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Au revoir, Brüssel

Au revoir, Brüssel


Meine fünf Monate in Brüssel und im Europäischen Parlament sind nun vorbei. Ich blicke zurück auf meinen Auslandsaufenthalt unter eher ungewöhnlichen Umständen und ziehe ein Fazit.

Die Corona-Pandemie hat sich natürlich in allen Bereichen während meiner Zeit in Brüssel bemerkbar gemacht und vielleicht auch einen kleinen Schatten geworfen. Dennoch bin ich dankbar darüber, dass mein Praktikum im Europäischen Parlament überhaupt stattgefunden hat und ich somit mehr über die Funktionsweise der EU und besonders das Europäische Parlament lernen konnte – auch aus dem Homeoffice. Aber fangen wir noch mal von vorne an.

Meine Praktikum am Europäischen Parlament

Ursprünglich sollte ich mein Praktikum eigentlich schon im April starten. Wie wir alle wissen, verschärfte sich die Situation mit den Corona-Viren immer weiter. Also beschloss ich, das Angebot vonseiten des Parlaments anzunehmen und mein Praktikum um sechs Monate nach hinten auf Oktober zu verschieben. Ich hoffte, dass bis dahin die Pandemie unter Kontrolle gebracht wurde oder sogar schon wieder vorbei sein könnte – wie naiv ich zu dem Zeitpunkt noch war.

Im Oktober ging es dann aber tatsächlich los. Die Pandemie war natürlich zu dem Zeitpunkt noch nicht vorbei und so hatte meine Abteilung einen Prozentsatz bezüglich der Arbeitszeit im Büro eingeführt. Ich durfte 30 Prozent der Arbeitszeit im Büro sitzen und 70 Prozent sollte im Homeoffice stattfinden. Die Regelung herrschte noch die ersten drei Wochen und dann brach in Belgien das Armageddon aus. 24.000 Corona-Fälle pro Tag war der Spitzenwert Ende Oktober. Belgien ging also wieder zurück in den Lockdown. Das bedeutet auch für mein Praktikum wieder 100 Prozent Homeoffice. Ich hatte somit meinen Betreuer genau dreimal in Person gesehen, andere Kollegen in meinem Sekretariat werde ich jedoch bis zum Ende meines Praktikums nicht kennenlernen.

Aber ich konnte der Situation auch schnell etwas Positives abgewinnen. Durch die sechsmonatige Vorlaufzeit ist das Parlament komplett auf das digital Arbeiten umgestiegen. Alle internen Meetings fanden schon vor meiner Ankunft online statt, nur die Plenar- und Komiteesitzungen wurden noch in den Gebäuden des Europäischen Parlaments abgehalten. Durch die erfolgreiche Umstellung konnte ich also trotzdem einen guten Einblick in die Arbeit meines Sekretariats und generell in den Arbeitsbereich vom Komitee „Internationaler Handel“ bekommen.

Unterstützend stand mir dabei auch mein Betreuer zur Seite. Mit dem hatte ich in den ersten Wochen fast jeden zweiten Tag telefoniert, um all meine Fragen zu klären. Die Vorteile des Homeoffice habe ich auch schnell zu schätzen gelernt. Zum Beispiel, dass man mit deutlich gemütlicheren Klamotten vor dem Computer sitzen kann. Oder auch die Kostenvorteile vom Homeoffice. Ich musste mir nicht jeden Tag ein teures Mittagessen kaufen, sondern konnte mir kostengünstig etwas zu Hause zubereiten.

Ausschusssitzung im Europäischen Parlament

Ausschusssitzung meines Komitees „Internationaler Handel“.

Vielem hat die Pandemie aber auch einen Strich durch die Rechnung gemacht. Allen voran, dass ich meine anderen Kollegen kaum bis gar nicht persönlich kennenlernen konnte. Außerdem dürfen PraktikantInnen normalerweise den Komiteesitzungen beiwohnen und so die Parlamentarier hautnah erleben. Das ging in meinen Fall genau einmal und dann wurden die Regeln wieder verschärft und alle Nicht-Parlamentarier mussten draußen bleiben. Besonders traurig bin ich auch darüber, dass der Ausflug nach Straßburg zum Parlament mit allen anderen Praktikanten aufgefallen ist. In meinem Blogeintrag zum Europäischen Parlament habe ich schon erklärt, dass das Plenum in Brüssel und Straßburg tagt. Der Besuch des Parlaments in Straßburg ist normalerweise ein fester Bestandteil des Praktikums.

