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Mittendrin und doch nur Beobachterin: Wahlen in Brasilien

Mittendrin und doch nur Beobachterin: Wahlen in Brasilien

Dieses Jahr sind in Brasilien die Präsidentschaftswahlen. Der erste Wahlgang fand bereits Anfang Oktober statt, jetzt aber geht es in die zweite Runde. Dabei ist die Stimmung sehr aufgeheizt und das Land in zwei Lager gespalten. Was genau die Situation in Brasilien ist, was ich davon als Austauschstudierende mitbekomme und wie sich nach meinem Eindruck Wahlen in Brasilien von denen in Deutschland unterscheiden, erfahrt ihr in diesem Beitrag.

In meiner Erklärung der Situation habe ich vor allem die Themen beschrieben, die ich in meinem Alltag am häufigsten wiederfinde. Ich hoffe aber, dass es euch hilft, die Situation ein wenig besser zu verstehen. Trotzden ist es in erster Linie ein Erfahrungsbericht. Wenn ihr mehr wissen wollt, schaut euch unbedingt die Verlinkungen an.

Was ist die politische Lage in Brasilien?

Der zweite Wahlgang, der am 30. Oktober stattfinden wird, ist eine Stichwahl zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten mit den meisten Stimmen. Auf der einen Seite steht der linke Ex-Präsident Luiz Inácio Lula da Silva (Lula) der Arbeiterpartei PT (Partido dos Trabalhadores). Auf der anderen Seite steht der rechtspopulistische derzeitige Präsident Jair Messias Bolsonaro, der für die Liberale Partei PL antritt (Partido Liberal).

Die politisch-soziale Stimmung hat sich in Brasilien in den letzten Jahren zugespitzt, was dazu führt, dass sich die beiden Lager fast unversöhnlich gegenüberstehen. Die wichtigsten Konfliktlinien sind dabei die Folgenden:

  • Spaltung des Landes: Das Land hat sich in zwei Lager gespalten: Auf der einen Seite stehen Unterstützer*innen des ehemaligen Präsidenten Lulas – auf der anderen Seite Unterstützer*innen des Präsidenten Bolsonaros. Dabei wählen vor allem Konservative, Evangelikale und Farmer*innen und Waffenbesitzer*innen Bolsonaro. Während hinter Lula vor allem der ärmere Teil der Bevölkerung, die akademische Linke und der traditionell linke Nordosten stehen. Besonders die Vermischung von religiösen und politischen Themen führt dabei zu einer emotionalen Aufgeladenheit, denn der Diskurs dreht sich viel um das Thema der Familie und die Angst, Lula würde die traditionelle Familie zerstören, Kirchen verbieten und Abtreibungen fördern. Aber auch auf der Seite der Linken verhärtet sich die Front immer weiter, und während Bolsonaro davon redet, ein Kampf „des Guten gegen das Böse“ stehe bevor, beschimpft Lula Bolsonaro als „Völkermörder“ aufgrund dessen gescheiterter Pandemie-Politik.
  • Anti-PT-ismo vs. PT-ismo: Teil dieser Spaltung ist außerdem der Hass bzw. die Identifikation mit der Arbeiterpartei, der PT (Lulas Partei). Die Ablehnung der PT hängt zunächst vor allem mit der Verwicklung der Partei in den Korruptionsskandal der Affäre Lava Jato zusammen. Mittlerweile wird der Anti-PT-ismo aber auch durch die Ablehnung bestimmter Themen wie die Ehe für alle und Abtreibungsrechte genährt. Auf der anderen Seite gibt es jedoch auch Gruppen, die sich extrem mit der Partei identifizieren können, darunter vor allem: People of colour, junge Menschen, Frauen und Menschen aus dem Nordosten des Landes. Die Lula-Anhänger*innen verbinden viel Hoffnung mit einer Rückkehr des Ex-Präsidenten, denn sie glauben, er könne Brasilien sozial gerechter, nachhaltiger und progressiver machen.
  • Fake News: Ein wichtiger Faktor sind außerdem die Kommunikationskanäle und Falschinformationen. So verdankt Bolsonaro seinen Sieg 2018 auch einer Desinformationskampagne auf WhatsApp, auch greift er selbst immer wieder die Medien an und verbreitet selbst Falschinformationen. Neben dem Gerücht, die Linke wolle die traditionelle Familie zerstören, findet sich immer wieder der Vorwurf, Lula wolle den Kommunismus einführen. Obwohl er bereits acht Jahre (zwei Legislaturperioden) in Brasilien regierte, ist das eine Angst, die viele Menschen hier ernst nehmen. Besonders besorgniserregend sind außerdem Attacken auf das Wahlsystem und die elektronischen Wahlurnen.
Ein großer Luftballon in der Figur Sergio Moros auf einer Demo
Das Foto habe ich auf einer Demo 2019 auf der Avenida Paulista gemacht, auf die ich durch Zufall gestoßen bin. Ihr seht die typischen Farben gelb und grün und außerdem eine riesige Figur Sergio Moros, der Richter, der Lula wegen Korruption verurteilte und gegen den mittlerweile Vorwürfe des Amtsmissbrauchs stehen.

