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Merhaba und Hallo – Willkommen im absoluten Chaos!

Merhaba und Hallo – Willkommen im absoluten Chaos!

„Merhaba“ (türkisch für Hallo) – dieses Wort kennen wohl die meisten von euch. Ich habe es früher in einem Lied gehört, das wir regelmäßig in der Schule gesungen haben. Darin kamen die Begrüßungsformeln verschiedener Nationalitäten vor. Ich glaube, das war Interkulturelles Training in der deutschen Grundschule der 1990er Jahre.

Ja, so alt bin ich schon. Ich studiere aktuell zum zweiten Mal: Sport auf Förderschullehramt und Ethik auf Haupt- und Realschullehramt. Über glückliche Umstände habe ich durch das Projekt IMPACCT für die Internationalisierung der Lehrer*innenausbildung ein Stipendium bekommen, um für ein Semester in Istanbul an der Marmara Universität zu studieren. Offiziell bin ich an der Theologischen Fakultät beheimatet. Ich darf aber auch Kurse anderer Fakultäten belegen, was ich auf jeden Fall ausprobieren möchte. In meinem ersten Unileben habe ich nämlich Theater-, Film- und Medienwissenschaften studiert. Deshalb hege ich großes Interesse an allem, was auch nur im Entferntesten mit Filmen zu tun hat. (Ich hebe tatsächlich alle Kinokarten auf! Auch die aus den 90ern habe ich noch zu Hause liegen.)

Warum für ein Semester in die Türkei gehen?

Doch zurück auf Anfang: Warum wollte ich in die Türkei gehen und wie ist es mir dort in den ersten Tagen ergangen? Das erfahrt ihr hier in meinem ersten Blogbeitrag. Auch auf Instagram könnt ihr mir folgen und hoffentlich demnächst sogar auf Youtube. Doch bis ich das erste Ankommens- und Orientierungschaos bereinigt habe, müsst ihr euch mit Facebook zufriedengeben.

Schon als Kind war ich regelmäßig in der Türkei. Statt die Ferienzeit dafür zu nutzen, jedes Mal ein neues Reiseziel zu wählen, haben es sich meine Eltern lieber bequem gemacht und immer wieder die gleichen Orte anvisiert. Deshalb war ich ab meinem dritten Lebensjahr in etwa 30 Mal in Kuşadası, südlich von Izmir am Mittelmeer. Dort habe ich die Türkei relativ authentisch kennen- und lieben gelernt. Regelmäßig wurden wir von Einheimischen zum Essen eingeladen. Wir nahmen gemeinsam auf dem Boden in einem Kreis Platz, ein weißes Tischtuch wurde über unsere Füße gelegt und das Essen zwischen uns angerichtet. Das war für mich damals Frühstück in Kuşadası!

Mittlerweile ist es mir dort viel zu touristisch geworden und der Strand ist leider wie vielerorts von Plastik und anderem Müll gesäumt. Dennoch liebe ich die Türkei nach wie vor – das gute Essen, die Gastfreundschaft, die Landschaft und den Ayran, den ich auch in Deutschland sehr oft trinke.

Meine Mission: fühlen wie es ist, fremd zu sein

Wie schon zu meiner eigenen Schulzeit ist es nach wie vor so, dass viele türkischstämmige Kinder in deutschen Schulen sitzen. Nun, da ich auf dem besten Weg bin, selbst Lehrerin zu werden, habe ich leider während verschiedener Praktika den Eindruck gewonnen, dass im Unterricht eher wenig Rücksicht auf kulturelle Unterschiede und muttersprachliche Hintergründe genommen wird. Ich möchte gerne, dass sich diesbezüglich etwas verändert.

Wann immer mir ein Kind mit türkischstämmigen Eltern begegnet und ich versuche, ein paar Wörter auf Türkisch zu sprechen, geht ein Lächeln über das Gesicht meines Gegenübers. Ich finde es essenziell wichtig, meinen späteren Schüler*innen offenherzig gegenüber stehen zu können. Ich möchte authentisch vermitteln können, wie entscheidend es ist, jeden Menschen so anzunehmen, wie sie/er ist und dabei das Potenzial und die Ressourcen eines jeden Kindes wertzuschätzen.

