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Tour d’America Auf den Spuren der amerikanischen Seele

Amerika ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Zumindest ist es das Land der Diversität, der Unterschiede und der Widersprüche. Nach einem halben Jahr in der Harvardblase habe ich die Semesterferien genutzt, um dieses Amerika besser kennenzulernen. Wie leben und träumen die Menschen in anderen Teilen der USA? Eine Spurensuche nach der amerikanischen Seele.

Einer der Sätze, die man in fast jedem Reiseführer über die USA zu lesen bekommt, ist der Satz: „Die USA sind ein vielfältiges und diverses Land.“ Das scheint zunächst mal keine besonders intellektuelle kontroverse These zu sein, denn bei einem Land, welches größer als die Europäische Union ist, liegt es geradezu auf der Hand, dass Geografie, Kultur, Rituale und Menschen unterschiedlich sind. Die Faszination liegt vielmehr darin, dass anders als in ebendieser Europäischen Union die USA es geschafft haben, einen Nationalstaat zu formen, der trotz der ein oder anderen Turbulenz bis heute 340 Millionen Menschen unter einer Flagge vereint. 

Bereits der Prophet Jesus Sirach im Alten Testament erkannte, geprägt durch seine hellenistische Umwelt: Ein Mann, der herumgekommen ist, hat viel kennengelernt. Diesem Beispiel folgend habe ich meine Semesterferien genutzt, um die intellektuelle Harvardblase zu verlassen und ein bisschen von Land und Leuten zu erkunden. Mich hat interessiert: Wie ticken die Leute in anderen Teilen der USA? Was ist das Verbindende? Worin unterscheiden sich Kultur und Gewohnheiten? Daher heute Episode 5 meines Blogs: Tour d’America – Auf den Spuren der amerikanischen Seele. 

1) Weihnachtstraum in Boston

Manchmal muss man gar nicht so weit reisen, um mit einer anderen Realität konfrontiert zu werden. Da ich die Weihnachtstage mit nur wenigen anderen Studenten in Harvard verbracht habe, hatte ich zum ersten Mal richtig die Gelegenheit, mir Boston in all seiner Vielfalt anzuschauen. Dabei sind mir einige wenig überraschende Sachen aufgefallen: Die Menschen hier sind überdurchschnittlich gebildet, haben verhältnismäßig progressive Ansichten und legen viel Wert auf Kunst, Kultur und Kulinarik – alles Dinge, die ich klassischerweise dem New England Stereotype zugeordnet hätte und mit denen ich mich nur allzu gut identifizieren kann. Viel spannender waren daher die Begegnungen in Boston, die aus diesem Raster herausgefallen sind: das Gespräch mit meiner Sitznachbarin in der Kirchengemeinde, die einen normalen Bürojob hat; die verzweifelte Wohnungssuche – Berlin lässt grüßen – einer amerikanischen Freundin sowie die Berichte einer deutschen Bekannten, die sich in Boston in einem Frauenhaus engagiert. Das sind alles keine außergewöhnlichen Begegnungen, das ist mir durchaus bewusst, aber sie machen deutlich, wie sehr das Studium und Leben in Harvard in einer Parallelwelt oder zumindest in einer Blase existieren. Dabei ist es nicht so, dass uns die Universität nicht dabei unterstützen würde Projekte zu starten oder uns in der echten Welt zu engagieren. Es ist nur oftmals so, dass inmitten der ganzen Abgabe, Prüfungen und Readings keine Zeit mehr dafür bleibt. Gerade vor diesem Hintergrund war es überaus bereichernd diese anderen Seiten meines geliebten Boston einmal näher kennenzulernen. 

