Der November war ein Monat voller Gegensätze: intensives Lernen, ein neues Leben auf zwei Rädern – und gleichzeitig zwei Wochen Krankheit, die alles entschleunigt haben. Ein Monat, der mir gezeigt hat, wie sich Erasmus wirklich anfühlt, wenn Alltag und Ausnahme zusammenfallen.
Gruppenarbeiten, Endspurt und echte Gespräche
Im November hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, richtig im Mailänder Uni-Alltag angekommen zu sein. Der lockere Einstieg aus September und Oktober ist vorbei, und die Projekte treten in ihre entscheidende Phase ein. In drei meiner fünf Kurse arbeite ich in internationalen Gruppen – und das bedeutet: volle Wochen, lange Tage und Diskussionen, die manchmal chaotisch beginnen, aber oft überraschend gut enden.
Was mich an der POLIMI beeindruckt, ist der Anspruch, den die Professorinnen und Professoren an uns stellen. Die Erwartungen sind hoch, manchmal fast einschüchternd. Aber genau das macht es spannend. Es geht nicht nur darum, Ergebnisse abzugeben, sondern darum, die richtige Methodik zu verstehen, die Denkweise dahinter zu begreifen. Ich habe selten so viel Austausch erlebt wie hier: Wenn man eine Frage stellt, bekommt man nicht nur eine Antwort, sondern oft ein halbes Gespräch über Herangehensweisen, Beispiele und Alternativen.
Diesen Monat hat sich meine Haltung dazu verändert. Während ich im Oktober oft noch gestresst war und das Gefühl hatte, hinterherzulaufen, sehe ich die intensive Arbeitsweise jetzt als etwas Konstruktives. Man wird gefordert, ja – aber man wächst auch daran. Und tatsächlich habe ich das Gefühl, fachlich viel mitzunehmen.
Natürlich ist es nicht immer einfach: sich mit Menschen aus fünf verschiedenen Ländern abzustimmen, unterschiedliche Arbeitsstile zusammenzubringen und Deadlines gerecht zu werden, ist eine Herausforderung für sich. Manchmal dauert ein Meeting doppelt so lange, weil jeder anders kommuniziert und wir uns erst auf eine gemeinsame Sprache – im übertragenen Sinne – einigen müssen. Aber gerade das macht Erasmus irgendwie schön: Nichts läuft automatisch, und genau deshalb lernt man so viel dazu.
An manchen Tagen wünschte ich mir mehr Stunden im Tag, an anderen fühlte ich mich richtig angekommen: wenn wir gemeinsam Lösungswege durchsprechen, Modelle vergleichen, uns gegenseitig helfen. Es sind diese kleinen Momente – die leisen „Ah, jetzt verstehe ich es“-Momente – die den November akademisch besonders gemacht haben.
Mein neues Leben auf zwei Rädern
Nach all den langen Tagen voller Gruppenmeetings, Präsentationen und Diskussionen über Methodik sehnte ich mich im November mehr denn je nach etwas, das mir wieder ein Gefühl von Freiheit gibt. Und genau in dieser Phase entstand der Entschluss, endlich ein eigenes Moped zu kaufen. Die Idee einer Vespa hatte mich schon seit September begleitet – dieses klassische, romantische Mailand-Bild, das man im Kopf hat. Am Ende wurde es aber kein glänzendes Retro-Modell, sondern ein Piaggio für 700 Euro. Und ehrlich gesagt: besser hätte es nicht laufen können.
Die Suche war ein kleines Abenteuer für sich. In Italien gibt es keine gewohnten Plattformen wie bei uns; stattdessen durchforstet man AutoScout24, Subito und ein paar lokale Anzeigenmärkte, die optisch aussehen, als wären sie zuletzt 2008 aktualisiert worden. Ich verbrachte Abende damit, Fotos zu vergleichen, Preise einzuschätzen und mir anzuhören, wie unterschiedlich „perfetto stato“ ausgelegt werden kann.

