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Ich komme nach Hause

Ich komme nach Hause

Eigentlich wollte ich zwei Semester an der Universidad de Sevilla (US) studieren. Doch schon während des ersten Semesters ging es drunter und drüber – um mich herum, vor allem aber in mir selbst. Jetzt komme ich frühzeitig nach Hause – irgendwie glücklich, irgendwie nicht so.

Ich habe es ernst gemeint. Ich habe meine geliebte Wohnung aufgegeben, alle Möbel verkauft und meinem Chef gesagt: „Bin jetzt erst einmal weg … mal sehen, wann ich wiederkomme … ,ob ich wiederkomme.“

Junger Mann sitzt auf Matratze in kahler Wohnung. Gegenüber ein Fernseher auf einem Umzugskarton, zwei Teelichter und eine Kerze.

Das „ob“ hat sich beantwortet, das „wann“ war vergangene Woche. Es fühlt sich ein wenig so an, als hätte mich Corona kleingekriegt. Aber in Wahrheit war ein einziges Semester ohnehin die beste Entscheidung. In diesem Semester konnte ich noch Kurse belegen, die ich mir für meinen Studiengang in Deutschland anrechnen lassen konnte; im nächsten würde das nicht mehr gehen.

Corona

Die Pandemie trübt derzeit die Stimmung in aller Welt. Dabei habe ich die Schutzmaßnahmen während meines Auslandssemesters als recht milde empfunden. Diskotheken sind geschlossen – okay, da bin ich eh kein Fan von. Nächtliche Ausgangssperre – okay, dann gehe ich eben nachmittags in die Kneipe und mache nachts etwas völlig Ausgefallenes: schlafen. Onlinevorlesungen – okay, so erspare ich mir den täglichen Weg zur Uni; außerdem hat der Fernunterricht an der US meiner Meinung nach sehr gut funktioniert.

Ein laminierter Zettel auf Holz gepinnt mit einem Piktogramm eines Maske-tragenden Kopfes weiß auf blauem Grund. Dazu auf Spanisch: "Frente al covid-19. Me protejo/te protejo. Uso obligatorio de mascarillas."

„Gegen COVID-19, ich beschütze mich/ ich beschütze dich. Verpflichtendes Tragen von Masken“.

Unterm Strich gab es im sevillanischen Winter weniger Einschränkungen als in Deutschland – dass man dennoch nicht jeden Tag in ein Restaurant oder auf eine Shoppingmeile sollte, ist klar. Dass man es aber jederzeit könnte, gab mir ein gutes Gefühl.

Kein Virus, trotzdem blöd

Noch vor meinem Sevilla-Aufenthalt, führte ich einen Videoanruf mit meinen Mitbewohnern in spe. „Nette Jungs“, merkte ich sofort. Sie kennen sich seit Kindertagen, einer lebt schon einige Jahre in Sevilla, beide sind sie unternehmungslustig. Sie würden mir die Stadt zeigen, wir würden Tagesausflüge machen, dieses Restaurant müssten wir besuchen und jenes und diesen Park und diesen Berg … – alles Aktivitäten, die mit den örtlichen Corona-Schutzmaßnahmen vereinbar wären. Wir würden eine tolle gemeinsame Zeit verbringen … sagten sie zumindest.

In Wahrheit haben sie dann 50 Prozent des Tages im Bett verbracht, 40 Prozent des Tages auf der Couch und 10 Prozent – dafür habe ich natürlich Verständnis – auf dem Motorrad. Sie sind nebenberuflich Pizzalieferanten.

Alleinsein

Und weil ich gewisse Fehler begangen und wenige Kontakte geknüpft habe, war ich viel Zeit allein. Allein vor dem Laptop, allein beim dreißigsten Spaziergang, bis ich irgendwann jeden Winkel des sevillanischen Nordens auswendig kannte. Auch in die Uni musste ich viel mehr Zeit investieren, als ich erwartet hatte. Und wie lernt man im digitalen Semester? Natürlich allein.

Ein geöffneter Laptop auf drei College-Blöcken mit dunklem Hintergrundbildschirm, links zwei Bücher.

Mit meinen Mitbewohnern habe ich mich gut verstanden. Aber ich habe wenig mit ihnen „erlebt“. „Erleben“ heißt für mich nämlich nicht, sich Handyvideos anzuschauen.

Das habe ich gelernt

„Erleben“ ist für mich viel eher die extrovertierte (und coolere) Schwester von „Lernen“. Dafür bin ich nach Sevilla gekommen, um dieses Land wirklich kennenzulernen und um zu erfahren, wie viel ich mit Andalusien gemein habe – außer 50 Prozent DNS.

Eine weiße Säule mit blauer Zier, dahinter ein grünes Boot auf einem kleinen Teich und dahinter ein imposantes Gebäude und ein Springbrunnen.

Im Herzen Sevillas: Die Plaza de España … ich habe sie mehrfach alleine besucht.

Alltag

Ich habe etwa die Namen spanischer Promis und spanischer TV-Formate gelernt. Es mag albern klingen, aber stellt euch doch mal vor, ihr trefft in Deutschland auf einen ausländischen Touristen und dann weiß er plötzlich, wer Günther Jauch ist. Und wenn er dann auch noch weiß, wer die letzte Staffel Germany’s next Topmodel gewonnen hat (das weiß ich ja selbst nicht), dann würde ich ihm sagen: „Du kennst Deutschland schon echt gut.“ Jetzt setzt dieser Tourist noch einen drauf und sagt mit seinem Akzent: „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.“ Ich wäre schlichtweg beeindruckt!

