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Ein Exkurs in den Hinduismus: Happy Dashain, everyone!

Ein Exkurs in den Hinduismus: Happy Dashain, everyone!

Dashain wird zu Ehren der hinduistischen Göttin Durga in ganz Nepal gefeiert. Es ist das längste und bedeutendste Festival im nepalischen Kalender und zieht Nepali aus der ganzen Welt zurück in die Heimat. Hier findet ihr einen Überblick über das Festival und seine Traditionen.

Wer ist die Göttin Durga?

Durga ist eine Kriegsgöttin und die wichtigste Form der Göttin im Hinduismus. Sie tritt in verschiedenen göttlichen Manifestationen in Erscheinung und symbolisiert unter anderem Kraft, Wissen, Handeln und Weisheit. Viele Mythen ragen sich um Durga, doch die bekannteste Geschichte handelt von ihrem Sieg über den Büffeldämonen Mahisasur: Mahisasur war ein arroganter Dämon, der in seiner Machtgier die Herrschaft über den Himmel an sich riss. Der Legende nach konnte er nur von einer Frau besiegt werden. Da er das aber für unmöglich hielt, fühlte er sich in seiner Machtposition unbesiegbar. Als die Götter Shiva und Vishnu vom Treiben des Dämonen erfuhren wurden sie so wütend, dass ihren Gesichtern ein helles Licht entsprang, das sich mit den Lichtern aus den Körpern der anderen Himmlischen vereinte und die Gestalt der wunderschönen Durga annahm. Die Himmlischen überreichten ihr verschiedene Waffen, mit denen sie in den Kampf gegen Mahisasur zog und ihn schließlich in seiner Büffelform bezwang. Basierend auf dieser Legende wird mit dem Dashain Festival der Sieg des Guten über das Böse gefeiert.

Warum dauert das Festival 15 Tage?

Die ersten neun Tage des Festivals symbolisieren den Kampf zwischen Durga und dem Dämonen Mahisasur. An diesen Tagen werden unterschiedliche Manifestationen der Göttin verehrt. Vom zehnten bis zum fünfzehnten Tag feiern Hinduisten den langersehnte Sieg der Durga über den Büffeldämonen.

Wie feiern die Hindus Dashain?

Während der 15 Festivaltage vollziehen Hinduisten verschiedene Rituale. In Nepal gehören diese Bräuche fest zur Kultur des Landes. Hier ein kleiner Überblick:

Tag 1: Ghatashapana Dashain

Am ersten Tag des Festivals pflanzen Hindus in ihrem Gebetsraum Gerstenkörner an. Gemeinsam mit Wasser werden die Körner in eine Vase (auch Kalash genannt) gegeben, die die Göttin Durga symbolisieren soll. Damit ein heiliger Ort entsteht, muss die gefüllte Kalash auf einem Bett aus Sand platziert und auf beiden Seiten mit Blumen und Teelichtern geziert werden. Die angepflanzten Körner nennt man „Jamara“ und sie werden bis zum zehnten Tag des Festivals jeden Morgen gegossen und angebetet. Vor dem morgendlichen Ritual müssen sich Hindus waschen, um rein vor die Göttin Durga zu treten. Auch mein Mentor hat eine Jamara gepflanzt und sie jeden Morgen verehrt. Dazu hat er nepalische Musik gespielt und eine Art Weihrauch in seinem Gebetsraum verteilt. Jetzt, da das Festival vorbei ist finde ich es schon fast komisch, morgens keinen Weihrauch mehr zu riechen.

Jamara, Gebetstisch, Ritual
Hier hat mein Mentor seine Jamara geplanzt.
Jamara
So sieht die fertige Jamara aus.

Tag 7: Phulpati

Phulpati ist ein großes Fest am siebten Dashain Tag. Traditionell bringen die Brahmanen, die Kaste der Priester im Hinduismus, an diesem Tag die königliche Kalash, Bananenstängel, Jamara und Zuckerrohr in einem rotem Tuch von der Stadt Gorkha zum Hanuman Dhoka Royal Palace in Kathmandu. Auf dem Weg passieren sie den Tundikhel Platz im Zentrum von Kathmandu, wo die nepalesische Armee einen feierlichen Waffenbeschuss aufführt. Seit dem Sturz der königlichen Familie im Jahr 2008 wird das heilige Opfer von Phulpati in die Residenz des Präsidenten getragen, der die sozialen und religiösen Rollen des Königs übernommen hat. Im eigenen Haus feiern Nepali Familien die Phulpati indem sie Kokosnüsse, Früchte, und Pflanzen auf ihre Gebetsstätte legen.

