26. August 2025
Für die einen ist Bitcoin bloß riskante Spekulation, für die anderen digitales Gold oder schlicht ein Zahlungsmittel ohne Mittelsmann. Für mich als Philosophie Student bedeutet es aber weit mehr. Was mir hier in Wien klar geworden ist…
Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, mich mit Bitcoin zu beschäftigen, hätte ich nie gedacht, dass er einmal so sehr Teil meines Studiums sein würde. Nein, ich zahle hier in Wien weder die Mensa noch das Semesterticket mit Bitcoin. Einmal habe ich von einem Freund ein Kinoticket in Bitcoin zurückerstattet bekommen – und ein Kommilitone hat sogar seinen Hochzeitsanzug damit bezahlt. Für die einen ist Bitcoin bloß riskante Spekulation, für die anderen digitales Gold oder schlicht ein Zahlungsmittel ohne Mittelsmann. Aber für mich ist es neben dem Investment-Charakter vor allem ein übergeordnetes Thema, das mir ständig Fragen zur Karriere, Forschung und Zukunft aufdrängt. Diese Fragen, die sich mir im Auslandssemester nochmal geschärft haben, möchte ich hier genauer beleuchten.
In der Universität
Das Thema der beruflichen und thematischen Ausrichtung zu Bitcoin hat mich so beschäftigt, dass ich meinen Philosophie, Politik und Wirtschafts (PPW) Professor hier in Wien dazu gefragt habe, was er davon hält, dass ich mir überlege mich auf Bitcoin in Philosophie zu spezialisieren. Er schrieb mir dann eine wirklich lange Email als Antwort, die sehr Richtungsweisend war. Das hat etwas in mir gearbeitet und mich zu folgender Erkenntnis gebracht:
In der Philosophie habe ich die Möglichkeit, über Bitcoin zu schreiben. Dabei muss ich jedoch aufpassen, nicht bloß populärwissenschaftlich über das Thema zu philosophieren. Philosophie gliedert sich in verschiedene Unterdisziplinen: etwa die Epistemologie, die sich mit Fragen von Erkenntnis, Wahrheit und Wissen beschäftigt; die Ontologie, die sich mit dem Sein auseinandersetzt; und die Ethik, die das gute Handeln und Verantwortung reflektiert. Bitcoin eignet sich als Untersuchungsfeld nur dann wirklich, wenn sich daraus neue Einsichten in diesen Fragen gewinnen lassen. Wenn das nicht gelingt, bleibt es „nur“ ein Anwendungsfall: Ich nutze philosophische Werkzeuge, um Bitcoin zu analysieren, ohne jedoch einen neuen Beitrag zur Philosophie zu leisten. Das ist interessant und wertvoll, reicht für eine akademische Laufbahn bis zur Habilitation aber nicht aus. Dieses wohlwollende Wachrütteln meines Professors war wichtig für mich.
Spannend wird Bitcoin dann, wenn es an interdisziplinären Instituten beforscht wird – etwa dort, wo es um Geld, sozioökonomische oder wirtschaftspolitische Fragen geht. Hier kann Philosophie helfen, Bitcoin analytisch einzuordnen. Wirtschaftswissenschaften, Sozialwissenschaften und Philosophie tragen jeweils ihre Perspektiven bei, um ein gemeinsames Thema zu erforschen: zum Beispiel die globale Wirtschaft im digitalen Zeitalter oder konkret Bitcoin. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist das Bitcoin Research Institute an der University of Wyoming.
Am Ende war der beste Tipp, dass ich mich einfach mit den Texten zu Bitcoin beschäftigen sollte, die mir am meisten gefallen, um dann herausfinden was mir daran gefällt. Mit der Erfahrung und dem Wissen sollte es mir dann leichter fallen zu entscheiden, in welche Richtung ich mich bewegen kann.
In der Wirtschaft
Außerhalb der Uni habe ich in meinem Alltag auch damit zu tun. In meiner Selbstständigkeit habe ich immer wieder Berührungspunkte mit „Bitcoinern“, also Leute die beruflich mit Bitcoin zu tun haben. Hier fragte ich mich über die sechs Monate in Wien auch oft welche Möglichkeiten es gäbe.
Unter „Bitcoin-Jobs“ verstand ich vor allem 2022/23 eine Art Hype. Es gibt Plattformen, die eine Community rund um Stellenangebote in diesem Feld aufgebaut haben. Doch am Ende sind es meist keine „Bitcoin-Jobs“ im engeren Sinne, sondern konkrete Berufe in Unternehmen, die mit Bitcoin zu tun haben: PR-Manager, Customer Service, Social Media Content Creator oder IT-Developer. Die eigentliche Frage für mich lautet daher nicht, ob ich einen „Bitcoin-Job“ möchte, sondern welche Tätigkeit ich anstrebe – und ob ich diese mit einem Bezug zu Bitcoin ausüben kann. Eine Erkenntnis, die mich an den Tipp von meinem Professor erinnert hat: Was möchte ich eigentlich machen? Was macht mir Spaß? Was finde ich gut? Und wo finde ich das?
