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Wie ich mit der Freiheit haderte

Wie ich mit der Freiheit haderte

Vielleicht geht es euch manchmal auch ein bisschen wie mir. Ihr wisst nicht so ganz, ob es die richtige Entscheidung ist, ins Ausland zu gehen. Ob ihr eure Familie, eure Freunde, euer Zuhause nicht zu sehr vermissen werdet. Vielleicht bekommt ihr auch manchmal Heimweh.

Freiheit ist ein komisches Wort. So eins, das man fast auf der Zunge schmecken kann, wenn man es ausspricht. Nicht nur so eine lose Ansammlung an Buchstaben, sondern ein Bild, eine Vorstellung. Salz auf der Haut, der Himmel über dir, Sterne, millionenfach. Irgendwie habe ich mir Freiheit immer wie das Nonplusultra vorgestellt. Tun zu können, was man will, wie man es will. Irgendwie hab ich gedacht, sie kommt auch einfach, wenn man auszieht, diese Freiheit. Es heißt doch: Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere. So habe ich mir das aber nie vorgestellt – mehr so, als würde man ein Kapitel abschließen, ja die Tür zuziehen und dann würde man vor einer großen Weite stehen. Man könne tun und lassen, was man will. Und die Freiheit wäre dann wie ein Freund, der einen an der Hand nimmt, der einen die große Welt des Erwachsenseins zeigt.

Irgendwo zwischen Zuhause und der Welt

Sie kommt dann auch, wenn man dann wirklich auszieht, die berüchtigte Freiheit. Aber was mir nicht so bewusst war, ist, dass die Tür, die man hinter sich schließen wollte, gar nicht so einfach zuzumachen ist. Das Gepäck, das man mitnimmt, zwar leicht ist, der Koffer aber trotzdem voll. Und das hinter der Tür in dem Haus, das man hinter sich zu lassen ist, noch Gepäck steht. Vergangenheit.

Vergangenheit ist auch so ein merkwürdiger Begriff. Er impliziert, dass Geschehnisse auch wirklich vergangen sind. Nicht mehr wieder zu bekommen. Aber die Dinge, die man zurücklässt, sind eben nicht vergangen. Es sind Freundschaften, Erlebnisse, Menschen. Das Gefühl von Zuhause. Das Gefühl von Liebe und Geborgenheit, Sicherheit und Beständigkeit. Sich nicht verstellen zu müssen. Wären diese Dinge vergangen, dann wäre es nicht so schwer, sie zurückzulassen. Die Entscheidung, das aber zu tun, ist aktiv, wenn man selber fortgeht. Sie sind also immer noch da. Man opfert sie nicht, stehen sie doch eigentlich sicher verpackt in Kisten, im Kinderzimmer im Kleiderschrank. Aber Beziehungen und Menschen sind eben doch keine Gegenstände. Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl. Gefühle können schwächer werden.

Was wäre, wenn?

Dies Frage stellt sich dann von ganz alleine: Was wäre, wenn? Man hadert. War die Entscheidung, die sieben Sachen zu packen, richtig? War der Drang nach Freiheit, nach Selbstbestimmung und Selbsterfüllung es wert, das aufzugeben, was man über Jahre stetig für selbstverständlich genommen hat? Zumindest für eine Zeit lang? Wenn man beschließt, den Weg in die Freiheit auf sich zu nehmen, muss man wohl begreifen, dass man nicht alles in seinen Koffer stopfen kann, auch wenn man es will. Aber vielleicht gehört das auch zum erwachsen werden dazu. Zu verstehen, dass man nicht alles behalten kann, auch wenn man sich das wünscht. Das man abschließen muss, um sich weiter zu entwickeln, um weiter zu kommen, um verstehen zu lernen, wer man ist. Wer man sein will. Weil die Struktur, die man kennt und die man jetzt vermisst, halt eben auch einengt. Weil man nie lernen kann, welche Formen Schnee noch annehmen kann, wenn man ihn immer nur zu einem Schneemann presst.