Das ist Teil meiner Mission. Ich fühle nach, wie es ist, fremd zu sein. Ich erlebe, wie es ist, die Sprache nur bruchstückhaft zu sprechen und sich mit vielen bürokratischen Hürden konfrontiert zu sehen. Und ich spüre, wie es ist, mit anderen Augen gesehen zu werden. Denn jetzt bin ich die, die „anders“ aussieht. Ich bin die, die um Hilfe bittet: damit ich die Metrokarte aktivieren, mich für Kurse an der Uni anmelden und den schnellsten Weg von Europa nach Asien finden kann. Und damit ich fragen kann, welcher Preis für ein Taxi wirklich okay ist.

Auf der Fähre kannst du den Sonnenuntergang besonders gut genießen.
Jeder anstrengende Tag wird abends auf der Fähre mit einer phantastischen Aussicht auf über den Bosporus belohnt.

Chaos total: Ankommen in einer Stadt zwischen zwei Welten

Am Mittwochnachmittag lande ich am Flughafen IST auf der europäischen Seite der Stadt. Ich wurde von Freunden in Gießen, die hier studiert haben und türkische Staatsbürger sind, vorgewarnt: „Wenn du vom Flughafen in der Stadt ankommst, wird Rushhour sein. Das kann dauern, bis du zu Hause ankommst!“

Dass es so schlimm würde, habe ich aber nicht geahnt. Ich bin zunächst mit einem Reisebus für umgerechnet 3,50 Euro etwas mehr als eine Stunde zum berühmten Taksim Platz gefahren. Auf diese Weise sollte ich mir ein wenig Taxikosten sparen können, hieß es. Und am Taksim Platz fahren angeblich auch viele Taxen. Nur blöd, wenn es mittlerweile 19 Uhr ist, die Straßen voll und ich ins etwa neun Kilometer entfernt gelegene Etiler möchte. Das ist ein schicker Stadtteil auf einem der sieben Hügel, die zur türkischen Metropole gehören. Ich habe mich entschieden, erst einmal dort einzuziehen, weil die Wohnung den Eltern meiner erwähnten Freunde gehört und diese seit der Pandemie lieber in ihrem Wochenendhaus am Schwarzen Meer leben.

„Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“, pflegte mein Opa zu sagen. Wieso sollte ich mich also beschweren, dass ich von dort sicher eine Stunde bis zur Marmara Universität auf der asiatischen Seite brauche, wenn es mir die langatmige Wohnungssuche manch anderer Erasmus-Studierender erspart und ich abends vom Wohnzimmer aus die erleuchtete Bosporus-Brücke sehen kann?

Weil es anstrengend ist, jeden Tag lange Wege hinter mich zu bringen! Und weil es frustrierend ist, mit vier Gepäckstücken am Taksim Platz zu stehen und immer wieder die gleiche Antwort von verschiedenen Taxifahrern zu hören: „Etiler yok!“ (Ich fahre sicher nicht nach Etiler, wenn das bei dem Verkehr über eine Stunde dauert! – grob übersetzt.) Zum Glück hatte ich im Bus ein Mädchen aus Frankfurt kennengelernt, die mir half, ein Taxi zu finden, das mich schließlich für 300 Türkische Lira (vollkommen übertriebene 30 Euro!) auf den Berg nach Etiler brachte. Aber immerhin hat der Taxifahrer während der 90 Minuten „stop and go“- Fahrt sein Abendessen mit mir geteilt: gefüllte Weinblätter. Wenn das kein interessanter Start ins Auslandssemester war! (Mittlerweile weiß ich, dass der Weg mit der Metro etwa 25 Minuten gedauert hätte. Aber mit drei Koffern, einem Rucksack und meinem Yogafell unter dem Arm wäre das leider nicht gegangen.)

Ich sitze in der Sonne draußen vor einem kleinen Café.
Die Sonne scheint – Zeit für meinen ersten Beitrag, den ich in einem kleinen Café in meiner Nachbarschaft schreibe.

Schnitzeljagd auf Türkisch: Wo ist die Uni und wenn ja, wie viele gibt es davon?