Mit meinen analytischen Fähigkeiten aus der Philosophie, den gestalterischen Kompetenzen aus meiner Selbstständigkeit und meiner kommunikativen Erfahrung aus zehn Jahren Improtheater sehe ich Chancen in Beratung, Marktforschung, Produktentwicklung, Branding, PR und Medien.
Als Freischaffender
Natürlich könnte ich auch freischaffend über Bitcoin schreiben – etwa in einem Blog, in Büchern oder als Content Creator. Das habe ich teilweise in der Zeit hier in Wien versucht, aber das meiste meiner Schreibarbeit zu Bitcoin ist in meinen Seminararbeiten gelandet. Ich bezweifle, dass mir das egal ob für die Uni oder das Internet, dauerhaft Spaß machen oder mich finanziell tragen würde. Allein vor dem Bildschirm zu sitzen, wie im Studium, entspricht nicht meinem Ideal. Hauptsächlich durch eine wachsende Zuhörerschaft und Werbeeinnahmen Geld zu machen? Wirkt auf mich irgendwie nicht erstrebenswert.
Ein Podcast-Format, das auf Dialog basiert, könnte spannender sein, doch gibt es bereits unzählige Bitcoin-Podcasts, die das Thema besser erklären oder tiefer behandeln als ich. Für mich stellt sich daher die Frage, worin genau mein Mehrwert liegt. Ich glaube, dass die Schnittstelle zwischen Philosophie und Bitcoin noch wenig erschlossen ist – ein Feld, das ich besetzen könnte. Vielleicht finde ich aber irgendwann auch eine ganz andere Form, etwa durch fiktionale Erzählungen, um meine Perspektive einzubringen.
Auch journalistische Arbeit reizt mich, weil ich diesen Beruf bewundere. Doch die schnelle, stressige Arbeitsweise entspricht mir bislang nicht. Zudem sehe ich Bitcoin allein nicht als stark genuges Thema, um meine Karriere ausschließlich darauf aufzubauen. Es gibt so viele weitere Felder, die mich interessieren – Technik, KI, Soziologie oder Design.
Aussichten
Die Zukunft von Bitcoin sehe ich dennoch optimistisch. Die Parallelen zur Entwicklung des Internets sind offensichtlich: Nach 15 Jahren hatten sowohl das Internet als auch Bitcoin etwa 100 Millionen Nutzer. Bitcoin ist zudem eine neuartige Technologie, die nicht einfach durch eine der tausenden anderen Kryptowährungen ersetzt werden kann – weder in Form, Funktion noch im Vertrauen. Daher bin ich überzeugt: Bitcoin wird auch in zehn oder 20 Jahren noch relevant sein.
Seine Interdisziplinarität macht es besonders anspruchsvoll – und gerade das motiviert mich. Wer sich mit Bitcoin beschäftigt, muss Wirtschaft, Technik, Politik und Ethik zusammendenken. Ich glaube, dass ich mit philosophischen Werkzeugen und meiner unideologischen Haltung dazu beitragen kann, Bitcoin weder zu dämonisieren noch blind zu idealisieren. Stattdessen möchte ich zeigen, wie es sinnvoll in der Gesellschaft genutzt werden kann.
Risiken
Gleichzeitig ist es riskant, sich ausschließlich auf Bitcoin zu fokussieren. In fast allen Berufsfeldern, die sich mit Bitcoin beschäftigen, braucht es zusätzliche, bitcoin-unabhängige Expertise. Je stärker Bitcoin in der Gesellschaft ankommt, desto mehr wird es im Hintergrund verschwinden – als Selbstverständlichkeit. Wer sich zu sehr darauf versteift, läuft Gefahr, sich eine zu enge Nische zu schaffen.
Mein Professor in Wien hat mir dazu einen wichtigen Gedanken mitgegeben: Um als Philosoph über Bitcoin zu schreiben, muss ich vor allem Philosophie verstehen. Andernfalls nutze ich nur philosophische Werkzeuge, ohne etwas Neues beizutragen. So spannend Bitcoin ist – rein akademisch bleibt es riskant, es zum Kernthema zu machen.
Wie ich jetzt weitermache
Die Berufsaussichten in der Philosophie sind allgemein breit gefächert und gleichzeitig begrenzt. Außer an Universitäten oder in wenigen Beratungsstellen sind Stellen als „Philosoph“ selten. Deshalb werde ich mich vermutlich durch zusätzliche Fähigkeiten – etwa im Design oder in der Kommunikation – und mit Nischenthemen wie Bitcoin, KI oder Technik profilieren müssen.
Was das Risiko angeht denke ich mir: Die Welt verändert sich rasant – gerade durch KI, die viele Büro-Jobs bedroht. Daher ist Bitcoin für mich eine Chance, aber kein Allheilmittel. Ich versuche mich deshalb nicht nur an möglichen Risiken zu orientieren, sondern auch an dem, was mir Freude macht, wo ich einen positiven Beitrag leisten kann und was mir langfristig verspricht als Tätigkeitsfeld bestehen zu bleiben.