Am Ende fand ich über Subito ein Angebot, das fast zu gut klang. Ein älterer Herr aus einem Vorort bot sein Piaggio an – gepflegt, zuverlässig, und vor allem: sofort verfügbar. Wir vereinbarten einen Termin, und ich fuhr mit der Metro hinaus, nicht ganz sicher, ob ich gleich mit einem Moped oder mit einem Betrugsgefühl zurückkehren würde.
Doch als ich das Gefährt sah, war klar: das wird meins. Die Probefahrt war holprig, aber charmant. Der Besitzer zeigte mir geduldig alles, erklärte mir, wie ich kleine Probleme selbst beheben kann, und wünschte mir „buona fortuna“ für mein Semester. Eine Stunde später stand ich mit meinem neuen Moped in Mailand – das erste Mal wirklich mobil auf meine eigene Art.
Seitdem begleitet mich das Piaggio täglich. Es bringt mich zwischen Campus, Café und Supermarkt hin und her, erspart mir die langen Wege und schenkt mir an stressigen Tagen den Moment, den ich brauche: den Fahrtwind, eine leere Straße, ein kleines Stück Unabhängigkeit
Kranksein und Besuch zur gleichen Zeit
Mitten in diesem produktiven November kam dann das, womit man im Ausland am wenigsten rechnet: Ich wurde krank. Und zwar richtig. Eine Grippe, die mich fast zwei Wochen aus dem Verkehr gezogen hat – ausgerechnet genau dann, als meine Freundin zu unserem Jahrestag nach Mailand kam.
Wir hatten uns auf gemeinsame Ausflüge und Spaziergänge gefreut, aber am Ende verbrachten wir die meiste Zeit auf dem Sofa, mit Tee, Suppen und Serien. Überraschenderweise tat uns diese Ruhe gut. Statt Programmpunkten gab es Gespräche, statt Restaurantbesuchen gemeinsames Kochen. Es war nicht der Besuch, den wir geplant hatten, aber einer, der uns trotzdem nähergebracht hat.

Überrascht hat mich in dieser Zeit vor allem das italienische Gesundheitssystem. Mein Mitbewohner kannte zufällig einen Arzt, der tatsächlich zu uns nach Hause kam. Keine überfüllte Praxis, kein stundenlanges Warten – einfach eine ruhige Untersuchung und sofort verschriebene Medikamente. Nach ein paar Tagen ging es langsam bergauf, auch wenn ich noch lange schlapp war.
Vorfreude, Heimweh und der Blick auf Dezember
Als der November sich dem Ende zuneigte und ich langsam wieder gesund wurde, merkte ich, wie sehr ich mich auf die Adventszeit freue. In Mailand hängen die ersten Lichterketten, die Straßen wirken ein wenig weicher, und trotz des vollen Unikalenders liegt eine angenehme Erwartung in der Luft. Gleichzeitig spüre ich dieses leichte Ziehen nach Hause – ein Heimweh, das nicht traurig macht, sondern warm.
Am 17. Dezember halte ich meine letzte Präsentation und fahre direkt danach nach Deutschland. Der Gedanke daran, meine Familie wiederzusehen, gemeinsam zu essen, die vertrauten Wege zu gehen, gibt mir Kraft für die letzten stressigen Wochen. Ich genieße Mailand sehr, aber gerade jetzt fühlt es sich richtig an, für ein paar Tage zurückzukehren und den Dezember dort zu verbringen, wo alles begonnen hat.
Zwischen Projekten, Piaggio-Fahrten und Krankheit war der November vielleicht der anspruchsvollste Monat bisher – aber auch der ehrlichste. Er hat mir gezeigt, dass Erasmus nicht nur aus Reisen und neuen Eindrücken besteht, sondern auch aus Pause, Nähe, Arbeit und dem langsamen Finden eines echten Alltags. Und genau darauf freue ich mich jetzt: auf den Dezember, auf Zuhause, und darauf, danach wieder nach Mailand zurückzukehren.