Was bekomme ich von dem Wahlkampf mit?

Ich bekomme viele Debatten durch den Wahlkampf im Fernsehen, die sozialen Medien und auf den Straßen mit. Besonders auf der Avenida Paulista, einer zentralen Geschäftsstraße, finden regelmäßig Events und Demos statt. Von der Paulista habe ich bereits häufiger erzählt zum Beispiel hier auf meinem Instagram-Kanal. Unter diesem Abschnitt könnt ihr ein Video der Straße am Sonntag zwei Wochen vor dem ersten Wahlgang sehen. Es hatten sich viele verschiedene Politiker*innen und Anhänger*innen versammelt und machten großflächig Werbung. Dabei war ich überrascht, weil ich viel weniger Polizist*innen gesehen habe als ich bei ähnlichen Events in Deutschland. Die Stimmung war sehr ausgelassen und es gab viel Musik.

Zwei Wochen vor dem ersten Wahlgang war die Avenida Paulista voller Menschen und die Stimmung sehr ausgelassen.

Wie denkt mein direkte Umfeld in Brasilien?

Während der Staat São Paulo traditionell konservativ bis rechts ist und es auch in der Hauptstadt noch nie eine linke Regierung gab, befinde ich mich in einer sehr linken Blase. Ein Großteil der Studierenden an öffentlichen Universitäten sieht Bolsonaro sehr kritisch und viele sind sogar echte Lula-Fans. Zu Anfang des Wahlkampfes kam Lula sogar für einen Auftritt an meine Universität und hielt eine Rede. Unter diesem Abschnitt könnt ihr ein Video der Schlange sehen, der Andrang war riesig! Ich hätte gerne auch der Rede zugehört, aber dafür war mir die Schlange einfach zu lang.

Die Schlange um den Ex-Präsidenten reden zu hören war sehr lang und das hier ist nur eine von zwei!

Ich habe das Gefühl, dass …

… der Fan-Kult um Lula in den letzten Jahren stärker geworden ist. Denn als ich vor ein paar Jahren nach Brasilien kam und mit Leuten über Politik redete, verurteilten die meisten jungen Menschen zwar schon Bolsonaro, sahen aber zur selben Zeit Lula kritisch. Schuld daran waren vor allem die Korruptionsvorwürfe, die bis heute nicht vollständig aufgearbeitet wurden. Heute ist die Debatte viel intensiver und viele meiner Freund*innen gehen sehr emotional mit dem Thema um, da der Umschwung in der Politik durch Bolsonaro sie vielfach direkt betrifft. Besonders meine schwulen Freunde fragen sich, was eine mögliche Wiederwahl Bolsonaros für sie bedeuten könnte. Da viele meiner Freund*innen an den öffentlichen Universitäten studieren, fiel immer wieder wochenlang Unterricht aus durch die Geld-Kürzungen, die der Präsident veranlasst hatte. Mein Freund fühlte sich unsicher in die Universität zu gehen, da durch die Kürzungen der Sicherheitsdienst nicht mehr bezahlt werden konnte und es zu Überfällen auf dem Campus kam. Gleichzeitig haben viele Menschen unter Bolsonaros Umgang mit der Pandemie gelitten. Diese direkte Betroffenheit führt dazu, dass auch meine Freund*innen, die Lula früher kritisch gesehen haben, nun voll und ganz hinter ihm stehen. Dabei gilt vor allem: „Fora Bolsonaro“ – übersetzt „Weg mit Bolsonaro“.