Ich blicke also zurück auf meine Zeit im Europäischen Parlament mit einem lachenden und weinenden Auge. Lachend, weil ich überhaupt die Chance hat, ein Praktikum im Parlament zu absolvieren. Weinend, weil es unter so schwierigen Umständen stattfinden musste.

Leben und Wohnen in Brüssel

Mir wurde von vielen Seiten schon gesagt, dass ich „jetzt ja gar nicht das wahre Brüssel erlebt habe“. Den Eindruck habe ich auch. Kurz vor dem Lockdown konnte ich noch genau eine Bar besuchen und ab dann wurden alle Bars und Restaurants geschlossen und eine Ausgangssperre ab 22 Uhr verhängt. Bis heute (4.3.21) sind die Restriktionen in Kraft. Mir gefällt Brüssel trotzdem und ich möchte hier gerne noch mal unter normalen Bedingungen leben. Die Stadt ist sehr international und normalerweise finden hier viele politische Veranstaltungen oder Events statt, wodurch Menschen aus aller Welt nach Brüssel strömen. Dann gibt es aber auch die Stadtteile, wo sich die Brüssler zurückgezogen haben und man spürt den Brüssel-Flair abseits der europäischen Institutionen.

Ein paar letzte Worte möchte ich auch meiner Wohngemeinschaft widmen. Wie ich in Brüssel gewohnt habe, beschreibe ich ausführlich in meinem Blogeintrag „Von der Zimmersuche bis zum Einzug“. Neue Leute während einer Pandemie kennenzulernen ist wirklich nicht einfach. Umso dankbar bin ich, dass ich in einer Wohngemeinschaft gelebt habe, wo wir uns alle wirklich gut untereinander verstanden haben. So hat sich nicht jeder schnell auf sein Zimmer zurückgezogen, sondern die Abende haben wir in der Regel immer zusammen verbracht und über Gott und die Welt gequatscht.

Natürlich gab es auch mal hier und da Kabbeleien. Aber wenn man dank Lockdown fast 24 Stunden am Tag aufeinander hockt, geht man sich zwangsläufig irgendwann auf die Nerven. Nach einem klärenden Gespräch und mit etwas Rücksichtnahme konnten Probleme aber immer schnell wieder aus der Welt geschafft werden.

Durch eine Wohngemeinschaft ist man aber auch einem höheren Risiko ausgesetzt, dass jemand womöglich den Virus mit ins Haus trägt. Und dann bedeutet das mindestens sieben Tage Quarantäne für alle. Die ganzen Monate über war es immer knapp. Mitbewohner von mir waren immer wieder mal in Kontakt mit Corona-Fällen gekommen. Wir sind trotzdem immer mit einem blauen Auge davon gekommen und die Person hatte sich letztendlich doch nicht angesteckt. Bis Februar. Ein Routinetest von einer meiner Mitbewohnerinnen ist positiv zurückgekommen. Meine WG war im Schockzustand, es war Zeit für eine Krisensitzung.

fünf Menschen befinden sich in einem Raum, alle tragen eine Maske
Krisensitzung bezüglich unserer Corona-Situation.

Wir hatten dann feste Kochzeiten für den „Corona-Fall“ eingeführt, eigenes Geschirr zur Seite gestellt und es herrschte eine Maskenpflicht im Haus. Am Ende ging aber auch das glimpflich an uns vorüber. Keiner hatte sich angesteckt und auch der Corona-Fall ist völlig symptomfrei geblieben. Komisch war es trotzdem, denn so nah bin ich Corona bis dato noch nie gekommen. Auch wenn ich durch meine Wohngemeinschaft einem höheren Corona-Risiko ausgesetzt war, bin ich trotzdem heilfroh, dass ich mich dafür entschieden habe. Denn hätte ich alleine gelebt, wäre ich durch die vielen Corona-Restriktionen womöglich schon etwas einsam gewesen.

Vor meine Ankunft in Brüssel bin ich davon ausgegangen, dass es womöglich noch mal zu einem Lockdown kommen könnte. Aber ich hatte gehofft, dass man die zweite Welle bis Januar wieder im Griff hat und ich wenigsten zwei halbwegs normale Monate im Brüssel habe. Leider ist dies nicht der Fall gewesen und ich verlasse Brüssel im Lockdown mit dem Versprechen, irgendwann wieder zurückzukommen! Wenn diese ganze Pandemie hoffentlich bald ein Ende findet.

Ich sage: Au revoir, Brüssel! Es war mir trotz der Umstände eine Freude.

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