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Rio de Janeiro: Von Faust und der Stadt Gottes

Mein neustes Abenteuer führt mich in die Heimat der jüngsten Olympischen Spiele, der Stadt des Fußball-WM-Endspiels von 2014 und dem vielleicht größten Touristenmagneten Südamerikas. Ein Einblick in eine Stadt aus Heiterkeit, Ausgelassenheit, Sonne, aber auch Gewalt und Drogenkrieg.

Wohl kaum ein Land hat im Laufe seiner Geschichte eine derartig große Fülle an berühmten Schriftstellern hervorgebracht wie Deutschland. Schiller, Lessing, May, Heine, Brecht, Mann, Tucholsky, Hesse… Man könnte die Liste beliebig weiterführen. Wohl keiner dieser Autoren kommt jedoch an die Strahlkraft des Frankfurters Goethe heran, der, so wird behauptet, den ersten Weltbestseller der Geschichte schrieb. In seinem wahrscheinlich bekanntesten Werke, das in jeder höheren deutschen Lehranstalt eine Pflichtlektüre darstellt, lässt Dichter seinen Hauptdarsteller Faust folgendes von sich geben:

„Ich höre schon des Dorfs Getümmel,
Hier ist des Volkes wahrer Himmel,
Zufrieden jauchzet groß und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“

Als ich mitsamt zweier Freunden durch das abendliche Ambiente Rios schlenderte, kamen mir unweigerlich diese Zeilen des Fausts in den Sinn. Ich hatte über eine alte Freundin von einer Sambaaufführung im Zentrum Rios gehört und war daher begeistert, als sich ihre Worte als wahr herausstellten. Man muss kein geborener Tänzer sein, um diese Atmosphäre genießen zu können. Wenngleich der Samba, so heißt es in Rio, aus den ärmeren Vierteln der Stadt am Zuckerhut kommt, so ist er doch eine gesellschaftliche Institution, die sich, trotz überwiegend schwarzer Sänger und Tänzer, über Rasse, Alter und Geschlecht hinweggesetzt hat. Menschen auf der Straße tanzen zu sehen, ist für uns Deutsche zumeist sehr verwunderlich, vor allem wenn dies im Grunde ohne besonderen Anlass geschieht. Diese bunte Menge an Cariocas, also Einwohnern Rios, sowie Schaulustigen jeglichen Alters in Mitten dieser Metropole tanzen zu sehen war und ist ein wahres Erlebnis. Viele dieser Menschen hatten keine Schuhe, keine Arbeit, kaum Geld – und dennoch war es als vergaßen sie all dies im Bann der Musik, welche so fröhlich klingt, dass man selbst als Vertreter der ruhigeren Zunft, verspürt wie das Blut in Wallung gerät.  Gelächter, Gesänge, einladende Rhythmen, fröhliche Menschen und die untergehende Sonne über der Copacabana an einem warmen Sommerabend – Fausts Worte waren wohl selten derart zutreffend.

Eine Vielzahl an Menschen jeglichen Alters, welche sich an einem warmen Sommerabend beim Tanzen vergnügen

Sao Paulo und Rio de Janeiro

Sind Sao Paulo und Rio de Janeiro für brasilianische Verhältnisse nur einen Katzensprung (ca. 450 km) voneinander entfernt, so könnten die Unterschiede größer kaum sein. Auf der einen Seite der graue Großstadtdschungel, mit seinen ebenso trist wirkenden Einwohnern, die dem Anschein nach mehr der Arbeit als dem Leben den Vorzug geben; auf der anderen Seite der grüne Urwald, der eine Stadt durchfließt, die stets das Leben auf der Straße, oder am Strand, als das im Büro zu bevorzugen scheint. Vielleicht liegt es an den teils wahnwitzig niedrigen Preisen, dass es die Leute aus ihren Häusern zieht. Der Açaí, eine Frucht welche mit Zucker und anderen Zutaten angereichert im übertragenen Sinne an jeder Straßenecke verkauft wird, kostet beispielsweise in Sao Paulo für gewöhnlich zwischen 18 und 25 Reais, also knapp fünf bis acht Euro. In Rio de Janeiro weichen die Preise erheblich ab, so gab ich durchschnittlich etwa 15 Reais für die selbe Menge aus und war nicht wenig überrascht, als ich eines Abends einen Açaíbecher für fünf Reais (ca. 1,50 €) erwerben konnte. Eine Abnahme der Qualität war nicht festzustellen…