Freiheit war noch nie absolut. Sie geht nur so weit, wie sie die deines nächsten nicht einschränkt. Das lernt man doch in der Schule. Dass sie auch in dir selber Grenzen haben kann, das ist einem gar nicht so bewusst. Freiheit bedeutet das nicht eigentlich, alles haben zu können? Nein, das bedeutet, eigene Entscheidungen treffen zu können. Freiheit ist nicht das Leben im Van, der Roadtrip, die Orte, die man auf dem Weg sieht. Es ist die Entscheidung, ob es nach links oder rechts geht. So gesehen war die Unabhängigkeit auch nie die große Weite hinter der Tür, sondern fing schon dabei an, ob man die Tür überhaupt öffnen soll oder nicht.

Das Gefühl, zu gehen

Auszuziehen, in die Welt zu gehen, das hat sich so richtig angefühlt, vor Monaten, als ich die Entscheidung getroffen habe. Als der Tag dann aber kam und ich mit gepackten Koffern am Bahnhof, da wollte ich nicht mehr. Hätte mich die Uni angerufen, um mir mitzuteilen, dass ich doch keinen Platz mehr bekäme, ich hätte Danke gesagt. Warum das alles? Warum der Stress? Zuhause, das ist doch viel einfacher. Man hat Verlustängste. Und was, wenn ich mich auseinanderlebe mit meinen Freunden, die wie Familie für mich sind? Was ist, wenn ich eines Tages wiederkomme und merke, ich bin nur noch zu Besuch? Wenn sich mein wohliges Gefühl von Daheim einfach irgendwann nicht mehr nach Daheim anfühlt? Was ist, wenn ich zu anders bin, wenn ich zurückkehre? Nicht mehr in meinen wohl gepolsterten Platz hineinpasse, wenn ich hinauswachse, während hier alles gleich bleibt?

Es ist nicht mein erstes Mal, dass ich von Zuhause weggehe. Aber dieses Mal kommt es mir finaler vor als bei meinem Austausch nach Queensland damals in der Schule oder meinem AuPair in Australien. Endgültig irgendwie. Es fällt mir schwer, loszulassen. Das ist überhaupt das Schlimmste. Zu akzeptieren, dass man zurücklassen muss, wenn man geht. Mit der Unwissenheit, nicht zu wissen, wie alles ist, wenn man wieder kommt. Wer man selber ist und wer die anderen sein werden. Den Ort zu verlassen, in dem man jede Straßenecke kennt. An jedem Mauerstein und jedem Busch kleben Erinnerungen.

Der Zug wird schneller und die Stadt, der Ort, den man liebt und wo man aufgewachsen ist, wird kleiner. Irgendwie hat man sich jetzt selbst dafür entschieden, ihn zur Vergangenheit werden zu lassen. Man blickt also zurück. Der Zug aber fährt der Zukunft entgegen.

Mädchen mit rotem Koffer und Maske am Bahnsteig.
Kurz vor der Abfahrt am Bahnhof. Natürlich mit Maske.

Warum es sich trotzdem lohnt

Vielleicht geht es nicht nur mir so. Ich denke, dass sich viele gegen einen Auslandsaufenthalt entscheiden, weil sie Angst haben. Vor Veränderung und was das mit sich bringt. Weil all das, was auf einen zukommen wird, neu sein wird. Komfortzone gibt es nicht. Aber was ich bisher gelernt habe in beiden Malen, die ich schon von Zuhause weggegangen bin und auch jetzt: Veränderung definiert. Den Menschen, den Charakter. Das Leben ist ein Lernprozess. Und vielleicht klingt es wie ein kitschiger Kalenderspruch, aber wenn man zu sehr an Altem festhält, dann verpasst man vielleicht diese eine Chance, durch die man so viel dazu gewinnen kann. Abenteuer machen Angst, sonst wären sie schließlich keine. Freiheit auch. Aber sie ist es wert. Loslassen zu müssen, nein zu wollen, schmerzt, aber es fühlt sich trotzdem richtig an. Meistens zumindest.

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