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Ciao Milano und warum das hier erst der Anfang war

Der Januar begann, wie der Dezember aufgehört hatte: mit offenen Laptops, vollen Terminkalendern und dem leisen Gefühl, dass die Zeit in Mailand plötzlich endlich geworden ist. Was folgte, waren intensive Wochen voller Klausuren, Abgaben und Abschied – aber auch voller Momente, die zeigen, dass Erasmus nicht mit dem Rückflug endet.

Klausuren, Nachtschichten und strenge Professoren

Ich hatte es unterschätzt. Wirklich. Während die ersten Monate an der POLIMI durch Gruppenarbeiten und Projekte geprägt waren, kam im Januar die große Prüfungsphase – und die hatte es in sich. Die Professorinnen und Professoren, die ich im Semester als anspruchsvoll, aber fair erlebt hatte, legten in der Klausurenphase nochmal eine Schippe drauf. Prüfungen, die in Umfang und Detailtiefe deutlich über das hinausgingen, was ich aus Aachen gewohnt war.

Der Januar und große Teile des Februars bestanden aus langen Lerntagen, kurzen Nächten und dem ständigen Gefühl, nicht genug getan zu haben. Zeit für irgendetwas außerhalb der Uni war kaum da – kein Aperitivo, keine Ausflüge, kein Flanieren durch Brera. Stattdessen: Zusammenfassungen schreiben, alte Klausuren durcharbeiten, Konzepte wiederholen. Und dann nochmal von vorn.

Die Pinoteca in Brera fotografiert von schräg unten mit dem Himmel. Das war unser Pausenort.
Die Pinoteca in Brera fotografiert von schräg unten mit dem Himmel. Das war unser Pausenort.

Was mir in dieser Phase geholfen hat, waren vor allem zwei Dinge: die Freundschaften, die ich über das Semester aufgebaut hatte, und meine Lieblingsorte zum Lernen. Den Bovisa-Campus – den offiziellen Campus für Techniker und Ingenieure – habe ich in dieser Zeit eher gemieden. So beeindruckend die Ausstattung dort ist, so steril wirkt die Atmosphäre manchmal. Alles funktional, alles zweckmäßig, aber wenig inspirierend, wenn man den zehnten Tag in Folge vor seinen Unterlagen sitzt.

Stattdessen bin ich immer wieder in die Leonardo-Bibliothek oder die Braidense in Brera gefahren. Die Leonardo Bib hat diesen ruhigen, konzentrierten Charakter, der einen automatisch in den Lernmodus versetzt. Und die Braidense – mein Geheimtipp aus dem Dezember – war nach wie vor mein liebster Rückzugsort. Zwischen alten Mauern, hohen Decken und dem leisen Rascheln von Seiten fiel mir das Lernen dort einfach leichter als irgendwo sonst. Wenn ich dann nach einer langen Session durch die Gassen von Brera gelaufen bin und mir einen Espresso geholt habe, fühlte sich selbst die stressigste Woche irgendwie machbar an.

Am Ende hat alles geklappt. Die Klausuren sind geschrieben, die Noten da – und tatsächlich hat auch die Anerkennung an der RWTH ohne Probleme funktioniert. Das war eine meiner größten Sorgen vor dem Auslandssemester, und rückblickend kann ich sagen: Wer sich vorher gut informiert und die richtigen Absprachen trifft, muss sich darum keine Gedanken machen.

Die letzte Pasta in Italien: Fettucini al Gambretti
Die letzte Pasta in Italien: Fettucini al Gambretti.

Abschied nehmen – und ein Piaggio nach Aachen

Ende Januar war es dann so weit: mein letzter Tag in Mailand. Und wie das so ist mit Abschieden, die man lange kommen sieht – es war trotzdem seltsam. Die Wohnung leer, die Koffer voll, und dieses merkwürdige Gefühl, einen Ort zu verlassen, der in wenigen Monaten so vertraut geworden ist.

Was mich bis zum Schluss beschäftigt hat, war die Frage: Was mache ich mit dem Piaggio? Das Moped, das mich seit November durch Mailand begleitet hatte, war mehr als ein Fortbewegungsmittel geworden. Es war Freiheit, Unabhängigkeit, und ein Stück Mailand-Gefühl auf zwei Rädern. Objektiv betrachtet machte es wenig Sinn, es nach Deutschland zu transportieren – 300 Euro Versand für ein Moped, das ich für 700 Euro gekauft hatte. Wirtschaftlich keine Glanzleistung.

Aber dann dachte ich an die Abende, an denen ich nach einem langen Unitag einfach losgefahren bin, ohne Ziel, durch Navigli oder Richtung Porta Nuova. An den Fahrtwind, die leeren Straßen, dieses Gefühl von Leichtigkeit mitten im Stress. Und da war klar: Das Piaggio kommt mit.