Tag 8: Maha Asthami

Am achten Tag würdigen Nepali die bösartigste Manifestation der Göttin Durga: Kali. Zu ihrer Ehren werden in Tempeln des ganzen Landes Tieropfer erbracht. Das Blut der Tiere wird symbolisch der Göttin übergeben. Auch im eigenen Heim schlachten Familien ihre Tiere und schenken deren Blut der Kali. Das als heilig geltende Fleisch wird anschließend gemeinsam verzehrt. Passend zu den blutigen Ritualen wird die Nacht des achten Tages auch Kal Ratri genannt, was übersetzt „schwarze Nacht“ bedeutet. Wie ihr euch bestimmt schon denken könnt, war ich mit den Ritualen des achten Tages nicht sehr glücklich. Als ich mit meinem Mentor über die Grausamkeit der Tieropfer sprach, fand ich jedoch etwas sehr Interessantes heraus: Auch in Nepal gibt es inzwischen viele Vegetarier und Veganer, die das Töten von Tieren ablehnen. Sie haben sich eine Alternative zum Tieropfer überlegt: Kokosnüsse, Bananen und andere Früchte, werden in Form von Tierkörpern auf den Boden gelegt und anschließend „geopfert“. Anstatt Tierblut schenken Vegetarier und Veganer ihrer Göttin Kokosnusswasser, und im Familienkreis verspeisen sie die verschiedenen Früchte. Dieses alternative Ritual ist ein guter Weg, sich wandelnde Moralvorstellungen mit lang bestehenden religiösen Traditionen zu vereinen.

Tag 9: Maha Navami

Der neunte Tag ist der Höhepunkt des Dashain Festivals und wird auch „Dämonenjagdtag“ genannt. Der Legende nach versuchten der von Durga besiegte Dämon und seine Armee sich in den Körpern von Büffeln und anderen Tieren zu verstecken, um der Göttin zu entkommen. In einem der Hanuman Dhoka-Königspaläste auf dem Kathmandu Durbar Square finden daher offizielle Büffelopfer und militärische Rituale statt. Maha Navami ist zudem der einzige Tag im Jahr, an dem der Taleju-Tempel in Kathmandu für Besucher zugänglich ist. Viele Gläubige besuchen den Tempel, um ihre Göttin zu ehren.

Auch am Maha Navami führen Familien Tieropfer (oder die tierfreundliche Alternative) im eigenen Haus durch. Da der neunte Festivaltag den Gott der Schöpfung würdigt, verehren viele Hindus jene alltäglichen Gegenstände, die ihnen das Leben erleichtern, wie zum Beispiel Werkzeuge und Haushaltsgeräte. Weit verbreitet ist das Verehren von Fahrzeugen – durch das Ritual sollen im kommenden Jahr Unfälle vermieden werden.

Auto, Ritual, Verehrung

So ehren Nepali ihre Autos…

Motorrad, Ritual

…und Motorräder.

Tag 10 bis Tag 15: Bijaya Dashami

Der zehnte Festivaltag heißt Bijaya Dashami oder Tika Tag. An diesem Tag kommt die gesamte Familie zusammen und bereitet einen Mix aus Reis, Joghurt und roter Farbe zu. Dieses Gemisch (bekannt als Tika) legen die Ältesten der Familie dann ihren jüngeren Verwandten auf die Stirn, um sie für das nächste Jahr zu segnen. Die fertig gewachsene Jamara stecken sie ihnen hinter die Ohren oder in die Haare. Dabei übergeben sie außerdem kleine Mengen an Geld. An den letzten Festivaltagen wird das Ritual in verschiedenen Kreisen wiederholt. Die Nepali besuchen ihre ganze Familie und besonders ihre Ältesten, um deren Segen zu empfangen. Von meinen Nepali Freunden habe ich erfahren, dass sich die letzten Dashain Tage besonders für Mädchen lohnen – üblicherweise bekommen weibliche Familienmitglieder nämlich mehr Geld als ihre männlichen Verwandten. Logisch: Schließlich wird mit dem Dashain Festival die weiblichen Göttin Durga gefeiert.

Während der letzten fünf Festivaltage durfte ich meinen Mentor zu seiner Familie begleiten. So konnte ich die Rituale und Feierlichkeiten miterleben und habe sogar selbst eine Tika bekommen. Das Gemisch hat sich auf der Haut komisch angefühlt und ziemlich gejuckt, aber trotzdem habe ich mich mit meiner Tika schon fast wie eine Nepalesin gefühlt. Insgesamt haben mich die letzten Dashain Tage mit den feststehenden Bräuchen, dem Zusammenkommen der ganzen Familie und dem festlichen Essen stark an das christliche Weihnachtsfest erinnert. Wie an den Weihnachtsfeiertagen steht auch hier die Gemeinschaft mit der Familie im Mittelpunkt.

Alles, was man für eine Tika braucht.
Alles, was man für eine Tika braucht.
Tika, Ritual, Hinduismu
Auch ich habe eine Tika bekommen

Das Dashain Festival endet am fünfzehnten Tag mit einem Vollmond. Früh am Morgen bekommen die Hindus von ihren Ältesten eine Abschieds-Tika, anschließend werden die Überreste der Jamara in den Fluss geworfen. Damit ist das Festival beendet – der Alltag kann wieder beginnen.

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