Am nächsten Tag habe ich versucht, mich ohne Gepäck zurechtzufinden. Falls es noch nicht klar geworden ist: Ich wohne in Europa, studiere jedoch in Asien. Zwischen meiner Wohnung und der Universität fließt der breite Bosporus, der in zwanzig Minuten per Fähre überquert werden kann. Seit Kurzem gibt es auch „Marmaray“ – eine Untergrundbahn, die durch einen Tunnel unter dem Fluss hindurchfährt. Das geht schneller, ist jedoch wenig spektakulär. (Spektakulär ist eher mein Kopfkino, weil ich mich frage, wie um Himmels willen so ein Tunnel gebaut wird und wie wahrscheinlich es ist, dass ich während einer Fahrt im Untergrund Teil einer Katastrophe werde.)

Die erste Hürde ist das Betreten der Metrostation. Meine Freundin Seçil hat mir ihre IstanbulCard überlassen, auf der sich auch noch Geld befinden sollte. Die Maschine leuchtet dennoch rot auf, als ich durchs Drehkreuz gehen will. Der Angestellte in der Station spricht nur Türkisch, lässt mich allerdings verstehen, dass ich irgendetwas „aktivieren“ müsse. Ein amerikanischer Lehrer erkennt meine Verzweiflung, zahlt für mich und ermöglicht es mir zumindest zwei Stationen bis „Levent“ zu fahren. Ich bin dann allerdings immer noch in Europa. Ohne funktionierende Metrokarte bin ich auf Minibusse (diese heißen hier dolmuş) angewiesen, in denen bar bezahlt werden kann. Nach einer Stunde Wartezeit ist noch immer keiner bei mir angekommen, der nach Kadıköy auf der anatolischen Seite fahren möchte. Den Tränen nahe spreche ich eine Jugendliche an, die mir empfiehlt, zunächst eine türkische Simcard für mein Handy zu kaufen, damit ich mobiles Internet nutzen und den Weg googeln kann. Eine weitere Stunde und einen Fast- Nervenzusammenbruch später bin ich Besitzerin einer türkischen Handynummer sowie mobilen Internets. In der Metrostation beschließe ich, dass meine Lebenszeit zu kostbar ist, um auf Minibusse zu warten. Spontan gehe ich in das Büro der hiesigen Angestellten und flehe sie an, meine Metrokarte zu reaktivieren. Dank eines Anrufs bei einer Servicenummer, die ich alleine niemals herausgefunden hätte, kann ich wenige Minuten später tatsächlich weiterfahren und bin den Herrschaften in „Levent“ auf ewig dankbar.

Sophie genießt die Aussicht über den Bosporus.
Von oben betrachtet sind meine Probleme weniger groß.

 

An der Station „Yenikapi“ komme ich mit zwei Schülerinnen ins Gespräch, die mich im Untergrund bis „Göztepe“ in Asien begleiten. So heißt auch der Campus, auf dem ich das International Office finden sollte. Mir wird bewusst, wie stark ich von der Hilfe anderer Menschen angewiesen bin und möchte deshalb in Zukunft noch mehr darauf achten, dass ich im Gegenzug auch hilfsbereit anderen Menschen gegenüber bin. „Lesson learnt“ heißt es ja so schön. Die Karma-Police ist auf jeden Fall auf meiner Seite. Die Schlange vorm International Office ist zwar viel zu lang, weshalb ich den Weg am nächsten Tag erneut auf mich nehmen werde müssen, doch immerhin lerne ich beim Warten einige Deutschtürk*innen kennen, die mich später mit auf ein „ESN“-Kennenlerntreffen aller Austauschstudierenden mitnehmen. Jetzt fühle ich mich nicht mehr allein und spüre, dass eine sehr spannende und lehrreiche Zeit auf mich wartet.

Es liegen noch einige Hürden vor mir. Beispielsweise frage ich mich, wie ich mich zu den Kursen an der Uni anmelde, welcher Kurs online und welcher in Präsenz stattfindet und was die Kürzel im Vorlesungsverzeichnis bedeuten. Da ich mich in verschiedenen Fakultäten bewegen werde, kann die Suche nach den richtigen Seminarräumen noch abenteuerlich werden. Aber dafür bin ich ja hierher geflogen: um nach einer reisearmen Pandemiezeit endlich wieder Abenteuer zu erleben! #erlebees und so!

Sophie steht neben einem riesigen Haufen Knoblauch

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