Sprache

Dahingehend habe ich mir ein bisschen mehr erhofft. Es gab Tage, an denen ich nur „Guten Morgen“, „Gute Nacht“ und dazwischen ein paar Nettigkeiten auf Spanisch zu meinen Mitbewohnern gesagt habe. Ich habe mir spanische Filme und Serien angeschaut – aber das habe ich auch schon in Deutschland gemacht.

In sechs Monaten saugt man natürlich trotzdem einiges auf. Gerade die Uni hat mir die ganze Breitseite des formellen Sprechs an den Kopf geworfen. Ein paar andalusische Wörter gibt es dazu; in meinem weiteren Lernen des „klassischen“ „Hochspanisch“ (Kastilisch) möchte ich auch nach solchen andalusischen Wörtern (und auch Wörtern anderer spanischer Dialekte) Ausschau halten.

Gehen, wenn es am schönsten ist

Der sevillanische Winter war unangenehm (weil, die Wohnungen keine Heizungen haben!) – aber kurz. Dann kam die Sonne und mit ihr trat P. in mein Leben.

Blick aus einem Fenster auf einen Balkon, auf dem Paletten stehen und darüber blaue Kissen, dahinter blauer Himmel.
Das ist ihr Balkon.

Sie ist Deutsche im Pass, aber Weltbürgerin im Herzen. Heute lebt sie in Sevilla, nächsten Monat vielleicht in Südamerika oder Finnland oder sonst wo. In jedem Fall werde ich sie besuchen.

In meinen letzten Wochen in Sevilla verbrachten wir fast jeden Tag miteinander. Wir haben Sevilla gemeinsam „erlebt“ und die ohnehin schon bunten Farben der Stadt waren noch satter geworden. Es war schön. So schön, dass der Abschied von Sevilla schmerzte.

„Ein gutes Drittel andaluz“

Mit diesem Slogan bin ich hergekommen und schon als ich ihn mir ausgedacht habe, hatte ich eigentlich geplant, diesen letzten Artikel mit etwas sehr Romantischem zu beenden. Etwas à la „100 Prozent andaluz im Herzen“ oder so was. Aber das wäre gelogen.

Es ist nicht so, als hätte es bei mir „Klick“ gemacht, oder „Boom“, oder als hätte meine innere Stimme plötzlich andalusisch statt deutsch gesprochen. Es war – wenn überhaupt – ein schleichender Prozess; rückblickend betrachtet kommt es mir aber so vor, als hätte ich es schon immer gewusst.

Ich bin nicht zu irgendwelchen Prozenten andaluz! Ich bin auch nicht zu irgendwelchen Prozenten deutsch oder Siegen-Wittgensteiner oder sonst was. Das wäre auch eine unschöne Vorstellung, denn es würde bedeuten, dass dieser prozentuale Teil von mir „belegt“ wäre. Wäre ich wirklich 30 Prozent andalusisch … müsste ich mich dann mit 70 Prozent zufriedengeben, um den Rest meiner Persönlichkeit da irgendwie zu verteilen? So ein Unsinn!

Ich bin einfach Adrian (wahlweise Adrián). Und ich habe die Freiheit – oder ich nehme mir einfach die Freiheit, der zu sein, der ich sein möchte. Und so was wie meine Nationalität(en), Schuhgröße, Blutgruppe oder Essensvorlieben … das ist doch völlig wurscht!

Junger Mann sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen am Tisch im Außenbereich einer Bar. Isst gerade eine Tapa, trägt Jogginghose, rote Chucks und ein graues Sakko.
Jogginghose und Sakko. Ich finde, ich kann es tragen. Ich kann aber auch anderes tragen.

So ist auch die Stadt Sevilla kein „Teil von mir“ geworden, aber sie hat mir Faktoren geliefert, die mich in meiner weiteren Menschwerdung unterstützen – dazu gehören das Studieren auf spanisch, das schöne Stadtbild, P. und auch Corona.

Sevilla war eine Herausforderung – „Herausforderung“ klingt nach Anstrengung, aber das muss es nicht sein, und um sich selbst weiterzuentwickeln, sind solche neuen Situationen schlichtweg nötig.

Adiós Sevilla

Yolanda – eine Freundin meiner Mitbewohner – hat mal gesagt, dass ich auf jeden Fall nach Sevilla zurückkehren müsse. Ich dürfe nicht dieses schlechte Bild vom „Corona-Sevilla“ behalten.

„Hey“, habe ich Yolanda da gesagt. „Es war doch nicht schlimm! Es war eine ‚Herausforderung‘! Und mir ist klar, dass das nicht die ‚Normalität‘ ist – auch keine ‚neue Normalität‘ – sondern eine Ausnahmesituation, in der wir uns alle mal am Riemen reißen. Wir reißen uns am Riemen, damit Sevilla bald die Stadt wird, die sie noch vor einem Jahr war. Und spätestens dann komme ich hierher zurück.“

Und dann trage ich vor Yolanda noch ein spanisches Sprichwort vor, das ich in den letzten Monaten gelernt habe. Es gefällt mir, weil es nicht nur die Schönheit  dieser geschichtsträchtigen Stadt beschreibt, sondern weil man daraus auch Hoffnung lesen kann:

„Quien no ha visto Sevilla, no ha visto maravilla.“

„Wer Sevilla nicht gesehen hat, der hat das Wunderbare nicht gesehen.“

Eine schöne Kirche, darunter Menschentreiben.

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