Ganz unabhängig von diesen besonderen Begegnungen hatte ich während der Weihnachtsferien genug Zeit, endlich die diversen Kulturangebote von Boston zu erkunden und hatte dank der Jesuiten ein einmaliges Weihnachtsfest am Boston College. Ein besonderes Highlight war dabei das International Christmas Dinner, welches ich am 25. Dezember organisiert hatte. Alle über die Weihnachstage verbliebenen Mitbewohner waren eingeladen gemeinsam zu essen. Einzige Bedingung: Jeder und jede musste etwas aus seinem Heimatland kochen. Was folgte, war ein Menü, das im besten Sinne des Wortes den Titel fusion kitchen verdient hat. Deutsches Gulasch traf auf malaysische Teigtaschen, belgischer Gemüseauflauf auf koreanisches Rind. Was mich als Theologe am meisten gefreut hat, war die Tatsache, dass auch viele meiner Mitbewohner, die nicht christlichen Glaubens sind, meiner Einladung gefolgt sind. Eine Tatsache, die diesem Jesus, dessen Geburt wir nun mal gefeiert haben, sicher – so viel Prognose traue ich mir zu – gefallen hätte. 

2) The Big Apple: 72 Stunden in New York 

„Ich war noch niemals in New York“, ist nicht nur ein großartiger Hit des deutschen Sängers – manche würden sagen Poeten – Udo Jürgens, sondern galt auch für mich, bevor ich Ende Dezember zu meinem ersten Besuch in den Big Apple aufbrach. Ich hatte mich mit einer meiner besten Freundinnen aus Deutschland – Christine – dort verabredet, die praktischerweise vor einigen Jahren dort bei den Jesuiten in Fordham studiert hatte. Neben den klassischen Touristenattraktionen: Central Park, Fifth Avenue, Rockefeller Center und Wall Street hat es mir vor allem SoHo angetan – eine Gegend im Süden New Yorks, die bis ins 19. Jh. vor allem ein Geschäfts- und Industriegebiet war. Ich muss ehrlicherweise sagen, dass ich mich ganz oft dabei ertappt habe, dass sich das Spazieren durch New York wie ein Traum oder eine Simulation angefühlt hat. Viele der Gebäude und Sehenswürdigkeiten hatte ich schon so oft auf Fotos, in Werbungen oder Filmen gesehen, dass es sich schlichtweg surreal anfühlte, diese Gebäude und Szenerien im echten Leben zu sehen. Meinen richtigen New York-Moment hatte ich wahrscheinlich, als ich gemeinsam mit Christine am 31. Dezember eine Schiffsfahrt zur Freiheitsstatue unternommen habe. Auch wenn das Wetter mit -10° wirklich eisig war, war es ein unbeschreiblicher Moment, dieses legendäre Bauwerk einmal in echt zu sehen – überraschenderweise ist Lady Liberty viel kleiner, als ich es mir vorgestellt habe. Aber die ikonische Fackel sowie der entschlossene Blick haben mich doch daran erinnert, wofür diese Statue und vor allem die USA insgesamt lange gestanden haben und wahrscheinlich immer noch stehen: das Versprechen auf ein Land, in dem jede und jeder eine Chance hat; in dem jede und jeder Freiheit erfährt; in dem jede und jeder seinen Platz finden kann. Im Kontrast zu Boston ist mir im Hinblick auf New York City vor allem eine Sache aufgefallen: die Diversität. Man merkt grundsätzlich in amerikanischen Metropolen, dass es eine größere, und damit meine ich sowohl ethnische als auch soziale, Diversität gibt als in Deutschland. Aber der Kontrast zwischen Boston und New York war wirklich enorm. Ich hatte das Gefühl, Menschen aus der ganzen Welt zu treffen, mit ihnen einen U-Bahn-Wagen zu teilen und spannende Gespräche zu führen. Ich kann mich noch an einen abendlichen Spaziergang durch den Süden Manhattans erinnern, bei dem Christine und ich in Little Italy gestartet sind und nach drei Malen rechts abbiegen, plötzlich in Chinatown standen. Ein befreundeter Jesuitenpater, der in New York aufgewachsen ist, schrieb mir daraufhin nur: „It’s the capital of the world.“ Treffender hätte ich es nicht ausdrücken können.