Sehenswürdigkeiten aller Art

Rio bietet für seine Besucher ein Meer an Sehenswürdigkeiten. Da wären zum einen die Strände der Copacabana und Ipanema, welche weltweit mit Rio assoziiert werden. Diese Strände sind zwar absolut überlaufen, aber dennoch einen Besuch wert. An dieser Stelle möchte ich dem Leser folgende Kleinigkeit mit auf den Weg geben: Während in Deutschland die alkoholfreie Version des brasilianischen Nationalgetränkes Caipirinha, hin und wieder mit dem Namen „Ipanema“ versehen wird, ist dies in Brasilien nicht geläufig. Hier wird, obschon selten bis gar nicht der Fall, ein „Virgin Caipirinha“, oder „Caipirinha sem alcool“ bestellt.

Der Strand von Ipanema im Schein der untergehenden Sonne

Ebenfalls bietet die ehemalige Hauptstadt Brasiliens eine Fülle an kulturellen Reichtümern. Zahlreiche Museen schmücken die Stadt, einige wie beispielsweise das „Museo do amanha“ erst kurz vor den Olympischen Spielen fertiggestellt, um Besucher aus aller Welt anzusprechen. Dieses Museum richtet sich an alle die ein Interesse an Natur, Geschichte und Wissenschaft mitbringen.

Christus, die Stadt Gottes und des Lebens Genuss

Brasiliens zweitgrößte Stadt bietet jedoch weit mehr als Strand und Museen. Große Parks und eine noch größere Lagune stellen in dieser vibrierenden Stadt einen willkommenen Gegenpol dar. Diese Parks sind, anders als in Europa, Heimat verschiedenster Tierarten, die alle in freier Wildbahn leben. So kommt es schon mal vor, dass der ein oder andere Besucher Habseligkeiten an einen räuberischen Affen verliert.  Einer dieser Parks bringt einen mehreren Kilometer langen Trampelpfad hervor, der den Wanderer nach einer mehrstündigen Odyssee zur Christusstatue führt. So gibt es Menschen, die behaupten, die Christusstatue auf diese Weise zu erreichen, sei ein derart großes Opfer, dass dafür eine Sonntagsbeichte wegfalle.

Diese Statue scheint sinnbildlich ihre schützende Hand über Rio und alle Ankömmlinge zu legen. Dieser „Segen“ erreicht aber nicht alle Bewohner der Stadt. Denn obwohl die zahlreichen Favelas, oftmals mit himmelhohen Mauern von anderen Stadtteilen abgegrenzt, wäre gerade dort eine schützende Hand von Hilfe. Armut, Verschmutzung und Drogenkriege beflecken das schöne Antlitz der Metropole immer mehr. Erst kürzlich kam es beispielsweise im bekannten Slum Cidade de Deus („Stadt Gottes“) zu derart starken Auseinandersetzungen, dass nebst dem Tod mehrerer Polizisten, die vorübergehende Schließung von 21 Schulen bekannt gegeben wurde – in einem Stadtteil, welcher nicht zuletzt wegen des gleichnamigen, oscarnominierten Films aus dem Jahre 2002 Berühmtheit erlang. Die Stadt Gottes steht hierbei sinnbildlich, für ein Leben zwischen Angst und Gewalt, das Rio seit mehreren Jahrzehnten heimsucht. Es ist ein Leben, das im krassen Gegensatz zu der Heiterkeit und dem lockeren Leben steht, das die Stadt an anderen Stellen ausstrahlt. Dies mag einerseits den deutlichen Abgrenzungen der Klassen und Gruppen untereinander geschuldet sein – sind doch einige der Favelas durch Mauern und Absperrungen von anderen Stadtteilen getrennt.  Vielleicht sind es aber auch gerade die Angst, oder die Gewissheit, dass das Leben in einer solchen Stadt ungemein kurz sein kann, das die Cariocas dazu bewegen jede Sekunde auszukosten. Fausts Worte müssen daher wohl der Einschätzung des Einzelnen überlassen bleiben.

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