T-Shirts mit der Aufschrift Fora Bolsonaro werden bei einem Event auf dem Campus verkauft
Genauso wie viele Menschen Bolsonaro wählen, um Lula als Präsidenten zu verhindern, gibt es Menschen, die Lula wählen, um Bolsonaro zu verhindern. Hier heißt es dann „Fora Bolsonaro“ also „Weg mit Bolsonaro“.

Inwiefern ist der Wahlkampf in Brasilien anders als in Deutschland?

Im Vergleich zu Deutschland habe ich hier viel weniger Plakate gesehen, dafür wurden sehr viele Sticker und Flyer verteilt. Und besonders in den eher linken Vierteln schaut mir Lulas Gesicht von jedem Laternenpfahl an. Häufig mit herausgestreckter Zunge und Regenbogenflagge. Eine der wichtigsten Säulen im brasilianischen Wahlkampf waren aber die Fernsehspots. Denn etwa die Hälfte der Brasilianer*innen informiert sich über den Wahlkampf über Fernsehen und Radio. Während des Wahlkampfes nimmt die Wahlwerbung eine große Sendezeit in Anspruch. Das bedeutet, dass, wenn ich beispielsweise im Fitnessstudio war, auf mindestens einem Bildschirm immer ein Werbespot lief, von dem aus mir Bolsonaro, Lula oder andere Politiker*innen zugewunken haben, ihre Daumen hochhielten oder von einer Gruppe fröhlicher Kinder umgeben waren. Was mich besonders überrascht hat, ist, dass es dabei sogar vereinzelt die Möglichkeit für die stärksten Parteien gab, einen 25-minütigen Film zu zeigen und so fast eine halbe Stunde am Stück Werbung zu machen!

Mein Tiktok-Algorithmus hat sich angepasst

Während sich ungefähr die Hälfte der Wähler*innen über Fernsehen und Radio informieren, informieren sich 47 Prozent über die sozialen Medien. Das führt dazu, dass der Wahlkampf auch hier weitergeführt wird und das ist etwas, das mir definitiv aufgefallen ist. Mein Tiktok-Algorithmus scheint beispielsweise sehr schnell herausgefunden zu haben, dass ich wohl kein Bolsonaro-Fan bin und so bekam ich direkt pro-Lula Content vorgeschlagen. Ich fand das auch beunruhigend, da ich so fast sofort in einer Echokammer war. In meiner Wahrnehmung verstärkt das die Kluft zwischen den zwei Seiten, denn hier wird kein Versuch mehr unternommen, die andere Seite kennenzulernen oder umzustimmen.

Lieder, Memes und Witze

Es zeigen sich dabei wirklich riesige Unterschiede zu dem Wahlkampf in Deutschland. Denn bis auf ein etwas schräges Musikvideo der Grünen oder Wahlwerbevideos von die Partei, finde ich die Wahlwerbung in Deutschland eher ernst. In Brasilien dagegen kursieren unzählige Memes, Lieder und Witze. Hier beispielsweise eine Version des Lieds der Wahlkampagne Lulas dieses Jahr „Keine Angst, glücklich zu sein“ bzw. hier eine andere Version mit vielen bekannten brasilianischen Künstler*innen. Das Lied Bolsonaros mit dem Namen „Kapitän des Volkes“ findet ihr hier. Diese Lieder werden tatsächlich zu Hits und auch gehört! Ein weiterer Pro-Bolsonaro-Hit ist dieses Lied: „Somos todas Bolsonaro“. Neben den Stickern gibt es außerdem Handtücher, bedruckt mit den Gesichtern der Kandidaten, Mützen oder kleine Luftballonfiguren. Könnt ihr euch vorstellen, wie jemand ein Olaf-Scholz-Handtuch schwenkt? Oder einen Robert-Habeck-Luftballon? Hier folgt eine kleine Auswahl an Dingen, die ich gesehen habe:

Bei dieser Art der Wahlwerbung wird sehr stark auf Symbolik gesetzt. Anhänger*innen der Koalition Lulas halten Daumen und Zeigefinger hoch in Form eines L’s und tragen rote Kleidung oder die Nummer 13 (Identifikationsnummer der Partei während der Wahl). Unterstützer*innen von Bolsonaros Partei nutzen dagegen die Farben gelb und grün, schwenken die Nationalflagge und tragen ein bestimmtes Fußballtrikot oder die Nummer 22. Die Nutzung dieser Symbole ist so stark, dass ich beispielsweise weiß, wenn jemand eine brasilianische Flagge im Fenster hängen hat, ist die Person, die in der Wohnung wohnt, Bolsonaro-Anhänger*in.