Ein Foto meines Piaggio Rollers den ich mitgenommen habe nach Aachen.
Ein Foto meines Piaggio Rollers den ich mitgenommen habe nach Aachen.

Inzwischen steht es in Aachen, und ich bin damit tatsächlich schon ein paar Runden durch die Stadt gecruist. Es fühlt sich hier anders an als in Mailand – kein warmer Abendwind, keine Palmen am Straßenrand. Aber jedes Mal, wenn ich den Motor starte, ist da dieses Grinsen. Ein rollendes Andenken an fünf besondere Monate.

Was bleibt: Freundschaften ohne Grenzen

Das Schönste an diesem Erasmus-Semester lässt sich nicht in Noten oder ECTS messen. Es sind die Menschen, die ich kennengelernt habe – und die Tatsache, dass diese Begegnungen nicht mit dem Semester geendet haben.

Auf dem Rückweg nach Deutschland habe ich direkt einen Stopp in München eingelegt, um Freunde zu besuchen, die ich in Mailand kennengelernt hatte. Es war surreal und gleichzeitig völlig normal: dieselben Gespräche, dasselbe Lachen, nur eine andere Stadt. Als hätte man einfach den Hintergrund ausgetauscht.

Ende Februar ging es dann mit Freunden aus Berlin und Frankfurt nach Catania – Leute, die ich ebenfalls in Mailand getroffen hatte und mit denen sich innerhalb weniger Monate eine echte Verbundenheit entwickelt hat. Sizilien im Frühling, gemeinsam kochen, durch die Straßen laufen, am Meer sitzen – es war wie eine Fortsetzung des Erasmus-Gefühls, nur ohne Uni-Stress.

Aussicht auf den Duomo und den Platz davor aus einem Museum.
Aussicht auf den Duomo und den Platz davor aus einem Museum.

Und es geht weiter: Mit meinem Freund aus Kolumbien, den ich in Mailand kennengelernt habe, steht noch ein gemeinsamer Urlaub an. Wenn mir jemand vor einem Jahr gesagt hätte, dass ich durch ein Auslandssemester Freunde auf der ganzen Welt gewinne, mit denen ich danach weiterreise, hätte ich wahrscheinlich höflich genickt und es nicht wirklich geglaubt. Jetzt ist es einfach Realität.

Das ist vielleicht die wichtigste Lektion, die Erasmus mir mitgegeben hat: Freundschaften entstehen nicht trotz der Kürze eines Semesters, sondern vielleicht gerade wegen ihr. Wenn man weiß, dass die gemeinsame Zeit begrenzt ist, investiert man anders. Man öffnet sich schneller, lässt sich auf Menschen ein, ohne lange abzuwägen. Und was dabei entsteht, hält offenbar weit über das Semester hinaus.

Ein Fazit, das keins sein will

Ich sitze jetzt wieder in Deutschland, die Uni in Aachen geht weiter, der Alltag hat mich zurück. Und trotzdem fühlt sich etwas anders an. Mailand hat mich verändert – nicht dramatisch, nicht auf den Kopf gestellt, aber in den kleinen Dingen. Ich bin gelassener geworden, offener, geduldiger. Ich weiß jetzt, dass ich in einem fremden Land nicht nur zurechtkomme, sondern mich wohlfühlen kann. Dass Routine auch in einer neuen Stadt entstehen kann und dass genau diese Routine – das gemeinsame Lernen, der Espresso um die Ecke, die Fahrt mit dem Piaggio durch die Abendsonne – das eigentlich Schöne ist.

War es immer leicht? Nein. Die Klausurenphase war brutal, das Kranksein im November einsam, und es gab Abende, an denen ich einfach nur nach Hause wollte. Aber genau diese Momente gehören dazu. Erasmus ist kein fünfmonatiger Urlaub – es ist echtes Leben, mit allen Höhen und Tiefen. Und vielleicht macht es gerade das so wertvoll.

Wenn mich jemand fragt, ob ich es weiterempfehlen würde, ist die Antwort nicht einfach nur Ja. Es ist: Unbedingt. Sofort. Ohne nachzudenken. Nicht, weil alles perfekt war, sondern weil alles echt war. Die Freundschaften, die Herausforderungen, die leisen Momente in der Braidense, der Fahrtwind auf dem Piaggio, der Abschied am letzten Tag.

Abschied nehmen von Cappuccino und Cornetto für unter 3 Euro. Ein Foto mit meinem Pass.
Abschied nehmen von Cappuccino und Cornetto für unter 3 Euro. Ein Foto mit meinem Pass.

Ciao Milano. Danke für alles. Und irgendwie: bis bald.

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