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Mind the Hype – Stress wegmeditieren, Leistung optimieren?

Mind the Hype – Stress wegmeditieren, Leistung optimieren?

Achtsamkeit und Meditation sind zu einem regelrechten Hype geworden, um Stress zu reduzieren und unsere Leistung zu optimieren. Erfolgreiche Unternehmer, Personen des öffentlichen Lebens und Influencer schwören auf eine regelmäßige Achtsamkeitspraxis als Schlüssel zum Erfolg und Lösung all unserer Probleme. Es gibt aber auch Kritiker. Sie nennen diesen Hype “McMindfulness“. Denn er scheint Produkt unserer kapitalistischen Gesellschaft zu sein.

Türkenschanz Park, Wien
Zum Meditieren braucht es nicht viel: Nur dich selbst und einen Ort, an dem du dich wohlfühlst. Einer meiner Lieblingsorte in Wien: der Türkenschanz Park

Die buddhistischen Wurzeln der Achtsamkeit

Was wir „im Westen“ unter Achtsamkeit verstehen, ist nur ein kleiner Teil von einem viel größeren Ganzen, das als Dhamma/Dharma bezeichnet wird. Dhamma/Dharma ist die buddhistische Lehre, das Gesetz der Natur. Denn ursprünglich hat das Konzept der Achtsamkeit seine Wurzeln im Buddhismus. Es geht auf den im Jahre 563 v. Chr. im heutigen Nepal geborenen Siddharta Gautama – den „historischen Buddha“ zurück. Als historisch wird er bezeichnet, um ihn von den mythischen Buddha-Figuren zu unterscheiden, die nicht historisch belegt sind. Buddha, was übersetzt „Der Erwachte“ bedeutet, hat die Achtsamkeitsmeditation „erfunden“. Und folgendermaßen definiert: „Meditieren heißt, mit aufnahmefähigem Herzen zu lauschen“.

Das ist etwas ganz anderes, als zu meditieren, um leistungsfähiger zu sein oder uns ausnahmsweise kurz zu entspannen und zu uns finden zu können, nachdem wir uns den Tag über in unserer Arbeit verloren haben. Achtsamkeit in der westlichen Welt scheint also gewissermaßen ihren buddhistischen Ursprung verloren zu haben.

Die Vier Edlen Wahrheiten und der Edle Achtfache Pfad

Im Buddhismus ist Achtsamkeit Teil des Edlen Achtfachen Pfads, der als Leitfaden für die buddhistische Lebensweise gilt. Wenn man diesem folgt, könne man das Leiden des Lebens überwinden, das in uns selbst in Form von Ungewissheit, Begierde und Hass begründet liege. So besagen es zumindest die Vier Edlen Wahrheiten des Buddhismus.

Der Edle Achtfache Pfad weist einige Parallelen zu den 10 Geboten des Christentums auf, wie die „Rechte Rede“ (Du sollst nicht lügen) oder das „Rechte Handeln“ (Du sollst nicht töten, stehlen, ehebrechen).

Die rechte Achtsamkeit ist dabei nur einer von acht Punkten. Sie stellt aber ein sehr breit gefächertes Konzept dar, was sich mit dem Ziel der Persönlichkeitsentwicklung und dem spirituellen Wachstum auf alle Lebensbereiche erstreckt.

Achtsamkeit im Westen

Bei der westlichen Konzeption der Achtsamkeit handelt es sich dagegen um ein relativ enges Konzept: Eine Methode zur Selbst- und Leistungsoptimierung, die sich in wenigen Minuten täglich per App abarbeiten und von unserer To-do-Liste abhaken lässt. Nur um danach noch produktiver, noch fokussierter, noch effizienter zu arbeiten.

Stress „wegmeditieren“, Leistung optimieren?

Es besteht also die Gefahr, dass wir Achtsamkeit mal schnell zwischendurch praktizieren, ohne den Leistungsdruck unserer Gesellschaft, der möglicherweise unserem Stress zugrunde liegt, kritisch zu hinterfragen. David Forbes schrieb dazu sehr passend: „McMindfulness aims to reduce the stress of the private individual and does not admit to any interest in the social causes of stress” (2019).

Vielleicht sollten aber genau diese Leistungsgesellschaft hinterfragen, in der wir leben und in der Stress zum persönlichen Problem gemacht wird, statt zu versuchen, Stress „wegzumeditieren“ und so unsere Leistung zu optimieren. Vielleicht stellen wir dann fest, dass wir uns zu viel vorgenommen haben und ein Projekt streichen oder delegieren sollten. Auch das ist Achtsamkeit! Auf sich selbst achtgeben und erkennen, dass weniger manchmal mehr ist. Oder dass es eben nicht an uns, sondern am Leistungsdiktat unserer Gesellschaft liegt und hier mehr Menschlichkeit und weniger Profitorientierung gefragt wäre. Allgemein rät der Buddhismus von Extremen und Radikalismus ab, vielmehr soll ein „Mittlerer Weg“ eingeschlagen werden.

Meta-Bewusstsein

Diesen „Mittleren Weg“ möchte ich dir zum Abschluss mit an die Hand geben, zusammen mit einem gewissen Meta-Bewusstsein: Gehe achtsam mit deiner Achtsamkeit um!
Nicht selten wird aus dem Achtsamkeitskonzept Kapital geschlagen, wie die vielen Angebote an Meditations-Apps und (Online-) Kursen zeigen. Dabei ist Achtsamkeit eigentlich gratis: Du brauchst nur dich selbst, einen Ort, an dem du dich wohlfühlst – das kann zuhause oder auch in der Natur sein – und keine teuren Apps oder Zen-Lehrer.

Wenn du trotzdem gerne ein bisschen angeleitet werden möchtest, spricht meiner Meinung nach nichts dagegen, eine Meditations-App auszuprobieren. Ich nutze selbst eine, ohne ein Abo abgeschlossen zu haben. Viele Apps bieten vor allem in Zeiten von Corona, aber auch sonst kostenlose Meditationen an. Das Schöne daran: du hast sie immer und überall dabei – sei es in der U-Bahn, der Bibliothek oder im Park.

Leonie im Park
Wo immer du bist: Kopfhörer rein, Meditation ein- und Gedankenkarussell ausschalten.

Habe ich dein Interesse für Meditation geweckt? Falls du gleich ein paar Minuten Abstand zu deinen Gedanken nehmen möchtest, ohne dir eine App runterladen zu müssen, habe ich hier eine kleine Übung für dich. Sie hilft, deine Gedanken in der Vergangenheit und Zukunft einzufangen und wieder ins Hier und Jetzt zu finden.

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