Außerdem haben sich viele bekannte Personen positioniert und am Wahlkampf beteiligt. So hat der Popstar Anitta beispielsweise für Lula geworben und gemeinsam Fotos mit ihm und der indigenen Kandidatin Sônia Guajajara gepostet. Was mich dabei in den sozialen Medien besonders überrascht hat: Zuvor wird häufig eine Liste der Wahlintentionen veröffentlicht!

Anhänger*innen von Bolsonaro wählen ihn weil, …

In São Paulo wählen sehr viele Menschen Bolsonaro, daher komme ich auch immer wieder mit Unterstützer*innen ins Gespräch. Zum Beispiel innerhalb meiner WG über die Familien von Freund*innen oder wenn ich mich mit Uber-Fahrer*innen unterhalte. Was mich dabei immer wieder überrascht, ist, dass das häufig keine Menschen sind, die so radikale Meinungen wie Bolsonaro haben. Im Folgenden mal vier Menschen und ihre Gründe, warum sie Bolsonaro wählen:

  1. Meine Mitbewohnerin zum Beispiel wählt ihn, weil sie als Maklerin arbeitet und glaubt, wenn Lula gewinnen würde, würden Reiche so stark besteuert, dass alle ihre Kund*innen das Land verlassen. Sie ist nicht homophob, für die Legalisierung aller Waffen oder extrem evangelikal, aber sie hat befürchtet eine Verschlechterung der Wirtschaft und möglicherweise dem Kommunismus. Als ich sie darauf angesprochen habe, was Bolsonaro über schwule Männer sagt, meinte sie entschuldigend „Viele Männer sagen so etwas“.
  2. Häufig gibt es auch viele Falschinformationen, wie eben die Angst vor dem Kommunismus. Als ich mich mit einem Uber-Fahrer unterhielt, meinte dieser beispielsweise, es sei eine Lüge, dass mehr Gebiete im Amazonas abgebrannt worden wären während Bolsonaros Regierung und dass der Regenwald noch fast unberührt sei.
  3. Einige Menschen, mit denen ich geredet habe, haben aber auch sehr radikale Ansichten gehabt, beispielsweise, dass eine Rückkehr in die Militärdiktatur richtig wäre.
  4. Und auf einer Demo habe ich mich mit einem Polizisten unterhalten, der Bolsonaro-Anhänger war, weil er für die breite Legalisierung von Waffen zur Selbstverteidigung war.
Demoszene 2019 von Pro-Bolsonaro-Bürgern
2019 wollte ich einen kleinen Spaziergang über die Avenida Paulista machen und stand auf einmal inmitten einer riesigen Bolsonaro-Demo. Auf dem Bild seht ihr die Symbolfigur Sergio Moro sowie die klassischen Farben gelb und grün.

Warten auf den „segundo turno“

Mittlerweile gab es schon die erste TV-Debatte zwischen Lula und Bolsonaro und auch sonst geht der Wahlkampf weiter, wenn auch ein wenig leiser. Nach momentanen Vorhersagen scheint Lula gute Chance zu haben, die Präsidentschaft zu gewinnen. Trotzdem wird es ein eher knapper Sieg und auch im Amt wird der konservative Kongress viele Vorhaben blockieren.

Um jetzt mit keiner allzu negativen Botschaft aus diesem Beitrag zu gehen, hier etwas Positives: Der neue Kongress wird die größte Zahl an Frauen, people of colour und indigenen Kandidat*innen in der Geschichte Brasiliens haben und außerdem erstmals zwei Trans-Frauen. Auch scheint ein Sieg Lulas immer wahrscheinlicher, und das bedeutet, dass sich das Land für einen demokratischeren Diskurs, für die Erhaltung des Regenwalds, für mehr soziale Gleichheit und für die Stärkung indigener Rechte entscheiden wird. 🙂

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