3) Down South: ein Besuch in Florida

„Come visit me in the sun“. Mit diesen Worten lud mich meine beste amerikanische Freundin Grace am Ende des Semesters ein, sie und ihre Familie in Florida zu besuchen. Ich muss ehrlich sagen, dass nach sechs Wochen Bostoner Winter und einem Thermometer, das ständig unter 0 °C lag, die Option, eine Woche in der Sonne und bei 25 °C zu verbringen, überaus verlockend klang. Also habe ich Mitte Januar meine Koffer gepackt und bin zu Grace nach Naples geflogen, welches ganz im Süden Floridas am Golf von Mexiko – dieser heißt neuerdings ja anders – liegt. Die Tage in Florida waren ein Traum: Grace hat mir gezeigt, wie sie aufgewachsen ist, ich habe Zeit am Strand und am Pool verbracht, Sonne getankt und – mein persönliches Highlight – echte Delfine gesehen. Es hat mir viel bedeutet von einem meiner amerikanischen Freunde so weit in den privaten Raum eingeladen zu werden – ich persönlich empfinde es immer als sehr aufschlussreich zu erfahren, wie und wo jemand aufwächst. Im Hinblick auf Florida, genauer gesagt Naples, muss ich sagen, dass es sich einerseits sehr amerikanisch angefühlt hat, dann wieder europäisch und stellenweise auch einfach fremd. Die beste Zuschreibung zu Florida lieferte mir Grace: „Naples is a mix of a holiday resort, a South European city, and an American village.“ Da man ja niemals schlauer als die locals sein soll, schließe ich mich dieser Beschreibung einfach an. Was mir persönlich noch aufgefallen ist, ist vor allem die Freundlichkeit der Menschen. Als eine in Deutschland aufgewachsene Person, die die letzten Jahre auch noch in Berlin verbracht hat, ist für mich jeder Amerikaner erst einmal grundsätzlich freundlich. Doch, wenn ich meine amerikanischen Freunde frage, sind die Bostoner mit Abstand die unfreundlichsten Landsleute. Nach meiner Zeit in Florida kann ich zumindest bestätigen, dass die Freundlichkeit, die ich dort erlebt habe, mir bis dahin unbekannte Ausprägungen gezeigt hat. Ohne diesen Blog hier in einen Reiseblog verwandeln zu wollen, kann ich für mich auf jeden Fall sagen, dass ich dort definitiv nochmal hinreisen werde. Nicht ohne Grund trägt die Instagram Caption meines Florida-Posts den theologisch tiefsinnigen sowie intellektuell anspruchsvollen Titel: almost in heaven. 

Die Seele Amerikas?

Was ist sie also, die Seele Amerikas? Was ist es, was dieses Land zusammenhält bzw. was es verbindet? Nach sechs Wochen Semesterferien und unzähligen Reisen, Stunden im Flugzeug und Gesprächen mit Menschen aus allen Teilen der USA sind es vor allem zwei Dinge, die mir in meinen Begegnungen aufgefallen sind. Zum einen ist es diese unfassbare Freundlichkeit, Neugier und Offenheit, die mir in allen Kontexten entgegengebracht wurde. Egal, wo ich hingekommen bin, egal mit welchen Menschen ich gesprochen habe. Ich habe immer Gegenüber vorgefunden, die mir unfassbar charmant, herzlich und interessiert begegnet sind. So etwas erscheint mir in Deutschland leider oftmals eine Seltenheit. Gleichzeitig bringt jeder Mensch in den USA eine spannende Geschichte mit, selbst der Sicherheitsbeamte im Museum oder die Verkäuferin bei Star Market haben eine unfassbare Story, was sie in ihrem Leben bisher gemacht haben oder wie sie aus ihrem Heimatland einst in die USA emigriert sind. Es ist nicht so, dass ich in Deutschland noch keine spannenden und interessanten Charaktere getroffen hätte, aber die Amerikaner beherrschen einfach die Kunst des Storytellings. Ob sich dahinter ein gesellschaftlicher Mehrwert befindet, mag ich gar nicht beurteilen. Es sorgt aber definitiv für geniale Gespräche. Mir ist es ganz wichtig, an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass auch mein Bericht wieder nur ein Ausschnitt aus den USA darstellt. Ich habe in den vergangenen Monaten weder die Westküste noch den Bible belt besucht. Die USA bleiben eben ein riesiges Land, aber – und das ist mein letzter Gedanke – es scheint überall der Geist von Freiheit in der Luft zu liegen. Vielleicht sind die USA es eben doch: the land of the free. Bis zum nächsten Mal. 

See Ya.

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