Hand halte ich eine Tasse Tee. Ich sitze im Schneidersitz auf der Couch. Auf meinem Schoß liegt mein schweres BWL Buch.
In Jogginghose ist studieren doch direkt viel gemütlicher!

Erleichterung

Die Erleichterung ist groß im Gruppenchat meines International Relations Programm. Die Unis in den Niederlanden haben sich beraten: Der Binding Study Advice (BSA) wird gelockert.

Dieser BSA wurde für uns dieses Jahr gelockert. Wir müssen nur noch 35 Creditpoints erlangen, um weiter studieren zu dürfen. Eine Erleichterung für viele, denn Corona macht es uns natürlich nicht immer einfach. Ich persönlich finde die Entscheidung richtig und angebracht. Letzten Endes kann man das Studieren momentan eben nicht mit dem von vor zwei Jahren vergleichen.

Und bitte nicht im Internet nachgucken, danke!

Alle meine Klausuren wurden online abgehalten. Natürlich gab es die Drohung, dass Schummeln stark bestraft werden würde. Es kann aber natürlich kein Mensch nachvollziehen, ob der Studierende nicht doch eben mal die Frage der Klausur in die Suchmaschine eintippt. Deshalb waren die meisten Klausuren, die ich geschrieben habe, ganz offiziell „open-books“-Prüfungen. Wir durften unsere Materialien neben unserem Laptop liegen haben. Blättern darin war nach Lust und Laune erlaubt. Solange die Zeit reicht, natürlich. Uns wurde auch gesagt, dass wir gar keine Zeit hätten, lange nach Antworten zu suchen. Das stimmt auch. Man musste man sich seiner Sache schon sicher sein, um zu bestehen.

Dass man in seinen Unterlagen nachgucken konnte, hat aber trotzdem geholfen. Vor allen in meinem Lieblingsfach (Achtung, Ironie) Statistik. Ich weiß nicht, ob ich mir dort die siebentausendfünfhundertachtundachtzig Formeln hätte merken können. Da hat es schon geholfen, die Formelsammlung neben sich liegen haben zu dürfen. In anderen Fächern waren die Fragen so komplex formuliert, dass die Erlaubnis, seine Unterlagen zu nutzen, auch nichts gebracht hätte.

Andere Klausurenformate

Meine letzte Klausur für dieses Semester war eine über zwölf Stunden verlaufenden Klausur. Mehr als zwölf (!) richtig gehört. Die durfte man sich einteilen, wie man wollte. Offiziell waren zwei Stunden Pausen mit eingeplant.  Wir durften alle Materialien nutzen, um die drei Fragen in Aufsatzform zu beantworten, uns aber nicht dabei miteinander absprechen. Das war leider gar nicht meins. Ich hatte zu wenig Zeitdruck am Anfang. Am Ende habe ich dann zu viel gedacht, war unsicher über die Aufgabenstellung. Dazu muss man sagen, dass die Methodik generell nicht klar zu sein schien, was vorher zu Verwirrung und unterschiedlichen Meinungen im Gruppenchat führte. Da hätte ich gerne die Chance gehabt, noch mal nachzufragen, im echten Leben, im Klassenraum. Mir war meine Verwirrung bis zum Examen nämlich gar nicht bewusst. Andere hätten die Fragen aber sicherlich vorher gestellt und das hätte einiges erleichtert. Die zwölf Stunden Klausur führte bei mir auch zu einer zwölf Stunden anhaltenden Anspannung. Kein besonders angenehmes Gefühl.

Manche der Prüfungsmethoden in Coronazeiten waren vielleicht etwas zu unserem Vorteil, andere nicht. Letzten Endes ist dies, aber auch nur eine subjektive Bewertung.

Das selbstständige Lernen erlernen

Ich bin eine „people-person“. Ich bin gerne von Menschen umgeben und lerne besser, wenn ich mit anderen interagiere. Bin ich nicht eingebunden, tendiere ich eher zum Strichmännchen-Malen als zum Zuhören – vor allen, wenn mich der Lerninhalt nur so ein bisschen interessiert. Ich lerne gut, indem ich mich mit anderen über den Stoff unterhalte und ihn gemeinsam nacharbeite. Ich frage gerne nach, um sicher zu sein. Sehe ich andere Menschen arbeiten, bin ich motivierter. Das fiel dieses Jahr alles zum größten Teil weg. Trotzdem hat es mich positiv beeinflusst. Ich musste zwar manches doppelt und dreifach nacharbeiten, bis ich es verstanden hatte. Am Ende hat es aber funktioniert. Durch die Umstellung meines Lernverhaltens konnte ich etwas für mich mitnehmen.

Mich mehr auf mich selber fokussieren zu müssen war also auch ein positiver Effekt meines ersten Semesters.

Zum Abschluss kann ich sagen, dass ich schon das Gefühl habe, einiges gelernt zu haben. Auch wenn ich unverhältnismäßig viel Zeit meines Erstsemester-Daseins im Schlafanzug verbracht habe. Alle Professoren hier geben sich aber auch wirklich Mühe. Und das sage ich jetzt ganz ehrlich, ohne dabei wie Werbung für niederländische Unis klingen zu wollen.

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